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Eines von vielen Modellen für die „Das Haus“ auf der imm cologne. Foto © Andreas Körner, koelnmesse
Im Bett der Louise Campbell
von Adeline Seidel
5. Januar 2014
Der Wunsch nach unendlich viel Wohnraum wird von nahezu jeder Möbel-, Mode- und Design-Zeitschrift bestärkt. Aber die dort gezeigten Aufnahmen von Wohnräumen haben mit der Realität ebenso wenig gemeinsam wie eine Werbung von H&M mit jenen, die die Kleidung tatsächlich tragen.Denn Wohnraum in den Metropolen ist nicht nur knapp, er ist vor allem knapp bemessen.
So setzte Michael Bloomberg, der ehemalige Bürgermeister von New York City, in seiner Amtszeit das Mieterschutzgesetz aus den 1950er Jahren außer Kraft: Statt bei 40 Quadratmetern liegt jetzt die Mindestgröße eines Apartments in der Metropole bei 20,4 Quadratmetern. Das Hochbett erhält so nun wieder Einzug in den Haushalt. Haben Sie schon einmal mit Mitte dreißig Sex im Hochbett gehabt? Das ist ein äußerst fragwürdiges Aufleben von Jugenderinnerungen…

Ähnlich ist die Situation in den meisten Metropolen: Gerade der stark wachsenden Gruppe der Alleinwohnenden steht nicht genügend Wohnraum zur Verfügung. Und eine größere Wohnung ist aufgrund der hohen Mietpreise auch bei einem Durchschnittseinkommen für die meisten unerschwinglich. Ob man will oder nicht, wer in den zentralen Lagen der Städte leben möchte oder muss, der braucht Lösungen für ein neues „Kleinraumwohnen“.

Die Messe träumt noch

Doch während man sich in New York City über Mikroapartments Gedanken macht, widmet sich die imm cologne zum dritten Mal in Folge dem Haus als wichtigen Wohlfühl-Wohnraum. Von der Messe wird das Format „Das Haus – Interiors on Stage“ als „großflächige Inszenierung einer Wohnsituation“ bezeichnet: auf 240 (In Worten: Zweihundertvierzig!) Quadratmetern darf der „Guest of Honour“, ein ausgewählter Designer, seine Vorstellungen von Wohnen gestalten. Oder wie es der Erfinder des Formates und Kreativdirektor der imm cologne Dick Spierenburg in einem Interview beschreibt: „Auf 240 Quadratmetern präsentiert ‚Das Haus‘ innovative Wohnideen im Hier und Jetzt.“

In diesem Jahr ist die Dänin Louise Campbell der „Ehrengast“. Wer sie nicht kennt: Für die dänische Firma Hay entwarf sie den „Prince Chair“. Und für den dänischen Leuchtenhersteller Louise Poulsen entwickelte Campbell eine Lampe, die den schönen Arbeitstitel „No Shit“ trägt. Prämisse jener Lampe war, dass diese komplett in den firmeneigenen dänischen Produktionswerken hergestellt werden kann. Man wollte volle (Qualitäts-)Kontrolle und „keinen Mist“. Diese Haltung ist von Campbell auch in Köln zu erwarten. Das zumindest lassen ihre Modelle und Studien in ihrem Kopenhagener Studio vermuten, die sie im Rahmen einer Pressekonferenz vorstellte.

Eine Wand voller Werkzeuge

Statt einen „Wohntraum“ mitsamt den Produkten namhafter Hersteller für die – mindestens – gehobene Mittelklasse zu entwerfen, widmet sich Louise Campbell der Basis des Wohnens. Eben jene Funktionen, die in jedem „Heim“ gewünscht und in Anspruch genommen werden. Für die Designerin sind das „Schaffen“ und „Ruhe“. Mehr braucht es nicht. Dabei spielt sie mit den Maßstäben: Ein übergroßer Tisch steht gemeinsam mit einer Werkzeugwand für das „Schaffen“ in einem Wohnraum. Ob Fahrrad reparieren, Möbel bauen oder gemeinsames Essen – der Tisch ist gleichzeitig Werkbank wie Ort des Zusammenkommens. Und die Werkzeugwand ist mit den notwendigen Werkzeugen bestückt: Hammer, Topf, Messer und was man sonst noch in einem Haushalt braucht.

Zwangloses Wohnen

Der bequemste Ort für Louise Campbell ist das Bett. Sie selbst, so beschreibt sie, wechsle ständig das Bett in ihrer Wohnung. Sie schläft mal hier, mal da, manchmal in ihrem Studio. Das Bett ist der Ort der wahren Entspannung. Deswegen plant Campbell ein extragroßes Bett für die Installation auf der Kölner Möbelmesse. Es kann dreißig Meter lang sein, oder weniger – vielleicht auch mehr. Ihr „Haus“ soll eine Aufforderung sein, zu schlafen und zusammenzukommen, wo man will.

Damit befreit Louise Campbell das Wohnen von Möbeln, die Bedürfnisse befriedigen sollen, die man erst dann verspürt, wenn man das Möbelstück gesehen hat. Sie entbindet uns also von starren Einrichtungsvorstellungen und Nutzungsanweisungen von Wohnräumen. „99 Prozent der Designvorschläge für Einrichtungszwecke legen Platzierungen und Nutzungen ziemlich fest“, so Campbell. Und macht klar, was die Basis eines jeden Wohnens ist – ganz gleich, ob man auf 240 oder 20,4 Quadratmetern lebt: Ruhe und Schaffen.

Mit dieser Haltung dürfte sie konsequenter Weise auch keine weiteren Produkte für das „radikal befreite Wohnen“ entwerfen. Ob sie diese Haltung beibehält, wird man am ersten Messetag sehen können – und damit auch, ob eine Messe wie die imm cologne für aktuelle Entwicklungen abseits von zeitgeistigen Trends eine Plattform bildet.

Eine ganze Wand voller Materialproben, Studien,… Foto © Andreas Körner, koelnmesse
…Modellen und Skizzen. Foto © Andreas Körner, koelnmesse
Die Raumstruktur ermöglicht Nutzungsfreiheit. Foto © Andreas Körner, koelnmesse
Campbell arbeitet akribisch. Foto © Andreas Körner, koelnmesse
Der Bereich des Schaffens: Werkbank und Esstisch. Foto © Andreas Körner, koelnmesse
Foto © Andreas Körner, koelnmesse
Foto © Andreas Körner, koelnmesse
Louise Campbell in ihrem Studio. Foto © Andreas Körner, koelnmesse
Campbells großartiges Studio in Kopenhagen. Foto © Andreas Körner, koelnmesse
Produkte
Erik Jørgensen: EJ 2800 Seesaw @ Stylepark
Erik Jørgensen
EJ 2800 Seesaw
Louise Campbell
Muuto: The more the merrier @ Stylepark
Muuto
The more the merrier
Louise Campbell
Louis Poulsen: LC Shutters @ Stylepark
Louis Poulsen
LC Shutters
Louise Campbell
Zanotta: 5701 VERYROUND @ Stylepark
Zanotta
5701 VERYROUND
Louise Campbell
FLORA: Grow 66 @ Stylepark
FLORA
Grow 66
Louise Campbell
News & Stories › 2014 › Januar
Im Bett der Louise Campbell
von Adeline Seidel | 5. Januar 2014
Ein 30 Meter langes Bett und eine Werkzeugwand. Das sind die Vorschläge der dänischen Designerin Louise Campbell für die Installation „Das Haus“ auf der imm cologne. Wagt sie eine Konsum-Kritik an der Branche? Die „Vorpremiere“ in ihrem Atelier gab Anlass zur Hoffnung.
Der Wunsch nach unendlich viel Wohnraum wird von nahezu jeder Möbel-, Mode- und Design-Zeitschrift bestärkt. Aber die dort gezeigten Aufnahmen von Wohnräumen haben mit der Realität ebenso wenig gemeinsam wie eine Werbung von H&M mit jenen, die die Kleidung tatsächlich tragen.Denn Wohnraum in den Metropolen ist nicht nur knapp, er ist vor allem knapp bemessen.
So setzte Michael Bloomberg, der ehemalige Bürgermeister von New York City, in seiner Amtszeit das Mieterschutzgesetz aus den 1950er Jahren außer Kraft: Statt bei 40 Quadratmetern liegt jetzt die Mindestgröße eines Apartments in der Metropole bei 20,4 Quadratmetern. Das Hochbett erhält so nun wieder Einzug in den Haushalt. Haben Sie schon einmal mit Mitte dreißig Sex im Hochbett gehabt? Das ist ein äußerst fragwürdiges Aufleben von Jugenderinnerungen…

Ähnlich ist die Situation in den meisten Metropolen: Gerade der stark wachsenden Gruppe der Alleinwohnenden steht nicht genügend Wohnraum zur Verfügung. Und eine größere Wohnung ist aufgrund der hohen Mietpreise auch bei einem Durchschnittseinkommen für die meisten unerschwinglich. Ob man will oder nicht, wer in den zentralen Lagen der Städte leben möchte oder muss, der braucht Lösungen für ein neues „Kleinraumwohnen“.

Die Messe träumt noch

Doch während man sich in New York City über Mikroapartments Gedanken macht, widmet sich die imm cologne zum dritten Mal in Folge dem Haus als wichtigen Wohlfühl-Wohnraum. Von der Messe wird das Format „Das Haus – Interiors on Stage“ als „großflächige Inszenierung einer Wohnsituation“ bezeichnet: auf 240 (In Worten: Zweihundertvierzig!) Quadratmetern darf der „Guest of Honour“, ein ausgewählter Designer, seine Vorstellungen von Wohnen gestalten. Oder wie es der Erfinder des Formates und Kreativdirektor der imm cologne Dick Spierenburg in einem Interview beschreibt: „Auf 240 Quadratmetern präsentiert ‚Das Haus‘ innovative Wohnideen im Hier und Jetzt.“

In diesem Jahr ist die Dänin Louise Campbell der „Ehrengast“. Wer sie nicht kennt: Für die dänische Firma Hay entwarf sie den „Prince Chair“. Und für den dänischen Leuchtenhersteller Louise Poulsen entwickelte Campbell eine Lampe, die den schönen Arbeitstitel „No Shit“ trägt. Prämisse jener Lampe war, dass diese komplett in den firmeneigenen dänischen Produktionswerken hergestellt werden kann. Man wollte volle (Qualitäts-)Kontrolle und „keinen Mist“. Diese Haltung ist von Campbell auch in Köln zu erwarten. Das zumindest lassen ihre Modelle und Studien in ihrem Kopenhagener Studio vermuten, die sie im Rahmen einer Pressekonferenz vorstellte.

Eine Wand voller Werkzeuge

Statt einen „Wohntraum“ mitsamt den Produkten namhafter Hersteller für die – mindestens – gehobene Mittelklasse zu entwerfen, widmet sich Louise Campbell der Basis des Wohnens. Eben jene Funktionen, die in jedem „Heim“ gewünscht und in Anspruch genommen werden. Für die Designerin sind das „Schaffen“ und „Ruhe“. Mehr braucht es nicht. Dabei spielt sie mit den Maßstäben: Ein übergroßer Tisch steht gemeinsam mit einer Werkzeugwand für das „Schaffen“ in einem Wohnraum. Ob Fahrrad reparieren, Möbel bauen oder gemeinsames Essen – der Tisch ist gleichzeitig Werkbank wie Ort des Zusammenkommens. Und die Werkzeugwand ist mit den notwendigen Werkzeugen bestückt: Hammer, Topf, Messer und was man sonst noch in einem Haushalt braucht.

Zwangloses Wohnen

Der bequemste Ort für Louise Campbell ist das Bett. Sie selbst, so beschreibt sie, wechsle ständig das Bett in ihrer Wohnung. Sie schläft mal hier, mal da, manchmal in ihrem Studio. Das Bett ist der Ort der wahren Entspannung. Deswegen plant Campbell ein extragroßes Bett für die Installation auf der Kölner Möbelmesse. Es kann dreißig Meter lang sein, oder weniger – vielleicht auch mehr. Ihr „Haus“ soll eine Aufforderung sein, zu schlafen und zusammenzukommen, wo man will.

Damit befreit Louise Campbell das Wohnen von Möbeln, die Bedürfnisse befriedigen sollen, die man erst dann verspürt, wenn man das Möbelstück gesehen hat. Sie entbindet uns also von starren Einrichtungsvorstellungen und Nutzungsanweisungen von Wohnräumen. „99 Prozent der Designvorschläge für Einrichtungszwecke legen Platzierungen und Nutzungen ziemlich fest“, so Campbell. Und macht klar, was die Basis eines jeden Wohnens ist – ganz gleich, ob man auf 240 oder 20,4 Quadratmetern lebt: Ruhe und Schaffen.

Mit dieser Haltung dürfte sie konsequenter Weise auch keine weiteren Produkte für das „radikal befreite Wohnen“ entwerfen. Ob sie diese Haltung beibehält, wird man am ersten Messetag sehen können – und damit auch, ob eine Messe wie die imm cologne für aktuelle Entwicklungen abseits von zeitgeistigen Trends eine Plattform bildet.