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Es war einmal oder Die kleine Heimeligkeit
von Thomas Wagner | 26. Januar 2009
Es war einmal... knusper, knusper, Knäuschen, ach Spieglein, Spieglein, wer ist die Schönste im ganzen Land? Die guten ins Töpfchen und die schlechten ins Kröpfchen? Am Stand von Interlübke, von Peter Kräling, Maria Lübke und Irina Graewe als weißes Wunderland mit Hase und Igel, Rehkitz und Wolf gestaltet, erzählt man Märchen. Doch so schön das auch sein mag, vor Peter Kräling und Rolf Heides gewohnt sachlich-elegantem Schranksystem 40S und Peter Malys klassisch-aufgeräumter Weiterentwicklung des Containergedankens duo plus, auch Märchen haben ihre schreckliche Seite. Und so bleibt der Stand eine einsame Insel, originell und heiter. Im weiten Land der Messe aber fragt man sich unweigerlich: Es war einmal?

In einer jener Hallen der „imm cologne", in der sich Hersteller tummeln, die weniger auf innovatives Design als aufs Praktisch-Dekorative setzen, wird man in ganz anderer Weise fündig. Hier mag man gute Geschäfte machen, doch märchenhaft wirkt hier nichts. Stattdessen trifft man auf Stände, angefüllt mit jenen eleganten Lebensflämmchen fürs Wohnzimmer, die, befreit von Kamin und Heizwirkung, im Raum oder als kleines Ellipsoid an der Wand, mittlerweile überall züngeln. Auch an grob geschnitzten Spiegelrahmen, bunten, den Rücken stärkenden Sitzknubbeln fürs Büro oder Hifi-Möbeln aus Holz, Chrom und Rauchglas kann man sich erfreuen, sofern man nicht unter dem Motto „Time to relax" eine Auszeit nehmen muss oder auf einem altbekannten Fernsehsessel „Sitzkomfort aktiv erleben" möchte. All diese wunderhübschen Dinge hat es in der einem oder anderen Gestalt auf der imm cologne immer gegeben, und sie vielen auch nicht weiter ins Gewicht, bekäme man beim Flanieren in den Kölner Messehallen in diesem Jahr nicht den Eindruck, dass eben dies dominiere: das dekorativ Heimelige, das Accessoire eines seiner selbst nicht immer sicheren Geschmacks.

Bis zum Mädchenzimmer „Barbie" ganz in Rosa und zur fetten Polstergarnitur reicht die Palette. Auf der anderen Seite machen sich neue, gut gestaltete Produkte rar. Auch wenn sich viele Hersteller bemühen, das meiste, was sie zeigen, ist längst bekannt, nicht nur Ben van Berkels „MYchair" bei Walter Knoll, Franco Albinis neu aufgelegtes Bücherregal „Infinito" bei Cassina, Hans J. Wegners Schaukelstuhl von 1984 bei PP MØbler oder der im vergangenen Jahr in Mailand vorgestellte Freischwinger „Myto" von Konstantin Grcic bei Plank. Da fällt es schon besonders auf, wenn e15 ein wirklich neues, ebenso schlankes wie elegantes Regal von Arik Levy vorstellt.

Trends statt Innovationen

Ob es eine gute Idee war, die nicht immer neuen Neuheiten der Messe abseits der Stände noch einmal in einem „Innovation Forum" zu versammeln, darf bezweifelt werden. Hier hat sieht man nämlich auf einen Blick, wie wenig Köln auf diesem Feld noch zu bieten hat. Ob der pilzartige Hocker mit dem Namen „Optimist" das wettmachen kann, ist kaum anzunehmen. Auch dass bereits vorab in einem sogenannten „Trendbook" vier Trends ausgerufen wurden, hat, wie stets bei solchen Marketingaktionen, etwas zutiefst Beliebiges, zumal auf der Messe davon nichts zu spüren ist. Ob bei angeblichen Trends wie „Extra Much" das Ende der Zurückhaltung und die Abkehr vom Minimalismus ausgerufen wird, bei „Near and Far" die Kombination von Dingen erprobt werden soll, die eigentlich nicht zusammengehören, ob unter dem Stichwort „Tepee Culture" die Lebensfreude einer optimistischen Generation beschworen oder im Trend „Re-Run-Time" die Wahrheit in den Formen gesucht wird - all das wirkt nur noch bemüht und geht an den tatsächlichen Entwicklungen des Designs vorbei. Aber vielleicht erfährt man ja in Mailand schon bald mehr darüber.

Mut zur Freifläche

So heißt der heimliche Sieger Joep van Lieshout, der mit seinem „Atelier van Lieshout" gleich eine halbes Dutzend Stände mit einer veritablen Ausstellung bespielen kann. Mit seinen zwischen Kunst und Design changierenden Installationen und Möbeln hält er der Branche genüsslich und eulenspiegelhaft einen Zerrspiegel vor, in dem seine „Stadt der Sklaven" ebenso erscheint wie an Hasenställe erinnernde Schlafkojen und eine fleischfarbene „Arsch Bar", in die man wie in eine Afterhöhle kriechen kann.

Nicht nur der Schwenk zur Kunst provoziert ernsthaft die Frage, wie es in Köln weitergehen kann. Die imm Cologne als eines der Aushängeschilder der Kölner Messegesellschaft hat bereits in den vergangenen Jahren erheblich an Attraktivität verloren. Während viele Hersteller sich auf den „Salone Internazionale del Mobile" in Mailand konzentrieren und dort mit großem Tamtam ihre Neuheiten aufmarschieren lassen, schrumpft die imm Cologne mehr und mehr zu einer Messe nationaler Bedeutung, die kaum neue Designtrends und innovative Lösungen präsentiert und stattdessen das breite Segment der Durchschnittsmöbel anbietet, also all das, was an Trends und Moden langsam in den preiswerteren Massenmarkt durchgesickert ist. Dass wichtige Hersteller wie Vitra, Moroso oder Thonet nicht mehr in Köln vertreten sind, ist ein Alarmzeichen. Dass - gerade in der designorientierten Halle 11 - mittlerweile viele Freiflächen bleiben, ein anderes.

Konzentration und Regionalisierung

Es ist also höchste Zeit, dass man die Zeichen der Zeit erkennt. Denn nicht nur in Köln lässt sich beobachten, dass das Modell „Konsumgütermesse" an Attraktivität eingebüßt hat. Was für die Kunstmessen gilt, das holt nun auch die Möbel- und Designmessen ein: die Konzentration auf eine große, internationale Messe, mit dem Effekt der Regionalisierung aller anderen. Bewegliche Veranstaltungen wie die Interior Biennale im Belgischen Kortrijk oder der Designers' Saturday im schweizerischen Langenthal machen vor, wie man damit umgehen und Design auf hohem Niveau anregend und unterhaltsam präsentieren kann.
So ist die Zahl der Besucher bei der imm cologne in den letzten zehn Jahren um rund ein Viertel zurückgegangen, und auch die Zahl der Aussteller schrumpft. Parallel dazu haben die über die gesamte Stadt verteilten „Passagen" weder das Potential noch die Kraft, dem entgegenzuwirken, zumal manches, etwa die Präsentation aktuellen niederländischen Designs und die Produktschau des „A&W Designers des Jahres" Alfredo Häberli in den Räumen des Kunstvereins, lieblos und wenig überraschend wirkt.

Wunsch nach Geborgenheit

Dass die deutsche Möbelindustrie trotz der Finanzkrise und ihren aktuellen Auswirkungen auf die Wirtschaft die Chance sieht, in schwierigen Zeiten den Stellenwert von Wohnen und Einrichten zu erhöhen, ist dabei kein Widerspruch. Selbst der nun vielzitierte, aber schon im vergangenen Dezember formulierte Satz von Dirk-Uwe Klaas, dem Hauptgeschäftsführer des Verbands der Deutschen Möbelindustrie - „Wenn es der Autoindustrie schlecht geht, geht es der Möbelindustrie traditionell gut" - kann die Zweifel an der Strahlkraft einer Einrichtungsmesse wie der imm Cologne nicht zerstreuen. Es mag sein, dass die Menschen, wie Klaas sagt, in Krisenzeiten eher zu Hause bleiben, sich „auf die Geborgenheit in den eigenen vier Wänden" besinnen und sich neu einrichten. Davon mögen Hersteller und Möbelhäuser profitieren, auf Dauer aber keine Messe, die das Durchschnittliche bereithält, das Außergewöhnliche aber vermissen lässt.

Und so könnte, was wir in unserer Ankündigung der imm Cologne als „Option Nummer 3" angedeutet, aber aufgeschoben hatten, tatsächlich Wirklichkeit werden. Es gibt keinen Januar mehr, weil es keine imm cologne mehr gibt. Zumindest keine, deren Besuch sich für Design-Aficionados lohnt. Es endet also nicht, weil es nicht enden kann, und wir spielen immer wieder dasselbe Spiel. Klar ist: Das Design ist nicht in der Krise. Im Gegenteil. Aber die Messen, auf denen es präsentiert wird. Die Flucht ins Private endet nicht selbstverständlich im Möbelhaus. Und die Zeit, als Märchen noch geholfen haben, könnte bald vorbei sein. Ach wie gut, dass niemand weiß...
Interlübke; photo © Thomas Wagner
Jan Kurtz Möbel; photo © Thomas Wagner
Topstar; photo © Thomas Wagner
Photo © Thomas Wagner
Atelier Van Lieshout; photo © Thomas Wagner
Atelier Van Lieshout; photo © Dimitrios Tsatsas
Photo © Dimitrios Tsatsas
wrapped von Pierre Kracht, Dortmund; photo © Dimitrios Tsatsas
Pablo und Pedro von Reinhard Dienes; photo © Dimitrios Tsatsas
Prater Chair von Marco Dessi; photo © Dimitrios Tsatsas
Garderobe von Kilian Schindler; photo © Dimitrios Tsatsas
Einband von Isabell Anhalt, Kathrin Schumacher; photo © Dimitrios Tsatsas
Laissez faire von Leonhard Klein; photo © Dimitrios Tsatsas
Dornbracht Edges, Mike Meiré; photo © Dimitrios Tsatsas
Designpost, Tropicalia Stuhl von Patricia Urquiola für Moroso; photo © Dimitrios Tsatsas
Designpost, LC03 Leather von Maarten van Severen, Fabian Schwaerzler für Pastoe Foto © Dimitrios Tsatsas
Designpost, Spectrum; photo © Dimitrios Tsatsas
Designpost, Brand van Egmond; photo © Dimitrios Tsatsas
Designpost, Sergio Rodrigues für Classicon; photo © Dimitrios Tsatsas
Kauri Tisch von Mario Botta für Riva 1920; photo © Dimitrios Tsatsas
IMM Cologne Composite Lounge 2009, Tropicalia Stuhl von Patricia Urquiola Photo © Dimitrios Tsatsas
SH05 ARIE Regal von Arik Levy für e15; photo © Dimitrios Tsatsas
SH05 ARIE Regal von Arik Levy für e15; photo © Dimitrios Tsatsas
Morph von Formstelle für Zeitraum; photo © Dimitrios Tsatsas
Innovation Forum, Confluences von Philippe Nigro für Ligne Roset und nan16 von Sebastian Herkner für nanoo; photo © Dimitrios Tsatsas
Photo © Dimitrios Tsatsas
Innovation Forum, Thonet mit Muji und e15; photo © Dimitrios Tsatsas
Hochschule für Kunst und Design, Halle an der Salle; photo © Thomas Wagner
Hochschule Ostwestfalen-Lippe, Detmold; photo © Nancy Jehmlich
Hochschule für Technik, Stuttgart; photo © Nancy Jehmlich
Stuhl von Kilian Schindler; photo © Dimitrios Tsatsas
Ich wars nicht von Kai Linke; photo © Dimitrios Tsatsas
Irmela von Johannes Hemann; photo © Dimitrios Tsatsas
Dornbracht Edges, Mike Meiré; photo © Dimitrios Tsatsas
Dornbracht Edges, Mike Meiré; photo © Dimitrios Tsatsas
Designpost, Clouds von Bouroullecs für Kvadrat; photo © Dimitrios Tsatsas
Designpost, nan17 von Jörg Boner für nanoo; photo © Dimitrios Tsatsas
Designpost, Modular; photo © Dimitrios Tsatsas
Designpost, Kloe von Marco Acerbis für Desalto; photo © Dimitrios Tsatsas
Designpost, Diz von Sergio Rodrigues für Classicon; photo © Dimitrios Tsatsas