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Fabrik ist überall

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Die digitale Fabrikation ist ein weitestgehend sauberer Prozess. Foto © Materialise
von Thomas Wagner | 5. September 2014
Digitale Technik, Datenvernetzung und Internet haben Steuerung und Kommunikation revolutioniert. Nun ist die Produktion an der Reihe. In den kommenden Wochen widmen wir uns in einer Folge von Artikeln dem Phänomen „Digital Fabrication“.
Eins: Tischlein deck dich!

Einen Platz am gedeckten Tisch der Fülle, wer hätte ihn nicht gerne? Die Vorstellung erscheint geradezu märchenhaft, ihrer Realisierung indes steht sei jeher vieles im Wege. Nicht nur physikalische, soziale und politische, sondern auch logistische Hindernisse. Es war kein Geringerer als der bayerische Märchenkönig Ludwig II., der sich den alten Wunsch des Menschen erfüllt, sprich ins Mechanische übersetzt hat. Auf Schloss Herrenchiemsee, dem unvollendeten „bayerischen Versailles“, findet sich – angeregt von dem in der Sammlung der „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm wiedergegebenen Märchen „Tischlein deck dich, Esel streck’ Dich und Knüppel aus dem Sack“ – eine Vorrichtung, die es erlaubt, einen gedeckten Tisch wie von Geisterhand erscheinen und nach dem Speisen wieder im darunter liegenden Geschoss verschwinden zu lassen. Typisch 19. Jahrhundert, könnte man sagen. Immerhin, die Sache funktionierte im Rahmen solcher Möglichkeiten: Der mittels einer Eisenkonstruktion, Rollen und Gewichten in der Vertikalen bewegliche Boden samt Speisetisch ermöglichte es dem Monarchen, seine Mahlzeiten ohne Bedienung einnehmen zu können. Die Speisen aber wurden ganz konventionell hergestellt.
Zwei: Wunschmaschinen

Inzwischen wird das märchenhafte Versprechen mittels 3D-Druckern, die nicht nur, aber auch Speisen „drucken“ können, machtvoll erneuert.

„Was heute unter dem Stichwort „Digital Fabrication“ firmiert, galt lange als Fantasterei technik-affiner Science-Fiction-Autoren.“

Mit der Erfindung und dem raschen Siegeszug des Digitalrechners wurde sodann aber nicht nur die weit in die Zukunft ausgreifende Fantasie angeregt, es wuchs auch die Wahrscheinlichkeit, neue, dezentrale und holistische Produktionsweisen könnten sich tatsächlich realisieren lassen. So wurden mit den neuen technischen Möglichkeiten auch die Wünsche beschleunigt. Hefteten sie sich im Fall des bayerischen Märchenkönigs noch an eine mechanische Wunschmaschine, so wurden entsprechende Fantasien zu Beginn des 21. Jahrhunderts in eine „Black Box“ eingeschlossen, die es möglich machen sollte, scheinbar nach Belieben all jene Dinge herbeizuzaubern oder zu produzieren, die gerade benötigt würden. Anschaulich und populär wurde die Vorstellung beispielsweise durch den „Replikator“ der TV-Serie „Star Trek: The Next Generation“.
Entscheidend aber war: Der Wunsch verharrte nicht im Bereich der Fiktionen. Er wanderte weiter in die Köpfe von Wissenschaftler und nistete sich in Forschungslaboratorien ein, in denen der Frage nachgegangen wurde, ob und wie es möglich sein könnte, Materialien, aber auch einzelne Atome und Moleküle tatsächlich so anzuordnen, dass sich daraus jede gewünschte Struktur erzeugen lässt.Kommen neue, innovative Technologien auf den Markt, die das Potenzial haben, ganze Wirtschaftszweige, ja sogar die Wirtschaft an sich oder mehr noch die Gesellschaft verändern, so stehen am Anfang immer Versuche, Spielarten und Möglichkeiten, die das Machbare ausloten. Waren es zu Ende des 18. Jahrhunderts die großen Maschinen, die die Industrialisierung auslösten, so sind es heutzutage das Internet und dessen diverse Anwendungen, smarte Technologien, die das Wirtschaften und Leben rasant und in einem noch nicht absehbaren Umfang verändern und verändern werden. Das „Internet der Dinge“ gilt als der neue Treiber einer immer stärker digital vernetzten Welt und Ökonomie, in der Gesellschaft und Objekte mehr und mehr miteinander kommunizieren. Das wiederum bringt besonders smarte und intelligente Lösungen und Produkte hervor, die nicht fix sondern flexibel anpassbar und vor allem höchst individuell sind. Ein Teil dieser neuen „industriellen Revolution“ ist das 3D-Drucken, also das Drucken von dreidimensionalen Objekten.
Drei: Die nächste digitale Revolution

Es ist nicht zu hoch gegriffen zu behaupten, wir stünden am Beginn einer neuen digitalen Revolution. Die umfassende Digitalisierung der Steuerung und der Kommunikation wurden erfolgreich vollzogen. Was wir gegenwärtig erleben, ist deren Anwendung, Integration und Implementierung in unterschiedlichen Branchen und Produkten – vom Smart Home bis zum Smartphone und von der Vernetzung verschiedener Transportsysteme bis zum sich selbst steuernden Automobil. Was nun folgt, ist die Digitalisierung der Produktion. Und diese hat es in der Tat in sich. Denn wo von „Digital Fabrication“ die Rede ist, geht es nicht nur um die Programmierung virtueller Bereiche, sondern um die Programmierung der physischen Welt. In den Worten von Neil Gershenfeld: „Digitale Fabrikation wird es jedermann erlauben, nach Bedarf materielle Dinge zu gestalten und herzustellen, wo und wann immer diese benötigt werden.“

„Was ist dran, am 3D-Drucken für zuhause? Und welches Potenzial bietet es fürs Design?“
Seit zwei Jahren ist eine schiere 3D-Druck-Euphorie ausgebrochen, sodass man meinen könnte, dass bald jeder so ein Gerät zu Hause hat und sein eigener Designer und Produzent wird. Der Traum von Karl Marx, dass die Produktionsmittel in der Hand des Volkes liegen, könnte damit Wirklichkeit werden. Doch was ist wirklich dran am 3D-Druck für zuhause? Und welches Potenzial bietet es fürs Design?

Im Grunde ist das 3D-Drucken keine wirkliche Innovation, denn schon seit Beginn der 1990er Jahre gibt es industrielle 3D-Drucker. Allerdings kam erst 2005 mit dem 3D-Drucker „RepRap“, die Möglichkeit auf, sich diese Technologie nach Hause zu holen. „RepRap“ konnte sich nämlich selbst reproduzieren, der Bauplan wurde der Internetcommunity zur Verfügung gestellt, sodass sich plötzlich ganz normale Verbraucher mit nur wenigen Mitteln einen 3D-Drucker basteln und ihn obendrein modifizieren konnten.
Vier: Daten in Dinge und Dinge in Daten verwandeln

Auch wenn sich vieles, was auf der Basis heutiger Digitaltechnik denkbar erscheint oder aktuell von ihren Propagandisten versprochen wird, nicht von heute auf morgen wird realisieren lassen – wir befinden uns längst mitten in einer Entwicklung, deren Folgen noch weitreichender sein werden als die der digitalen und medialen Revolution der Steuerung und der Kommunikation. Und auch wenn wir noch immer darüber staunen, wie schnell Gewohntes verschwindet und sich bislang bewährte Strukturen verändern, wir sind dabei, uns an die Segnungen und Schrecken des digitalen Zeitalters und seine Gesetzmäßigkeiten zu gewöhnen. Inklusive der permanenten Umwälzungen und der Beschleunigungseffekte, die es verursacht. Es ist schließlich noch nicht allzu lange her, da war es der PC, der Personal Computer, der Arbeitswelt und Alltag veränderte. Mittlerweile sind wir, wo immer wir uns aufhalten, über Smartphone oder Tablet permanent medial vernetzt.
Seit den 1980er-Jahren sind computergestützte Fabrikationswerkzeuge in der Lage, nicht nur Material „wegzunehmen“, sondern können aufbauend verfahren. Inzwischen sind viele unterschiedliche Verfahren des „3D-Druckens“ verfügbar. Sie ermöglichen es, Dinge zu modellieren, bevor sie in größerer Stückzahl produziert werden, aber auch, komplette Objekte mit komplexen Strukturen herzustellen – bis hin zu Zellstrukturen und mit dem Ziel, dereinst sogar Organe „drucken“ zu können. Im Kern geht es darum, mittels datengesteuerter Maschinen dezentral fast alles fabrizieren zu können, sprich: Daten in Dinge und Dinge in Daten verwandeln zu können. Produziert werden sollen am Ende nicht nur Teile, die anschließend zu komplexen Objekten zusammengesetzt werden, sondern vollständige Dinge. Die Vorstellung ist in der Tat faszinierend. Und selbst wenn man davon ausgeht, dass die unterschiedlichen Verfahren noch in den Kinderschuhen steckten, schon heute lässt sich auf diesem Wege vieles überall herstellen. Man muss kein Abenteurer und schon gar kein Phantast sein, um zu begreifen, dass eine solche Produktionsweise, wäre sie auf breiter Front verfügbar, die gesamte industrielle Struktur umkrempeln und jedes traditionelle Geschäftsmodell infrage stellen würde. Ganz abgesehen davon, dass die holistische Vorstellung, ein Ding als Ganzes entstehen lassen zu können, Begriffe wie Produktion und Schöpfung verschmelzen lassen und eine völlig neue Vorstellung von Produzieren Wirklichkeit werden lassen würde.
Fünf: Personal Fabrication

Sicher, bei all dem gilt es – zumindest im gegenwärtigen Stadium der Entwicklung – zu unterscheiden, ob man es mit rechnergestützten Maschinen zu tun hat, die für industrielle Zwecke dezentral zunächst doch wieder nur präzise Teile herstellen, oder mit einfachen 3D-Druckern für den Hobbykeller, die oft nicht zu viel mehr verwendet werden, als dekorativen Nippes auszudrucken. Die Entwicklung aber verläuft rasant. Was Ersatzteile, aber auch einfache Objekte oder Maschinen angeht, so werden 3D-Drucker, weil sie zuhause oder in sogenannten „fab labs“ („fabrication labs“ oder „fabulous labs“) weltweit zugänglich sind, schon bald konventionelle Lösungen verdrängen.
Auf lange Sicht macht die Digital Fabrication die Unterscheidung zwischen Hobby und Profi ohnehin hinfällig. Das Herstellen wird personalisiert und den Bedürfnissen des Nutzers angepasst. Wenn unterschiedliche Verfahren des „Druckens“ von Dingen die Herstellung komplexer Teile oder Objekte überall dort ermöglichen, wo ein entsprechender Drucker verfügbar ist, so läuft das digitale Fabrizieren im Grundsatz darauf hinaus, dass viele Do-it-Yourself-Bastler das Herstellen und den Zugang zu den entsprechenden Maschinen demokratisieren werden. Vor allem aber gilt für jedes Objekt, das auf diese Weise hergestellt wird: Ein einmal entwickelter Bauplan, ein einmal entwickeltes Design lassen sich zur Produktion „on demand“ elektronisch an jeden beliebigen Produktionsort, im Idealfall in jedes Haus, übermitteln – was den Wegfall nahezu aller heute nötigen Produktionsstätten und Transportkapazitäten zur Folge hätte.
Sechs: Abwertung der Dinge und Aufwertung der Konzepte?

Hinzu kommt: Wie nach der Erfindung des Buchdrucks und anderer Reproduktionstechniken, so darf auch jetzt davon ausgegangen werden, dass im Fall digitaler Produktion die Dinge selbst (samt kompletter Fabrikanlagen und Herstellungsverfahren) abgewertet und im Gegenzug die Konzepte aufgewertet werden, aus denen sie entstehen.

„Der Zugang zu den Produktionsmitteln dürfte nicht von selbst eine Emanzipation von „der Industrie“ und eine Veränderung der Wertschöpfungskette nach sich ziehen.“

Ganz gleich, ob man selbst die Datensätze programmiert, diese frei zugänglich sind oder gekauft werden müssen. Zumal es der neuen Produktionsweise entgegenkommt, dass die Lebenszyklen von Produkten in vielen Branchen heute schon immer kürzer werden. Und wenn Produkte zu Datensätzen mutieren, die elektronisch verschickt werden, so stellt sich auch hier – wie schon in der Musikindustrie – die Frage des Schutzes und der Entlohnung ihrer Urheber vor unerlaubtem Kopieren. Womit der Zugang zu solchen „Tools“ relevant wird. „Access“ bleibt also ein Thema, zumal, man denke nur an die Entwicklung in den Print- und Internetmedien, der Zugang zu den Produktionsmitteln nicht von selbst eine Emanzipation von „der Industrie“ und eine Veränderung der Wertschöpfungskette nach sich ziehen dürfte.
Sieben: Umwertung der Werte

Wie auch immer die weitere Entwicklung in Sachen „Digitale Fabrication“ verlaufen wird, die Transformation des industriell geprägten Kapitalismus der späten Moderne in einen kulturell, also von Konzepten und Ideen geprägten Kapitalismus, schreitet fort. Wir befinden uns ohne Zweifel mitten in einer weiteren Schleife einer digitalen Revolution, die unsere Arbeit und unseren Alltag verändern und zu einer umfassenden Umwertung all jener Werte führen wird, die wir eben noch für unabänderlich und stabil gehalten hätten. Sicher ist: Ob ein digitales Tischlein-deck-dich möglich und welche Folgen eine vernetzte dezentrale Produktion auf Abruf zeitigen wird, entscheidet sich nicht mehr in der Fantasie, sondern in den Laboratorien der IT-Branche.
Grund genug, in einem Wörterbuch, in dem Sie die wichtigsten Begriffe und Tools aufgelistet finden, in einer Reihe von Artikeln zu Vorbildern, konkreten Anwendungen und möglichen Entwicklungen das Feld der Digitalen Fabrikation auszumessen.
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Der „Hype Cycle“ des Technologieberatungsunternehmens und -analysten Gartner veranschaulicht, welche Technologien sich gerade auf den Höhepunkt der Erwartungen befinden. Oft wird dann deutlich, dass die Hürden der Entwicklung oder Implementierung höher sind als gedacht. Doch nachdem das „Tal der Desillusion“ durchschritten wurde und die Anwendbarkeit der Technologie wächst, nehmen auch die wieder Erwartungen zu. Infografik © Gartner
News & Stories › 2014 › September
Fabrik ist überall
von Thomas Wagner | 5. September 2014

Digitale Technik, Datenvernetzung und Internet haben Steuerung und Kommunikation revolutioniert. Nun ist die Produktion an der Reihe. In den kommenden Wochen widmen wir uns in einer Folge von Artikeln dem Phänomen „Digital Fabrication“.

Eins: Tischlein deck dich!

Einen Platz am gedeckten Tisch der Fülle, wer hätte ihn nicht gerne? Die Vorstellung erscheint geradezu märchenhaft, ihrer Realisierung indes steht sei jeher vieles im Wege. Nicht nur physikalische, soziale und politische, sondern auch logistische Hindernisse. Es war kein Geringerer als der bayerische Märchenkönig Ludwig II., der sich den alten Wunsch des Menschen erfüllt, sprich ins Mechanische übersetzt hat. Auf Schloss Herrenchiemsee, dem unvollendeten „bayerischen Versailles“, findet sich – angeregt von dem in der Sammlung der „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm wiedergegebenen Märchen „Tischlein deck dich, Esel streck’ Dich und Knüppel aus dem Sack“ – eine Vorrichtung, die es erlaubt, einen gedeckten Tisch wie von Geisterhand erscheinen und nach dem Speisen wieder im darunter liegenden Geschoss verschwinden zu lassen. Typisch 19. Jahrhundert, könnte man sagen. Immerhin, die Sache funktionierte im Rahmen solcher Möglichkeiten: Der mittels einer Eisenkonstruktion, Rollen und Gewichten in der Vertikalen bewegliche Boden samt Speisetisch ermöglichte es dem Monarchen, seine Mahlzeiten ohne Bedienung einnehmen zu können. Die Speisen aber wurden ganz konventionell hergestellt.
Zwei: Wunschmaschinen

Inzwischen wird das märchenhafte Versprechen mittels 3D-Druckern, die nicht nur, aber auch Speisen „drucken“ können, machtvoll erneuert.

„Was heute unter dem Stichwort „Digital Fabrication“ firmiert, galt lange als Fantasterei technik-affiner Science-Fiction-Autoren.“

Mit der Erfindung und dem raschen Siegeszug des Digitalrechners wurde sodann aber nicht nur die weit in die Zukunft ausgreifende Fantasie angeregt, es wuchs auch die Wahrscheinlichkeit, neue, dezentrale und holistische Produktionsweisen könnten sich tatsächlich realisieren lassen. So wurden mit den neuen technischen Möglichkeiten auch die Wünsche beschleunigt. Hefteten sie sich im Fall des bayerischen Märchenkönigs noch an eine mechanische Wunschmaschine, so wurden entsprechende Fantasien zu Beginn des 21. Jahrhunderts in eine „Black Box“ eingeschlossen, die es möglich machen sollte, scheinbar nach Belieben all jene Dinge herbeizuzaubern oder zu produzieren, die gerade benötigt würden. Anschaulich und populär wurde die Vorstellung beispielsweise durch den „Replikator“ der TV-Serie „Star Trek: The Next Generation“.
Entscheidend aber war: Der Wunsch verharrte nicht im Bereich der Fiktionen. Er wanderte weiter in die Köpfe von Wissenschaftler und nistete sich in Forschungslaboratorien ein, in denen der Frage nachgegangen wurde, ob und wie es möglich sein könnte, Materialien, aber auch einzelne Atome und Moleküle tatsächlich so anzuordnen, dass sich daraus jede gewünschte Struktur erzeugen lässt.Kommen neue, innovative Technologien auf den Markt, die das Potenzial haben, ganze Wirtschaftszweige, ja sogar die Wirtschaft an sich oder mehr noch die Gesellschaft verändern, so stehen am Anfang immer Versuche, Spielarten und Möglichkeiten, die das Machbare ausloten. Waren es zu Ende des 18. Jahrhunderts die großen Maschinen, die die Industrialisierung auslösten, so sind es heutzutage das Internet und dessen diverse Anwendungen, smarte Technologien, die das Wirtschaften und Leben rasant und in einem noch nicht absehbaren Umfang verändern und verändern werden. Das „Internet der Dinge“ gilt als der neue Treiber einer immer stärker digital vernetzten Welt und Ökonomie, in der Gesellschaft und Objekte mehr und mehr miteinander kommunizieren. Das wiederum bringt besonders smarte und intelligente Lösungen und Produkte hervor, die nicht fix sondern flexibel anpassbar und vor allem höchst individuell sind. Ein Teil dieser neuen „industriellen Revolution“ ist das 3D-Drucken, also das Drucken von dreidimensionalen Objekten.
Drei: Die nächste digitale Revolution

Es ist nicht zu hoch gegriffen zu behaupten, wir stünden am Beginn einer neuen digitalen Revolution. Die umfassende Digitalisierung der Steuerung und der Kommunikation wurden erfolgreich vollzogen. Was wir gegenwärtig erleben, ist deren Anwendung, Integration und Implementierung in unterschiedlichen Branchen und Produkten – vom Smart Home bis zum Smartphone und von der Vernetzung verschiedener Transportsysteme bis zum sich selbst steuernden Automobil. Was nun folgt, ist die Digitalisierung der Produktion. Und diese hat es in der Tat in sich. Denn wo von „Digital Fabrication“ die Rede ist, geht es nicht nur um die Programmierung virtueller Bereiche, sondern um die Programmierung der physischen Welt. In den Worten von Neil Gershenfeld: „Digitale Fabrikation wird es jedermann erlauben, nach Bedarf materielle Dinge zu gestalten und herzustellen, wo und wann immer diese benötigt werden.“

„Was ist dran, am 3D-Drucken für zuhause? Und welches Potenzial bietet es fürs Design?“
Seit zwei Jahren ist eine schiere 3D-Druck-Euphorie ausgebrochen, sodass man meinen könnte, dass bald jeder so ein Gerät zu Hause hat und sein eigener Designer und Produzent wird. Der Traum von Karl Marx, dass die Produktionsmittel in der Hand des Volkes liegen, könnte damit Wirklichkeit werden. Doch was ist wirklich dran am 3D-Druck für zuhause? Und welches Potenzial bietet es fürs Design?

Im Grunde ist das 3D-Drucken keine wirkliche Innovation, denn schon seit Beginn der 1990er Jahre gibt es industrielle 3D-Drucker. Allerdings kam erst 2005 mit dem 3D-Drucker „RepRap“, die Möglichkeit auf, sich diese Technologie nach Hause zu holen. „RepRap“ konnte sich nämlich selbst reproduzieren, der Bauplan wurde der Internetcommunity zur Verfügung gestellt, sodass sich plötzlich ganz normale Verbraucher mit nur wenigen Mitteln einen 3D-Drucker basteln und ihn obendrein modifizieren konnten.Vier: Daten in Dinge und Dinge in Daten verwandeln

Auch wenn sich vieles, was auf der Basis heutiger Digitaltechnik denkbar erscheint oder aktuell von ihren Propagandisten versprochen wird, nicht von heute auf morgen wird realisieren lassen – wir befinden uns längst mitten in einer Entwicklung, deren Folgen noch weitreichender sein werden als die der digitalen und medialen Revolution der Steuerung und der Kommunikation. Und auch wenn wir noch immer darüber staunen, wie schnell Gewohntes verschwindet und sich bislang bewährte Strukturen verändern, wir sind dabei, uns an die Segnungen und Schrecken des digitalen Zeitalters und seine Gesetzmäßigkeiten zu gewöhnen. Inklusive der permanenten Umwälzungen und der Beschleunigungseffekte, die es verursacht. Es ist schließlich noch nicht allzu lange her, da war es der PC, der Personal Computer, der Arbeitswelt und Alltag veränderte. Mittlerweile sind wir, wo immer wir uns aufhalten, über Smartphone oder Tablet permanent medial vernetzt.
Seit den 1980er-Jahren sind computergestützte Fabrikationswerkzeuge in der Lage, nicht nur Material „wegzunehmen“, sondern können aufbauend verfahren. Inzwischen sind viele unterschiedliche Verfahren des „3D-Druckens“ verfügbar. Sie ermöglichen es, Dinge zu modellieren, bevor sie in größerer Stückzahl produziert werden, aber auch, komplette Objekte mit komplexen Strukturen herzustellen – bis hin zu Zellstrukturen und mit dem Ziel, dereinst sogar Organe „drucken“ zu können. Im Kern geht es darum, mittels datengesteuerter Maschinen dezentral fast alles fabrizieren zu können, sprich: Daten in Dinge und Dinge in Daten verwandeln zu können. Produziert werden sollen am Ende nicht nur Teile, die anschließend zu komplexen Objekten zusammengesetzt werden, sondern vollständige Dinge. Die Vorstellung ist in der Tat faszinierend. Und selbst wenn man davon ausgeht, dass die unterschiedlichen Verfahren noch in den Kinderschuhen steckten, schon heute lässt sich auf diesem Wege vieles überall herstellen. Man muss kein Abenteurer und schon gar kein Phantast sein, um zu begreifen, dass eine solche Produktionsweise, wäre sie auf breiter Front verfügbar, die gesamte industrielle Struktur umkrempeln und jedes traditionelle Geschäftsmodell infrage stellen würde. Ganz abgesehen davon, dass die holistische Vorstellung, ein Ding als Ganzes entstehen lassen zu können, Begriffe wie Produktion und Schöpfung verschmelzen lassen und eine völlig neue Vorstellung von Produzieren Wirklichkeit werden lassen würde.Fünf: Personal Fabrication

Sicher, bei all dem gilt es – zumindest im gegenwärtigen Stadium der Entwicklung – zu unterscheiden, ob man es mit rechnergestützten Maschinen zu tun hat, die für industrielle Zwecke dezentral zunächst doch wieder nur präzise Teile herstellen, oder mit einfachen 3D-Druckern für den Hobbykeller, die oft nicht zu viel mehr verwendet werden, als dekorativen Nippes auszudrucken. Die Entwicklung aber verläuft rasant. Was Ersatzteile, aber auch einfache Objekte oder Maschinen angeht, so werden 3D-Drucker, weil sie zuhause oder in sogenannten „fab labs“ („fabrication labs“ oder „fabulous labs“) weltweit zugänglich sind, schon bald konventionelle Lösungen verdrängen.
Auf lange Sicht macht die Digital Fabrication die Unterscheidung zwischen Hobby und Profi ohnehin hinfällig. Das Herstellen wird personalisiert und den Bedürfnissen des Nutzers angepasst. Wenn unterschiedliche Verfahren des „Druckens“ von Dingen die Herstellung komplexer Teile oder Objekte überall dort ermöglichen, wo ein entsprechender Drucker verfügbar ist, so läuft das digitale Fabrizieren im Grundsatz darauf hinaus, dass viele Do-it-Yourself-Bastler das Herstellen und den Zugang zu den entsprechenden Maschinen demokratisieren werden. Vor allem aber gilt für jedes Objekt, das auf diese Weise hergestellt wird: Ein einmal entwickelter Bauplan, ein einmal entwickeltes Design lassen sich zur Produktion „on demand“ elektronisch an jeden beliebigen Produktionsort, im Idealfall in jedes Haus, übermitteln – was den Wegfall nahezu aller heute nötigen Produktionsstätten und Transportkapazitäten zur Folge hätte.Sechs: Abwertung der Dinge und Aufwertung der Konzepte?

Hinzu kommt: Wie nach der Erfindung des Buchdrucks und anderer Reproduktionstechniken, so darf auch jetzt davon ausgegangen werden, dass im Fall digitaler Produktion die Dinge selbst (samt kompletter Fabrikanlagen und Herstellungsverfahren) abgewertet und im Gegenzug die Konzepte aufgewertet werden, aus denen sie entstehen.

„Der Zugang zu den Produktionsmitteln dürfte nicht von selbst eine Emanzipation von „der Industrie“ und eine Veränderung der Wertschöpfungskette nach sich ziehen.“

Ganz gleich, ob man selbst die Datensätze programmiert, diese frei zugänglich sind oder gekauft werden müssen. Zumal es der neuen Produktionsweise entgegenkommt, dass die Lebenszyklen von Produkten in vielen Branchen heute schon immer kürzer werden. Und wenn Produkte zu Datensätzen mutieren, die elektronisch verschickt werden, so stellt sich auch hier – wie schon in der Musikindustrie – die Frage des Schutzes und der Entlohnung ihrer Urheber vor unerlaubtem Kopieren. Womit der Zugang zu solchen „Tools“ relevant wird. „Access“ bleibt also ein Thema, zumal, man denke nur an die Entwicklung in den Print- und Internetmedien, der Zugang zu den Produktionsmitteln nicht von selbst eine Emanzipation von „der Industrie“ und eine Veränderung der Wertschöpfungskette nach sich ziehen dürfte.
Sieben: Umwertung der Werte

Wie auch immer die weitere Entwicklung in Sachen „Digitale Fabrication“ verlaufen wird, die Transformation des industriell geprägten Kapitalismus der späten Moderne in einen kulturell, also von Konzepten und Ideen geprägten Kapitalismus, schreitet fort. Wir befinden uns ohne Zweifel mitten in einer weiteren Schleife einer digitalen Revolution, die unsere Arbeit und unseren Alltag verändern und zu einer umfassenden Umwertung all jener Werte führen wird, die wir eben noch für unabänderlich und stabil gehalten hätten. Sicher ist: Ob ein digitales Tischlein-deck-dich möglich und welche Folgen eine vernetzte dezentrale Produktion auf Abruf zeitigen wird, entscheidet sich nicht mehr in der Fantasie, sondern in den Laboratorien der IT-Branche.
Grund genug, in einem Wörterbuch, in dem Sie die wichtigsten Begriffe und Tools aufgelistet finden, in einer Reihe von Artikeln zu Vorbildern, konkreten Anwendungen und möglichen Entwicklungen das Feld der Digitalen Fabrikation auszumessen.