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Kiosk der Meisterwerke
von Martina Metzner | 27. November 2013
Zwischen Ausverkauf und Anziehungskraft: Rijksstudio-Entwurf by Studio Droog, Präsentation auf dem Salone 2013. Das Original von Wenzel Jamnitzer, 1549, und sein Look-a-like von dejongekalff. Foto © Ingmar Swalue
Der Mann am anderen Ende des Telefons kann die ganze Aufregung überhaupt nicht verstehen und erzählt voll Enthusiasmus von seinem Projekt. Peter Gorgels ist der Hüter von „Rijksstudio“, der Internetplattform des Amsterdamer Rijksmuseums, das sich seit gut einem Jahr anschickt, die Bestände des Museums zu digitalisieren und online zur Verfügung zu stellen. Die schiere Anzahl der Werke – insgesamt 125.000 Bilder sind derzeit online, darunter auch solch bekannte wie Rembrandts „Nachtwache“ – ist es aber nicht, die irritiert. Es ist die Tatsache, dass man auf Rijksstudio dazu ermuntert wird, die Bilder der Originale zu reproduzieren und zu verfremden.

Dass Museen ihre Kunstwerke – vor allem solche, die keinen urheberrechtlichen Beschränkungen mehr unterliegen – digitalisieren und der Online-Gemeinde zur Verfügung stellen, ist keineswegs neu. Das Brooklyn Museum zum Beispiel hat schon 2008 damit begonnen, seine Werke auf der Website des Hauses zu präsentieren. Erst waren es 5000, heute sind es 125.000. Auch andere Museen wie das New Yorker Metropolitan Museum, die National Gallery in Washington oder das Getty Museum in Los Angeles haben ihre Bestände in Form digitaler Datensätze online gestellt. Seit 2011 ist auch Google ist massiv an der Virtualisierung der Kunst beteiligt: Das „Google Art Project“ bietet neben virtuellen Rundgängen durchs Museum und Zoomfunktion, auch Bilder-Galerien der bekanntesten Meisterwerke an.
Mittlerweile hält das „Google Art Project“ 290 Sammlungen Tag und Nacht für Nutzer rund um den Globus bereit, darunter Kollektionen wie die des MoMA in New York, der Neuen Nationalgalerie in Berlin oder der Albertina in Wien.

Was bei Rijksstudio den Unterschied macht, ist, wie die Werke präsentiert werden. Und genau das ist – verständlicherweise – so manchem Kunstliebhaber ein Dorn im Auge. Denn auf der Plattform kann man die Bilder ohne weiteres copyrightfrei runterladen, an Social Networks verschicken und ausdrucken. Dazu bietet Rijksstudio eigens Tools an. Mehr noch: Rijksstudio ermuntert offensiv dazu, die Gemälde zu beschneiden und zu verfremden, sie zur Verzierung eines iPhone-Cases zu verwenden oder Rembrandts „Nachtwache“ als überdimensionale Tapete fürs Schlafzimmer zu nutzen. Mittlerweile haben 100.000 Nutzer einen Account bei Rijksstudio angelegt, allerdings wurden bislang nur 3000 Bilder runtergeladen.

„Simple and personal“ – das seien, erklärt Gorgels, die Schlagworte gewesen, als es um die Neuausrichtung des Rijksmuseum ging, das seit der Wiedereröffnung im April nach dem Umbau durch die spanischen Architekten Antonio Cruz und Antonio Ortiz einen deutlichen Anstieg der Touristenströme zu verzeichnen hat. Auch die Plattform Rijksstudio ist Teil dieser Strategie. Zur Einführung im Herbst 2012 engagierte man Studio Droog, das nicht nur ein Stillleben von Jan Davidsz de Heem aus dem 17. Jahrhundert als Tattoo herausbrachte, sondern im Frühjahr 2013 auch ein Tischset aus das Fundus des Rijksmuseum als 3D-Reproduktion auf dem Mailänder Möbelsalon präsentierte.

Und die Marketingmaschine läuft weiter auf Hochtouren: In Workshops kann man lernen, wie man beim Reproduzieren verfahren kann, und zum einjährigen Bestehen von Rijksstudio ruft das Museum einen Wettbewerb aus, um die gelungensten Rijksstudio-Entwürfe zu prämieren.

Man sehe es, so Gorgels, als seine Pflicht an, die berühmten Werke von Rembrandt, Vermeer oder Steen dem Publikum weltweit zugänglich zu machen. Schließlich könnten „nur“ rund 8000 im Museum gezeigt werden. Gorgels will mehr explizit den „culture snacker“ ansprechen, junge Leute die sich tagtäglich auf Facebook und Pinterest in einer „virtuellen Bilderwelt“ tummeln. Ob diese „culture snacker“ sich nur mit dem virtuellen Erlebnis der Kunst begnügen? Gorgels winkt ab, und die Besucher-Zahlen des Rijksmuseum sprechen für ihn.

Bei Rijksstudio scheiden sich die Geister. Was für die einen ein harmloser Zeitvertreib ist, der dazu führt, dass man eine Cremedose mit dem Abbild des „Milchmädchens“ von Vermeer verziert, ist für die anderen ein Frevel. Selbst wenn es die Hüter der Kunstwerke selbst sind, die dazu aufrufen, den Meisterwerken nach eigenem Gutdünken zu Leibe zu rücken, frei von jedwedem Kunstverstand und ohne sich mit dem Künstler und seinem Werk beschäftigen zu müssen. Oder lässt sich auf diese Weise tatsächlich das Interesse der Jungen wecken, sich mit Kunst auseinanderzusetzen? Vielleicht weiß, wer einen Rembrandt als Tapete verwendet hat, beim Besuch des Museums ja immerhin, wer die „Nachtwache“ gemalt hat.

www.rijksmuseum.nl/en/rijksstudio
„Das Milchmädchen“ von Johannes Vermeer.... verziert die Lampen in der niederländischen Vertretung im EU-Ratssitz in Brüssel, Design by Studio Droog in Zusammenarbeit mit dem Amsterdamer Studio Müller van Tol. Image courtesy of Rijksmuseum
Sorgloser Zeitvertreib: Delfter Kacheln als Tablethülle oder Rollerverzierung. Foto © Rijksmuseum
Privatisierung der Kunstdruck-Industrie: Promotion-Autos und Gemälde von Rijksstudio. Foto © Rijksmuseum
„Simpel and personal“: Jan Davidszn’s „Stilleben mit Blumen“ gibt es für 3,95 Euro im Webshop von Droog. © Studio Droog for Rijks studio
Zwischen Kunsterlebnis und „Culture snack“: „Die Nachtwache“ von Rembrandt van Rijn, 1642. Foto © Iwan Baan. Image courtesy of Rijksmuseum
Das Atrium des Rijksmuseum nach dem Umbau durch Antonio Cruz und Antonio Ortiz. Foto © Pedro Pegenaute
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News & Stories › 2013 › November
Kiosk der Meisterwerke
von Martina Metzner | 27. November 2013
Vor einem Jahr hat das Amsterdamer Rijksmuseum mit Rijksstudio eine Onlineplattform ins Leben gerufen, von der man sich Bilder der Kunstwerke des Museums kostenfrei runterladen und nach Belieben bearbeiten kann. Ein Projekt zwischen Ausverkauf und Anziehungskraft.
Der Mann am anderen Ende des Telefons kann die ganze Aufregung überhaupt nicht verstehen und erzählt voll Enthusiasmus von seinem Projekt. Peter Gorgels ist der Hüter von „Rijksstudio“, der Internetplattform des Amsterdamer Rijksmuseums, das sich seit gut einem Jahr anschickt, die Bestände des Museums zu digitalisieren und online zur Verfügung zu stellen. Die schiere Anzahl der Werke – insgesamt 125.000 Bilder sind derzeit online, darunter auch solch bekannte wie Rembrandts „Nachtwache“ – ist es aber nicht, die irritiert. Es ist die Tatsache, dass man auf Rijksstudio dazu ermuntert wird, die Bilder der Originale zu reproduzieren und zu verfremden.

Dass Museen ihre Kunstwerke – vor allem solche, die keinen urheberrechtlichen Beschränkungen mehr unterliegen – digitalisieren und der Online-Gemeinde zur Verfügung stellen, ist keineswegs neu. Das Brooklyn Museum zum Beispiel hat schon 2008 damit begonnen, seine Werke auf der Website des Hauses zu präsentieren. Erst waren es 5000, heute sind es 125.000. Auch andere Museen wie das New Yorker Metropolitan Museum, die National Gallery in Washington oder das Getty Museum in Los Angeles haben ihre Bestände in Form digitaler Datensätze online gestellt. Seit 2011 ist auch Google ist massiv an der Virtualisierung der Kunst beteiligt: Das „Google Art Project“ bietet neben virtuellen Rundgängen durchs Museum und Zoomfunktion, auch Bilder-Galerien der bekanntesten Meisterwerke an.
Mittlerweile hält das „Google Art Project“ 290 Sammlungen Tag und Nacht für Nutzer rund um den Globus bereit, darunter Kollektionen wie die des MoMA in New York, der Neuen Nationalgalerie in Berlin oder der Albertina in Wien.

Was bei Rijksstudio den Unterschied macht, ist, wie die Werke präsentiert werden. Und genau das ist – verständlicherweise – so manchem Kunstliebhaber ein Dorn im Auge. Denn auf der Plattform kann man die Bilder ohne weiteres copyrightfrei runterladen, an Social Networks verschicken und ausdrucken. Dazu bietet Rijksstudio eigens Tools an. Mehr noch: Rijksstudio ermuntert offensiv dazu, die Gemälde zu beschneiden und zu verfremden, sie zur Verzierung eines iPhone-Cases zu verwenden oder Rembrandts „Nachtwache“ als überdimensionale Tapete fürs Schlafzimmer zu nutzen. Mittlerweile haben 100.000 Nutzer einen Account bei Rijksstudio angelegt, allerdings wurden bislang nur 3000 Bilder runtergeladen.

„Simple and personal“ – das seien, erklärt Gorgels, die Schlagworte gewesen, als es um die Neuausrichtung des Rijksmuseum ging, das seit der Wiedereröffnung im April nach dem Umbau durch die spanischen Architekten Antonio Cruz und Antonio Ortiz einen deutlichen Anstieg der Touristenströme zu verzeichnen hat. Auch die Plattform Rijksstudio ist Teil dieser Strategie. Zur Einführung im Herbst 2012 engagierte man Studio Droog, das nicht nur ein Stillleben von Jan Davidsz de Heem aus dem 17. Jahrhundert als Tattoo herausbrachte, sondern im Frühjahr 2013 auch ein Tischset aus das Fundus des Rijksmuseum als 3D-Reproduktion auf dem Mailänder Möbelsalon präsentierte.

Und die Marketingmaschine läuft weiter auf Hochtouren: In Workshops kann man lernen, wie man beim Reproduzieren verfahren kann, und zum einjährigen Bestehen von Rijksstudio ruft das Museum einen Wettbewerb aus, um die gelungensten Rijksstudio-Entwürfe zu prämieren.

Man sehe es, so Gorgels, als seine Pflicht an, die berühmten Werke von Rembrandt, Vermeer oder Steen dem Publikum weltweit zugänglich zu machen. Schließlich könnten „nur“ rund 8000 im Museum gezeigt werden. Gorgels will mehr explizit den „culture snacker“ ansprechen, junge Leute die sich tagtäglich auf Facebook und Pinterest in einer „virtuellen Bilderwelt“ tummeln. Ob diese „culture snacker“ sich nur mit dem virtuellen Erlebnis der Kunst begnügen? Gorgels winkt ab, und die Besucher-Zahlen des Rijksmuseum sprechen für ihn.

Bei Rijksstudio scheiden sich die Geister. Was für die einen ein harmloser Zeitvertreib ist, der dazu führt, dass man eine Cremedose mit dem Abbild des „Milchmädchens“ von Vermeer verziert, ist für die anderen ein Frevel. Selbst wenn es die Hüter der Kunstwerke selbst sind, die dazu aufrufen, den Meisterwerken nach eigenem Gutdünken zu Leibe zu rücken, frei von jedwedem Kunstverstand und ohne sich mit dem Künstler und seinem Werk beschäftigen zu müssen. Oder lässt sich auf diese Weise tatsächlich das Interesse der Jungen wecken, sich mit Kunst auseinanderzusetzen? Vielleicht weiß, wer einen Rembrandt als Tapete verwendet hat, beim Besuch des Museums ja immerhin, wer die „Nachtwache“ gemalt hat.

www.rijksmuseum.nl/en/rijksstudio