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Hochhaus oder grüne Wiese?
Kommentar von Jeremy Gaines
9. März 2016
Der Frankfurter Riedberg: Im Stadtzentrum mangelt es an Wohnraum – so lockt der Grüngürtel zur Bebauung. Foto © Bulendam, Wikipedia.org
Ganz gleich ob in der Rhein-Main Region und im Ruhrgebiet, in München, Hamburg oder Berlin: Es fehlt an Wohnraum. Es wurden in der Vergangenheit einfach nicht genügend Wohnungen gebaut – und da galt es noch keine syrischen Flüchtlinge unterzubringen. Der jüngste und wohl anhaltende Zustrom von Flüchtlingen wird diese Wohnungsnot noch verschärfen, wobei die weniger Privilegierten unserer Gesellschaft das Nachsehen haben dürften und an die Ränder der Städte gedrängt werden. Zugleich wurde erst kürzlich die Fusion der beiden größten Wohnungsbaugesellschaften genehmigt: Damit befindet sich jetzt die beispiellose Anzahl von 500.000 Wohnungen im Besitz eines einzelnen Unternehmens, der Vonovia SE. Wird es in Zukunft also darum gehen, wer sich im Kampf zwischen Marktmacht und dem vom Staat subventionierten Wohnungsbau behauptet?

Nicht nur die Politiker in Frankfurt am Main zerbrechen sich aktuell den Kopf darüber, wie sie genügend Wohnraum für die wachsende Einwohnerzahl (alle diese Einwohner sind natürlich willkommene Konsumenten und Steuerzahler) bereitstellen können. In diesem Zusammenhang ist eine erbitterte Debatte in der Mainmetropole entbrannt, die exemplarischen Charakter für viele andere Städte hat. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die für den Bau neuer Wohnsiedlungen im Grüngürtel (wie auf dem Frankfurter Riedberg) plädieren. Eine lockere Bebauung außerhalb der Stadt, die ein hochwertigeres Wohnen ermöglicht, für die aber auch Grünflächen geopfert werden müssen. Auf der anderen Seite stehen jene, die Brachflächen in der Stadt bebauen wollen und in erster Linie eine stärkere Verdichtung anstreben. Die Verdichtungsbefürworter verweisen dabei auf Metropolen und Megastädte wie beispielsweise Singapur, wo Verdichtung alles ist – Grün sucht man dort so oder so vergeblich. Um Fahrzeiten (zum Arbeitsplatz) zu verkürzen und Kraftstoff (und somit Hitzeausstrahlung) zu sparen, so das Argument, müsse in die Höhe und kompakter gebaut werden, eine Expansion mit aufgelockerter Bebauung sei entsprechend zu vermeiden. Beide Seiten sind im Recht und liegen doch so völlig falsch.

Achtung: Zielkonflikt

Beide Lager übersehen mit ihren Zielvorstellungen das eigentliche Problem: Denn Bauen braucht Zeit, nicht zuletzt aufgrund der langwierigen Baugenehmigungsverfahren. Und während die Zeit vergeht, lauert da schon die nächste, außerordentlich brisante Herausforderung, vor der gerne die Augen verschlossen werden: der Klimawandel. Unsere Welt wird wärmer, ob uns das gefällt oder nicht. Und ungeachtet der Vorhaben, wie sie die Regierungen der einzelnen UNO-Mitgliedsstaaten in Paris gerade vereinbart haben, ist das, was wir jetzt erleben, nur der Anfang der so genannten anthropogenen Klimaerwärmung. Der vergangene November war seit dem Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen in Deutschland um vier Grad Celsius wärmer als je zuvor, im Dezember ging es um ein weiteres halbes Grad Celsius nach oben. Unsere Städte werden heißer. Jacqueline McGlade, Direktorin der Europäischen Umweltagentur, warnte bereits vor drei Jahren: „Die meisten Europäer leben in Städten, die überhaupt nicht auf die durch den Klimawandel verursachten extremen Wetterbedingungen ausgelegt sind …(und) müssen nun mit Folgen wie Wassermangel, Überschwemmungen und Hitzewellen kämpfen, die in Zukunft immer häufiger und in immer drastischerem Maße auftreten werden. Das heißt, die Städte müssen Anpassungsmaßnahmen ergreifen und sich die besten Verfahren aus aller Welt zu Eigen machen”.

Der ideologische Grabenkampf zwischen den Befürwortern des Bauens vor der Stadt und den Verdichtungsvertretern ist einer Lösung kaum zuträglich. Erstere setzen sich gerne für den neuesten Trend der „Aktivhäuser“ ein. Aber werden diese genügend Energie erzeugen, um den bald notwendigen massiven Einsatz von Klimaanlagen und Kühlgeräten zu ermöglichen? Mit anderen Worten: Sind sie vielleicht gar nicht so aktiv? Die Passiv- oder Aktivhäuser in den neuen Vororten sind keine Hochhäuser, das heißt, der Anteil von Grünflächen, die Kohlendioxid aufnehmen könnten, schrumpft entsprechend. Und die Hochhäuser? Diese einer Verdichtung und Energieeinsparung zweckdienlichen Bauten behindern die Luftströmung und bestehen zumeist aus Glas und Stahl, was sich im Sommer extrem aufheizt. Und nicht zuletzt begünstigen sie auch noch die Ausdehnung versiegelter Flächen, auf denen das viele Wasser der zukünftigen Wolkenbrüche einfach nur wegfließt und nicht versickert. Aber welche Maßnahmen sollen Architekten und Stadtplaner in der aktuellen Situation eigentlich ergreifen?

Von Venturi, nicht von Las Vegas lernen

Das Dilemma der Architektur ist, dass sie sich oft an dem orientiert, was Stadtplaner und Bauherren wollen, selten hat sie dabei das Szenario einer westlichen Stadt vor Augen, wie sie in 20 Jahren aussehen wird. Wir brauchen eine Architektur, die den Wasserverbrauch minimiert und maximalen Überschwemmungsschutz bietet, eine die aus Materialien besteht, die plötzlichen Unwettern genauso standhält wie Kälteeinbrüchen und eine die kühl bleibt, wenn es draußen heiß wird. Der automatische Sonnenschutz in Büros und hochwertigen Wohnungen ist als nun häufig genutzte Lösung ein klassisches Eigentor. Wenn es zu einem Stromausfall kommt, weil alle gleichzeitig ihre Klimaanlagen einschalten, sind solche Gebäude plötzlich gar nicht mehr smart. Außerdem treiben sie nicht nur die Energiekosten in die Höhe, die Mehrheit der Wohnungssuchenden kann sich solche Wohnungen sowieso nicht leisten. Eine weitere, mittlerweile oft genutzte Option sind begrünte Gebäude. Diese wunderbar bewachsenen Fassaden und Grasdächer würden in den zu erwartenden heißen Sommern allerdings ziemlich schnell verdorren und wären damit eher braun als grün.

Wir sollten die Wohnraumknappheit als Gelegenheit dafür nutzen, noch einmal zu überdenken, wie wir Häuser bauen und Städte planen. Dabei müssen wir uns den Zielkonflikten stellen: Wünschen wir beispielsweise viele öffentliche Plätze in unserer Stadt, dann müssen wir gut überlegen, wie wir sie gestalten. Steinplatten und Bänke taugen in sengender Hitze wenig. Kleinere Plätze und Beschattung sind sicherlich die sinnvollere Alternative. In Italien oder Spanien gibt es doch auch keinen großen Platz ohne Arkade. Die Politiker greifen diesbezüglich leider – wie so oft – die schnellen, unverfänglichen Lösungen auf, die ihnen Wählerstimmen sichern. Dadurch verändern sie aber nicht viel. Das können nur kluge und weitschauende Stadtplaner und Architekten. Die Wohnraumknappheit und der Klimawandel sollten Anlass genug sein, uns wieder auf das Wesentliche zu besinnen. Und zwar ganz im Sinne von Robert Venturi, der seine Studenten damals mit der Maßgabe auf den Strip schickte, kontextbezogene Architektur zu gestalten. Von Las Vegas selbst gibt es heute wohl nicht mehr allzu viel zu lernen (in etwa zehn Jahren wird dort das Wasser versiegen und außerdem hat die Stadt einen geradezu irrwitzigen Energieverbrauch). Aber wir sollten den Kontext erneut bedenken, den Kontext der Zukunft.
News & Stories › 2016 › März
Hochhaus oder grüne Wiese?
9. März 2016
Wohnraum ist in Städten derzeit Mangelware. Soll man nachverdichten oder auf die Grüngürtel ausweichen? Und wer denkt eigentlich noch ans Klima?
Ganz gleich ob in der Rhein-Main Region und im Ruhrgebiet, in München, Hamburg oder Berlin: Es fehlt an Wohnraum. Es wurden in der Vergangenheit einfach nicht genügend Wohnungen gebaut – und da galt es noch keine syrischen Flüchtlinge unterzubringen. Der jüngste und wohl anhaltende Zustrom von Flüchtlingen wird diese Wohnungsnot noch verschärfen, wobei die weniger Privilegierten unserer Gesellschaft das Nachsehen haben dürften und an die Ränder der Städte gedrängt werden. Zugleich wurde erst kürzlich die Fusion der beiden größten Wohnungsbaugesellschaften genehmigt: Damit befindet sich jetzt die beispiellose Anzahl von 500.000 Wohnungen im Besitz eines einzelnen Unternehmens, der Vonovia SE. Wird es in Zukunft also darum gehen, wer sich im Kampf zwischen Marktmacht und dem vom Staat subventionierten Wohnungsbau behauptet?

Nicht nur die Politiker in Frankfurt am Main zerbrechen sich aktuell den Kopf darüber, wie sie genügend Wohnraum für die wachsende Einwohnerzahl (alle diese Einwohner sind natürlich willkommene Konsumenten und Steuerzahler) bereitstellen können. In diesem Zusammenhang ist eine erbitterte Debatte in der Mainmetropole entbrannt, die exemplarischen Charakter für viele andere Städte hat. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die für den Bau neuer Wohnsiedlungen im Grüngürtel (wie auf dem Frankfurter Riedberg) plädieren. Eine lockere Bebauung außerhalb der Stadt, die ein hochwertigeres Wohnen ermöglicht, für die aber auch Grünflächen geopfert werden müssen. Auf der anderen Seite stehen jene, die Brachflächen in der Stadt bebauen wollen und in erster Linie eine stärkere Verdichtung anstreben. Die Verdichtungsbefürworter verweisen dabei auf Metropolen und Megastädte wie beispielsweise Singapur, wo Verdichtung alles ist – Grün sucht man dort so oder so vergeblich. Um Fahrzeiten (zum Arbeitsplatz) zu verkürzen und Kraftstoff (und somit Hitzeausstrahlung) zu sparen, so das Argument, müsse in die Höhe und kompakter gebaut werden, eine Expansion mit aufgelockerter Bebauung sei entsprechend zu vermeiden. Beide Seiten sind im Recht und liegen doch so völlig falsch.

Achtung: Zielkonflikt

Beide Lager übersehen mit ihren Zielvorstellungen das eigentliche Problem: Denn Bauen braucht Zeit, nicht zuletzt aufgrund der langwierigen Baugenehmigungsverfahren. Und während die Zeit vergeht, lauert da schon die nächste, außerordentlich brisante Herausforderung, vor der gerne die Augen verschlossen werden: der Klimawandel. Unsere Welt wird wärmer, ob uns das gefällt oder nicht. Und ungeachtet der Vorhaben, wie sie die Regierungen der einzelnen UNO-Mitgliedsstaaten in Paris gerade vereinbart haben, ist das, was wir jetzt erleben, nur der Anfang der so genannten anthropogenen Klimaerwärmung. Der vergangene November war seit dem Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen in Deutschland um vier Grad Celsius wärmer als je zuvor, im Dezember ging es um ein weiteres halbes Grad Celsius nach oben. Unsere Städte werden heißer. Jacqueline McGlade, Direktorin der Europäischen Umweltagentur, warnte bereits vor drei Jahren: „Die meisten Europäer leben in Städten, die überhaupt nicht auf die durch den Klimawandel verursachten extremen Wetterbedingungen ausgelegt sind …(und) müssen nun mit Folgen wie Wassermangel, Überschwemmungen und Hitzewellen kämpfen, die in Zukunft immer häufiger und in immer drastischerem Maße auftreten werden. Das heißt, die Städte müssen Anpassungsmaßnahmen ergreifen und sich die besten Verfahren aus aller Welt zu Eigen machen”.

Der ideologische Grabenkampf zwischen den Befürwortern des Bauens vor der Stadt und den Verdichtungsvertretern ist einer Lösung kaum zuträglich. Erstere setzen sich gerne für den neuesten Trend der „Aktivhäuser“ ein. Aber werden diese genügend Energie erzeugen, um den bald notwendigen massiven Einsatz von Klimaanlagen und Kühlgeräten zu ermöglichen? Mit anderen Worten: Sind sie vielleicht gar nicht so aktiv? Die Passiv- oder Aktivhäuser in den neuen Vororten sind keine Hochhäuser, das heißt, der Anteil von Grünflächen, die Kohlendioxid aufnehmen könnten, schrumpft entsprechend. Und die Hochhäuser? Diese einer Verdichtung und Energieeinsparung zweckdienlichen Bauten behindern die Luftströmung und bestehen zumeist aus Glas und Stahl, was sich im Sommer extrem aufheizt. Und nicht zuletzt begünstigen sie auch noch die Ausdehnung versiegelter Flächen, auf denen das viele Wasser der zukünftigen Wolkenbrüche einfach nur wegfließt und nicht versickert. Aber welche Maßnahmen sollen Architekten und Stadtplaner in der aktuellen Situation eigentlich ergreifen?

Von Venturi, nicht von Las Vegas lernen

Das Dilemma der Architektur ist, dass sie sich oft an dem orientiert, was Stadtplaner und Bauherren wollen, selten hat sie dabei das Szenario einer westlichen Stadt vor Augen, wie sie in 20 Jahren aussehen wird. Wir brauchen eine Architektur, die den Wasserverbrauch minimiert und maximalen Überschwemmungsschutz bietet, eine die aus Materialien besteht, die plötzlichen Unwettern genauso standhält wie Kälteeinbrüchen und eine die kühl bleibt, wenn es draußen heiß wird. Der automatische Sonnenschutz in Büros und hochwertigen Wohnungen ist als nun häufig genutzte Lösung ein klassisches Eigentor. Wenn es zu einem Stromausfall kommt, weil alle gleichzeitig ihre Klimaanlagen einschalten, sind solche Gebäude plötzlich gar nicht mehr smart. Außerdem treiben sie nicht nur die Energiekosten in die Höhe, die Mehrheit der Wohnungssuchenden kann sich solche Wohnungen sowieso nicht leisten. Eine weitere, mittlerweile oft genutzte Option sind begrünte Gebäude. Diese wunderbar bewachsenen Fassaden und Grasdächer würden in den zu erwartenden heißen Sommern allerdings ziemlich schnell verdorren und wären damit eher braun als grün.

Wir sollten die Wohnraumknappheit als Gelegenheit dafür nutzen, noch einmal zu überdenken, wie wir Häuser bauen und Städte planen. Dabei müssen wir uns den Zielkonflikten stellen: Wünschen wir beispielsweise viele öffentliche Plätze in unserer Stadt, dann müssen wir gut überlegen, wie wir sie gestalten. Steinplatten und Bänke taugen in sengender Hitze wenig. Kleinere Plätze und Beschattung sind sicherlich die sinnvollere Alternative. In Italien oder Spanien gibt es doch auch keinen großen Platz ohne Arkade. Die Politiker greifen diesbezüglich leider – wie so oft – die schnellen, unverfänglichen Lösungen auf, die ihnen Wählerstimmen sichern. Dadurch verändern sie aber nicht viel. Das können nur kluge und weitschauende Stadtplaner und Architekten. Die Wohnraumknappheit und der Klimawandel sollten Anlass genug sein, uns wieder auf das Wesentliche zu besinnen. Und zwar ganz im Sinne von Robert Venturi, der seine Studenten damals mit der Maßgabe auf den Strip schickte, kontextbezogene Architektur zu gestalten. Von Las Vegas selbst gibt es heute wohl nicht mehr allzu viel zu lernen (in etwa zehn Jahren wird dort das Wasser versiegen und außerdem hat die Stadt einen geradezu irrwitzigen Energieverbrauch). Aber wir sollten den Kontext erneut bedenken, den Kontext der Zukunft.