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Endspurt 19:
Aus dem Tagebuch des Auges
Thomas Wagner | 19. Dezember 2015
Rolf-Gunter Dienst, Untitled, 1962, Gouache auf Papier. Foto: def-image.com, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und der Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris
Manchmal, wenn auch selten, kehrt die Vergangenheit mit enormer Wucht in die Gegenwart zurück und wirbelt sie für einen Moment durcheinander. Rolf-Gunter Dienst gehört zu den ganz Wenigen, die im Schreiben ebenso zuhause sind wie in der Malerei. Nicht nur hat er schon während der 1960er-Jahre viele heute berühmte Künstler der New Yorker Szene in ihren Ateliers besucht und in Büchern und Zeitschriften darüber berichtet, er hat sich auch selbst der Malerei verschrieben – und seitdem nicht aufgehört, sie voranzutreiben und, malend so gut wie schreibend, über sie nachzudenken.

Nun konnte man über die Jahre zwar in der einen oder anderen Ausstellung auf einige seiner frühen Bilder und Gouachen stoßen; in größerer Zahl in einer eigenen Schau gezeigt wurden sie freilich seit den Tagen ihres Entstehens nicht mehr. Geschafft hat das erst der Galerist Max Hetzler, der nicht müde wurde, den Künstler zur Herausgabe einiger seiner Frühwerke zu überreden. Mit beachtlichem Ergebnis. Denn tatsächlich ist die Schau „Rolf-Gunter Dienst. Frühe Bilder und Gouachen“, die ausschließlich Arbeiten von 1962 und 1963 zeigt, eine Überraschung. Ganz gleich, ob man das Werk gut, wenig oder überhaupt nicht kennt, man ist verblüfft ob der Frische und Kraft dieser Malerei, in der sich Farbe und Geste gegenseitig anregen und steigern.

Die Bilder tragen Titel wie „Momentetagebuch 11. Juli 1962“, „Mein Gedicht heißt Farbe“ (1962), „Zeichensprache“ (1963) oder treten „Ohne Titel“ auf.
Auch wenn die in Diensts charakteristischem Kürzel konzentrierte Malgeste in den frühen Werken oft vereinzelt hervortritt, so reiht sie sich doch auch zum Kollektiv und löst sich im Zusammenklang aller Teile auf. Wodurch stets von neuem aus subjektiv Vereinzeltem in der Begegnung mit seinesgleichen ein Surplus entsteht. Mal wirkt das Farbmuster locker, luftig, transparent – wie ein grobes Gewebe, in dem man jede Masche erkennt. Mal verfolgt das Auge des Betrachters, wie eine Geste die andere überlagert, übermalt, überzeichnet – als gelte es, ein Palimpsest zu entziffern. Wie genau man auch hinschaut, nur selten lässt sich – aufgrund einer Art malerischen Unschärferelation – der genaue Ort eines dieser verknoteten Farbzeichen ermitteln.

All das würde aber kaum auf so überraschende und erfrischende Weise deutlich, würden nicht parallel in der Galerie Diehl und in deren Projektraum Diehl Cube, aktuelle Gemälde von Dienst gezeigt. Nicht, dass sich Diensts Malerei in den vergangenen mehr als fünfzig Jahren verändert hat, überrascht. Das versteht sich von selbst. Was überrascht, ist ihre Spannkraft, was verblüfft, ihre Spannweite. Auch in der aktuellen Produktion sind einzelne Kürzel zu erkennen. Die auf den frühen Bildern recht triumphal auftretende Geste aber scheint nun abgemildert, zurückgenommen. Farbgewebe, Textur, Schichtung und Überlagerung erscheinen gesättigter, in sich differenzierter; der Farbraum dehnt sich homogener, wirkt weniger aufgewühlt. Farbe schreit hier nicht, sie erblüht, welkt, schimmert, glüht, glimmt ...

Eine Pointe der drei Ausstellungen liegt nun darin, dass man den „aktuellen Dienst“ anders wahrnimmt, sobald man die frühen Arbeiten gesehen hat. Eine andere, entscheidende, dass der „frühe Dienst“ heute nicht als derjenige erscheint, der er vor mehr als fünfzig Jahren gewesen ist. Weil – anders als in einer Retrospektive – all die Zwischenschritte im Verborgenen bleiben und der Betrachter nicht aufgefordert wird, eine Entwicklung nachzuvollziehen, reagieren die Werke unmittelbar aufeinander. Der zeitliche Abstand kollabiert; die immanente Historizität sprüht plötzlich Funken. Im Sehen wird unmittelbar erlebbar, wie Farbe aufleuchtet und aufschäumt, hier- und dorthin brandet, wie sie verbirgt und offenbart, trauert und jubiliert. Denn während zwischen Geste und Bildgrund etwas in Bewegung kommt, entsteht als Bild eine eigene Wirklichkeit, die uns daran erinnert, wie wechselhaft und instabil unser Blick auf das Geschehen vor unseren Augen doch ist ¬– und wie beglückend er sein kann.


Rolf-Gunter Dienst
Frühe Bilder und Gouachen
Galerie Max Hetzler,
Goethestraße 2/3
D-10623 Berlin,
bis zum 9. Januar 2016
Katalog 45 Euro

Rolf-Gunter Dienst
Primavera
Diehl
Niebuhrstraße 2
D-10629 Berlin

und
Diehl Cube
Emser Straße 43,
D-10719, Berlin
bis 23. Januar 2016


Rolf-Gunter Dienst, Untitled, 1963, Gouache auf Papier. Foto: def-image.com, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und der Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris
Rolf-Gunter Dienst, Momentetagebuch 22./23. März 1963, 1963, Öl auf Leinen. Foto: def-image.com, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und der Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris
News & Stories › 2015 › Dezember
Endspurt 19:
Aus dem Tagebuch des Auges
von Thomas Wagner | 19. Dezember 2015
Treffen frühe und aktuelle Gemälde eines Künstlers aufeinander, kann es zu Überraschungen kommen – wie im Fall von Rolf-Gunter Dienst.
Manchmal, wenn auch selten, kehrt die Vergangenheit mit enormer Wucht in die Gegenwart zurück und wirbelt sie für einen Moment durcheinander. Rolf-Gunter Dienst gehört zu den ganz Wenigen, die im Schreiben ebenso zuhause sind wie in der Malerei. Nicht nur hat er schon während der 1960er-Jahre viele heute berühmte Künstler der New Yorker Szene in ihren Ateliers besucht und in Büchern und Zeitschriften darüber berichtet, er hat sich auch selbst der Malerei verschrieben – und seitdem nicht aufgehört, sie voranzutreiben und, malend so gut wie schreibend, über sie nachzudenken.

Nun konnte man über die Jahre zwar in der einen oder anderen Ausstellung auf einige seiner frühen Bilder und Gouachen stoßen; in größerer Zahl in einer eigenen Schau gezeigt wurden sie freilich seit den Tagen ihres Entstehens nicht mehr. Geschafft hat das erst der Galerist Max Hetzler, der nicht müde wurde, den Künstler zur Herausgabe einiger seiner Frühwerke zu überreden. Mit beachtlichem Ergebnis. Denn tatsächlich ist die Schau „Rolf-Gunter Dienst. Frühe Bilder und Gouachen“, die ausschließlich Arbeiten von 1962 und 1963 zeigt, eine Überraschung. Ganz gleich, ob man das Werk gut, wenig oder überhaupt nicht kennt, man ist verblüfft ob der Frische und Kraft dieser Malerei, in der sich Farbe und Geste gegenseitig anregen und steigern.

Die Bilder tragen Titel wie „Momentetagebuch 11. Juli 1962“, „Mein Gedicht heißt Farbe“ (1962), „Zeichensprache“ (1963) oder treten „Ohne Titel“ auf.
Auch wenn die in Diensts charakteristischem Kürzel konzentrierte Malgeste in den frühen Werken oft vereinzelt hervortritt, so reiht sie sich doch auch zum Kollektiv und löst sich im Zusammenklang aller Teile auf. Wodurch stets von neuem aus subjektiv Vereinzeltem in der Begegnung mit seinesgleichen ein Surplus entsteht. Mal wirkt das Farbmuster locker, luftig, transparent – wie ein grobes Gewebe, in dem man jede Masche erkennt. Mal verfolgt das Auge des Betrachters, wie eine Geste die andere überlagert, übermalt, überzeichnet – als gelte es, ein Palimpsest zu entziffern. Wie genau man auch hinschaut, nur selten lässt sich – aufgrund einer Art malerischen Unschärferelation – der genaue Ort eines dieser verknoteten Farbzeichen ermitteln.

All das würde aber kaum auf so überraschende und erfrischende Weise deutlich, würden nicht parallel in der Galerie Diehl und in deren Projektraum Diehl Cube, aktuelle Gemälde von Dienst gezeigt. Nicht, dass sich Diensts Malerei in den vergangenen mehr als fünfzig Jahren verändert hat, überrascht. Das versteht sich von selbst. Was überrascht, ist ihre Spannkraft, was verblüfft, ihre Spannweite. Auch in der aktuellen Produktion sind einzelne Kürzel zu erkennen. Die auf den frühen Bildern recht triumphal auftretende Geste aber scheint nun abgemildert, zurückgenommen. Farbgewebe, Textur, Schichtung und Überlagerung erscheinen gesättigter, in sich differenzierter; der Farbraum dehnt sich homogener, wirkt weniger aufgewühlt. Farbe schreit hier nicht, sie erblüht, welkt, schimmert, glüht, glimmt ...

Eine Pointe der drei Ausstellungen liegt nun darin, dass man den „aktuellen Dienst“ anders wahrnimmt, sobald man die frühen Arbeiten gesehen hat. Eine andere, entscheidende, dass der „frühe Dienst“ heute nicht als derjenige erscheint, der er vor mehr als fünfzig Jahren gewesen ist. Weil – anders als in einer Retrospektive – all die Zwischenschritte im Verborgenen bleiben und der Betrachter nicht aufgefordert wird, eine Entwicklung nachzuvollziehen, reagieren die Werke unmittelbar aufeinander. Der zeitliche Abstand kollabiert; die immanente Historizität sprüht plötzlich Funken. Im Sehen wird unmittelbar erlebbar, wie Farbe aufleuchtet und aufschäumt, hier- und dorthin brandet, wie sie verbirgt und offenbart, trauert und jubiliert. Denn während zwischen Geste und Bildgrund etwas in Bewegung kommt, entsteht als Bild eine eigene Wirklichkeit, die uns daran erinnert, wie wechselhaft und instabil unser Blick auf das Geschehen vor unseren Augen doch ist ¬– und wie beglückend er sein kann.


Rolf-Gunter Dienst
Frühe Bilder und Gouachen
Galerie Max Hetzler,
Goethestraße 2/3
D-10623 Berlin,
bis zum 9. Januar 2016
Katalog 45 Euro

Rolf-Gunter Dienst
Primavera
Diehl
Niebuhrstraße 2
D-10629 Berlin

und
Diehl Cube
Emser Straße 43,
D-10719, Berlin
bis 23. Januar 2016