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„Kolonial Farbe natur mit Holzfüsse“
von Thomas Wagner | 25. Mai 2010
Was ist ein Bett? Eine Entspannungsmaschine oder so etwas wie der verbürgerlichte durchschnittliche „Origine du monde"? Hier beginnt und hier endet es, mit Lust und mit Schmerz? Nicht was Sie denken, nicht Geburt und Tod, sondern das gewöhnliche Möbel-Jubiläums-Preis-Aufmerksamkeits-Spiel, das tagtäglich abläuft, während wir ästhetisch, bildtheoretisch und kultursoziologisch Geschulten uns entzückt über die neuesten Neuigkeiten aus Mailand beugen, über nachhaltige Produktionsweisen brüten oder Design als Prozess feiern. Hier ist Alltag, hier entscheidet sich für viele die Realität des durchschnittlichen Behaustseins in der kapitalistischen Wohlfühlzone.

Angeboten wird beispielsweise ein „Rattan-Bett" zum Jubiläumspreis, statt 499,- für 129,- Euro, „Kolonial Farbe natur mit Holzfüsse", damit nicht nur der dekorationswütige Bürger, sondern auch sämtliche Neokolonialismus-Theoretiker ihre Freude haben und der Duden - siehe unter „Füße" - neurechtschreibungshalber auch etwas zu tun bekommt. Was? Sie brauchen kein Bett? Unsinn! Schließlich hätten Sie beim selben Mega-Möbel-Haus - die nächste Aktion kommt bestimmt - zu „Mainachten" gleich noch 1000 Euro „Mainachtsgeld" bekommen. Sie hätten nur 5000 schwächer werdende Euro ausgeben müssen. Bei 500 sind es auch noch 50, also schlappe 10 Prozent. Und damit es selbst in Gender Studies geübte Hausfrauen glauben, tummeln sich auf der Titelseite gleich zwei rot verpackte, knackig-zipfelmützige Mainachtsmänner am Grill. Auf den anderen bunten Seiten stehen die Küchen still und bratenduftfrei wie gewohnt, nur die Preise glänzen um die Wette.

Nicht, dass die aufwändig gestalteten Möbel, mit denen wir uns ständig beschäftigen, irreal wären. Aber was sich in den Prospekten der Möbelverkaufsgiganten beziehungsweise den Postwurfsendungen und Zeitungsbeilagen der großen und gewöhnlichen, der Mega- und XXL, sprich: der normalen, weil durchschnittlichen Möbelhäuser so tut, ist so wirklich wie die Möbel- und Wohnrealität des Jahres 2010 nur sein kann. Dem gilt es, ins Auge zu sehen. Schließlich muss man wissen, womit man es zu tun hat und das Möbel allerweltsmäßig haust.

Bei der Konkurrenz gibt es „Preisschrumpfwochen", damit endlich die Gier der neoliberalen Banker mit dem Geiz der großzügigen Händler ausgetrieben werde. Und unterm XXXL grinst der dicke TV-Schauspieler, den wir doch als Pfarrer kennen. Als kritischer Kabarettist will er hier leider nicht stehen. Besonders gefallen hat uns das „Komplettstudio" mit „Korpus und Front Kunststoff alpinweiß" (dass die Gletscher alle grau geworden sind, hat sich noch nicht genug herumgesprochen) und „Frontabsetzungen grau metallic, 5-teilig" auf Seite 12/13. Alles angeblich für 239,- Euro statt für 1025,-. Nur der „Buddhakopf" aus Guss, „Höhe ca. 12 cm" für 3,99 passt eher zum Kolonialstil.

Oder ist hier am Ende alles Teil eines neo-kapitalistischen Kolonialstils? Die Billigproduktion - Sperrmülltermin nicht inbegriffen - aus den Billiglohnländern incl. Maximalgewinn macht es möglich. Was die drei in wahrlich goldigen Roben auftretenden Mädels der Jubiläumsausgabe des Konkurrenten natürlich wissen, aber bewusst verbergen. Wie weit entfernt von einer ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts wir uns bewegen, offenbart das Motto eines anderen Anbieters demokratischen Massengeschmacks, der den schönen Namen „mömax" trägt: „Sieht doch gleich besser aus.", steht auf fast jeder Seite in weißer Schrift in grünem Pfeil, auch wenn wir es nicht glauben wollen. So wenig wie dem „Hauch von Afrika", der als „Kissen mit Felloptik" oder „Dekostab" Einzug hält. „Eine feine Priese Exotik" auf der „Mikrofaserdecke mit Tierfellprint" muss offenbar ebenso erlaubt sein wie die Abfuhr der „Staulust" mittels einer Kommodenserie in Nussbaum- oder Buche, „Nachbildung", versteht sich. Bis wir endlich verstanden haben: „Querschläfer", „Metallbett", „Rattanbett", „Doppelbett" - so lautet das wahre Einrichtungseinmaleins. Nicht Cassina, Edra, Vitra oder e15. Bei so viel XXXL und Mainachts-Kolonialismus reckt sogar die Giraffe aus Kunststoff (3,99) neugierig den Hals. Die große Illusionsmaschine, die sich vor die Wirklichkeit schiebt, bekommt sie trotzdem nicht zu sehen.
Alle Bilder: Verschiedene Darstellungen aus Möbelprospekten, Fotos: Stylepark