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Erinnern Sie sich? Es gab Zeiten, da haben Jungs stundenlang konzentriert gespielt, ohne ipod, iphone, Stecker, Strom und Monitor. Ein Beispiel? Quartettspielen. Tempi passati, werden Sie sagen? Nicht ganz. Denn nicht nur, wer früher drei Berti Vogts gegen einen Beckenbauer getauscht hat oder mit dem Faun Feuerwehrwagen gegen einen Porsche oder Ferrari gewonnen hat, kann sich auch heute – ganz seriös – dem vergnüglichen Vergleichen hingeben. Zudem: Quartettspiele sind Wissensspiele. Zwar geht es darum, den Mitspieler zu schlagen und möglichst viele Karten anzusammeln; ganz nebenbei aber lernt man auch noch eine Menge. Selbst wenn man die Karten nur studiert.

Zwei Quartette sind uns besonders aufgefallen. Und das keinesfalls allein deshalb, weil sie so wunderbar anachronistisch daherkommen, sondern weil sie jedem, der sich für Architektur und Stadtbeleuchtung interessiert, eine Menge Anschauungsmaterial und historisches Wissen bieten. So manchem, der die Karten in Händen hält und betrachtet, wird, auch wenn er nicht Architekt ist, freilich eine Art historischer Schauer über den Rücken laufen.

Das erste Quartett heißt schlicht „Plattenbauten“ und trägt den soliden Untertitel „Berliner Betonbauten“. Zusammengestellt hat es der Berliner Architekt Cornelius Mangold (Fotografien: Stefan Wolf Lucks, Texte: Jochen Schmidt) schon vor zehn Jahren, um die – ach so verpönte – „Ost-Platte“ einerseits zu würdigen, um andererseits aber auch einen Beitrag zur Diskussion um den Umgang mit dem baulichen Erbe der DDR zu leisten. Seit diesem Jahr ist es wieder erhältlich.

Dokumentiert werden signifikante Details von unsanierten Fassadenelementen, herrliche realsozialistische Formsteine, Verbindungs- und Giebelelemente aus Beton und Keramik, etwa aus Lichtenberg, aus Mitte, Hellersdorf, Marzahn und Hohenschönhausen. Ergänzt werden die strengen DDR-Raster und die industriell gefertigten Betonreliefs durch wichtige Kenndaten wie Geschosszahl, Fertigstellung, Elementbreite, Elementhöhe und Einheiten. Nicht nur bei einem der Bauten fragt man sich, ob er wohl noch steht – und möchte eigentlich gleich loslaufen, um in der Leipziger Straße 46 in Mitte – herrlich wellenförmige Formsteine – oder in Pankow – Außenwandplatten aus Keramik – nachzusehen. Die heutige Investorenarchitektur ist anders, aber ist sie ästhetisch wirklich besser? Bauen im Bestand ist eben nicht nur auf der Architekturbiennale von Venedig ein Thema. Ob Le Corbusier das Spiel gemocht hätte?

Das zweite Quartett, ebenfalls von Cornelius Mangold zusammengestellt (Fotografien: Florian Braun, Texte: Claudia Basrawi) und nun wieder greifbar, widmet sich einem besonders exotischen Thema, der „Stadtbeleuchtung“ – in Berlin-Ost und -West. Gezeigt werden sogenannte „Funktionsleuchten“, elektrisch betrieben und allesamt mit Charakter, die seit 1945 zum Einsatz gekommen sind. Eben ein Stück Alltagskultur, von der Platzleuchte über die „Hauptstraßenleuchte Hochmast“ bis zur „Nebenstraßenleuchte Kurzmast“. Ergänzt werden die Fotografien der „Lichtelemente“ – nicht zu verwechseln mit den lichtscheuen Elementen – durch Angaben wie Zündzeit, Lichtpunkthöhe, Lampenanzahl, Energieverbrauch und Aufstellungsjahr. Besonders die „Hochmasten“ wecken nicht selten Erinnerungen an frühere Grenzkontrollstellen, selbst dann, wenn sie im Westen stehen. Aber eben auch, wie die Bega-Kugeln am Flughafen Tegel, an den Chic der 1970er-Jahre.

Es muss also nicht immer ein Bildband sein, der über die Welt der sozialistischen Raster aufklärt oder zum Systemvergleich in Sachen Stadtbeleuchtung einlädt. Auch ein Quartettspiel ist Teil der Aufklärung.

Cornelius Mangold (Konzeption)
Stefan Wolf Lucks (Fotografien)
Jochen Schmidt (Texte)
Plattenbauten, Berliner Betonerzeugnisse.
Ein Quartettspiel
33 Blatt, 28 Bildkarten, 4 Textkarten, 1 Beipackzettel, engl.,
mit Inform. zum industriellen Wohnungsbau in der DDR,
DOM publishers, Berlin
9,95 Euro

Cornelius Mangold (Konzeption)
Florian Braun (Fotografien)
Claudia Basrawi (Texte)
Stadtbeleuchtung. Berliner Lichtelemente.
Ein Quartettspiel
41 Blatt, 36 Bildkarten, 4 Textkarten, 1 Beipackzettel, engl.,
mit Inform. Zur elektrischen Straßenbeleuchtung Berlins,
DOM publishers, Berlin
9,95 Euro

www.dom-publishers.com
Das Quartett „Plattenbauten. Berliner Betonerzeugnisse“ liefert wissenswertes über die „Ost-Platte“, das bauliche Erbe der DDR, Foto © Tatjana Prenzel, Stylepark
Formstein und Kurzmast
von Thomas Wagner
14. Dezember 2012
Der Verlag „DOM publishers“ präsentiert zwei Quartettspiele zu den Themen Berliner Architektur und Stadtbeleuchtung, Foto © Tatjana Prenzel, Stylepark
Das Kartenspiel „Stadtbeleuchtung. Berliner Lichtelemente“ zeigt Straßenleuchten in Berlin ab 1945, Foto © Tatjana Prenzel, Stylepark
Fakten wie „Lichtpunkthöhe“ oder „Aufstellungsjahr“ entscheiden über Gewinn oder Verlust einer Spielkarte, Foto © Tatjana Prenzel, Stylepark
Berliner Alltagskultur als Gesellschaftsspiel, Foto © Tatjana Prenzel, Stylepark
Architektur › 2012 › Dezember
Formstein und Kurzmast
von Thomas Wagner | 14. Dezember 2012
Beginnen wir sie bereits zu vermissen, die „Ost-Platte“? Und wie steht es um unser Bild von der Berliner „Stadtbeleuchtung“. Zwei Quartette klären uns auf und zeigen, wie man mit Geschichte spielen und dabei lernen kann.
Erinnern Sie sich? Es gab Zeiten, da haben Jungs stundenlang konzentriert gespielt, ohne ipod, iphone, Stecker, Strom und Monitor. Ein Beispiel? Quartettspielen. Tempi passati, werden Sie sagen? Nicht ganz. Denn nicht nur, wer früher drei Berti Vogts gegen einen Beckenbauer getauscht hat oder mit dem Faun Feuerwehrwagen gegen einen Porsche oder Ferrari gewonnen hat, kann sich auch heute – ganz seriös – dem vergnüglichen Vergleichen hingeben. Zudem: Quartettspiele sind Wissensspiele. Zwar geht es darum, den Mitspieler zu schlagen und möglichst viele Karten anzusammeln; ganz nebenbei aber lernt man auch noch eine Menge. Selbst wenn man die Karten nur studiert.

Zwei Quartette sind uns besonders aufgefallen. Und das keinesfalls allein deshalb, weil sie so wunderbar anachronistisch daherkommen, sondern weil sie jedem, der sich für Architektur und Stadtbeleuchtung interessiert, eine Menge Anschauungsmaterial und historisches Wissen bieten. So manchem, der die Karten in Händen hält und betrachtet, wird, auch wenn er nicht Architekt ist, freilich eine Art historischer Schauer über den Rücken laufen.

Das erste Quartett heißt schlicht „Plattenbauten“ und trägt den soliden Untertitel „Berliner Betonbauten“. Zusammengestellt hat es der Berliner Architekt Cornelius Mangold (Fotografien: Stefan Wolf Lucks, Texte: Jochen Schmidt) schon vor zehn Jahren, um die – ach so verpönte – „Ost-Platte“ einerseits zu würdigen, um andererseits aber auch einen Beitrag zur Diskussion um den Umgang mit dem baulichen Erbe der DDR zu leisten. Seit diesem Jahr ist es wieder erhältlich.

Dokumentiert werden signifikante Details von unsanierten Fassadenelementen, herrliche realsozialistische Formsteine, Verbindungs- und Giebelelemente aus Beton und Keramik, etwa aus Lichtenberg, aus Mitte, Hellersdorf, Marzahn und Hohenschönhausen. Ergänzt werden die strengen DDR-Raster und die industriell gefertigten Betonreliefs durch wichtige Kenndaten wie Geschosszahl, Fertigstellung, Elementbreite, Elementhöhe und Einheiten. Nicht nur bei einem der Bauten fragt man sich, ob er wohl noch steht – und möchte eigentlich gleich loslaufen, um in der Leipziger Straße 46 in Mitte – herrlich wellenförmige Formsteine – oder in Pankow – Außenwandplatten aus Keramik – nachzusehen. Die heutige Investorenarchitektur ist anders, aber ist sie ästhetisch wirklich besser? Bauen im Bestand ist eben nicht nur auf der Architekturbiennale von Venedig ein Thema. Ob Le Corbusier das Spiel gemocht hätte?

Das zweite Quartett, ebenfalls von Cornelius Mangold zusammengestellt (Fotografien: Florian Braun, Texte: Claudia Basrawi) und nun wieder greifbar, widmet sich einem besonders exotischen Thema, der „Stadtbeleuchtung“ – in Berlin-Ost und -West. Gezeigt werden sogenannte „Funktionsleuchten“, elektrisch betrieben und allesamt mit Charakter, die seit 1945 zum Einsatz gekommen sind. Eben ein Stück Alltagskultur, von der Platzleuchte über die „Hauptstraßenleuchte Hochmast“ bis zur „Nebenstraßenleuchte Kurzmast“. Ergänzt werden die Fotografien der „Lichtelemente“ – nicht zu verwechseln mit den lichtscheuen Elementen – durch Angaben wie Zündzeit, Lichtpunkthöhe, Lampenanzahl, Energieverbrauch und Aufstellungsjahr. Besonders die „Hochmasten“ wecken nicht selten Erinnerungen an frühere Grenzkontrollstellen, selbst dann, wenn sie im Westen stehen. Aber eben auch, wie die Bega-Kugeln am Flughafen Tegel, an den Chic der 1970er-Jahre.

Es muss also nicht immer ein Bildband sein, der über die Welt der sozialistischen Raster aufklärt oder zum Systemvergleich in Sachen Stadtbeleuchtung einlädt. Auch ein Quartettspiel ist Teil der Aufklärung.

Cornelius Mangold (Konzeption)
Stefan Wolf Lucks (Fotografien)
Jochen Schmidt (Texte)
Plattenbauten, Berliner Betonerzeugnisse.
Ein Quartettspiel
33 Blatt, 28 Bildkarten, 4 Textkarten, 1 Beipackzettel, engl.,
mit Inform. zum industriellen Wohnungsbau in der DDR,
DOM publishers, Berlin
9,95 Euro

Cornelius Mangold (Konzeption)
Florian Braun (Fotografien)
Claudia Basrawi (Texte)
Stadtbeleuchtung. Berliner Lichtelemente.
Ein Quartettspiel
41 Blatt, 36 Bildkarten, 4 Textkarten, 1 Beipackzettel, engl.,
mit Inform. Zur elektrischen Straßenbeleuchtung Berlins,
DOM publishers, Berlin
9,95 Euro

www.dom-publishers.com