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Hand und Bau
von Thomas Wagner | 21. Juli 2013
Mehr als einfach nur ein Bildband: Wang Shu, Imagining the House. Foto © Tatjana Prenzel, Stylepark
Man hört immer wieder davon und kann das Ergebnis hier und da in Ausstellungen bestaunen: Architekten – nicht nur solche, die berühmt sind – pflegen, so sie von der Muse geküsst, von der Inspiration oder dem Bauherrn überwältigt werden, ihre ersten Entwürfe gern auf Servietten, Tischdecken oder Zettel zu zeichnen. Wo die Ideen nur so sprudeln, bedarf es offenbar einer Methode, all das, was aus dem aktivierten Geist überfließt, rasch festzuhalten, wobei sich Hand und Stift noch immer als überlegen erweisen. Was folgt, sind Präzisierungen, Fixierungen, ein ins konkrete Planen übergehendes Ausarbeiten des ursprünglichen Entwurfs – was heutzutage meist am Computer erledigt wird.

Das Zeichnen mit der Hand hat aber noch einen anderen Vorteil. Wo eine technische Zeichnung oder ein Plan, sei er am Reißbrett oder mittels CAD am Rechner entstanden, die Idee eines Baukörpers und dessen Stellung in der Landschaft oder im Verbund mit anderen Gebäuden in abstrakter Zweidimensionalität fixiert, bewahrt die Handzeichnung etwas vom Unfertigen und Vorläufigen und trägt es weiter.

Wer sich dafür interessiert, wie geduldig und genau der chinesische Architekt Wang Shu, Pritzker-Preisträger des Jahres 2012, eine Form findet, sie zu einem Gebäude weiterentwickelt, Varianten und Zusammenhänge erprobt, der sollte sich den Band „Imagining the House“ genau anschauen.

Die Bauten Wang Shus sind gekennzeichnet von klaren und einfachen Formen sowie durch die Verwendung traditioneller Methoden und Materialien. Oft verwendet er für seine Gebäude Stoffe und Materialien, die schon einmal verbaut wurden, also eine Geschichte in sich tragen. Den Entwurfsprozess beginnt Shu zunächst damit, dass er sich intensiv mit dem Ort beschäftigt, an dem das oder die Gebäude entstehen sollen. Er besucht ihn möglichst lange und lässt ihn auf sich einwirken. Die ersten Entwürfe entstehen sodann in Form skizzenhafter Handskizzen, die in relativ kurzer Folge gezeichnet werden. Wie er auch alles weitere mittels von Hand gefertigter Zeichnungen entwickelt, bis hin zu Grundrissen und Details.

Eben diesen Prozess kann man anhand des Bandes nachvollziehen. Er gibt die Zeichnungen von Wang Shu zu sechs verschiedenen Projekten in Originalgröße wieder, zusammen mit Fotostrecken von den Standorten, die einen Eindruck von den Besonderheiten des jeweiligen Ortes vermitteln.

In dem Architekturbüro, das er zusammen mit seiner Frau Lu Wenyu betreibe, so bekennt Wang Shu im Vorwort, sei er der einzige, der nur mit Bleistift zeichne. Zeichnen bedeute für ihn, näher an der Natur zu sein. Auch stelle das Praktizieren chinesischer Kalligraphie für ihn ein Gegengewicht dar zum schnellen Tempo, mit dem sich die chinesische Gesellschaft entwickle.

All das merkt man den Zeichnungen an. Ob Shu stereometrische Ansichten zeichnet, Details extrahiert und durchspielt, ob er Schnitte festhält, Ansichten skizziert oder die Abfolge von Gebäuden, ihre Lage in der Landschaft, ihren Rhythmus und ihr Zusammenstimmen erprobt – es entsteht eine innige Verbindung aus Entwurf, Prozess und Hand, wie sie sich mit technischen Zeichnungen niemals erzielen lässt.

Verfolgt man, wie Shu ein Projekt sich von Blatt für Blatt entwickeln lässt, so staunt man freilich nicht nur darüber, wie akribisch er zu Werke geht. Man begreift auch, weshalb man es einem Bauwerk nicht nur ansieht, aus welchem Geiste heraus es entworfen wurde, sondern auch, ob es aus dem Computer stammt oder Schritt für Schritt von der Hand des Architekten geformt, zerlegt, wieder zusammengesetzt und verändert wurde. Lange bevor der erste Beton gegossen oder die ersten Ziegelsteine vermauert werden.

So bietet das Buch tatsächlich einen einzigartigen Einblick in die Arbeit eines Architekten, der bisher in Europa noch wenig bekannt ist. Man kann den Band aber ebenso gut als einen gezeichneten Traktat über das Verhältnis von Hand und Bau und deren Zusammenwirken verstehen.

Wang Shu: Imagining the House
Lars Müller Publishers 2012
Design: Integral Lars Müller
168 Seiten, 68 Zeichnungen, 15 Fotografien, Softcover, Japanische Bindung
50,00 Euro

Einzigartige Einsichten in die Arbeit des Pritzker-Preisträgers. Foto © Lars Müller Publishers
Geduldig und genau, so findet Wang Shu seine Form – ebenso sollte man auch an die Lektüre dieses Buches herangehen. Foto © Tatjana Prenzel, Stylepark
Der Ort, die Umgebung dienen als wichtige Inspirationsquelle für seine Bauten. Foto © Lars Müller Publishers
In seinem Architekturbüro ist er der einzige, der mit Bleistift zeichnet. Foto © Tatjana Prenzel, Stylepark
Kalligraphie als Gegengewicht zum schnellen Tempo der chinesischen Gesellschaft. Foto © Tatjana Prenzel, Stylepark
Handzeichnungen haben etwas vom Unfertigen und Vorläufigen und tragen es weiter. Foto © Lars Müller Publishers
Von der Muse geküsst: Wang Shu. Foto © Tatjana Prenzel, Stylepark
Man begreift, weshalb man es einem Bauwerk ansieht, aus welchem Geiste heraus es entworfen wurde. Foto © Tatjana Prenzel, Stylepark
Der Band als gezeichnetes Traktat… Foto © Tatjana Prenzel, Stylepark
… über das Verhältnis von Hand und Bau. Foto © Tatjana Prenzel, Stylepark
Naturbelassenes Papier, traditionelle Bindung: Mit der Gestaltung des Buches lehnen sich die Macher an Wang Shus Werke an. Foto © Tatjana Prenzel, Stylepark
Soft und clean: Wang Shu, Imagining the House. Foto © Tatjana Prenzel, Stylepark
Architektur › 2013 › Juli
Hand und Bau
von Thomas Wagner | 21. Juli 2013
Der Band „Imagining the House“ des Pritzker-Preisträgers Wang Shu enthält Handzeichnungen des Architekten in Originalgröße. Wer wissen möchte, ob es einen Unterschied macht, ob ein Gebäude von Hand oder am Computer entworfen wurde, muss sie nur genau genug betrachten.

Man hört immer wieder davon und kann das Ergebnis hier und da in Ausstellungen bestaunen: Architekten – nicht nur solche, die berühmt sind – pflegen, so sie von der Muse geküsst, von der Inspiration oder dem Bauherrn überwältigt werden, ihre ersten Entwürfe gern auf Servietten, Tischdecken oder Zettel zu zeichnen. Wo die Ideen nur so sprudeln, bedarf es offenbar einer Methode, all das, was aus dem aktivierten Geist überfließt, rasch festzuhalten, wobei sich Hand und Stift noch immer als überlegen erweisen. Was folgt, sind Präzisierungen, Fixierungen, ein ins konkrete Planen übergehendes Ausarbeiten des ursprünglichen Entwurfs – was heutzutage meist am Computer erledigt wird.

Das Zeichnen mit der Hand hat aber noch einen anderen Vorteil. Wo eine technische Zeichnung oder ein Plan, sei er am Reißbrett oder mittels CAD am Rechner entstanden, die Idee eines Baukörpers und dessen Stellung in der Landschaft oder im Verbund mit anderen Gebäuden in abstrakter Zweidimensionalität fixiert, bewahrt die Handzeichnung etwas vom Unfertigen und Vorläufigen und trägt es weiter.

Wer sich dafür interessiert, wie geduldig und genau der chinesische Architekt Wang Shu, Pritzker-Preisträger des Jahres 2012, eine Form findet, sie zu einem Gebäude weiterentwickelt, Varianten und Zusammenhänge erprobt, der sollte sich den Band „Imagining the House“ genau anschauen.

Die Bauten Wang Shus sind gekennzeichnet von klaren und einfachen Formen sowie durch die Verwendung traditioneller Methoden und Materialien. Oft verwendet er für seine Gebäude Stoffe und Materialien, die schon einmal verbaut wurden, also eine Geschichte in sich tragen. Den Entwurfsprozess beginnt Shu zunächst damit, dass er sich intensiv mit dem Ort beschäftigt, an dem das oder die Gebäude entstehen sollen. Er besucht ihn möglichst lange und lässt ihn auf sich einwirken. Die ersten Entwürfe entstehen sodann in Form skizzenhafter Handskizzen, die in relativ kurzer Folge gezeichnet werden. Wie er auch alles weitere mittels von Hand gefertigter Zeichnungen entwickelt, bis hin zu Grundrissen und Details.

Eben diesen Prozess kann man anhand des Bandes nachvollziehen. Er gibt die Zeichnungen von Wang Shu zu sechs verschiedenen Projekten in Originalgröße wieder, zusammen mit Fotostrecken von den Standorten, die einen Eindruck von den Besonderheiten des jeweiligen Ortes vermitteln.

In dem Architekturbüro, das er zusammen mit seiner Frau Lu Wenyu betreibe, so bekennt Wang Shu im Vorwort, sei er der einzige, der nur mit Bleistift zeichne. Zeichnen bedeute für ihn, näher an der Natur zu sein. Auch stelle das Praktizieren chinesischer Kalligraphie für ihn ein Gegengewicht dar zum schnellen Tempo, mit dem sich die chinesische Gesellschaft entwickle.

All das merkt man den Zeichnungen an. Ob Shu stereometrische Ansichten zeichnet, Details extrahiert und durchspielt, ob er Schnitte festhält, Ansichten skizziert oder die Abfolge von Gebäuden, ihre Lage in der Landschaft, ihren Rhythmus und ihr Zusammenstimmen erprobt – es entsteht eine innige Verbindung aus Entwurf, Prozess und Hand, wie sie sich mit technischen Zeichnungen niemals erzielen lässt.

Verfolgt man, wie Shu ein Projekt sich von Blatt für Blatt entwickeln lässt, so staunt man freilich nicht nur darüber, wie akribisch er zu Werke geht. Man begreift auch, weshalb man es einem Bauwerk nicht nur ansieht, aus welchem Geiste heraus es entworfen wurde, sondern auch, ob es aus dem Computer stammt oder Schritt für Schritt von der Hand des Architekten geformt, zerlegt, wieder zusammengesetzt und verändert wurde. Lange bevor der erste Beton gegossen oder die ersten Ziegelsteine vermauert werden.

So bietet das Buch tatsächlich einen einzigartigen Einblick in die Arbeit eines Architekten, der bisher in Europa noch wenig bekannt ist. Man kann den Band aber ebenso gut als einen gezeichneten Traktat über das Verhältnis von Hand und Bau und deren Zusammenwirken verstehen.

Wang Shu: Imagining the House
Lars Müller Publishers 2012
Design: Integral Lars Müller
168 Seiten, 68 Zeichnungen, 15 Fotografien, Softcover, Japanische Bindung
50,00 Euro