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Fundstücke: Im Frühtau zu Berge...
von Sandra Hofmeister | 13. Oktober 2008
Kritiker halten die Alpenregion für langweilige Provinz. Abseits der Metropolen, in denen Europa seine kurzlebigen Trends auslebt, bieten die Berge in der Regel keine schrille Szene, kaum exaltierte Events und wenig Wirtschaftskraft. Trotzdem und gerade deshalb können sich dort Zusammenhänge entwickeln, die - auch und besonders wenn es um Gestaltung geht - zu erstaunlichen Ergebnissen führen. Der kürzlich erschienene Band „Neues Bauen in den Alpen" - vom Bozener Architekten Christoph Mayr Fingerle herausgegeben - versammelt eines dieser Phänomene in einer grandiosen Gesamtschau: Es geht um Architektur in den Alpen, genauer gesagt um die Projekte, die mit dem angesehenen Architekturpreis der Initiative Sexten Kultur 2006 ausgezeichnet worden sind.

Die architektonische Gesamtschau ist nach verschiedenen Gebäudetypologien geordnet, vom Badehaus bis zum Supermarkt und von Brückenkonstruktionen bis Industriegebäuden. Einzelne Projekte sind anhand von Texten, Fotos und Zeichnungen dokumentiert. Unter den Architekten befinden sich viele bekannte Größen wie Peter Zumthor oder Valerio Olgiati. Und darüber hinaus präsentiert das Buch jede Menge aufregender Entdeckungen, die man am liebsten allesamt sofort auf einer großen Alpenreise in Augenschein nehmen würde.

Mehr als 419 Projekte wurden eingesandt, heißt es in den Notizen der Jury, die der Werkschau vorangestellt sind. Der Architekturpreis hat sich zu einem wichtigen Qualitätssiegel entwickelt, das dank seiner kritischen Jury und der fulminanten Buchpublikation des Münchern Grafikers Bernd Kuchenbeiser seinesgleichen sucht. Schon der Titel des kraftvollen, leinengebundenen Bandes ist ungewöhnlich: Eine Skizze ist auf den Einband mit Kopf- und Fußschnitt geprägt. Es ist das eigenwillige Organigramm für einen Supermarkt, eine Art Einkaufsliste, die der Innsbrucker Architekt Rainer Köberl als Grundrissstudie für sein M-Preis-Gebäude im österreichischen Wenns anfertigte. „Obst, Gemüse" ist da zu lesen, „Kekse und Schoko" heißt es weiter. Architektur in den Alpen kann hungrig machen. Genau wie dieses Buch, das seine Leser nach mehr verlangen lässt.

Der Nachschlag kommt - was die Umschlaggestaltung betrifft - als rote Banderole. Auf glänzendem Papier schiebt sich der Schriftzug des Titels, die Herausgeber- und die Verlagsangaben über das geprägte Leinen. Ein ungewöhnliches Prinzip, das sich genauso selbstbewusst und unkonventionell wie so manche Überraschung aus dem Buchinhalt gibt.

Neues Bauen in den Alpen, Architekturpreis 2006, herausgegeben von Christoph Mayr Fingerle, gestaltet von Bernd Kuchenbeiser, in deutsch, englisch und italienisch, gebunden, 390 Seiten, Birkhäuser Verlag, Basel 2008, 49,90 Euro

www.springer.com/birkhauser