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Fischgräten im Wohnzimmer
von Rebecka Tarschys | 24. April 2009
Bei „Engelbreksgatan" der Architekten Bolle Tham und Martin Videgård Hansson handelt es sich um einen Renovierungsauftrag für eine große Zehn-Zimmer-Wohnung, wobei Engelbreksgatan nichts anderes als der Name einer Straße im Zentrum von Stockholm ist, die auf der einen Seite von Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert gesäumt ist, sich auf deren anderen aber zu dem Park Humlegården hin öffnet. Die Architekten hatten bei ihrer Aufgabe freie Hand und gingen mit der gleichen Detailversessenheit an die Sache heran, wie sie bei der Entstehung des Hauses geherrscht hatte - aber nun auf eine moderne und rationelle Weise, die der Lebensart der darin lebenden Familie entspricht.

Der Boden besteht aus großen, gebeizten Parkettstäben, die im Fischgrätmuster verlegt wurden. Jeder Raum hat seine eigene kräftige Farbe, wobei die Farben zwischen den Räumen und an den Wänden im Parkett ineinander fließen. Dadurch wird die Abkehr von den alten Raumverhältnissen unterstrichen. Zwischen den Räumen wurde die Rolle der Tür als Barriere aufgehoben, indem die Flächen auf beiden Seiten der Schwelle zusammenhängend gestaltet wurden. Wo Licht durch die Fenster fällt, haben die Parkettstäbe eine hellere Farbe, und zwischendurch weisen sie auch ihre natürliche Eschenholzfarbe auf, besonders im Speiseraum, wo ein Esstisch in Form einer Landkarte Schwedens steht. Außerhalb des offenen Speisezimmers bildet das Parkettmuster seinen eigenen dunklen Raum, während vom Boden aus über die Vertäfelung reichende Blitze den Blick zu der beträchtlichen Deckenhöhe schweifen lassen. „Unser Hauptanliegen war es, den Gesamteindruck zu verbessern, und nicht einzelne schöne Farben auszuwählen", beschreiben die Architekten ihr Entwurfsziel. Grün, gelb, rot, lila, orange - fast scheint es, als ob das Herbstlaub vom Humlegården mit seinen mächtigen alten Bäumen in die Wohnung geweht worden wäre.

"Als es geschneit hatte, sahen wir, wie warm der Boden im Kontrast zu den weißen, abstrakten Ästen vor dem Fenster wirkte - ein völlig neuer Eindruck!", so Bolle Tham und Martin Videgård Hansson. Bei der Einrichtung der 375 Quadratmeter großen Wohnung der Familie Niclas Sundström genossen die Architekten das volle Vertrauen der Auftraggeber. Mutter, Vater und zwei kleine Kinder, die bisher in London und Südfrankreich gelebt hatten, sollten nun auch ein Heim in Stockholm bekommen. War die Einrichtung der Wohnung ursprünglich von Handwerkern aufwendig, bis ins kleinste Detail geplant und durchgeführt worden, so musste ein derart arbeitsintensives Vorgehen nun durch eine rationell ausgerichtete Vorgehensweise ersetzt werden. Das lag nicht am Geld, sondern vielmehr an dem Bedürfnis nach einer anderen Art von Freiheit, die geschaffen werden sollte. Die eher schlicht und nur grob durchgeführten Renovierungen, unter denen die Wohnung jahrzehntelang gelitten hatte, gaben den Architekten noch mehr Freiheit. Von einer Renovierung im Sinne einer Wiederherstellung war nie die Rede. Vor allem durch den Einsatz von Farbe sollte eine neue Raumeinteilung geschaffen werden.

Die Wohnung stammt aus der Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und war einst gebaut worden, um der Oberklasse einen repräsentativen Lebensstil in deutlich von einander abgegrenzten und von ihrer jeweiligen Funktion bestimmten Räumen zu ermöglichen, wobei Küche und Dienstboten in angemessener Distanz zu den Wohnräumen Herrschaft gehalten wurden. Die Vorgabe an die Architekten bestand nun darin, den Grundriss mehr oder weniger beizubehalten, der Wohnung aber eine neue Offenheit zu geben, wie sie eine Familie heute für ihr „Modern Living" benötigt. Konkret musste eine Lösung dafür gefunden werden, wie man einander ungezwungen begegnen und ein gleichsam natürliches Zusammenleben regeln kann. Um das zu erreichen, rückte die Küche ins Zentrum, während die offenen Raumfluchten nun beim Schlafzimmer enden. Die alte Küche, die am Rande der Wohnung lag, wurde zu einer Gästewohnung mit eigener Kochnische umgestaltet. Während der zur Straße und zum Park hin gelegene Raum den Rhythmus des Alltags aufnimmt, bildet das Schlaf- und Spielzimmer der Kinder über die Bibliothek, die Gemeinschaftsfläche des großen Raumes und den Raum, in dem der Esstisch der Familie steht, eine gemütliche Fortsetzung der spiegelblanken Küchenutensilien und der ansprechenden Bar.

Der satte Farbton, von dem sich die Architekten inspirieren ließen, hat durchaus Vorgänger in der schwedischen Kunst der Inneneinrichtung: Karin und Carl Larssons sonniges Jahrhundertwendeheim Sundborn in Dalarna sowie den österreichischen Funktionalismusarchitekten Josef Frank, der vor den Nationalsozialisten nach Schweden geflüchtet war, und dessen geblümte, farbenreiche Interieurs seit den dreißiger Jahren eine künstlerische, angelsächsisch verwurzelte Alternative zur „Wohnung als Maschine" boten.

Sogar die Möblierung der Wohnung überließ Familie Sundström ihren Architekten. Einen großen Teil haben Tham und Videgård Hansson selbst entworfen, darüber hinaus aber auch die übrigen Designmöbel ausgesucht. "Wir haben uns", so erläutern sie ihr Vorgehen, „ausschließlich für schwedische Hersteller entschieden und alle Möbel in Weiß bestellt, sogar Josef Franks Walnuss-/Erlenholztisch und sein sonst im eigenen Muster geblümtes Sofa Liljevalchs mit doppelter Tiefe."´

Mittlerweile freut sich Familie Sundström auf ein verlängertes Wochenende im neuen Domizil, und das Architektenduo darauf, dass die Bewohner ihre neue Umgebung in Besitz nehmen und prägen werden. Denn eines wollten die Architekten auf keinen Fall: vorherbestimmen, wie das Leben der Bewohner auszusehen hat. Solange sie sich in der Wohnung nur wohl fühlen.

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