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Ferien mit Tito
2. Februar 2014
Das Luxus-Hotel „Haludovo“ auf der kroatischen Insel Krk entstand 1972 nach Plänen des Architekten Boris Magaš. Foto © ccn-images Zagreb
Marschall Tito, der legendäre Staatspräsident des sozialistischen Jugoslawien, hat einiges beigetragen zum Erfolg des Fremdenverkehrs an der kroatischen Adria-Küste. Mit dem vom einstigen Partisanenführer eingeschlagenen „Dritten Weg“ der Blockfreiheit zwischen Ost und West bekamen die Einheimischen längere Ferien – und zugleich wurde das Land attraktiv für Urlauber aus kapitalistischen Ländern, vornehmlich der Bundesrepublik Deutschland. Spuren dieser Westorientierung sind noch in der „Hotelkunst“ jener Jahre erkennbar: Ausgewählt von den jeweils besten Kuratoren einer Region wurde zum Beispiel Edo Murtic, der 1951 mit einem „Fulbright Stipendium“ die USA besuchen durfte, nach seiner Rückkehr abrupt vom sozialkritischen Realismus zum abstrakten Expressionismus wechselte und es 1959 zur Teilnahme an der Documenta brachte. Murtics meterhohe Ölgemälde waren Aushängeschilder für Titos Vorzeigeindustrie, den Tourismus. „Westliche“ Kunst demonstrierte in Bars und Foyers der zumeist in rohem Sichtbeton gehaltenen Hochhäuser am Strand kosmopolitisches Flair.

Beweiskräftige Bilder liefert vor allem die Statistik. Ab 1955 schießt die Kurve der Übernachtungszahlen steil nach oben. Erst 1988 bricht sie dann abrupt ein und erreicht 1991 mit dem Zerfall Jugoslawiens ihren Tiefpunkt. Was sich danach zwischen Dubrovnik, Split und Rijeka entwickelt hat, nennt Michael Zinganel „Holidays after the Fall“. Und diesen „Urlaub nach dem Fall“ kann der Architekturtheoretiker als umtriebiger Feldforscher erhellend illustrieren.

Frivoles Joint Venture

So wirken etwa die Fotos einer Ruine des einstigen Luxushotels „Haludovo“ auf den ersten Blick nur surreal, wie eine postmoderne, vom Zahn der Zeit zernagte Betoncollage. Bei näherem Hinsehen – und Nachlesen – aber scheint in diesen Bildern eine ganze Kulturgeschichte auf: 1972 entstand nach Plänen des bis dahin der klassisch strengen Moderne zugerechneten Architekten Boris Magaš ein Luxus-Resort. Die vielfältige Typologie verknüpfte Turmmotive, großzügige Terrassenanlagen und mehrgeschossige Häusern, die sich auf einem Y-förmigen Grundriss zum Meer hin öffneten. Ergänzt wurde diese weitläufige Anlage durch die Imitation eines idyllischen Fischerdorfes. Der Komplex verschlang 45 Millionen Dollar, für die Bob Guccione aufkam, der Herausgeber des Penthouse-Magazins. Als Investor im „frivolsten Joint Venture“ (Zinganel) verlangte der Geschäftsmann aus den USA zuletzt die Anstellung von 70 Glamourgirls als Service-Personal, natürlich in der freizügigen Uniform der „Penthouse-Pets“. All das wurde zwar von Titos illustren Staatsgästen goutiert, etwa dem schwedischen Sozialdemokraten Olof Palme oder Libyens Diktator Gaddafi, ging aber an den Bedürfnissen der durchaus zahlungskräftigen Urlauber aus dem Ausland vorbei.

Die bundesdeutschen Urlauber etwa waren gar nicht daran interessiert, den Währungsvorteil der harten DM zu nutzen und sich endlich auch einmal das Vier- oder gar Fünf-Sterne-Hotel leisten zu können. Ihnen behagte vielmehr das dichte Nebeneinander von Ferienhauskomplexen, schlichten Appartementanlagen und Komforthotels, die Nähe der Campingplätze zu den First-Class-Resorts. Hinzu kamen Pavillons und schlichte Flachbauten für jenen „Sozialtourismus“, mit dem die selbstverwalteten Betriebe in Kindererholungsheimen, Gewerkschaftsclubs und auch den Ferienanlagen der Volksarmee der eigenen Arbeiterklasse einen preiswerten Urlaub ermöglichten. Hier prägten sozialistische Ideen eine Wohnmaschinen-Architektur mit karg ausgestatteten, kleinen Schlafzellen und großzügig dimensionierten sozialen Treffpunkten. Andernorts ist den Gebäuden anzusehen, dass sie auf Vorbilder aus internationalen Architekturzeitschriften zurückgehen, die in Jugoslawien im Gegensatz zu den benachbarten Ostblockstaaten frei erhältlich waren.

Flaggschiffe als Flüchtlingslager

Bis heute, mehr als ein Jahrzehnt nach der strikten Privatisierung der Fremdenverkehrsindustrie, hat sich dieser Mix ganz unterschiedlicher Gebäudetypen weitgehend erhalten. Vor allem die „Flaggschiffe“ der kroatischen Adria wurden allerdings nach der Unabhängigkeitserklärung 1991 von der Armee des ehemaligen Jugoslawien (vermutlich gezielt) beschossen. Andere Hotels wurden im Bürgerkrieg zu Flüchtlingslagern umfunktioniert und kamen herunter. Im Wesentlichen aber ist der kroatischen Adria erspart geblieben, was den Tourismus an den Küsten von Spanien bis Bulgarien prägt – anonyme Bettenburgen und protzig aufgedonnerte Luxushotels. Das führt Zinganel unter anderem auf eine umsichtige Raumplanung im sozialistischen Jugoslawien zurück. So wurden etwa am Rande von Dubrovnik, wo noch Anfang der Sechziger Jahre fantasielose Hotelkästen emporwuchsen, altstadtverträgliche Lösungen entwickelt, beispielhafte Architektur wie Appartementanlagen im mediterranen Stil. Vor allem aber blieben entsprechende Gesetze in Kraft, etwa das Bebauungsverbot in einem 100 Meter breiten Küstenstreifen und die Gewähr für freien Zugang zum Meer.

All das aber erklärt für Zinganel noch nicht, warum das von den Investoren bevorzugte, ohne großen architektonischen Aufwand hochgezogene „Russen-Rokoko“ der bulgarischen Schwarzmeerküste hier kaum eine Chance hat. Der Bautheoretiker forschte also weiter – und stieß auf „eine Art informellen Denkmalschutz“: Wer um- oder anbauen will, muss den Architekten konsultieren. Mit dieser Blockadetaktik schützen die lokalen Behörden das modernistische Erbe. Gestützt werden sie dabei von einer Bevölkerung, der „ihr“ Hotel am Herzen liegt, in dem noch immer Familienfeste gefeiert werden und das vielen Kroaten seit Jahrzehnten einen Arbeitsplatz sichert. Und um auch dem letzten Kritiker den Wind aus den Segeln zu nehmen, werden Bauten wie das in Anlehnung an Le Corbusier ringförmig auf Betonstelzen und mit breiter Rampe erbaute Kinderferienheim der Volksarmee in Krvavica nicht mehr als „sozialistisch“ klassifiziert, sondern einer „kroatischen Moderne“ zugerechnet.

Wollen ausländische Investoren diese Erbschaft vereinnahmen, rührt sich Widerstand, und eben daran ist der russisch-armenische Investor beim „Haludovo“-Hotel gescheitert. Einem Umbauplan nach dem anderen wurde die Genehmigung verweigert. „Der Tycoon“, so resümiert Michael Zinganel, „war sozial absolut inkompetent und wollte die örtliche Bevölkerung am möglichen Benefit nicht ausreichend beteiligen – also kamen die Bauanträge nicht durch“.

Neues Showcase der Kreativindustrie Kroatiens

Mehr Geschick bewies die österreichische Falkensteiner Michaeler Tourism Group, die vom Architekten Boris Podrecca die 1972 ursprünglich von Semsudin Serdarevic und Zijad Demirovic errichteten „Residences Punta Skala“ in Zadar zum Luxus-Resort umbauen ließ. Und vor allem jene einheimischen Investoren, die bei Rovinj mitten im Naturpark „Golden Cape“ das „Lone“ durchsetzen konnten, ein Designhotel, angepriesen als „Showcase der Kreativindustrie Kroatiens“. Tatsächlich bemühen die Architekten von 3LHD kaum mehr als die althergebrachte Metapher des Ozeandampfers und das Spiral-Motiv des New Yorker Guggenheim Museums. Aufregend bleibt für Zinganel allein die Geschichte vom Zustandekommen dieses Neubaus: „Der hiesige ‚global player‘ hat zuerst die ausländischen Investoren hinausgemobbt mit Mitteln, die wir nur aus Filmen kennen. Und dann dieses eigene Imperium ausgestattet nur mit teuerster Architektur und Kunst – ubiquitäre Schaustücke eines Fünf-Sterne-Lebensstils.“

Mit seiner austauschbaren Wellness-Architektur verkörpert das „Lone“ den Lebensstil von Neureichen, die immerhin bis fünf zählen können. Das ist die Kostprobe, der Vorgeschmack einer Entwicklung, die sich mit dem EU-Beitritt und damit einhergehenden investorenfreundlichen Regelungen durchsetzen könnte: Zinganel sieht die Stunde der Betriebswirte und Fremdenverkehrsberater gekommen, die ihre eigenen Häuser kaum kennen, aber genau zu wissen meinen, was an plakativem Design und „Cooless-Effekten“ nötig ist, um auf Tourismusbörsen möglichst viele Übernachtungen loszuschlagen.

Holidays After The Fall
Seaside Architecture and Urbanism in Bulgaria and Croatia
Herausgeber: Michael Zinganel, Elke Beyer, Anke Hagemann
Autoren: Elke Beyer, Anke Hagemann, Norbert Mappes-Niediek, Maroje Mrduljaš und Michael Zinganel
272 Seiten, Englisch
Jovis Verlag, Berlin, August 2013
www.jovis.de
Turmmotive, großzügige Terrassenanlagen und mehrgeschossige Häusern, die sich auf einem Y-förmigen Grundriss zum Meer hin öffnen… Foto © ccn-images Zagreb
…und was davon übrig blieb: eine postmoderne, vom Zahn der Zeit zernagte Betoncollage. Foto © Daniele Ansidei
Zerstört durch Leerstand und Desinvestment auf Grund der Uneinigkeit der Investoren mit örtlichen Behörden: „Haludovo“. Foto © Daniele Ansidei
Ursprünglicher Investor war der Penthouse-Verleger Bob Guccione, der 70 Glamourgirls als Service-Personal anstellen ließ. Foto © Daniele Ansidei/ © Saša Randić and Idis Turato
Aushängeschilder für Titos Tourismus: Edo Murtićs meterhohe Ölgemälde, in der Bar des Hotel Ambasador in Opatija, Architekt Zdravko Bregovac (1964–66). Archiv Turistkommerc, ca. 1972 © ccn-images Zagreb
Die Bulgaren hingegen bevorzugen „Russen-Rokoko“: Hotel Victoria Palace, Sunny Beach. Foto © Nikola Mihov
Ruine des Hotels „Pelegrin“ in Kupari, südlich von Dubrovnik, Teil eines Resorts der Volksarmee. Foto © Wolfgang Thaler
Neuer Standard: Hotel „Lone” am Golden Cape in Rovinj. Foto © 3LDH Zagreb
Erinnert an Le Corbusier: Kinderferienheim der Volksarmee in Krvavica, Architekt Rikard Marasović, 1961. Foto © Wolfgang Thaler
Hotel „Libertas”, Dubrovnik, Architekten Andrija Čičin-Šain, Žarko Vincek, 1974. Foto: Archiv Turistkommerc, ca. 1972 © ccn-images Zagreb
Hotel Ambasador, Opatija. Buchcover „Holidays after the Fall”. Foto: Archiv Turistkommerc, ca. 1972 © ccn-images Zagreb/ Jovis Verlag
Architektur › 2014 › Februar
Ferien mit Tito
von Jochen Stöckmann | 2. Februar 2014
Der legendäre Staatsmann hegte eine Vorliebe für luxuriöse Hotelanlagen. Diese und andere zeigt nun der Bildband „Holidays after the Fall“: Eine fotografische Reise zum architektonischen Erbe der sozialistischen Tourismus-Ära in Kroatien.
Marschall Tito, der legendäre Staatspräsident des sozialistischen Jugoslawien, hat einiges beigetragen zum Erfolg des Fremdenverkehrs an der kroatischen Adria-Küste. Mit dem vom einstigen Partisanenführer eingeschlagenen „Dritten Weg“ der Blockfreiheit zwischen Ost und West bekamen die Einheimischen längere Ferien – und zugleich wurde das Land attraktiv für Urlauber aus kapitalistischen Ländern, vornehmlich der Bundesrepublik Deutschland. Spuren dieser Westorientierung sind noch in der „Hotelkunst“ jener Jahre erkennbar: Ausgewählt von den jeweils besten Kuratoren einer Region wurde zum Beispiel Edo Murtic, der 1951 mit einem „Fulbright Stipendium“ die USA besuchen durfte, nach seiner Rückkehr abrupt vom sozialkritischen Realismus zum abstrakten Expressionismus wechselte und es 1959 zur Teilnahme an der Documenta brachte. Murtics meterhohe Ölgemälde waren Aushängeschilder für Titos Vorzeigeindustrie, den Tourismus. „Westliche“ Kunst demonstrierte in Bars und Foyers der zumeist in rohem Sichtbeton gehaltenen Hochhäuser am Strand kosmopolitisches Flair.

Beweiskräftige Bilder liefert vor allem die Statistik. Ab 1955 schießt die Kurve der Übernachtungszahlen steil nach oben. Erst 1988 bricht sie dann abrupt ein und erreicht 1991 mit dem Zerfall Jugoslawiens ihren Tiefpunkt. Was sich danach zwischen Dubrovnik, Split und Rijeka entwickelt hat, nennt Michael Zinganel „Holidays after the Fall“. Und diesen „Urlaub nach dem Fall“ kann der Architekturtheoretiker als umtriebiger Feldforscher erhellend illustrieren.

Frivoles Joint Venture

So wirken etwa die Fotos einer Ruine des einstigen Luxushotels „Haludovo“ auf den ersten Blick nur surreal, wie eine postmoderne, vom Zahn der Zeit zernagte Betoncollage. Bei näherem Hinsehen – und Nachlesen – aber scheint in diesen Bildern eine ganze Kulturgeschichte auf: 1972 entstand nach Plänen des bis dahin der klassisch strengen Moderne zugerechneten Architekten Boris Magaš ein Luxus-Resort. Die vielfältige Typologie verknüpfte Turmmotive, großzügige Terrassenanlagen und mehrgeschossige Häusern, die sich auf einem Y-förmigen Grundriss zum Meer hin öffneten. Ergänzt wurde diese weitläufige Anlage durch die Imitation eines idyllischen Fischerdorfes. Der Komplex verschlang 45 Millionen Dollar, für die Bob Guccione aufkam, der Herausgeber des Penthouse-Magazins. Als Investor im „frivolsten Joint Venture“ (Zinganel) verlangte der Geschäftsmann aus den USA zuletzt die Anstellung von 70 Glamourgirls als Service-Personal, natürlich in der freizügigen Uniform der „Penthouse-Pets“. All das wurde zwar von Titos illustren Staatsgästen goutiert, etwa dem schwedischen Sozialdemokraten Olof Palme oder Libyens Diktator Gaddafi, ging aber an den Bedürfnissen der durchaus zahlungskräftigen Urlauber aus dem Ausland vorbei.

Die bundesdeutschen Urlauber etwa waren gar nicht daran interessiert, den Währungsvorteil der harten DM zu nutzen und sich endlich auch einmal das Vier- oder gar Fünf-Sterne-Hotel leisten zu können. Ihnen behagte vielmehr das dichte Nebeneinander von Ferienhauskomplexen, schlichten Appartementanlagen und Komforthotels, die Nähe der Campingplätze zu den First-Class-Resorts. Hinzu kamen Pavillons und schlichte Flachbauten für jenen „Sozialtourismus“, mit dem die selbstverwalteten Betriebe in Kindererholungsheimen, Gewerkschaftsclubs und auch den Ferienanlagen der Volksarmee der eigenen Arbeiterklasse einen preiswerten Urlaub ermöglichten. Hier prägten sozialistische Ideen eine Wohnmaschinen-Architektur mit karg ausgestatteten, kleinen Schlafzellen und großzügig dimensionierten sozialen Treffpunkten. Andernorts ist den Gebäuden anzusehen, dass sie auf Vorbilder aus internationalen Architekturzeitschriften zurückgehen, die in Jugoslawien im Gegensatz zu den benachbarten Ostblockstaaten frei erhältlich waren.

Flaggschiffe als Flüchtlingslager

Bis heute, mehr als ein Jahrzehnt nach der strikten Privatisierung der Fremdenverkehrsindustrie, hat sich dieser Mix ganz unterschiedlicher Gebäudetypen weitgehend erhalten. Vor allem die „Flaggschiffe“ der kroatischen Adria wurden allerdings nach der Unabhängigkeitserklärung 1991 von der Armee des ehemaligen Jugoslawien (vermutlich gezielt) beschossen. Andere Hotels wurden im Bürgerkrieg zu Flüchtlingslagern umfunktioniert und kamen herunter. Im Wesentlichen aber ist der kroatischen Adria erspart geblieben, was den Tourismus an den Küsten von Spanien bis Bulgarien prägt – anonyme Bettenburgen und protzig aufgedonnerte Luxushotels. Das führt Zinganel unter anderem auf eine umsichtige Raumplanung im sozialistischen Jugoslawien zurück. So wurden etwa am Rande von Dubrovnik, wo noch Anfang der Sechziger Jahre fantasielose Hotelkästen emporwuchsen, altstadtverträgliche Lösungen entwickelt, beispielhafte Architektur wie Appartementanlagen im mediterranen Stil. Vor allem aber blieben entsprechende Gesetze in Kraft, etwa das Bebauungsverbot in einem 100 Meter breiten Küstenstreifen und die Gewähr für freien Zugang zum Meer.

All das aber erklärt für Zinganel noch nicht, warum das von den Investoren bevorzugte, ohne großen architektonischen Aufwand hochgezogene „Russen-Rokoko“ der bulgarischen Schwarzmeerküste hier kaum eine Chance hat. Der Bautheoretiker forschte also weiter – und stieß auf „eine Art informellen Denkmalschutz“: Wer um- oder anbauen will, muss den Architekten konsultieren. Mit dieser Blockadetaktik schützen die lokalen Behörden das modernistische Erbe. Gestützt werden sie dabei von einer Bevölkerung, der „ihr“ Hotel am Herzen liegt, in dem noch immer Familienfeste gefeiert werden und das vielen Kroaten seit Jahrzehnten einen Arbeitsplatz sichert. Und um auch dem letzten Kritiker den Wind aus den Segeln zu nehmen, werden Bauten wie das in Anlehnung an Le Corbusier ringförmig auf Betonstelzen und mit breiter Rampe erbaute Kinderferienheim der Volksarmee in Krvavica nicht mehr als „sozialistisch“ klassifiziert, sondern einer „kroatischen Moderne“ zugerechnet.

Wollen ausländische Investoren diese Erbschaft vereinnahmen, rührt sich Widerstand, und eben daran ist der russisch-armenische Investor beim „Haludovo“-Hotel gescheitert. Einem Umbauplan nach dem anderen wurde die Genehmigung verweigert. „Der Tycoon“, so resümiert Michael Zinganel, „war sozial absolut inkompetent und wollte die örtliche Bevölkerung am möglichen Benefit nicht ausreichend beteiligen – also kamen die Bauanträge nicht durch“.

Neues Showcase der Kreativindustrie Kroatiens

Mehr Geschick bewies die österreichische Falkensteiner Michaeler Tourism Group, die vom Architekten Boris Podrecca die 1972 ursprünglich von Semsudin Serdarevic und Zijad Demirovic errichteten „Residences Punta Skala“ in Zadar zum Luxus-Resort umbauen ließ. Und vor allem jene einheimischen Investoren, die bei Rovinj mitten im Naturpark „Golden Cape“ das „Lone“ durchsetzen konnten, ein Designhotel, angepriesen als „Showcase der Kreativindustrie Kroatiens“. Tatsächlich bemühen die Architekten von 3LHD kaum mehr als die althergebrachte Metapher des Ozeandampfers und das Spiral-Motiv des New Yorker Guggenheim Museums. Aufregend bleibt für Zinganel allein die Geschichte vom Zustandekommen dieses Neubaus: „Der hiesige ‚global player‘ hat zuerst die ausländischen Investoren hinausgemobbt mit Mitteln, die wir nur aus Filmen kennen. Und dann dieses eigene Imperium ausgestattet nur mit teuerster Architektur und Kunst – ubiquitäre Schaustücke eines Fünf-Sterne-Lebensstils.“

Mit seiner austauschbaren Wellness-Architektur verkörpert das „Lone“ den Lebensstil von Neureichen, die immerhin bis fünf zählen können. Das ist die Kostprobe, der Vorgeschmack einer Entwicklung, die sich mit dem EU-Beitritt und damit einhergehenden investorenfreundlichen Regelungen durchsetzen könnte: Zinganel sieht die Stunde der Betriebswirte und Fremdenverkehrsberater gekommen, die ihre eigenen Häuser kaum kennen, aber genau zu wissen meinen, was an plakativem Design und „Cooless-Effekten“ nötig ist, um auf Tourismusbörsen möglichst viele Übernachtungen loszuschlagen.

Holidays After The Fall
Seaside Architecture and Urbanism in Bulgaria and Croatia
Herausgeber: Michael Zinganel, Elke Beyer, Anke Hagemann
Autoren: Elke Beyer, Anke Hagemann, Norbert Mappes-Niediek, Maroje Mrduljaš und Michael Zinganel
272 Seiten, Englisch
Jovis Verlag, Berlin, August 2013
www.jovis.de