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Die Zeitschrift „LandLust“ verspricht in ihrem Untertitel „Die schönen Seiten des Landlebens“ zu zeigen. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Die Auflage der „LandLust“ kletterte im 4. Quartal 2012 auf mehr als eine Million Exemplare. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Am Zeitschriftenregal scheint die Sehnsucht nach Erholung, Natur und Natürlichkeit grenzenlos zu sein. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Der rosarote Blick aufs fiktionale Landleben fällt recht pauschal und im Ergebnis selten originell aus. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Was hier Land heißt, ist eine kulinarische Kulisse und ein Lieferant von Dekorations- und Bastelmaterial. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Zwischen Baum und Strauch erblüht die Welt in gefährlich harmloser Harmonie. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Das Land in seiner realen Gestalt kommt nicht vor. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Im Veranstaltungskalender am Ende des Hefts finden sich Termine wie „Zuckerhasen gießen“, „Inspiration Natur“ oder „Weidenkugeln. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Landlust statt Stadtfrust?
von Thomas Wagner
11. April 2013
Bilder produzieren Bilder. Mit- und gegeneinander. Über den Globus breiten sich immer größere Agglomerationen aus, ein zusammengeballtes Gewirr aus Gebäuden, Malls, Straßen, Wegen, Parks, Brachen, das aus Hilflosigkeit noch immer Stadt genannt wird. Und weil all diese mehr oder weniger unkontrolliert wuchernden Megacities, Metropolregionen und hochverdichteten Ballungsräume zugleich bunt und grau, lebendig und erstarrt, von gestern und übermorgen sind, werden die utopischen Reste der Moderne permanent wiederverwertet. Nichts lässt sich mehr planen, doch alles soll geplant werden. Oder zumindest vernetzt.

Also reden all jene, die in der Stadt wohnen, ständig vom Leben in der Stadt, seinen Reizen und ihren Reaktionen. Ihr Mantra lautet: Hier, nirgendwo sonst, entscheidet sich Zukunft der Menschheit und wir sind mittendrin! Mit allem, was dazugehört: neuen Sozialstrukturen, effektiverem Ernährungs-, Energie- und Abfallmanagement, Fahrrad-Sharing und einer funktionierender Mobilität. Die Stadt ist zum Brennpunkt jeglicher Entwicklung geworden.

In der Oase Europa, deren Wohlfühldemokratien mitsamt ihrem Sozialstaatsverständnis von Griechenland bis Spanien immer tiefer in eine selbstverschuldete Krise schlittern, sieht die Sache nicht ganz so eindeutig aus wie in Caracas oder Lagos. Auch scheint es, als würden die Techno-Strategen die Rechnung hierzulande ohne die Sehnsüchte der Menschen machen. Die wohnen zwar in der Stadt, wünschen sich aber offenbar etwas anderes. Wie breit der Graben zwischen Planern und Verplanten hierzulande geworden ist, offenbaren keineswegs nur die Proteste gegen Infrastrukturprojekte wie „Stuttgart 21“ oder neue Großflughäfen. Es gibt noch ein anderes, eher triviales Phänomen, an dem sich die Unterschiede in den Gefühlslagen ausmessen lassen: der Erfolg von Magazinen, die sich dem Landleben widmen.

Sie heißen „LandLust“, „LandIdee“, „Landspiegel“, einfach nur „Landleben“ oder „Liebes Land“ und sind erstaunlich erfolgreich. So kletterte etwa die Auflage der „LandLust“ im 4. Quartal 2012 auf mehr als eine Million Exemplare. In den wohlkalkulierten Idyllen solcher Magazine findet der Überdruss der Verplanten an einer urbanen Massenzukunft ein Ventil und die Fixierung auf die Stadt ihre dialektische Entsprechung. Zumindest am Zeitschriftenregal scheint die Sehnsucht nach Erholung, Natur und Natürlichkeit grenzenlos zu sein.

Dabei fällt der rosarote Blick aufs fiktionale Landleben recht pauschal und im Ergebnis selten originell aus. Was das sein könnte, „das Land“, von dem hier mehr geträumt als berichtet wird, erfährt man nirgends. Stattdessen verspricht die Zeitschrift „LandLust“ in ihrem Untertitel allein „Die schönen Seiten Landlebens“. Ein Blick auf die Rubriken des aktuellen Frühlingshefts genügt, um zu verstehen, welcher Ingredienzen es bedarf, damit die allzu schöne Fantasie rund ums Landhaus zum Blühen gebracht wird: Im Garten – In der Küche – Ländlich wohnen – Landleben – Natur erleben.

Schnell stellt man fest: In diesem verkehrten Universum sehnsüchtiger Kleingärtner ist sogar die Erbsensuppe aus „500g TK-Erbsen“ (!) plötzlich frisch und „frühlingsgrün“. Die „Sternmagnolie“ wird wie ein Star vorgestellt, offeriert wird ein musterhafter „Frühling im Waldgarten“, und eine Biologin berichtet über ihre Erfahrungen beim Bau eines Folienteichs („Im Anschluss sorgten wir ringsum für die unverzichtbare Kapillarsperre“). In der Kolumne „Übern Gartenzaun“ lernt man unter anderem das „seltene Galanthus elwesii“ kennen, das „Großblütige Schneeglöckchen“. Alles andere wäre auch zu unscheinbar. Überhaupt eilt, wer im Heft blättert, mit den Augen von Blütenmeer zu Blütenmeer. Der Leser wird über „Anzuchttöpfe“ belehrt und ein Ostermenü darf selbstverständlich ebenso wenig fehlen wie Rezepte für süße und salzige Brötchen, Stielmus-Eintopf und – „saftig und aromatisch thront sie auf vielen Kaffeetafeln“ – die Schwarzwälder Kirschtorte.

Von Land also keine Spur. Von romantisch gestyltem ländlichem Flair für ahnungslose Städter mit drei Quadratmeter Grün dagegen umso mehr. Was hier Land heißt, ist eine kulinarische Kulisse und ein Lieferant von Dekorations- und Bastelmaterial. Nicht nur für Ostereier! Von gehäkelten Fahrradnetzen und Sattelkleidern ganz zu schweigen. Haustiere – naturgemäß in Gestalt niedlicher Hundewelpen und Katzenjungen, Lämmer und Küken – dürfen in diesem ewigen Sonntagsland selbstverständlich nicht fehlen. Im Grunde ist hier alles so klein und flauschig wie die netten Tierchen. Zwischen Baum und Strauch erblüht die Welt in gefährlich harmloser Harmonie. Männer – einmal homo faber, immer homo faber – werden (etwas hilflos) mit einer hölzernen Werkzeugkiste geködert, und in einer „Erlebnisschmiede“ stellen „stolze Kursteilnehmer“ eine Sonnenuhr her. Wem das zu anstrengend ist, für den gibt es alternativ in der Sonne glänzende Vögelchen aus Mineralien.

Selbstverständlich dürfen auch Alpträume nicht fehlen: Sie tragen in diesem Fall den Namen „Wühlmaus“, wobei, wir sind ja ökologisch geschult, vor jeder Bekämpfung geprüft werden muss, „ob wir es mit der Schermaus zu tun haben und nicht mit dem Maulwurf, der als nützlicher Insektenfresser keine Pflanzen schädigt.“ Im Veranstaltungskalender am Ende des Hefts finden sich Termine wie „Zuckerhasen gießen“, „Inspiration Natur“ oder „Weidenkugeln und Deko-Körbe“, bevor der Ländler im Kleinanzeigenteil voller Ferienhäuser und Immobilien so zuckersüß ausklingt wie er begonnen hat.

Nein, wir haben nichts übersehen. Das Land in seiner realen Gestalt kommt nicht vor. Das Motto heißt ja Landlust, nicht Landfrust. So kennt dieser ewige Frühlingssonntag weder Landflucht noch triste und verfaulte Häuser, weder vernachlässigte Infrastruktur noch die Folgen industrialisierter Landwirtschaft, weder Bodenerosion noch Überdüngung, weder den Abstieg einstiger Dörfer zu öden Stadtrandsiedlungen noch die Vernachlässigung ländlicher Bauaufgaben. Selbst gelungene Beispiele ländlicher Architektur sucht man vergebens. So erfüllt sich die legitime Sehnsucht nach Erholung, Natur und Natürlichkeit im kitschigen Repertoire eines selbstgebastelten Landlebens. Noch im schönsten Garten treibt das falsche Leben seine kapitalistischen Blüten.

News & Stories › 2013 › April
Landlust statt Stadtfrust?
von Thomas Wagner | 11. April 2013
Architekten, Stadtplaner, Hipster und Nerds, alle reden von Megacities und der Stadt als einem Schicksalsort der Menschheit. Dabei gibt es längst eine Gegenbewegung. Magazine wie „LandLust“ künden von den „schönen Seiten des Landlebens“ und zeichnen eine unwirkliche Kleingärtneridylle.
Bilder produzieren Bilder. Mit- und gegeneinander. Über den Globus breiten sich immer größere Agglomerationen aus, ein zusammengeballtes Gewirr aus Gebäuden, Malls, Straßen, Wegen, Parks, Brachen, das aus Hilflosigkeit noch immer Stadt genannt wird. Und weil all diese mehr oder weniger unkontrolliert wuchernden Megacities, Metropolregionen und hochverdichteten Ballungsräume zugleich bunt und grau, lebendig und erstarrt, von gestern und übermorgen sind, werden die utopischen Reste der Moderne permanent wiederverwertet. Nichts lässt sich mehr planen, doch alles soll geplant werden. Oder zumindest vernetzt.

Also reden all jene, die in der Stadt wohnen, ständig vom Leben in der Stadt, seinen Reizen und ihren Reaktionen. Ihr Mantra lautet: Hier, nirgendwo sonst, entscheidet sich Zukunft der Menschheit und wir sind mittendrin! Mit allem, was dazugehört: neuen Sozialstrukturen, effektiverem Ernährungs-, Energie- und Abfallmanagement, Fahrrad-Sharing und einer funktionierender Mobilität. Die Stadt ist zum Brennpunkt jeglicher Entwicklung geworden.

In der Oase Europa, deren Wohlfühldemokratien mitsamt ihrem Sozialstaatsverständnis von Griechenland bis Spanien immer tiefer in eine selbstverschuldete Krise schlittern, sieht die Sache nicht ganz so eindeutig aus wie in Caracas oder Lagos. Auch scheint es, als würden die Techno-Strategen die Rechnung hierzulande ohne die Sehnsüchte der Menschen machen. Die wohnen zwar in der Stadt, wünschen sich aber offenbar etwas anderes. Wie breit der Graben zwischen Planern und Verplanten hierzulande geworden ist, offenbaren keineswegs nur die Proteste gegen Infrastrukturprojekte wie „Stuttgart 21“ oder neue Großflughäfen. Es gibt noch ein anderes, eher triviales Phänomen, an dem sich die Unterschiede in den Gefühlslagen ausmessen lassen: der Erfolg von Magazinen, die sich dem Landleben widmen.

Sie heißen „LandLust“, „LandIdee“, „Landspiegel“, einfach nur „Landleben“ oder „Liebes Land“ und sind erstaunlich erfolgreich. So kletterte etwa die Auflage der „LandLust“ im 4. Quartal 2012 auf mehr als eine Million Exemplare. In den wohlkalkulierten Idyllen solcher Magazine findet der Überdruss der Verplanten an einer urbanen Massenzukunft ein Ventil und die Fixierung auf die Stadt ihre dialektische Entsprechung. Zumindest am Zeitschriftenregal scheint die Sehnsucht nach Erholung, Natur und Natürlichkeit grenzenlos zu sein.

Dabei fällt der rosarote Blick aufs fiktionale Landleben recht pauschal und im Ergebnis selten originell aus. Was das sein könnte, „das Land“, von dem hier mehr geträumt als berichtet wird, erfährt man nirgends. Stattdessen verspricht die Zeitschrift „LandLust“ in ihrem Untertitel allein „Die schönen Seiten Landlebens“. Ein Blick auf die Rubriken des aktuellen Frühlingshefts genügt, um zu verstehen, welcher Ingredienzen es bedarf, damit die allzu schöne Fantasie rund ums Landhaus zum Blühen gebracht wird: Im Garten – In der Küche – Ländlich wohnen – Landleben – Natur erleben.

Schnell stellt man fest: In diesem verkehrten Universum sehnsüchtiger Kleingärtner ist sogar die Erbsensuppe aus „500g TK-Erbsen“ (!) plötzlich frisch und „frühlingsgrün“. Die „Sternmagnolie“ wird wie ein Star vorgestellt, offeriert wird ein musterhafter „Frühling im Waldgarten“, und eine Biologin berichtet über ihre Erfahrungen beim Bau eines Folienteichs („Im Anschluss sorgten wir ringsum für die unverzichtbare Kapillarsperre“). In der Kolumne „Übern Gartenzaun“ lernt man unter anderem das „seltene Galanthus elwesii“ kennen, das „Großblütige Schneeglöckchen“. Alles andere wäre auch zu unscheinbar. Überhaupt eilt, wer im Heft blättert, mit den Augen von Blütenmeer zu Blütenmeer. Der Leser wird über „Anzuchttöpfe“ belehrt und ein Ostermenü darf selbstverständlich ebenso wenig fehlen wie Rezepte für süße und salzige Brötchen, Stielmus-Eintopf und – „saftig und aromatisch thront sie auf vielen Kaffeetafeln“ – die Schwarzwälder Kirschtorte.

Von Land also keine Spur. Von romantisch gestyltem ländlichem Flair für ahnungslose Städter mit drei Quadratmeter Grün dagegen umso mehr. Was hier Land heißt, ist eine kulinarische Kulisse und ein Lieferant von Dekorations- und Bastelmaterial. Nicht nur für Ostereier! Von gehäkelten Fahrradnetzen und Sattelkleidern ganz zu schweigen. Haustiere – naturgemäß in Gestalt niedlicher Hundewelpen und Katzenjungen, Lämmer und Küken – dürfen in diesem ewigen Sonntagsland selbstverständlich nicht fehlen. Im Grunde ist hier alles so klein und flauschig wie die netten Tierchen. Zwischen Baum und Strauch erblüht die Welt in gefährlich harmloser Harmonie. Männer – einmal homo faber, immer homo faber – werden (etwas hilflos) mit einer hölzernen Werkzeugkiste geködert, und in einer „Erlebnisschmiede“ stellen „stolze Kursteilnehmer“ eine Sonnenuhr her. Wem das zu anstrengend ist, für den gibt es alternativ in der Sonne glänzende Vögelchen aus Mineralien.

Selbstverständlich dürfen auch Alpträume nicht fehlen: Sie tragen in diesem Fall den Namen „Wühlmaus“, wobei, wir sind ja ökologisch geschult, vor jeder Bekämpfung geprüft werden muss, „ob wir es mit der Schermaus zu tun haben und nicht mit dem Maulwurf, der als nützlicher Insektenfresser keine Pflanzen schädigt.“ Im Veranstaltungskalender am Ende des Hefts finden sich Termine wie „Zuckerhasen gießen“, „Inspiration Natur“ oder „Weidenkugeln und Deko-Körbe“, bevor der Ländler im Kleinanzeigenteil voller Ferienhäuser und Immobilien so zuckersüß ausklingt wie er begonnen hat.

Nein, wir haben nichts übersehen. Das Land in seiner realen Gestalt kommt nicht vor. Das Motto heißt ja Landlust, nicht Landfrust. So kennt dieser ewige Frühlingssonntag weder Landflucht noch triste und verfaulte Häuser, weder vernachlässigte Infrastruktur noch die Folgen industrialisierter Landwirtschaft, weder Bodenerosion noch Überdüngung, weder den Abstieg einstiger Dörfer zu öden Stadtrandsiedlungen noch die Vernachlässigung ländlicher Bauaufgaben. Selbst gelungene Beispiele ländlicher Architektur sucht man vergebens. So erfüllt sich die legitime Sehnsucht nach Erholung, Natur und Natürlichkeit im kitschigen Repertoire eines selbstgebastelten Landlebens. Noch im schönsten Garten treibt das falsche Leben seine kapitalistischen Blüten.