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James Irvine 1958-2013





Wer James kannte, verliert einen Freund. Denn genau das war er auf eine ganz spezielle Art für jeden Einzelnen, der ihm begegnete. Er bot einen Raum voller Gesten, Blicke und Sätze, in dem man sich mit ihm verbunden, manches Mal sogar verschworen und konspirativ fühlte. James konnte auf das vortrefflichste streiten, argumentieren und dabei wie wild mit den Händen gestikulieren. Als Juror war er unschlagbar in seiner Funktion als eifernder Verfechter und gnadenloser Negierer in einer Person. Dabei war ihm Fairness immer ein Anliegen. Er war fair im Umgang mit der Arbeit anderer, fair in Bezug auf seine eigene Urteilskraft, die er nicht über alles stellte, aber dennoch intensiv darlegen konnte. In ihm paarten sich britischer Humor und italienische Leichtigkeit auf eine Art, die immer auch sich selbst ins Zentrum der kritisch liebevollen Beleuchtung stellte. Denke ich an James, sehe ich unsere Schuhe unter dem Tisch bei einem Abendessen vor vielen Jahren. Er riss die Augen auf und zeigte nur stumm auf meinen Fuß: „WHAT size is that?!“ Sein kleinerer schwarzer Slipper tanzte Hacke-Spitze – und von dem Moment an rückte er seinen Schuh mit einem kniependen Auge kurz ins Rampenlicht, wenn wir uns begegneten. Ein Vergleich, bei dem es um so viel mehr, um Weltsicht und Weitsicht, um Eigen- und Fremdwahrnehmung ging. Eine Art Code, den James individuell vergab und der ihn aufs Intensivste mit so vielen Menschen verband.

Seine Biografie, die er selbst auch gerne kürzer zusammenfasste, gibt seinen unermüdlichen Einsatz nur fragmentarisch wider: Geboren 1958, studierte James Irvine bis 1981 an der Kingston Polytechnic Design School, im Anschluss am Londoner Royal College of Art und ging 1984, im Jahr seines Abschlusses, nach Mailand. Unter der Regie von Michele de Lucchi und Ettore Sottsass gestaltete er für das Olivetti design studio und ging 1987 im Rahmen eines kulturellen Austauschs nach Tokio, wo er am Toshiba Design Center Forschung im Bereich Industriedesign betrieb. Nach seiner Rückkehr gründete er 1988 in Mailand sein eigenes Studio, zu dem Kunden wie Cappellini und BRF zählten. Parallel zum Aufbau seines Studios war James Irvine von 1993 bis 1997 bei Sottsass Associati Milan verantwortlich für die industrial design group.

Ein Meilenstein war die Entwicklung des Stadtbusses X 12 / X 18 für die Verkehrsbetriebe Hannover, die üstra, im Jahr 1999. Das silberne Mercedes Benz Liniengefährt mit dem orangefarbenen Grundstreifen und dem üstra-grünen Dach ist seit der EXPO 2000 aus dem Hannoveraner Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Bei einer Rundfahrt zur iF product design award Jury 2007, die eigens für ihn organisiert wurde, sehe ich James vorne mit dem Busfahrer fachsimpeln, auch Jahre nach der Fertigstellung noch interessiert an der „realen“ Nutzung, an Verbesserungen. Ich sehe ihn durch den fahrenden Bus laufen und an den Haltestangen schwingen, ein keckes Lächeln im Gesicht, das einen Anflug von Stolz und ein Glitzern in den Augen ganz schnell bei Seite wischen wollte.

Dass er ein guter, eindringlicher Berater war, zeigt seine Arbeit, die er von 2005 bis 2010 bei Thonet geleistet hat. Unter seiner Regie entstanden ungewöhnliche, klare Messestände, die die Tradition des Unternehmens mit der von ihm interpretierten Moderne verknüpften. Sein „Loop Chair A660“ von 2004 oder das Sofa „S5000“ von 2006 für das Unternehmen zeigen dies ebenfalls. Die Verbindung des von Minimalismus geprägten japanischen Brands Muji mit Thonet brachte den „Muji Thonet 14“ (2009) hervor – und einige Diskussionen in der Designwelt ob dieser gewagten Synergie. James vermittelte den Eindruck steter Energie. „Wuselig“ war oft das Wort, das ich mit ihm verbinde. Er wollte sich einbringen, selbst wenn die Kräfte vor lauter Arbeit manches Mal nicht weiter zu mobilisieren waren. Noch im Oktober kurz vor der Orgatec war er begeistert über die anstehende Diskussion in der Design Post zum Thema „Le projet c’est moi! Ego vs Gestaltung. Über Vorurteile in Architektur und Design“ und strukturierte seine Thesen gleich am Telefon. Leider konnte er an der Veranstaltung nicht teilnehmen und hätte doch zu gerne sein neuestes Projekt für Arper, den Juno Chair, vorgestellt, denn auch hier sprang bei ihm der Funke über, die üstra-Mischung aus Gestalterstolz und vornehmer Bescheidenheit, die in der Begeisterung für die Sache symphatische Risse bekam. Obwohl ich es nicht aus eigener Erfahrung oder nur in Teilen sagen kann, ist es mit James sicher auch bei anderen Kunden wie B&B Italia, Zumtobel, Alias, Artemide, Canon, Magis, LG oder Foscarini durchgegangen – für ein reduziertes, ein formvollendetes Design.

Die Schuhe von James waren nicht klein. Er hat große Fußstapfen hinterlassen, die nicht zu füllen sind. Er wird heute in Mailand beigesetzt.





Silke Gehrmann-Becker
20. Februar 2013
News & Stories › 2013 › Februar
James Irvine 1958-2013
von Silke Gehrmann-Becker | 20. Februar 2013
James Irvine, der in London geborene Designer und einer der bedeutendsten Produktgestalter unserer Zeit, ist am 17. Februar 2013 unerwartet verstorben. Wir sind tief erschüttert und nehmen Abschied von einem großen Designer und Menschen. Ein Nachruf von Silke Gehrmann-Becker.
Wer James kannte, verliert einen Freund. Denn genau das war er auf eine ganz spezielle Art für jeden Einzelnen, der ihm begegnete. Er bot einen Raum voller Gesten, Blicke und Sätze, in dem man sich mit ihm verbunden, manches Mal sogar verschworen und konspirativ fühlte. James konnte auf das vortrefflichste streiten, argumentieren und dabei wie wild mit den Händen gestikulieren. Als Juror war er unschlagbar in seiner Funktion als eifernder Verfechter und gnadenloser Negierer in einer Person. Dabei war ihm Fairness immer ein Anliegen. Er war fair im Umgang mit der Arbeit anderer, fair in Bezug auf seine eigene Urteilskraft, die er nicht über alles stellte, aber dennoch intensiv darlegen konnte. In ihm paarten sich britischer Humor und italienische Leichtigkeit auf eine Art, die immer auch sich selbst ins Zentrum der kritisch liebevollen Beleuchtung stellte. Denke ich an James, sehe ich unsere Schuhe unter dem Tisch bei einem Abendessen vor vielen Jahren. Er riss die Augen auf und zeigte nur stumm auf meinen Fuß: „WHAT size is that?!“ Sein kleinerer schwarzer Slipper tanzte Hacke-Spitze – und von dem Moment an rückte er seinen Schuh mit einem kniependen Auge kurz ins Rampenlicht, wenn wir uns begegneten. Ein Vergleich, bei dem es um so viel mehr, um Weltsicht und Weitsicht, um Eigen- und Fremdwahrnehmung ging. Eine Art Code, den James individuell vergab und der ihn aufs Intensivste mit so vielen Menschen verband.

Seine Biografie, die er selbst auch gerne kürzer zusammenfasste, gibt seinen unermüdlichen Einsatz nur fragmentarisch wider: Geboren 1958, studierte James Irvine bis 1981 an der Kingston Polytechnic Design School, im Anschluss am Londoner Royal College of Art und ging 1984, im Jahr seines Abschlusses, nach Mailand. Unter der Regie von Michele de Lucchi und Ettore Sottsass gestaltete er für das Olivetti design studio und ging 1987 im Rahmen eines kulturellen Austauschs nach Tokio, wo er am Toshiba Design Center Forschung im Bereich Industriedesign betrieb. Nach seiner Rückkehr gründete er 1988 in Mailand sein eigenes Studio, zu dem Kunden wie Cappellini und BRF zählten. Parallel zum Aufbau seines Studios war James Irvine von 1993 bis 1997 bei Sottsass Associati Milan verantwortlich für die industrial design group.

Ein Meilenstein war die Entwicklung des Stadtbusses X 12 / X 18 für die Verkehrsbetriebe Hannover, die üstra, im Jahr 1999. Das silberne Mercedes Benz Liniengefährt mit dem orangefarbenen Grundstreifen und dem üstra-grünen Dach ist seit der EXPO 2000 aus dem Hannoveraner Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Bei einer Rundfahrt zur iF product design award Jury 2007, die eigens für ihn organisiert wurde, sehe ich James vorne mit dem Busfahrer fachsimpeln, auch Jahre nach der Fertigstellung noch interessiert an der „realen“ Nutzung, an Verbesserungen. Ich sehe ihn durch den fahrenden Bus laufen und an den Haltestangen schwingen, ein keckes Lächeln im Gesicht, das einen Anflug von Stolz und ein Glitzern in den Augen ganz schnell bei Seite wischen wollte.

Dass er ein guter, eindringlicher Berater war, zeigt seine Arbeit, die er von 2005 bis 2010 bei Thonet geleistet hat. Unter seiner Regie entstanden ungewöhnliche, klare Messestände, die die Tradition des Unternehmens mit der von ihm interpretierten Moderne verknüpften. Sein „Loop Chair A660“ von 2004 oder das Sofa „S5000“ von 2006 für das Unternehmen zeigen dies ebenfalls. Die Verbindung des von Minimalismus geprägten japanischen Brands Muji mit Thonet brachte den „Muji Thonet 14“ (2009) hervor – und einige Diskussionen in der Designwelt ob dieser gewagten Synergie. James vermittelte den Eindruck steter Energie. „Wuselig“ war oft das Wort, das ich mit ihm verbinde. Er wollte sich einbringen, selbst wenn die Kräfte vor lauter Arbeit manches Mal nicht weiter zu mobilisieren waren. Noch im Oktober kurz vor der Orgatec war er begeistert über die anstehende Diskussion in der Design Post zum Thema „Le projet c’est moi! Ego vs Gestaltung. Über Vorurteile in Architektur und Design“ und strukturierte seine Thesen gleich am Telefon. Leider konnte er an der Veranstaltung nicht teilnehmen und hätte doch zu gerne sein neuestes Projekt für Arper, den Juno Chair, vorgestellt, denn auch hier sprang bei ihm der Funke über, die üstra-Mischung aus Gestalterstolz und vornehmer Bescheidenheit, die in der Begeisterung für die Sache symphatische Risse bekam. Obwohl ich es nicht aus eigener Erfahrung oder nur in Teilen sagen kann, ist es mit James sicher auch bei anderen Kunden wie B&B Italia, Zumtobel, Alias, Artemide, Canon, Magis, LG oder Foscarini durchgegangen – für ein reduziertes, ein formvollendetes Design.

Die Schuhe von James waren nicht klein. Er hat große Fußstapfen hinterlassen, die nicht zu füllen sind. Er wird heute in Mailand beigesetzt.