transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369374_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2139 Forward End
In höheren Gefilden wandeln
von Nina Reetzke | 1. Juni 2012
Deckblatt des „Architekturführer Goetheanumhügel“, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Viel ist von der ehemaligen Einrichtung nicht geblieben. Hier ein Einbauschrank, dort eine Klinke, vereinzelt ein paar Stühle. Nur noch an wenigen Stellen erschließt sich für den heutigen Betrachter die ursprüngliche Raumwirkung. Teilweise stammen die Entwürfe von Rudolf Steiner, dann von anderen Bewohnern der Anthroposophen Kolonie auf dem Goetheanum Hügel, manchmal lässt sich über den Urheber nur spekulieren. Zu den am besten erhaltenen Räumen gehört das Atelier im Haus de Jaager von 1921. Der hohe Raum wird durch ein Oberlicht mit Licht durchflutet, dessen Krümmung an der Wand ein Schattenspiel verursacht, ergänzt durch dunkle Bereiche von fensterlosen Eckern; am Rand stehen Skulpturen und Reliefe und in der Mitte ein Tisch mit Stühlen. Eigens für das Haus des Jaager entwarf Wilhelm von Heydebrand Holzstühle mit zackenförmigen Beinen und Lehnen, die heute zur Kunstsammlung des Goetheanums gehören. Bis zur Ausstellung „Alchemie des Alltags" des Vitra Design Museums befanden sich viele der Gegenstände, wie die Möbel für das Haus Duldeck, auf Dornacher Dachböden und in Verschlägen. Offensichtlich wurde der Wert dieser Originale lange nicht erkannt.

Ganz anders der Eindruck von Außen. Nähert man sich dem Goetheanum über den Hügel hinauf, tauchen immer mehr unverkennbar anthroposophische Häuser auf. Dächer sind alternierend konkav und konvex geschwungen; Fassaden bestehen aus ineinander verschachtelten geometrischen Grundformen; hier und dort ist eine Kuppel zu sehen. Balkone, Fenster und Türen erscheinen asymmetrisch; Flächen setzen sich aus Ebenen mit verschiedenen Winkeln zusammen; Kanten sind mal abgerundet, mal verlaufen sie besonders spitz; viele Formen „streben" nach oben. Etwa 170 Gebäude stehen in Dornach und den angrenzenden Orten Arlesheim und Aesch. Meist handelt es sich um Wohnhäuser, die bis heute in Privatbesitz sind, etwa das trapezförmige Haus Berger I oder das schmale, aber lang gezogene Haus Moser. Aber auch Geschäftsgebäude – zum Beispiel das der Weleda AG – finden sich hier, ebenso öffentliche Institutionen wie Ausbildungsstätten, Kliniken, Wohnheime und andere mehr. Besonders bekannt ist zweifelsohne das Heizhaus mit dem Schornstein, der formal an einen überdimensionalen Baumast erinnert. Nicht zu vergessen das Goetheanum selbst.

Erstmals gibt es einen „Architekturführer Goetheanumhügel" herausgegeben von Jolanthe Kugler. Die Autorin ist selbst Architektin, wuchs als Tochter des Steiner-Experten Walter Kugler in der Anthroposophen Kolonie auf und hat damit die notwendige Kenntnis, dieses Buch zu schreiben. Vier Rundgänge empfiehlt sie, jeder führt an etwa zwölf Häusern vorbei. Wer die Siedlung darüber hinaus erkunden möchte, sehe im Register nach, in dem sämtliche Häuser genannt werden. Ergänzend dazu finden sich drei Essays: Wolfgang Zumdick beleuchtet den historischen Kontext des Goetheanumhügels, Wolfgang Pehnt schreibt über Rudolf Steiners architektonischen Ansatz und Walter Kugler äußert sich über organisches Bauen.

Über die Formensprache im Sinn Rudolph Steiners wurde aus design- und architekturhistorischer Sicht in den vergangenen Jahren viel geforscht und veröffentlicht, man denke an das „Rudolf Steiner Design" von Reinhold Johann Fäth. Der „Architekturführer Goetheanumhügel" ergänzt diese Diskussion mit Informationen über die umliegenden Häuser, die einen guten ersten Überblick liefern, jedoch an vielen Stellen noch weiter in die Tiefe gehen könnten – vor allem da Kugler den Anspruch erhebt, „für die Besucher/innen den Sozialraum Dornacher Hügel erlebbar" zu machen. Jedem Haus der Rundgänge ist eine Doppelseite gewidmet. Die linke Seite liefert technische Informationen zu Baujahr, Adresse, Nutzung, Architekt, Bauherr, Konstruktion und zeigt technische Zeichnungen. Auf der rechten Seite steht ein Text zur Entstehungsgeschichte und mit einer architektonischen Beschreibung, ergänzt durch zwei, drei Fotos. Dieses durchgängige Schema macht die Gebäude zwar untereinander vergleichbar, die Spezifik eines jeden Hauses – welche die Anthroposophen Kolonie insgesamt interessant macht – vermittelt sich dabei jedoch zu wenig. Von Fall zu Fall wünscht man sich beispielsweise mehr historische Bilder, weitere Fotos von Interieurs, zusätzliche Informationen zum Entwurfsprozess, ergänzende technische Details – oft bleibt die Frage: Wie lebt es sich in diesem Haus?

Auch zuvor lag das Goetheanum bereits auf Spazierrouten. So empfiehlt etwa die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte die „Kulturwanderung Dornach-Arlesheim", die vom Goetheanum über die Ruine Dorneck, eine Eremitenklause, ein Felsentor und Schloss Birseck zum Arlesheimer Dom mit der bekannten Silbermann-Orgel führt – das Restaurant „Schlosshof" und die pittoreske Landschaft mit Weihern, Wasserfällen, Wäldern, Pferdeweiden sowie Hängen mit Pfaden, Höhlen und Grotten dazwischen nicht zu vergessen. Mit dem „Architekturführer Goetheanumhügel" mag so manch einer nicht mehr bis zum Arlesheimer Dom gelangen, lassen sich doch nun die Häuser und Gärten auf dem Weg – die zwar schon immer die Blicke auf sich zogen, aber über die bisher wenig Wissen verfügbar war – ein ganzes Stück weit mehr erschließen. Und wer das eine oder andere Haus näher oder sogar von Innen betrachten möchte, dem seien die Führungen ans Herz gelegt, die ergänzend zum Kuglers Publikation konzipiert wurden. Im September 2011 gab es erstmals einen „Tag der Offenen Häuser" und das Goetheanum bietet auf Bestellung die Führung „Form und Gestalt ausgewählter Koloniehäuser" an.

Architekturführer Goetheanumhügel
Herausgegeben von Jolanthe Kugler
Softcover, 212 Seiten, deutsch
Niggli, Sulgen, 2011
34 Euro
www.niggli.ch

Oberlicht im Goetheanum, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Aufnahme des ersten Goetheanums, das 1923 abbrannte, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Westtreppenhaus mit rotem Fenster im heutigen Goetheanum, Foto © Charlotte Fischer
Aufgang im Goetheanum, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Beton des Goetheanums, Foto © Mirijam Hege
Garage Farnikowa, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Garage von vorne, Foto © Crez Verlag
Plan des Rundgangs 1, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Darstellung des Hauses Duldeck, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Vorstellung des Hauses de Jaager, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Eingang zu einem der Häuser des Goetheanum Hügels, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Heizhaus mit seinem charakteristischen Schornstein, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Das Heizhaus von vorne, Foto © Mirijam Hege
Fassadendetails des Goetheanums, Foto © Goetheanum
Übersicht mit mehreren Häusern, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Nur noch wenige Meter bis zum Goetheanum, Foto © Charlotte Fischer
Klappentext mit Zeichnung, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Architektur › 2012 › Juni
In höheren Gefilden wandeln
von Nina Reetzke | 1. Juni 2012
Sie ist vor Ort aufgewachsen und hat Architektur studiert. Wohl kaum jemand ist so prädestiniert, einen Architekturführer zum Goetheanum Hügel zu schreiben wie Jolanthe Kugler. Es gelingt ihr, einen systematischen Überblick über die etwa 170 Häuser der Anthroposophen Kolonie zu verfassen, der spezifische Zugang zu einzelnen Gebäuden kommt dabei jedoch etwas zu kurz.
Viel ist von der ehemaligen Einrichtung nicht geblieben. Hier ein Einbauschrank, dort eine Klinke, vereinzelt ein paar Stühle. Nur noch an wenigen Stellen erschließt sich für den heutigen Betrachter die ursprüngliche Raumwirkung. Teilweise stammen die Entwürfe von Rudolf Steiner, dann von anderen Bewohnern der Anthroposophen Kolonie auf dem Goetheanum Hügel, manchmal lässt sich über den Urheber nur spekulieren. Zu den am besten erhaltenen Räumen gehört das Atelier im Haus de Jaager von 1921. Der hohe Raum wird durch ein Oberlicht mit Licht durchflutet, dessen Krümmung an der Wand ein Schattenspiel verursacht, ergänzt durch dunkle Bereiche von fensterlosen Eckern; am Rand stehen Skulpturen und Reliefe und in der Mitte ein Tisch mit Stühlen. Eigens für das Haus des Jaager entwarf Wilhelm von Heydebrand Holzstühle mit zackenförmigen Beinen und Lehnen, die heute zur Kunstsammlung des Goetheanums gehören. Bis zur Ausstellung „Alchemie des Alltags" des Vitra Design Museums befanden sich viele der Gegenstände, wie die Möbel für das Haus Duldeck, auf Dornacher Dachböden und in Verschlägen. Offensichtlich wurde der Wert dieser Originale lange nicht erkannt.

Ganz anders der Eindruck von Außen. Nähert man sich dem Goetheanum über den Hügel hinauf, tauchen immer mehr unverkennbar anthroposophische Häuser auf. Dächer sind alternierend konkav und konvex geschwungen; Fassaden bestehen aus ineinander verschachtelten geometrischen Grundformen; hier und dort ist eine Kuppel zu sehen. Balkone, Fenster und Türen erscheinen asymmetrisch; Flächen setzen sich aus Ebenen mit verschiedenen Winkeln zusammen; Kanten sind mal abgerundet, mal verlaufen sie besonders spitz; viele Formen „streben" nach oben. Etwa 170 Gebäude stehen in Dornach und den angrenzenden Orten Arlesheim und Aesch. Meist handelt es sich um Wohnhäuser, die bis heute in Privatbesitz sind, etwa das trapezförmige Haus Berger I oder das schmale, aber lang gezogene Haus Moser. Aber auch Geschäftsgebäude – zum Beispiel das der Weleda AG – finden sich hier, ebenso öffentliche Institutionen wie Ausbildungsstätten, Kliniken, Wohnheime und andere mehr. Besonders bekannt ist zweifelsohne das Heizhaus mit dem Schornstein, der formal an einen überdimensionalen Baumast erinnert. Nicht zu vergessen das Goetheanum selbst.

Erstmals gibt es einen „Architekturführer Goetheanumhügel" herausgegeben von Jolanthe Kugler. Die Autorin ist selbst Architektin, wuchs als Tochter des Steiner-Experten Walter Kugler in der Anthroposophen Kolonie auf und hat damit die notwendige Kenntnis, dieses Buch zu schreiben. Vier Rundgänge empfiehlt sie, jeder führt an etwa zwölf Häusern vorbei. Wer die Siedlung darüber hinaus erkunden möchte, sehe im Register nach, in dem sämtliche Häuser genannt werden. Ergänzend dazu finden sich drei Essays: Wolfgang Zumdick beleuchtet den historischen Kontext des Goetheanumhügels, Wolfgang Pehnt schreibt über Rudolf Steiners architektonischen Ansatz und Walter Kugler äußert sich über organisches Bauen.

Über die Formensprache im Sinn Rudolph Steiners wurde aus design- und architekturhistorischer Sicht in den vergangenen Jahren viel geforscht und veröffentlicht, man denke an das „Rudolf Steiner Design" von Reinhold Johann Fäth. Der „Architekturführer Goetheanumhügel" ergänzt diese Diskussion mit Informationen über die umliegenden Häuser, die einen guten ersten Überblick liefern, jedoch an vielen Stellen noch weiter in die Tiefe gehen könnten – vor allem da Kugler den Anspruch erhebt, „für die Besucher/innen den Sozialraum Dornacher Hügel erlebbar" zu machen. Jedem Haus der Rundgänge ist eine Doppelseite gewidmet. Die linke Seite liefert technische Informationen zu Baujahr, Adresse, Nutzung, Architekt, Bauherr, Konstruktion und zeigt technische Zeichnungen. Auf der rechten Seite steht ein Text zur Entstehungsgeschichte und mit einer architektonischen Beschreibung, ergänzt durch zwei, drei Fotos. Dieses durchgängige Schema macht die Gebäude zwar untereinander vergleichbar, die Spezifik eines jeden Hauses – welche die Anthroposophen Kolonie insgesamt interessant macht – vermittelt sich dabei jedoch zu wenig. Von Fall zu Fall wünscht man sich beispielsweise mehr historische Bilder, weitere Fotos von Interieurs, zusätzliche Informationen zum Entwurfsprozess, ergänzende technische Details – oft bleibt die Frage: Wie lebt es sich in diesem Haus?

Auch zuvor lag das Goetheanum bereits auf Spazierrouten. So empfiehlt etwa die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte die „Kulturwanderung Dornach-Arlesheim", die vom Goetheanum über die Ruine Dorneck, eine Eremitenklause, ein Felsentor und Schloss Birseck zum Arlesheimer Dom mit der bekannten Silbermann-Orgel führt – das Restaurant „Schlosshof" und die pittoreske Landschaft mit Weihern, Wasserfällen, Wäldern, Pferdeweiden sowie Hängen mit Pfaden, Höhlen und Grotten dazwischen nicht zu vergessen. Mit dem „Architekturführer Goetheanumhügel" mag so manch einer nicht mehr bis zum Arlesheimer Dom gelangen, lassen sich doch nun die Häuser und Gärten auf dem Weg – die zwar schon immer die Blicke auf sich zogen, aber über die bisher wenig Wissen verfügbar war – ein ganzes Stück weit mehr erschließen. Und wer das eine oder andere Haus näher oder sogar von Innen betrachten möchte, dem seien die Führungen ans Herz gelegt, die ergänzend zum Kuglers Publikation konzipiert wurden. Im September 2011 gab es erstmals einen „Tag der Offenen Häuser" und das Goetheanum bietet auf Bestellung die Führung „Form und Gestalt ausgewählter Koloniehäuser" an.

Architekturführer Goetheanumhügel
Herausgegeben von Jolanthe Kugler
Softcover, 212 Seiten, deutsch
Niggli, Sulgen, 2011
34 Euro
www.niggli.ch