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In 554 Seiten um die Welt
von Claudia Beckmann | 2. Oktober 2008
All photos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Reisen hat immer etwas Aufregendes: Die Planung, die lange Vorfreude, das bunte Treiben am Flughafen, das Eintauchen in neue Kulturen, fremde Sprachen, Landschaften und Farben. Verborgene Welten tun sich einem auf. Dabei beginnt das Geheimnisvolle schon lange vor der Ankunft - beim Einchecken: wenn der Zielort als Kürzel verschlüsselt um den Koffergriff geklebt wird und die Reise nach BJS endlich beginnt.Eine sichere Hilfe, Orte zu dechiffrieren und lesen zu lernen ist: „Flight“. Eine Weltreise auf 554 Seiten. In Leinen gebunden. Ein fotografisches Tagebuch, das von Orten erzählt, die Antonia Henschel innerhalb eines Jahres bereist hat. Erst ein Bild aus dem Nirgendwo, dann in alphabetischer Reihenfolge all ihre Reiseziele: von Amsterdam über Beijing, die Isle of Wight, nach New York und Zürich. In schwarzen Großbuchstaben auf weißem Papier, in Helvetica, durch Kommas voneinander getrennt, stehen sie da - serifenlos, klar und deutlich. Doch so einfach macht Antonia Henschel es dem Leser nicht. Wer ihre Reise begleiten will, muss mitdenken. Durch typografische Sprünge in der Buchstabenfolge muss man über die Zeilen, mitunter sogar über Seiten hinweg lesen und sich die Orte langsam erschließen. Wie verschlüsselt erscheinen die Worte und Orte und erhalten dabei zugleich etwas Anonymes, Unnahbares, Rätselhaftes. Nach dieser Vorbereitung, die wie eine Leseübung des Verstehens ist, darf man sich an den Bildern erproben. In chronologischer Abfolge reihen sich die Fotografien aneinander. Überwiegend im Hochformat, in satten Farben auf grobem, matt gestrichenem Papier. Es ist bewusst kein Hochglanz-Fotoband, der das Gesehene wie Kunstwerke inszeniert. Die Bilder in diesem Buch sind optische Notizen: Auf ganz einfachem Papier sind die Eindrücke und flüchtigen Momente festgehalten.Die Bilder erzählen von fremden Orten, Landschaften, Menschen und Dingen, von einmaligen Blicken und alltäglichen Situationen. Von Vorhängen in Mailand, die sich rhythmisch bewegen, von Verkehrsleitkegeln irgendwo in Tokio, die sich ihrer Bedeutung selbst nicht sicher zu sein scheinen, von Fassaden und Pflastersteinen in ornamentalen Formationen, von Treppenläufen und Wassereimern oder nassen Regenschirmen im Auepavillon in Kassel, die an Plastikwänden hängend ihre eigene Documenta veranstalten. Manchmal erzählen mehrere Aufnahmen in Folge eine gemeinsame Geschichte, ein anderes Mal ist es ein einzelner Blick, ein Ortsschild, das seine Aussage vergessen hat, kostümierte Menschen, denen das Wissen um die Wirklichkeit das Lachen geraubt hat oder verlassene, in Nebel gehüllte Orte. Dazwischen mischen sich Menschen. Polizisten, Touristen, eine Braut, Arbeiter, Kinder, die sich alle gegenüber den mächtigen architektonischen Strukturen und Farben zu behaupten versuchen. Nicht ihnen als Personen scheint das Interesse zu gelten, sondern wie sie Teil der Stadt sind, das urbane Bild prägen.Die in „Flight“ versammelten Bilder sind aber mehr als ein Tagebuch der Erinnerung. Sie sind zugleich ein visueller Kompass, bilden Anhaltspunkte zur Orientierung ab. Denn wie findet man sich zurecht, auf Reisen, an fremden Orten? Bei Antonia Henschel sind es Eindrücke, Marker in der Stadt, signifikante Straßenecken, Blickwinkel, Schaufenster, Plätze und Architekturdetails, die sie durch die unbekannten Städte geleiten.Auf jede neue Reise, die man macht, nimmt man Erfahrungen und Erinnerungen an Geschehenes und Gesehenes mit. So sind die Orte und Bilder auch in „Flight“ nicht einfach chronologisch aneinandergereiht, sondern es besteht eine Beziehung zwischen den Bildern - über Städte, Länder und Ozeane hinweg. Zuweilen ist es ein ähnlicher Bildaufbau, manchmal Themen oder nur eine Farbe, die die Bilder miteinander verbinden und zu einer Geschichte werden lassen.Antonia Henschel hat ein bemerkenswertes Buch geschaffen, das nicht nur durch seine Dichte und die Dramaturgie des Aufbaus begeistert, sondern ebenso durch eine sehr eigene, scharfsinnige und humorvolle Beobachtungsgabe, dadurch, Dinge zu sehen, die für die meisten unsichtbar sind.„Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon“, sagte Augustinus einmal. Dank Antonia Henschel müsste man selbst gar nicht mehr reisen und würde die Vielseitigkeit der Welt dennoch sehen. Doch am Liebsten möchte man einfach mit ihr auf Reisen gehen.

Bestellen Sie „Flight“ von Antonia Henschel bei Amazon
www.trademark-publishing.de

News & Stories › 2008 › Oktober
In 554 Seiten um die Welt
von Claudia Beckmann | 2. Oktober 2008
Es mag Flug und Flucht zugleich sein: Mit „Flight" nimmt uns Antonia Henschel mit auf ihre Reise um die Welt. Ein Tagebuch in Bildern, das von Orten, Menschen und Dingen berichtet. Und uns das Sehen lehrt.
Reisen hat immer etwas Aufregendes: Die Planung, die lange Vorfreude, das bunte Treiben am Flughafen, das Eintauchen in neue Kulturen, fremde Sprachen, Landschaften und Farben. Verborgene Welten tun sich einem auf. Dabei beginnt das Geheimnisvolle schon lange vor der Ankunft - beim Einchecken: wenn der Zielort als Kürzel verschlüsselt um den Koffergriff geklebt wird und die Reise nach BJS endlich beginnt.Eine sichere Hilfe, Orte zu dechiffrieren und lesen zu lernen ist: „Flight“. Eine Weltreise auf 554 Seiten. In Leinen gebunden. Ein fotografisches Tagebuch, das von Orten erzählt, die Antonia Henschel innerhalb eines Jahres bereist hat. Erst ein Bild aus dem Nirgendwo, dann in alphabetischer Reihenfolge all ihre Reiseziele: von Amsterdam über Beijing, die Isle of Wight, nach New York und Zürich. In schwarzen Großbuchstaben auf weißem Papier, in Helvetica, durch Kommas voneinander getrennt, stehen sie da - serifenlos, klar und deutlich. Doch so einfach macht Antonia Henschel es dem Leser nicht. Wer ihre Reise begleiten will, muss mitdenken. Durch typografische Sprünge in der Buchstabenfolge muss man über die Zeilen, mitunter sogar über Seiten hinweg lesen und sich die Orte langsam erschließen. Wie verschlüsselt erscheinen die Worte und Orte und erhalten dabei zugleich etwas Anonymes, Unnahbares, Rätselhaftes. Nach dieser Vorbereitung, die wie eine Leseübung des Verstehens ist, darf man sich an den Bildern erproben. In chronologischer Abfolge reihen sich die Fotografien aneinander. Überwiegend im Hochformat, in satten Farben auf grobem, matt gestrichenem Papier. Es ist bewusst kein Hochglanz-Fotoband, der das Gesehene wie Kunstwerke inszeniert. Die Bilder in diesem Buch sind optische Notizen: Auf ganz einfachem Papier sind die Eindrücke und flüchtigen Momente festgehalten.Die Bilder erzählen von fremden Orten, Landschaften, Menschen und Dingen, von einmaligen Blicken und alltäglichen Situationen. Von Vorhängen in Mailand, die sich rhythmisch bewegen, von Verkehrsleitkegeln irgendwo in Tokio, die sich ihrer Bedeutung selbst nicht sicher zu sein scheinen, von Fassaden und Pflastersteinen in ornamentalen Formationen, von Treppenläufen und Wassereimern oder nassen Regenschirmen im Auepavillon in Kassel, die an Plastikwänden hängend ihre eigene Documenta veranstalten. Manchmal erzählen mehrere Aufnahmen in Folge eine gemeinsame Geschichte, ein anderes Mal ist es ein einzelner Blick, ein Ortsschild, das seine Aussage vergessen hat, kostümierte Menschen, denen das Wissen um die Wirklichkeit das Lachen geraubt hat oder verlassene, in Nebel gehüllte Orte. Dazwischen mischen sich Menschen. Polizisten, Touristen, eine Braut, Arbeiter, Kinder, die sich alle gegenüber den mächtigen architektonischen Strukturen und Farben zu behaupten versuchen. Nicht ihnen als Personen scheint das Interesse zu gelten, sondern wie sie Teil der Stadt sind, das urbane Bild prägen.Die in „Flight“ versammelten Bilder sind aber mehr als ein Tagebuch der Erinnerung. Sie sind zugleich ein visueller Kompass, bilden Anhaltspunkte zur Orientierung ab. Denn wie findet man sich zurecht, auf Reisen, an fremden Orten? Bei Antonia Henschel sind es Eindrücke, Marker in der Stadt, signifikante Straßenecken, Blickwinkel, Schaufenster, Plätze und Architekturdetails, die sie durch die unbekannten Städte geleiten.Auf jede neue Reise, die man macht, nimmt man Erfahrungen und Erinnerungen an Geschehenes und Gesehenes mit. So sind die Orte und Bilder auch in „Flight“ nicht einfach chronologisch aneinandergereiht, sondern es besteht eine Beziehung zwischen den Bildern - über Städte, Länder und Ozeane hinweg. Zuweilen ist es ein ähnlicher Bildaufbau, manchmal Themen oder nur eine Farbe, die die Bilder miteinander verbinden und zu einer Geschichte werden lassen.Antonia Henschel hat ein bemerkenswertes Buch geschaffen, das nicht nur durch seine Dichte und die Dramaturgie des Aufbaus begeistert, sondern ebenso durch eine sehr eigene, scharfsinnige und humorvolle Beobachtungsgabe, dadurch, Dinge zu sehen, die für die meisten unsichtbar sind.„Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon“, sagte Augustinus einmal. Dank Antonia Henschel müsste man selbst gar nicht mehr reisen und würde die Vielseitigkeit der Welt dennoch sehen. Doch am Liebsten möchte man einfach mit ihr auf Reisen gehen.

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