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von 2143 Forward End
Es waren vielleicht zu viele… Geschichten
von Claudia Beckmann | 24. November 2008
All photos © Franziska Holzmann

So gerne man alte Briefe liest und sie liebevoll in alten Schuhkartons aufbewahrt, die meisten haben lange keinen handschriftlichen Brief mehr verfasst. Längst führen wir unsere Korrespondenz über Emails, Mini-Laptops lassen uns an jedem Ort schnell ein paar Notizen festhalten, und das Handy verwaltet treu unsere Kontakte, die man mit einem Klick löschen, verändern oder ersetzen kann. Da mag der Erfolg des kleinen Moleskine Notizbuches, in das man tatsächlich noch eigenhändig hineinschreibt, wie eine Konterrevolution erscheinen. Ob es nun eine romantisch verklärte Antwort auf elektronische Datenmanagementsysteme ist oder einfach schon wieder besonders stilbewusst erscheinen soll - aus irgendeinem Grund ist das Moleskine zum Kultobjekt geworden.

Im Berliner Werkbundarchiv - Museum der Dinge machte eine Wanderausstellung von Moleskine Station, die unter dem Titel „Detour" die Notizbücher von 38 namhaften internationalen Designern, Schriftstellern, Künstlern und Illustratoren zeigte. Nach Stationen in London, New York und Paris, wandert die Ausstellung von Berlin aus weiter nach Venedig, Istanbul und Tokio.

„Das legendäre Notizbuch der Künstler und Intellektuellen der vergangenen zwei Jahrhunderte", so liest man auf der Umschlagmanschette der Moleskines. Hemingway, Van Gogh und Picasso, um nur einige zu nennen - sie alle hätten ihre Gedanken und Ideen in jenem Büchlein notiert. Ein wahrer Klassiker eben - allerdings eher des modernen Marketing-Märchens. Vor zehn Jahren begann der Siegeszug der handlichen Kladde - und da ahnte sicher noch niemand etwas vom konstruierten Mythos, der an historische und literarische Linien anknüpft, aber dennoch frei erfunden ist. Was Bruce Darnell für Germany's Next Topmodell ist, das ist Bruce Chatwin für Moleskine - die Gallionsfigur. Mit ihm beginnt der Hype um die Geschichte. Aus wohlklingenden Namen, romantischen Handlungsorten und einem guten Schuss Historie wurde eine rührige Legende zusammengeschustert. Dass fast alles Fiktion ist, weiß inzwischen jeder, das tut der Begeisterung allerdings keinen Abbruch.

Im Moleskine werden angeblich Dinge von Wert notiert. Das wurde in der Ausstellung aufgegriffen und die kleinen Wertstücke gleich in Vitrinen verschlossen. Durch einen Schlitz konnte der Betrachter in die Plexiglasboxen greifen und so in den Büchern blättern, selbstverständlich mit einem weißen Handschuh. Diese Präsentationsform entspricht allerdings nicht gerade der Grundidee des Notizbuches, die für Freiheit und Offenheit des Denkens steht, weniger für Verschlossenheit.

Und so lagen sie nebeneinander, die Kleinen, Wand an Wand, 38 ganz unterschiedlich gestaltete Büchlein, zumeist extra für die Ausstellung hergestellt. Im Intro von Ron Arads Notizbuch liest man „Bodyguard Southern Hemisphere Thumbprints", dem folgen Einschubtaschen gefüllt mit Bildern, Zeichnungen und Karten. Stefan Diez bastelt aus dem Buch einen großen Faltplan, auf dem er Entwurfsskizzen eines neuen Stuhls zeichnet, Joep van Lieshout umschließt sein Notizbuch mit einem weißen, kugelförmigen Schaumstoffkokon und Spike Jonze nutzt das schmale Format des japanischen Notizbuches, um Anfang und Ende einer Geschichte allein auf der ersten beziehungsweise letzten Seite zu erzählen.

Von hoher haptischer Qualität ist das Buch von Birgit Brenner. Es ist geprägt durch ein Geflecht aus Fäden, die auf ebenfalls lange japanische Notizbuchseiten aufgestickt sind. Darin eingewebt sind kleine Papierstreifen mit Satzfragmenten: „Du weißt es nur nicht. Es waren vielleicht zu viele... Wahrheit... Geschichten". Julia Lohmann zeigt den für sie charakteristischen ökologischen Anspruch: Sie tauchte das Notizbuch in Salzwasser, so dass sich rundum Kristalle bildeten. Alle Seiten sind miteinander verklebt, verwachsen, untrennbar - und das Buch unbrauchbar. Mit einem Faden ist das Notizbuch an einen schweren Stein gebunden, der es unter Wasser hält, als wolle sie die Gedanken, die sie dem Buch anvertraut hat, ertränken.

Ana Prvacki schließlich setzt auf das Vergessen. Sie dokumentiert die Verbrennung eines Moleskines. Zwischen den Seiten sind Streichhölzer platziert, die sie ansteckt - und schon lösen sich Gedanken, Träume und Wünsche auf bis ein kleiner Haufen Asche zurückbleibt. Zeit für ein neues Notizbuch.

detour.moleskinecity.com

Julia Lohmann
News & Stories › 2008 › November
Es waren vielleicht zu viele… Geschichten
von Claudia Beckmann | 24. November 2008
Moleskine in the box: Das kleine Moleskine ist der Klassiker unter den Notizbüchern, wenngleich alles Legendäre daran nur ein Marketing-Märchen ist. Im Rahmen der Ausstellung „Detour", die seit Jahren um die Welt tourt, wurden im Museum der Dinge in Berlin 38 Exemplare präsentiert -gestaltet von Künstlern, Designern und Schriftstellern. Eine Notiz dazu.
So gerne man alte Briefe liest und sie liebevoll in alten Schuhkartons aufbewahrt, die meisten haben lange keinen handschriftlichen Brief mehr verfasst. Längst führen wir unsere Korrespondenz über Emails, Mini-Laptops lassen uns an jedem Ort schnell ein paar Notizen festhalten, und das Handy verwaltet treu unsere Kontakte, die man mit einem Klick löschen, verändern oder ersetzen kann. Da mag der Erfolg des kleinen Moleskine Notizbuches, in das man tatsächlich noch eigenhändig hineinschreibt, wie eine Konterrevolution erscheinen. Ob es nun eine romantisch verklärte Antwort auf elektronische Datenmanagementsysteme ist oder einfach schon wieder besonders stilbewusst erscheinen soll - aus irgendeinem Grund ist das Moleskine zum Kultobjekt geworden.

Im Berliner Werkbundarchiv - Museum der Dinge machte eine Wanderausstellung von Moleskine Station, die unter dem Titel „Detour" die Notizbücher von 38 namhaften internationalen Designern, Schriftstellern, Künstlern und Illustratoren zeigte. Nach Stationen in London, New York und Paris, wandert die Ausstellung von Berlin aus weiter nach Venedig, Istanbul und Tokio.

„Das legendäre Notizbuch der Künstler und Intellektuellen der vergangenen zwei Jahrhunderte", so liest man auf der Umschlagmanschette der Moleskines. Hemingway, Van Gogh und Picasso, um nur einige zu nennen - sie alle hätten ihre Gedanken und Ideen in jenem Büchlein notiert. Ein wahrer Klassiker eben - allerdings eher des modernen Marketing-Märchens. Vor zehn Jahren begann der Siegeszug der handlichen Kladde - und da ahnte sicher noch niemand etwas vom konstruierten Mythos, der an historische und literarische Linien anknüpft, aber dennoch frei erfunden ist. Was Bruce Darnell für Germany's Next Topmodell ist, das ist Bruce Chatwin für Moleskine - die Gallionsfigur. Mit ihm beginnt der Hype um die Geschichte. Aus wohlklingenden Namen, romantischen Handlungsorten und einem guten Schuss Historie wurde eine rührige Legende zusammengeschustert. Dass fast alles Fiktion ist, weiß inzwischen jeder, das tut der Begeisterung allerdings keinen Abbruch.

Im Moleskine werden angeblich Dinge von Wert notiert. Das wurde in der Ausstellung aufgegriffen und die kleinen Wertstücke gleich in Vitrinen verschlossen. Durch einen Schlitz konnte der Betrachter in die Plexiglasboxen greifen und so in den Büchern blättern, selbstverständlich mit einem weißen Handschuh. Diese Präsentationsform entspricht allerdings nicht gerade der Grundidee des Notizbuches, die für Freiheit und Offenheit des Denkens steht, weniger für Verschlossenheit.

Und so lagen sie nebeneinander, die Kleinen, Wand an Wand, 38 ganz unterschiedlich gestaltete Büchlein, zumeist extra für die Ausstellung hergestellt. Im Intro von Ron Arads Notizbuch liest man „Bodyguard Southern Hemisphere Thumbprints", dem folgen Einschubtaschen gefüllt mit Bildern, Zeichnungen und Karten. Stefan Diez bastelt aus dem Buch einen großen Faltplan, auf dem er Entwurfsskizzen eines neuen Stuhls zeichnet, Joep van Lieshout umschließt sein Notizbuch mit einem weißen, kugelförmigen Schaumstoffkokon und Spike Jonze nutzt das schmale Format des japanischen Notizbuches, um Anfang und Ende einer Geschichte allein auf der ersten beziehungsweise letzten Seite zu erzählen.

Von hoher haptischer Qualität ist das Buch von Birgit Brenner. Es ist geprägt durch ein Geflecht aus Fäden, die auf ebenfalls lange japanische Notizbuchseiten aufgestickt sind. Darin eingewebt sind kleine Papierstreifen mit Satzfragmenten: „Du weißt es nur nicht. Es waren vielleicht zu viele... Wahrheit... Geschichten". Julia Lohmann zeigt den für sie charakteristischen ökologischen Anspruch: Sie tauchte das Notizbuch in Salzwasser, so dass sich rundum Kristalle bildeten. Alle Seiten sind miteinander verklebt, verwachsen, untrennbar - und das Buch unbrauchbar. Mit einem Faden ist das Notizbuch an einen schweren Stein gebunden, der es unter Wasser hält, als wolle sie die Gedanken, die sie dem Buch anvertraut hat, ertränken.

Ana Prvacki schließlich setzt auf das Vergessen. Sie dokumentiert die Verbrennung eines Moleskines. Zwischen den Seiten sind Streichhölzer platziert, die sie ansteckt - und schon lösen sich Gedanken, Träume und Wünsche auf bis ein kleiner Haufen Asche zurückbleibt. Zeit für ein neues Notizbuch.

detour.moleskinecity.com