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Endspurt 20:
Kunst einen Stempel aufdrücken
20. Dezember 2015
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
In den Auslagen der Museumsshops gibt es wahrlich seltsame Dinge zu entdecken. Wenn etwa in der Wiener Albertina gerade eine Munch-Ausstellung läuft, dann liegen im angeschlossenen Museumsshop – einem riesigen Devotionalienladen – keineswegs nur Bücher und aktuelle Kataloge aus. Vielmehr sollen die Bilder und Zeichnungen hier endlich selbst lebendig werden, wozu viele wundersame und überflüssige Objekte ersonnen werden.

Zum „Schrei“ etwa, Edward Munchs berühmtestem Gemälde, finden sich nicht nur motivisch passende Tassen und Postkarten, erwerben lässt sich sogar der Schrei selbst. Genau, der Schrei selbst – nicht etwa eine Reproduktion des Gemäldes. Es ist der Schrei selbst – in Form einer der Gestalt auf der Brücke nachempfundenen Puppe, die eben jenen auszustoßen verspricht. „The screaming Scream“ – der schreiende Schrei –, so heißt er, der letzte Schrei. Während in Fachkreisen noch immer diskutiert wird, ob die Gestalt, die mit weit aufgerissenem Mund und Augen auf der Brücke steht, tatsächlich schreit (bei einem Gemälde ohnehin eine seltsame Frage), oder ob sie einfach bloßes Entsetzen zum Ausdruck bringt, hat sich die Geschenkartikelindustrie längst entschieden.

Im „museum moderner kunst stiftung ludwig wien“, kurz Mumok, im Museumsquartier, wird das Spiel naturgemäß subtiler gespielt. Auch hier gibt es jede Menge Postkarten, Kataloge zu aktuellen und vergangenen Ausstellungen, Bücher und ein buntes Allerlei kleiner Dinge – aber keine Püppchen oder Schneekugeln, in denen zeitgenössische Künstler oder eines ihrer Werke gefangen gesetzt wären (was andererseits auch seinen Reiz hätte). Wobei sich bei den Postkarten recht eigenwillige Konstellationen ergeben, wenn unweit einer Karte mit dem bedrohlich-existenziell grimassierenden Gesicht Arnulf Rainers zufällig eine von Ben Vautier auftaucht, auf der in Bens typischer Handschrift geschrieben steht: „why suffer any longer?“ Doch ach, wir sind in Wien. Wer’s trotzdem weniger existenziell mag, der greife entweder zu einem der endlos reproduzierten Motive Andy Warhols (twenty are better than one...) oder wahlweise zu einem Button oder Stempel, auf dem „minimal“, „concept“, „pop“ oder gleich „modern“ beziehungsweise „contemporary“ steht. Zu welcher Art Bekenntnis aber soll das führen? Ob man sich, wenn man hernach durch eine Ausstellung geht, den Button bei jeder Arbeit, die man betrachtet, passend ans Revers heften sollte? (tw)
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
News & Stories › 2015 › Dezember
Endspurt 20:
Kunst einen Stempel aufdrücken
von Thomas Wagner | 20. Dezember 2015
In Museumsshops mischen sich ungeniert verschiedene Zeiten und Welten, da wird Munchs „Schrei“ schon mal zum letzten Schrei.
In den Auslagen der Museumsshops gibt es wahrlich seltsame Dinge zu entdecken. Wenn etwa in der Wiener Albertina gerade eine Munch-Ausstellung läuft, dann liegen im angeschlossenen Museumsshop – einem riesigen Devotionalienladen – keineswegs nur Bücher und aktuelle Kataloge aus. Vielmehr sollen die Bilder und Zeichnungen hier endlich selbst lebendig werden, wozu viele wundersame und überflüssige Objekte ersonnen werden.

Zum „Schrei“ etwa, Edward Munchs berühmtestem Gemälde, finden sich nicht nur motivisch passende Tassen und Postkarten, erwerben lässt sich sogar der Schrei selbst. Genau, der Schrei selbst – nicht etwa eine Reproduktion des Gemäldes. Es ist der Schrei selbst – in Form einer der Gestalt auf der Brücke nachempfundenen Puppe, die eben jenen auszustoßen verspricht. „The screaming Scream“ – der schreiende Schrei –, so heißt er, der letzte Schrei. Während in Fachkreisen noch immer diskutiert wird, ob die Gestalt, die mit weit aufgerissenem Mund und Augen auf der Brücke steht, tatsächlich schreit (bei einem Gemälde ohnehin eine seltsame Frage), oder ob sie einfach bloßes Entsetzen zum Ausdruck bringt, hat sich die Geschenkartikelindustrie längst entschieden.

Im „museum moderner kunst stiftung ludwig wien“, kurz Mumok, im Museumsquartier, wird das Spiel naturgemäß subtiler gespielt. Auch hier gibt es jede Menge Postkarten, Kataloge zu aktuellen und vergangenen Ausstellungen, Bücher und ein buntes Allerlei kleiner Dinge – aber keine Püppchen oder Schneekugeln, in denen zeitgenössische Künstler oder eines ihrer Werke gefangen gesetzt wären (was andererseits auch seinen Reiz hätte). Wobei sich bei den Postkarten recht eigenwillige Konstellationen ergeben, wenn unweit einer Karte mit dem bedrohlich-existenziell grimassierenden Gesicht Arnulf Rainers zufällig eine von Ben Vautier auftaucht, auf der in Bens typischer Handschrift geschrieben steht: „why suffer any longer?“ Doch ach, wir sind in Wien. Wer’s trotzdem weniger existenziell mag, der greife entweder zu einem der endlos reproduzierten Motive Andy Warhols (twenty are better than one...) oder wahlweise zu einem Button oder Stempel, auf dem „minimal“, „concept“, „pop“ oder gleich „modern“ beziehungsweise „contemporary“ steht. Zu welcher Art Bekenntnis aber soll das führen? Ob man sich, wenn man hernach durch eine Ausstellung geht, den Button bei jeder Arbeit, die man betrachtet, passend ans Revers heften sollte? (tw)