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Licht im Zeitalter der politischen Korrektheit
von Thomas Edelmann | 12. Mai 2009
Was verboten ist, das macht uns gerade scharf: Seit sich herumgesprochen hat, dass ab September die erste Stufe eine EU-Norm in Kraft tritt, mit der die EU-Kommission bestimmte Glühbirnen-Typen vom Markt verbannen will, vermelden viele Händler Hamsterkäufe von 100-Watt-Birnen, denn die sind vom Handelsverbot als erste betroffen. Damit sind auch Designklassiker betroffen, deren Leuchtmittel inzwischen als politisch unkorrekt gelten. So basiert die „Toio" von Achille und Pier Giacomo Castiglioni von 1962 auf einer speziellen Scheinwerferlampe mit 300 Watt, die bis dahin ausschließlich in amerikanischen Autos zum Einsatz kam. Innovativ war „Toio", weil mit ihr erstmals indirektes Licht in den Wohnraum einzog, eine neue Art der Lichtstimmung, der Erleuchtung. Noch heute überzeugt die Simplizität, mit der die Castiglionis einen dünnen Metallstab als Ständer und Höhenverstellung nutzten. Das Stromkabel ist mit Angelrutenringen befestigt, eine massive Metallstruktur dient als Ständer. Der bodennah montierte Trafo, der zwischen europäischer und amerikanischer Stromspannung vermittelt, dient zugleich der Stabilität des Ganzen. Heute wirkt die Leuchte frisch wie in ihren ersten Tagen und zugleich so politisch unkorrekt wie ein Raucher in einem aktuellen Film. Hersteller Flos allerdings präsentierte die „Toio" und andere Meilensteine der Designgeschichte ganz selbstverständlich inmitten einer räumlichen Inszenierung auf seinem Mailänder Messestand. Ein selbstbewusstes Statement mit der Botschaft: „Toio" darf nicht sterben, für Lampen-Nachschub wird gesorgt werden!

Dennoch gehörte neben der stets aktuellen Frage nach der richtigen Form der Leuchten, mit denen wir uns umgeben, der verordnete Wandel der Leuchtmittel zu den wichtigsten Themen der Mailänder Euroluce und den Begleitevents der Fuorisalone.

Ingo Maurer, Lichtmacher und Erforscher neuer Leuchtmittel ist ein bekennender Anhänger der Glühlampe, die ihn früh schon „ins Herz traf" wie er sagt. In einem Pavillon im Innenhof des Spazio Krizia machte er die Absurdität des Lampen-Verbots zum Thema. „Eine Ikone verschwindet, ohne dass man je öffentlich über den Sinn dieser Aktion debattiert hätte." Wie entstellt seine Leuchten aussehen, sobald man sie mit Energiesparlampen bestückt, inszenierte Maurer souverän. „Niemand fühlt sich wohl unter diesem Licht. Hätten wir eine Welt nur aus dem Licht der Energiesparlampe, würde Psychiater einen Boom erleben wie noch nie," sagt Maurer. Und weiter: „Ich rufe auf zum zivilen Ungehorsam." Auf der Euroluce präsentierte der Designer ein „Euro Condom" für klare Glühbirnen, die so diffuses Licht aussenden wie die geätzten Birnen, die als erste vom Markt verschwinden sollen.

Als limitierte und nummerierte Edition verteilte serien lighting tausend Glühbirnen, um den „bevorstehenden Abschied des verdienten Leuchtmittels in seinen EU-verordneten Ruhestand" zu zelebrieren. Die allermeisten neuen Produkte können längst mit anderen Leuchtmitteln bestückt werden, die effizientes und angenehmes Licht abgeben. Dabei wird rasch klar, es kann nicht das eine gute, sparsame Leuchtmittel geben. Und vermutlich spielt bei anspruchsvoller Beleuchtung die Energiesparleuchte eher eine geringe Rolle. War in den vergangenen Jahren das dekorative Licht gegenüber technisch avancierten Systemleuchten ins Hintertreffen geraten, nutzen nun Designer und Hersteller dekorativer Leuchten neue Leuchtmittel mit verbesserten Eigenschaften. Sparsame Halogen-Birnen und neue, besonders lichtstarke und weiße LEDs machen meist das Rennen.

Licht ist eine komplexe Materie. Wer dabei allein auf Watt-Zahlen achtet, übersieht viele andere Dimensionen, die zum Teil sogar messbar sind, auch wenn sie Laien nur höchst unwillig zur Kenntnis nehmen. Dabei ist das richtige Zusammenspiel von Farbwiedergabe (gemessen in Ra), Farbtemperatur (Grad Kelvin), Lichtstrom (Lumen) von Bedeutung, Lichtausbeute (Lumen pro Watt) und Beleuchtungsstärke (Lumen pro Fläche, gemessen in Lux) relevante Indikatoren, vor allem wenn es nicht nur um Lichtakzente, sondern um Licht zum Sehen, zum Ansehen und zum Wohlfühlen geht. Verständliche Information der irritierten Käuferschaft ist wichtiger als je zuvor. So präsentierte Flos nicht nur ein Feuerwerk neuer Produkte, sondern informierte stets auch über Lichtausbeute, Farbtemperatur und gewähltes Leuchtmittel.

Statt mit Auflehnung und Ironie reagieren die Hersteller und Designer mit vielfältigen Anpassungsstrategien. Artemide präsentierte eine ganze Produktreihe von Ross Lovegrove, der für seine „Cosmic"-Serie mal ein transparentes Kunststoffelement von der Decke pendeln lässt, um Streulicht zu erzeugen, dann wieder erzeugt er indirektes Licht indem er ein Aluminiumsegel vor Wand und Decke schweben lässt. Eine andere seiner „Cosmic"-Leuchten lässt Metalldampflampen hinter einem transparenten Kunststoffschirm aufscheinen. Viel diskutiert ist „Genesy" von Zaha Hadid, die an Pariser Metro-Eingänge von Hector Guimard erinnert.

Anschaulich wurden neue Sparvarianten der 1987 von Michele De Lucchi und Giancarlo Fassina entworfenen Leuchte „Tolomeo" demonstriert. Bis heute ist sie für Artemide ein unverzichtbarer Umsatzbringer, allein das Basismodell hat sich bislang vier Millionen Mal verkauft. Formal sehen die neuen Versionen der alten zum Verwechseln ähnlich. Die „Fluo 18W" verbirgt ihre Leuchtstofflampe hinter einem Rastergitter, interessant sind die Versionen LED und „LED My white light". Bei letzterer kann die Farbtemperatur von Warmlicht bis Kaltlicht verändert werden. Wer einfach nur dreißig Prozent Energie einsparen will, begnügt sich mit einer 70-Watt-Halogenbirne. Mit der ist künftig auch das Standard-Modell ausgestattet.
An die Struktur der traditionellen englischen Schreibtischleuchte Anglepoise erinnert der Entwurf der Designgrupppe Fresh West für Moooi. Allerdings ist Brave New World Lamp 1,80 Meter hoch und sollte nur mit beiden Händen bewegt werden. Für die Positionierbarkeit der Konstruktion aus über 300 Eichenhölzern sorgen zwei große Gegengewichte aus Eisen.
Raimond von Moooi | Photo © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Fool Moon von Tim Derhaag für Flos | Photo © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Teca von Ron Gilad für Flos | Photo © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Le Soleil von Vicente Garcia Jimenez für Foscarini | Photo © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Modular | Photo © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Starbrick von Olafur Eliasson für Zumtobel
Fly-Flay von Ludovica und Roberto Palomba für Foscarini besticht durch ihre elegante, leichte Erscheinung. Die Hängeleuchte mit 300-Watt Halogenlampe besteht aus Polycarbonat, das im Spritzgussverfahren seine Form erhielt.
Lumini, die Leuchtenfirma des Brasilianers Fernando Prado, besteht seit dreißig Jahren und ist auch in Europa ein Begriff. Kurz nach Erscheinen werden seine Produkte regelmäßig mit Designpreisen der höchsten Kategorie überhäuft. Das neueste Modell Lift wird an die Wand gelehnt und hat einen höhenverstellbaren Schirm aus leicht durchschimmerndem Furnierholz.
Ingo Maurer
Lacrime del Pescatore von Ingo Maurer geht auf einen Besuch in der Lagune von Venedig vor 35 Jahren zurück. Maurer beobachte die Fischer beim Einholen ihrer Netze. Das Leuchtmittel, eine 100 Watt Halogenbirne, wird an der Wand befestigt, an Nylonnetzen in verschiedenen Größen hängen ungefähr 350 Kristalle. Photo © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Ingo Maurer | Photo © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Ingo Maurer | Photo © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Cosmic von Ross Lovegrove für Artemide
Droplet von Ross Lovegrove für Artemide
Cara von Andreas Ostwald für Anta | Photo © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Coral von Lagranja Design für Pallucco
Tom Dixon | Photo © Dimitrios Tsatsas, Stylepark