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Fadenwerk und Farbenspiel
von Jochen Stöckmann | 22. November 2013
Im Labyrinth des Endlosfadens: Chiharu Shiotas „Love Letters“-Installation, 2013, zu sehen in der Ausstellung „Kunst & Textil“, Kunstmuseum Wolfsburg. Courtesy ARNDT Berlin, Foto © Marek Kruszewski
Grau ist alle Theorie – doch die Farbe selbst, die hat Substanz. Man muss nur einmal näher hinschauen, am besten mit den Augen des Malers: „Ein Grau, das aus roten, blauen, gelben, schmutzigweißen und schwarzen Fäden durcheinander gewebt ist“, war für van Gogh „wimmelnde Farbe“, neben der alles Monochrome „hart, kühl und leblos“ wirkt. Auf seinem Gemälde von 1884 schafft ein „Weber am Webstuhl“ als Handwerker ein Kunststück, er bringt „bei dem buntkarierten Zeug die allergrellsten Farben miteinander ins Gleichgewicht, so dass anstelle einer schreienden Wirkung der effet produit des Musters in gewisser Entfernung harmonisch ist“.

Betrachtungsdistanz machte der Maler van Gogh beim Blick auf Tuche und Teppiche, Gewebtes und Geknüpftes zur Bedingung. Daran halten sich die Kuratoren im Kunstmuseum Wolfsburg, wenn sie mit „Kunst & Textil“ reine Ästhetik und nützliche Künste zueinander bringen. In der Gegenüberstellung von „Werken“ und „Objekten“ – beispielsweise des archaischen Filzumhangs von Joseph Beuys mit einem nicht minder schmucklosen Hirtenmantel türkischer Schäfer – bleibt museale Distanz gewahrt, sind Texturen und Lineamente, Teppichknoten und Leinwandschraffuren dem Auge ausgesetzt, aber nie mit Händen zu greifen.

Schließlich sind die durch vielfache Überlagerung filigraner Netzstrukturen hervorgerufenen Schattenlabyrinthe eines François Morellet oder in Trompe-l’oeil-Manier aus Ölfarbe gezauberte Scherenschnitte von Brice Marden, Dorothea Tannings füllige Plüschskulpturen ebenso wie Mike Kelleys bewusst „unmännliche“ Nähversuche mit Stofftieren stets auf einen Kunstraum zugeschnitten. Magdalena Abakanowicz baut mit „unordentlichen“ Handarbeiten voller Webfehler immerhin eine Brücke zwischen abstrakten Idealen der Kunst und einer handwerklich virtuosen Verfeinerung kruden Materials. Zwar lautet ihr Statement: „Wenn ich einer Idee Gestalt verleihe, übertragen meine Hände immer etwas, was sich konzeptuell nicht erfassen lässt.“ Diese „Offenbarung des Unbewussten“ ist dann aber nur aus gebührendem Abstand zu erleben, als Stillleben an einer klinisch sauberen Museumswand.

Eindrücklicher, wenn auch ebenso unnahbar, wird das kunsthistorisch wie theoretisch so ergiebige Phänomen des Faltenwurfs illustriert, gipfelnd in Robert Morris‘ siebenfingrig auf den Boden herabgewölbtem schwarzen Filzmonument. Dieser allein durch das stoffliche, das textile Ausgangsmaterial geprägten Kunst stehen Arbeiten wie Felix Vallotons Gemälde „Rückenakt in einem Interieur“ oder Pistolettos Installation mit der Gips-Kopie einer Venus-Statue vor meterhoch aufgehäuften Kleiderbündeln gegenüber. Da kommt der menschliche Körper mit ins Spiel. Und der Raum.

Als „Faden im Raum“, als buchstäbliche „Entwicklung“ aus einer Stoffrolle heraus hatte Marcel Duchamp 1942 in einer Surrealismus-Ausstellung einige Meilen Garn quer durch die Museumsräume verspannt. Liz Larner bezieht sich 1988 mit ihrem meterdicken Knäuel „Out of Touch“ auf diese Installation, stülpt sie von außen nach innen. Mit eng herabhängenden Stacheldrähten, einer wuchernden Matrix oder verwirrend über vier Wände gleichzeitig dahintanzenden Computer-Schleifen variieren Mona Hatoum, Chiharu Shiota und Peter Kogler das labyrinthische Motiv des endlosen Fadens.

Wieder eingefangen, regelrecht „verdichtet“ wird das Künstler-Garn mit dem Thema „Kleidung“. Um die „Geburt der Abstraktion aus dem Geiste des Textilen“ anschaulich zu machen, wird bereits zu Beginn des reich bestückten Parcours ein peruanischer, karg und stilisiert ornamentierter Poncho den geometrischen Muster-Entwürfen für die Bauhaus-Werkstätten zur Seite gestellt.

Mit ästhetischer Konsequenz reduziert auf die bloße Funktion erscheint „Kleidung“ dann in der Architektur, im Modell Mies van der Rohes für die Glasfassade, die Außenhülle eines Hochhauses. Man könnte es auch „Vorhang“ nennen. Diesen Titel gibt Gerhard Richter 1964 drei Ölskizzen einer Stoffbahn – oder war es eine Lein-Wand?

Es ging dabei um mehr als den bloßen Stoff-Wechsel. Nicht des Kaisers neue Kleider standen Pate, sondern eine grundlegende Erkundung neuer Materialien, neuer Möglichkeiten. Wenn Blinky Palermo 1969 Baumwolle und Nessel in abweichenden Grüntönen über einen Holzrahmen spannt und zum „Gemälde“ erklärt, stößt er damit in einen neuen, wenn auch nicht gänzlich unbekannten Bilderkosmos vor. Eben diese dritte Dimension vermisst man bei Alighiero e Boetti, der seine politisch plakativen Motive zum modernen Krieg in Form von Panzern und Bombenflugzeugen von afghanischen Frauen in uralter Handwerkstradition auf Teppiche sticken ließ. Einen Gegenpol – zumindest in technischer Hinsicht – markiert Gerhard Richter, der seine malerischen, in vierfach gespiegelten Digitalfotografien festgehaltenen Entwürfe „Abdu“, „Iblan“ oder „Musa“ 2009 als gewebte Wandteppiche in Auftrag gab. Gefertigt wurde die Tapisserie an Jacquard-Webstühlen, also in der allerersten, bereits im 19. Jahrhundert bekannten Lochkartentechnik. Das Ergebnis, eine merkwürdig kalte Farbenexplosion, hängt nun in Wolfsburg neben einem mittelalterlichen Wandteppich aus Cluny, einem wie von tausenden zarten Blüten überzogenen, durchwirkten „Millefleurs“. Ein Kunstgewe(r)be, wie es am Ende sogar van Gogh gefallen hätte, der angesichts eines Stücks Waldboden mit vermodertem Buchenlaub ausrief: „Kein Teppich ist denkbar, der so prächtig wäre wie dieses tiefe Braunrot in der Glut der durch die Bäume gedämpften Herbst-Abendsonne.“

Kunst & Textil
Kunstmuseum Wolfsburg
bis 2. März 2014
www.kunstmuseum-wolfsburg.de

Auf einen Kunstraum zugeschnitten: Dorothea Tannings „Nue couchée“, 1969-70, Tate: Purchased 2003, Foto © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
Gleichgewicht von buntkariertem Zeug: Vincent van Goghs „Weber am Webstuhl“, 1884. Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam Foto © Studio Tromp, Rotterdam
Da kommt der menschliche Körper mit ins Spiel: Michelangelo Pistolettos „Venere degli stracci“, 1967, Cittadellarte – Fondazione Pistoletto, Biella. Foto © Courtesy Philadelphia Museum of Art
Mona Hatoums „Undercurrent“ und Chiharu Shiotas „In Silence“. © Mona Hatoum: White Cube London, Foto © Mattias Givell/ Chiharu Shiota: Centre PasquArt, Biel/Bienne, Foto © Sunhi Mang © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
Labyrinth des Endlosfadens II: Peter Koglers Installation Ohne Titel, 2008, Sound: Franz Pomassl. Foto © mumok/Lisa Rastl
Vespermantel aus Damast, 15. Jahrhundert, vor Sigmar Polkes „Handlinien links – Handlinien rechts“. Pluviale: Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt, Domschatz Halberstadt. Sigmar Polke: Kunstmuseum Bonn. Foto © Marek Kruszewski
Gerhard Richters Jacquard-Wandteppich „Yusuf“ (im Bild links) und „Musa“ (rechts, beide 2009), dazwischen „La broderie“ , um 1520. Musée de Cluny, Paris. Gerhard Richter: beide Privatsammlung. Foto © Marek Kruszewski
Wandbehang von Gertrud Arndt, 1927 (links). Komposition „Aubette“ von Sophie Taeuber-Arp. Stiftung Hans Arp und Sophie Tauber-Arp e.V., Rolandswerth © VG Bild-Kunst, Bonn 2013, Foto: Wolfgang Morell/ Gertrud Arndt: Bauhaus-Archiv Berlin Foto: Markus Hawlik,© VG-Bild-Kunst, Bonn 2013
Gustav Klimts Bildnis von „Marie Henneberg“, 1901/02. Henri Matisses „Lesende am Tischchen", 1921. Edgar Degas’ „Die Büglerin“, um 1869. Klimt: Stiftung Moritzburg Halle (Saale) - Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt, Foto © Klaus E. Göltz, Halle/ Matisse: Kunstmuseum Bern, Legat Georges F. Keller 1981, © Succession H. Matisse/VG Bild-Kunst, Bonn 2013/ Degas: Bayerische Staatsgemäldesammlungen - Neue Pinakothek, Foto © bpk | Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Noch bis zum 2. März 2014: „Kunst & Textil – Stoff als Material und Idee in der Moderne von Klimt bis heute“, Kunstmuseum Wolfsburg. Foto © Marek Kruszewski
News & Stories › 2013 › November
Fadenwerk und Farbenspiel
von Jochen Stöckmann | 22. November 2013
Im Kunstmuseum Wolfsburg ist zu bewundern, wie Gewebtes und Geknüpftes nicht nur künstlerischen Ansprüchen genügen, sondern auch ganz real in Installationen, auf Leinwänden und Häuserfassaden zur Geltung kommen. Die Schau „Kunst & Textil“ mit Werken von Beuys bis Richter – mehr als bloßer Stoff-Wechsel.
Grau ist alle Theorie – doch die Farbe selbst, die hat Substanz. Man muss nur einmal näher hinschauen, am besten mit den Augen des Malers: „Ein Grau, das aus roten, blauen, gelben, schmutzigweißen und schwarzen Fäden durcheinander gewebt ist“, war für van Gogh „wimmelnde Farbe“, neben der alles Monochrome „hart, kühl und leblos“ wirkt. Auf seinem Gemälde von 1884 schafft ein „Weber am Webstuhl“ als Handwerker ein Kunststück, er bringt „bei dem buntkarierten Zeug die allergrellsten Farben miteinander ins Gleichgewicht, so dass anstelle einer schreienden Wirkung der effet produit des Musters in gewisser Entfernung harmonisch ist“.

Betrachtungsdistanz machte der Maler van Gogh beim Blick auf Tuche und Teppiche, Gewebtes und Geknüpftes zur Bedingung. Daran halten sich die Kuratoren im Kunstmuseum Wolfsburg, wenn sie mit „Kunst & Textil“ reine Ästhetik und nützliche Künste zueinander bringen. In der Gegenüberstellung von „Werken“ und „Objekten“ – beispielsweise des archaischen Filzumhangs von Joseph Beuys mit einem nicht minder schmucklosen Hirtenmantel türkischer Schäfer – bleibt museale Distanz gewahrt, sind Texturen und Lineamente, Teppichknoten und Leinwandschraffuren dem Auge ausgesetzt, aber nie mit Händen zu greifen.

Schließlich sind die durch vielfache Überlagerung filigraner Netzstrukturen hervorgerufenen Schattenlabyrinthe eines François Morellet oder in Trompe-l’oeil-Manier aus Ölfarbe gezauberte Scherenschnitte von Brice Marden, Dorothea Tannings füllige Plüschskulpturen ebenso wie Mike Kelleys bewusst „unmännliche“ Nähversuche mit Stofftieren stets auf einen Kunstraum zugeschnitten. Magdalena Abakanowicz baut mit „unordentlichen“ Handarbeiten voller Webfehler immerhin eine Brücke zwischen abstrakten Idealen der Kunst und einer handwerklich virtuosen Verfeinerung kruden Materials. Zwar lautet ihr Statement: „Wenn ich einer Idee Gestalt verleihe, übertragen meine Hände immer etwas, was sich konzeptuell nicht erfassen lässt.“ Diese „Offenbarung des Unbewussten“ ist dann aber nur aus gebührendem Abstand zu erleben, als Stillleben an einer klinisch sauberen Museumswand.

Eindrücklicher, wenn auch ebenso unnahbar, wird das kunsthistorisch wie theoretisch so ergiebige Phänomen des Faltenwurfs illustriert, gipfelnd in Robert Morris‘ siebenfingrig auf den Boden herabgewölbtem schwarzen Filzmonument. Dieser allein durch das stoffliche, das textile Ausgangsmaterial geprägten Kunst stehen Arbeiten wie Felix Vallotons Gemälde „Rückenakt in einem Interieur“ oder Pistolettos Installation mit der Gips-Kopie einer Venus-Statue vor meterhoch aufgehäuften Kleiderbündeln gegenüber. Da kommt der menschliche Körper mit ins Spiel. Und der Raum.

Als „Faden im Raum“, als buchstäbliche „Entwicklung“ aus einer Stoffrolle heraus hatte Marcel Duchamp 1942 in einer Surrealismus-Ausstellung einige Meilen Garn quer durch die Museumsräume verspannt. Liz Larner bezieht sich 1988 mit ihrem meterdicken Knäuel „Out of Touch“ auf diese Installation, stülpt sie von außen nach innen. Mit eng herabhängenden Stacheldrähten, einer wuchernden Matrix oder verwirrend über vier Wände gleichzeitig dahintanzenden Computer-Schleifen variieren Mona Hatoum, Chiharu Shiota und Peter Kogler das labyrinthische Motiv des endlosen Fadens.

Wieder eingefangen, regelrecht „verdichtet“ wird das Künstler-Garn mit dem Thema „Kleidung“. Um die „Geburt der Abstraktion aus dem Geiste des Textilen“ anschaulich zu machen, wird bereits zu Beginn des reich bestückten Parcours ein peruanischer, karg und stilisiert ornamentierter Poncho den geometrischen Muster-Entwürfen für die Bauhaus-Werkstätten zur Seite gestellt.

Mit ästhetischer Konsequenz reduziert auf die bloße Funktion erscheint „Kleidung“ dann in der Architektur, im Modell Mies van der Rohes für die Glasfassade, die Außenhülle eines Hochhauses. Man könnte es auch „Vorhang“ nennen. Diesen Titel gibt Gerhard Richter 1964 drei Ölskizzen einer Stoffbahn – oder war es eine Lein-Wand?

Es ging dabei um mehr als den bloßen Stoff-Wechsel. Nicht des Kaisers neue Kleider standen Pate, sondern eine grundlegende Erkundung neuer Materialien, neuer Möglichkeiten. Wenn Blinky Palermo 1969 Baumwolle und Nessel in abweichenden Grüntönen über einen Holzrahmen spannt und zum „Gemälde“ erklärt, stößt er damit in einen neuen, wenn auch nicht gänzlich unbekannten Bilderkosmos vor. Eben diese dritte Dimension vermisst man bei Alighiero e Boetti, der seine politisch plakativen Motive zum modernen Krieg in Form von Panzern und Bombenflugzeugen von afghanischen Frauen in uralter Handwerkstradition auf Teppiche sticken ließ. Einen Gegenpol – zumindest in technischer Hinsicht – markiert Gerhard Richter, der seine malerischen, in vierfach gespiegelten Digitalfotografien festgehaltenen Entwürfe „Abdu“, „Iblan“ oder „Musa“ 2009 als gewebte Wandteppiche in Auftrag gab. Gefertigt wurde die Tapisserie an Jacquard-Webstühlen, also in der allerersten, bereits im 19. Jahrhundert bekannten Lochkartentechnik. Das Ergebnis, eine merkwürdig kalte Farbenexplosion, hängt nun in Wolfsburg neben einem mittelalterlichen Wandteppich aus Cluny, einem wie von tausenden zarten Blüten überzogenen, durchwirkten „Millefleurs“. Ein Kunstgewe(r)be, wie es am Ende sogar van Gogh gefallen hätte, der angesichts eines Stücks Waldboden mit vermodertem Buchenlaub ausrief: „Kein Teppich ist denkbar, der so prächtig wäre wie dieses tiefe Braunrot in der Glut der durch die Bäume gedämpften Herbst-Abendsonne.“

Kunst & Textil
Kunstmuseum Wolfsburg
bis 2. März 2014
www.kunstmuseum-wolfsburg.de