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Die Halle 10 von Chestnut Niess umgebaut zur Mensa und Bibliothek, der Fassadenabschnitt rechts wurde ergänzt. Foto © Bernd Schlütter/MediaService
Lokomotive Brandenburg
von Ralf Wollheim
29. Januar 2014
Verlässt man Berlin in Richtung Südosten mit der Bahn durchquert man bald nach der Stadtgrenze einen sehr merkwürdigen Ort: Wildau. Rechts der Gleise reiht sich, Backsteingiebel neben Backsteingiebel, eine Fabrikhalle an die nächste, links der Strecke folgt ein Siedlungsbau dem nächsten. Dieser ungewöhnlich monotone Städtebau, der ganz auf die Bahnstrecke ausgerichtet ist, erklärt sich aus der Geschichte des Ortes, der Ende des 19. Jahrhunderts für Lokomotivenhersteller Schwartzkopff angelegt wurde. Der Ort erstreckt sich entlang einer natürlichen Senke und folgt zugleich den wichtigen Verkehrsverbindungen mit den Eisenbahnlinien und den Transportschiffen auf dem nahegelegenen Fluss Dahme. Die riesigen Fabrikhallen – damals das größte Lokomotivwerk Europas – und rund 800 Wohnungen entstanden ab 1899 für die Berliner Maschinenbau AG als Nachfolger von Schwartzkopff. In den Hallen wurden bald nicht nur Lokomotiven produziert, sondern auch Setz- und andere Schwermaschinen.

Dieses Ensemble steht natürlich heute – rund 100 Jahre später – unter Denkmalschutz, nicht nur die Architektur auch die Sozial- und Industriegeschichte macht diesen Ort besonders. Nach und nach wurden hier die Arbeiterwohnungen und Direktorenhäuser saniert, die historischen Hallen und Verwaltungsgebäude umgenutzt und erweitert. Ein großer Teil des Geländes wird heute von der „Technischen Hochschule Wildau“ genutzt. Dabei sind bemerkenswerte Lösungen für den Umgang mit dem historischen Erbe entstanden, aber auch die jüngsten Bauten zeigen sehenswerte zeitgenössische Architektur.

Das Berliner Büro SEHW hatte 2006 den Wettbewerb für die Erweiterung des Hochschulcampus gewonnen und ein Studentenwohnheim und weitere Institutsgebäude geplant. Das Wohnheim am Rande des Campus öffnet sich einladend mit hellen Laubengängen, deren Brüstungen verglast sind und so die Fassade großzügiger wirken lassen. Die Architekten sehen das als Erweiterung des Raumangebots, schließlich sind die 100 Appartements eher spartanisch geschnitten. Das poppige bunte Muster aus aufgedruckten, überdimensionierten Grashalmen bietet ein wenig Sichtschutz, verdeutlicht aber auch die private Nutzung am Rande des Campus. Denn die direkten Nachbarn sind ein Hörsaalzentrum und ein so genanntes Verfügungsgebäude für verschiedene Studiengänge, ebenfalls von SEHW geplant. Hier bestimmen helle metallische Fassaden das Erscheinungsbild, das Lochmuster erinnert an die auch schon historische Technik der Lochkarten.

Städtebaulich scheren die Neubauten aus der kammartigen, streng parallelen Ausrichtung der historischen Werkshallen aus und bieten so eine platzartige Aufweitung und eine klare Fassung der Hauptachse, die vom Bahnhof scheinbar ins Leere führte. Für Fußgänger bleibt der schmale Verbindungsweg in einen Ortsteil jenseits eines Hügels dennoch erhalten. Das Spiel mit dem strengen Raster markiert auch ein schräger, gläserner Vorbau als Eingang zu einer der historischen Werkshallen. Hier wurden ein großer Hörsaal und etliche Verwaltungsräume als neue Häuser in die alte Halle 17 eingestellt. Neben verschiedenen Grautönen für die renovierten Innenräume taucht auch immer wieder das markante Grün von nebenan auf, als Signatur und zeitgenössische Ergänzung.

Das Haus-im-Haus-Prinzip wandten auch Anderhalten Architekten für ein erstes Hörsaalgebäude in Wildau an. Hier hat die 4000 Quadratmeter große, zweischiffige Halle einen raueren Charme. Rostige Träger und andere Details behielten teilweise die Patina des Altbaus, was in der Halle 14 gut mit gläsernen, modernen Einbauten kontrastiert. Alt und Neu sind hier deutlich voneinander geschieden, die aufwändige Trennung erscheint als respektvolle Geste vor dem gar nicht mehr so profanen Industriebau.

Die so genannte Verladehalle von 1920, in der die Lokomotiven demontiert und verpackt wurden, hatte einen ähnlich luftigen Charakter. Hier sollte ein Informations- und Medienzentrum sowie eine Mensa einziehen. Chestnutt-Niess-Architekten aus Berlin sahen die Aufgabe als Metamorphose des Bestands und ergänzten einen Giebel beziehungsweise eine Fensterachse auf der Ostseite, was 1920 zwar geplant war, aber nie ausgeführt wurde. Erst auf den zweiten Blick ist dieser „Anbau“ zu erkennen, subtil wurde der Bestand mit eingefärbtem Beton und einer schlichteren Formensprache ergänzt.

Mit den verschieden Eingriffen hat das alte Schwarzkopff-Gelände seinen eher rauen Charakter behalten, an vielen Ecken sogar noch einen ruinösen Charme. Es wurde aber definitiv nicht zum Museumsdorf, sondern ein Ort, der sich entwickelt, der eine Zukunft und ein Geschichte hat.



MEHR auf Stylepark:

Traut Euch: Für gute Architektur braucht es Mut. Der Wettbewerb für den neuen Campus der „Frankfurt School of Finance and Management“ zeigt dies eindrucksvoll.
(20. März 2013)


Der Campus Wildau vor den Ergänzungen von SEHW Architektur.
Foto © Bernd Schlütter/MediaService
Im neuen so genannten Verfügungsgebäude sind die Räume hell gestaltet mit markanten grünen und orangefarbigen Einbauten. Foto © Lisa Kattner (SEHW Architektur)
Der Neubau von SEHW Architektur steht in selbstbewusstem Kontrast zu den historischen Backsteinbauten. Foto © Lisa Kattner (SEHW Architektur)
Das neue Studentenwohnheim liegt am Rande des Campus.
Foto © Lisa Kattner (SEHW Architektur)
Auch im Hörsaal in der alten Halle 17 trifft man auf das charakteristische Grün.
Foto © Lisa Kattner (SEHW Architektur)
Die neuen Nutzungen wurden nach dem Haus-im-Haus-Prinzip in die Halle 17 eingestellt.
Foto © Lisa Kattner (SEHW Architektur)
Anderhalten Architekten bewahrten einen Teil der Patina der Halle 14, die Einbauten wurden als gläserne Boxen hineingestellt. Foto © Bernd Schlütter/MediaService
Chestnut Niess wählten Innen einen rot eingefärbten Beton, passend zum Backstein der alten Halle. Foto © Bernd Schlütter/MediaService
Die Laubengänge erweitern den Aktionsradius der Bewohner - zumindest bei gutem Wetter. Foto © Lisa Kattner (SEHW Architektur)
Architektur › 2014 › Januar
Lokomotive Brandenburg
von Ralf Wollheim | 29. Januar 2014
Auf dem Gelände der ehemals größten Lokomotivfabrik Europas entstand die „Hochschule für Technik Wildau“. Alt- und Neubauten ergeben einen äußerst sehenswerten Campus in der Nähe Berlins.
Verlässt man Berlin in Richtung Südosten mit der Bahn durchquert man bald nach der Stadtgrenze einen sehr merkwürdigen Ort: Wildau. Rechts der Gleise reiht sich, Backsteingiebel neben Backsteingiebel, eine Fabrikhalle an die nächste, links der Strecke folgt ein Siedlungsbau dem nächsten. Dieser ungewöhnlich monotone Städtebau, der ganz auf die Bahnstrecke ausgerichtet ist, erklärt sich aus der Geschichte des Ortes, der Ende des 19. Jahrhunderts für Lokomotivenhersteller Schwartzkopff angelegt wurde. Der Ort erstreckt sich entlang einer natürlichen Senke und folgt zugleich den wichtigen Verkehrsverbindungen mit den Eisenbahnlinien und den Transportschiffen auf dem nahegelegenen Fluss Dahme. Die riesigen Fabrikhallen – damals das größte Lokomotivwerk Europas – und rund 800 Wohnungen entstanden ab 1899 für die Berliner Maschinenbau AG als Nachfolger von Schwartzkopff. In den Hallen wurden bald nicht nur Lokomotiven produziert, sondern auch Setz- und andere Schwermaschinen.

Dieses Ensemble steht natürlich heute – rund 100 Jahre später – unter Denkmalschutz, nicht nur die Architektur auch die Sozial- und Industriegeschichte macht diesen Ort besonders. Nach und nach wurden hier die Arbeiterwohnungen und Direktorenhäuser saniert, die historischen Hallen und Verwaltungsgebäude umgenutzt und erweitert. Ein großer Teil des Geländes wird heute von der „Technischen Hochschule Wildau“ genutzt. Dabei sind bemerkenswerte Lösungen für den Umgang mit dem historischen Erbe entstanden, aber auch die jüngsten Bauten zeigen sehenswerte zeitgenössische Architektur.

Das Berliner Büro SEHW hatte 2006 den Wettbewerb für die Erweiterung des Hochschulcampus gewonnen und ein Studentenwohnheim und weitere Institutsgebäude geplant. Das Wohnheim am Rande des Campus öffnet sich einladend mit hellen Laubengängen, deren Brüstungen verglast sind und so die Fassade großzügiger wirken lassen. Die Architekten sehen das als Erweiterung des Raumangebots, schließlich sind die 100 Appartements eher spartanisch geschnitten. Das poppige bunte Muster aus aufgedruckten, überdimensionierten Grashalmen bietet ein wenig Sichtschutz, verdeutlicht aber auch die private Nutzung am Rande des Campus. Denn die direkten Nachbarn sind ein Hörsaalzentrum und ein so genanntes Verfügungsgebäude für verschiedene Studiengänge, ebenfalls von SEHW geplant. Hier bestimmen helle metallische Fassaden das Erscheinungsbild, das Lochmuster erinnert an die auch schon historische Technik der Lochkarten.

Städtebaulich scheren die Neubauten aus der kammartigen, streng parallelen Ausrichtung der historischen Werkshallen aus und bieten so eine platzartige Aufweitung und eine klare Fassung der Hauptachse, die vom Bahnhof scheinbar ins Leere führte. Für Fußgänger bleibt der schmale Verbindungsweg in einen Ortsteil jenseits eines Hügels dennoch erhalten. Das Spiel mit dem strengen Raster markiert auch ein schräger, gläserner Vorbau als Eingang zu einer der historischen Werkshallen. Hier wurden ein großer Hörsaal und etliche Verwaltungsräume als neue Häuser in die alte Halle 17 eingestellt. Neben verschiedenen Grautönen für die renovierten Innenräume taucht auch immer wieder das markante Grün von nebenan auf, als Signatur und zeitgenössische Ergänzung.

Das Haus-im-Haus-Prinzip wandten auch Anderhalten Architekten für ein erstes Hörsaalgebäude in Wildau an. Hier hat die 4000 Quadratmeter große, zweischiffige Halle einen raueren Charme. Rostige Träger und andere Details behielten teilweise die Patina des Altbaus, was in der Halle 14 gut mit gläsernen, modernen Einbauten kontrastiert. Alt und Neu sind hier deutlich voneinander geschieden, die aufwändige Trennung erscheint als respektvolle Geste vor dem gar nicht mehr so profanen Industriebau.

Die so genannte Verladehalle von 1920, in der die Lokomotiven demontiert und verpackt wurden, hatte einen ähnlich luftigen Charakter. Hier sollte ein Informations- und Medienzentrum sowie eine Mensa einziehen. Chestnutt-Niess-Architekten aus Berlin sahen die Aufgabe als Metamorphose des Bestands und ergänzten einen Giebel beziehungsweise eine Fensterachse auf der Ostseite, was 1920 zwar geplant war, aber nie ausgeführt wurde. Erst auf den zweiten Blick ist dieser „Anbau“ zu erkennen, subtil wurde der Bestand mit eingefärbtem Beton und einer schlichteren Formensprache ergänzt.

Mit den verschieden Eingriffen hat das alte Schwarzkopff-Gelände seinen eher rauen Charakter behalten, an vielen Ecken sogar noch einen ruinösen Charme. Es wurde aber definitiv nicht zum Museumsdorf, sondern ein Ort, der sich entwickelt, der eine Zukunft und ein Geschichte hat.



MEHR auf Stylepark:

Traut Euch: Für gute Architektur braucht es Mut. Der Wettbewerb für den neuen Campus der „Frankfurt School of Finance and Management“ zeigt dies eindrucksvoll.
(20. März 2013)