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Lernen vom Land des Wassers
von Nina Reetzke | 16. März 2011
Ein Mann macht einen Kopfstand in einem Reisfeld. Sein Körper spiegelt sich im schlammigen Wasser. In dem Feld wachsen keine Pflanzen. Stattdessen stecken Kinderspielzeuge auf dünnen Reisigstielen im Schlamm. Es sind Männchen, Flugzeuge, Panzer aus bunt gefärbtem Kunststoff, allerlei, was Jungsherzen höher schlagen lässt. „Militär in unsere Reisfelder pflanzen" heißt die Installation, die der gebürtige Balinese I Gede Made Surya Darma, der heute in Yogyakarta lebt, in die Landschaft Indonesiens setzt.

Ozeane, Meere und Reisterrassen

„Tanah Air" nennen Indonesier ihr Land, „Land des Wassers" heißt es übersetzt, weit hergeholt ist der Name nicht. Mit 17.500 Inseln und einer Länge von insgesamt 5.000 Kilometern gilt Indonesien als der größte Archipel der Welt. Neben Teilen des Indischen und Pazifischen Ozeans gehören zu den Hoheitsgebieten zahlreiche Seebecken, Nebenmeere, Seestraßen und Meerengen. Urlaubsreisenden aus dem Westen sind wohl eher die Namen von Stränden, wie etwa Parangtritis, Krakal und Kukup, bekannt. Aber auch im Landesinneren bestimmt vielerorts Wasser die Landschaft. Nassreisfeld reiht sich an Nassreisfeld, dazwischen plätschert das Wasser in Bächen und in den Kanälen ausgeklügelter Bewässerungssysteme. Mehrere tausend Liter fließendes Wasser werden allein für ein Kilogramm Reis benötigt - und Indonesien ist nach China und Indien der drittgrößte Produzent des Grundnahrungsmittels. Entsprechend viel Wasser fließt fortwährend von Vulkan- und Berghängen in Richtung Meer.

Meditationsorte als Verteidigungsanlage

Was die Bauern vormachen, schätzen auch Stadtplaner und Architekten. Gleich den malerischen Reisterrassen auf dem Land wird traditionellerweise auch in Städten und Dörfern der Fluss des Wassers offen gezeigt. Der Wasserpalast „Taman Sari" in Yogyakarta aus dem 18. Jahrhundert war einst eine königliche Gartenanlage mit knapp sechzig Bauten, die in friedlichen Zeiten der Erholung und der Meditation dienten und im Krieg zur Verteidigungsanlage und zum Fluchtort werden konnten. Erbaut am Ort einer natürlichen Quelle gehörten zur Parkanlage ursprünglich künstliche Seen, Kanäle, Brunnen, Schwimmbecken, Springbrunnen, Brücken, Inseln und Bootsanleger. Der Legende nach soll es sogar einen geheimen Tunnel bis zum Indischen Ozean gegeben haben. Heute gelten die wenigen erhalten Bauten als Kulturerbe und werden restauriert.

Nicht nur in herrschaftlichen Parks, auch in ländlichen Anlagen lassen sich die Wasserkreisläufe mit wenigen Blicken nachvollziehen, beispielsweise in dem kleinen Dorf am Strand von Parangtritis. Das Wasser entspring einer Quelle, bildet einen Bach, läuft in einem kleinen Kanal um das ganze Schwimmbecken herum, fließt durch das Schwimmbecken hindurch, strömt durch drei Teiche, in denen Fische gezüchtet werden, und ergießt sich schließlich ins Meer.

Waschbecken im Wohnzimmer

Selbst in den neu gebauten Wohnhäusern der wachsenden Mittelschicht in Städten wie Jakarta, Yogyakarta oder Surabaya ist Wasser, gemessen an westlichen Maßstäben, erstaunlich präsent. Indonesische Badezimmer sind zumeist vollständig gekachelte Räume mit einem Becken und einem Abfluss im Boden. Das Becken ist keine Badewanne, in die man hineinsteigt, sondern ein Reservoir, aus dem mit einer Kelle Wasser geschöpft wird, sei es, um sich zu waschen, die Zähne zu putzen oder für den Gang auf die Toilette. Ebenso bemerkenswert ist, dass sich Waschbecken traditionellerweise auch in Wohnzimmern befinden können. Neben Sofa, Bücherregal und Fernseher ist gelegentlich ein Waschbecken installiert und wird für das Händewaschen zwischendurch verwendet.

Erotik des Wassers

Wasser in Indonesien steht für vieles, sowohl für das Wohlgefühl in balinesischen Bädern oder „Spas" als auch für die Zerstörungskraft von Tsunamis. Wasser erfrischt die Kehle, wird zur Zubereitung von Essen benötigt und dient der Hygiene; nicht abgekocht macht es jedoch krank. Nicht zu vergessen die sexuelle Bedeutung von Wasser. Im Weltbild der Javaner befinden sich die Sultane von Yogyakarta und Surakarta in mystischer Union mit Nyai Roro Kidul, der sagenumwobenen Königin des Indischen Ozeans. Weshalb noch heute unter Mädchen und Frauen das Gerücht kursiert, sie könnten beim Besuch eines öffentlichen Schwimmbads schwanger werden. Zugleich dient ihnen das Wasser zur rituellen Reinigung von den Beschmutzungen des Alltags vor dem Gebet.

Neue Sicht auf die Elemente

Einige tausend Kilometer entfernt, in den kälteren Gefilden und in den industrialisierten Nationen des Westens, wird Wasser in nach technischen Normen gebauten Häusern deutlich weniger sichtbar. Die Leitungen liegen unter Putz, der Zufluss wird sorgfältig dosiert - und Abwasser verschwindet sofort im Ausguss. Die Regulierung des Wassers mittels Rohrsystemen geht mit der Industrialisierung einher; Siegfried Giedion hat die Details in „Die Herrschaft der Mechanisierung" ausgebreitet. Das ist aber, betrachtet man die Präsentationen vieler Hersteller auf der gerade laufenden Frankfurter Sanitärmesse ISH, noch längst nicht alles. Künftig sollen die Wasserkreisläufe in Haushalten digital gesteuert werden. Wenn der Nutzer die Wasserhähne nicht mehr selbst auf und zu drehen muss, sondern es Computer für ihn übernehmen, so bedeutet das einerseits mehr Komfort, andererseits aber auch eine wachsende Entfremdung von dem Naturelement.

Gleichsam um ein Gegengewicht zu bilden, werben Unternehmen wie Dornbracht oder Hansgrohe seit einigen Jahren für die Vorzüge von Wasser im Wohnraum. Auch wenn die Installation freistehender Badewannen inmitten weiträumiger Wohnlandschaften oft an mangelndem Platz scheitert, so interpretieren solche Überlegungen doch grundsätzlich tradierte, die Natur einbeziehende Strukturen auf neue Weise. In diesem Sinn fordert Hartmut Böhme in seiner „Kulturgeschichte des Wassers" für die heutige Zeit eine „nachwissenschaftliche Position der Elemente". Diese beruhe auf einer „praktischen Naturphilosophie, in der die Position des Menschen in der Natur und sein technisch-wissenschaftliches wie ästhetisch-lebensweltliches Umgehen mit ihr reflektiert und normativ bestimmt" werde. Bis es so weit ist, gilt es, auch wenn das Wasser in Leitungen versteckt bleibt, sich den Blick für das natürliche Element zu bewahren - oder gelegentlich eine Reise nach Indonesien zu unternehmen.
Swimmingpool des Malers Affandi neben seinem ehemaligen Privathaus und heutigen Museum in Yogyakarta
Fisch im Swimmingpool von Affandi
Badezimmer mit Becken und Schöpfer in einem privaten Wohnhaus in Yogyakarta
Wasserschöpfer werden auch zur Aufbewahrung von Waschutensilien verwendet
Badezimmer am Strand von Parangtritis
Ruine eines Badezimmers mit Brunnen und Becken in der ehemaligen Königsstadt Kota Gedhe aus dem 16. Jahrhundert
Fluss Gendol in Yogyakarta
Quelle im Palast des Königs Boko
Wasser-Licht-Spiel
Eine Frau wäscht sich an einer öffentlichen Quelle in der Gegend des Dieng Plateaus Alle Fotos © Nina Reetzke
Treppe in der unterirdischen Moschee im Taman Sari
Badeanlage im Wasserpalast Taman Sari in Yogyakarta aus dem 18. Jahrhundert
Badeanlage im heutigen Sultanspalast Kraton von Yogyakarta
Swimmingpool am Strand von Parangtritis
Brunnen in den Straßen von Yogyakarta
Opfergaben in einer Höhle auf Zentraljava, die traditionell als Ort zum Waschen genutzt wird
Badeanlage im Palast des Königs Boko aus dem 8. Jahrhundert auf Zentraljava
Ehemalige Kanalisierung im Palast des Königs Boko