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Reinier de Graaf
Partner, OMA
Reinier de Graaf ist Partner von Office for Metropolitan Architecture (OMA). Er ist Leiter des Thinktanks AMO und zuständig für Projekte, die sich einem weiter gefassten architektonischen Diskurses jenseits von Gebäuden und Stadtplanung widmen. Zu den Projekten gehören: „The Image of Europe“ – im Mittelpunkt steht das ikonografische Defizit der EU; „D-40210“, eine Strategie zur Vermeidung weiterer Gentrifizierung europäischer Stadtzentren; „Eurocore“, hier geht es um die Umrisse der ersten grenzüberschreitenden Metropole Europas (sie erstreckt sich über Teile der Niederlande, Deutschlands und Belgiens; sowie „The State of Moscow“, ein Entwurf für ein transparenteres Verwaltungssystem für Moskau. Überdies ist Reinier de Graaf für das wachsende Auftragsvolumen im Bereich Energieplanung zuständig, dazu gehören auch „Zeekracht“ – ein strategischer Masterplan für die Nordsee; „Roadmap 2050“ – Eine praktische Anleitung für ein erfolgreiches, kohlenstoffarmes Europa, zusammen mit der "European Climate Foundation"; sowie „The Energy Report“ – ein globaler Plan für 100% erneuerbare Energie, gemeinsam mit dem WWF.

www.oma.com
7. März 2014 | Architekturkolumne
Londons uneigentlicher Wandel
Öffentlich ausgetragene Kontroversen haben in London eine lange und wechselvolle Tradition (siehe Paternoster Square, Chelsea Barracks). Selten entspricht die Intensität der Debatte jedoch der Qualität dessen, was diskutiert wird. Vielmehr erfüllt sie häufig den Zweck, Entwürfe zu bewerben, die ansonsten nur wenig Aufmerksamkeit erhalten würden. Man fragt sich, ob die inszenierten ‘Begegnungen’ zwischen ‘modernen Architekten’ (der oberste Verfechter ist gewöhnlich Richard Rogers) und ihren Kontrahenten (ausnahmslos durch Prince Charles vertreten) irgendeinen anderen Zweck erfüllen, als der Selbstbestätigung der beiden von ihnen repräsentierten Lager zu dienen in der Einigkeit uneinig zu sein, um die Dinge am Laufen zu halten.

Die Antwort auf die Frage, ob London sich der Moderne stellt, wird auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Reiz der modernen Architekturikonen Londons entspringt vor allem ihrem Widerspruch zum vorherrschenden ästhetischen Regime; die Metropole gedeiht ebenso sehr auf der Grundlage der Existenz dieses Regimes als auch dem Verstoß gegen seine Regeln. Die moderne Architektur in London braucht gewissermaßen die Aufrechterhaltung des Status quo im Rest der Stadt: In ihrer Andersartigkeit sollen diese Bauten auch andersartig bleiben.

Jedes neue moderne Gebäude suggeriert die Möglichkeit, dass es das letzte sein könnte. Wenn es ein “modernes London” gibt, entspringt es nicht einer entsprechenden Überzeugung, sondern dem Wunsch der Modernisierung nur langsam nachzugeben. London pflegt einen ganz eigenen Umgang mit Modernität: es bietet moderner Architektur eine Bühne, ohne jemals seiner notwendigen Modernisierung als Stadt nachzukommen. Obwohl die Stadt mittlerweile eine Art Dauerbaustelle mit neuen und immer noch moderneren Projekten ist, wird man den Eindruck nicht los, dass die eigentliche Modernisierung der Stadt von offizieller Seite auf unbestimmte Zeit aufgeschoben ist.

London scheint in vielerlei Hinsicht die Hauptaufgabe von Architektur dezidiert zurückzuweisen: Während Architektur die Dinge aktiv verändert, passt sich London (die meiste Zeit) den Veränderungen nur an. Seine Genialität beruht auf einer permanenten Improvisation. Vielleicht ist die lange Tradition der Stadt, dem Wandel eine Bühne zu geben, ohne die eigene Bausubstanz wirklich zu verwandeln, so bewährt, dass die Einwohner den Begründungen der Architekten für ihre Innovationen nie Glauben schenken wollen. London verweist auf die ‘angehaltene Entwicklung’ seines Stadtbildes nicht ohne einen gewissen Stolz. Mitunter werden sogar große Anstrengungen unternommen, um bereits realisierte Modernisierungen rückgängig zu machen. Viele architektonische Ikonen aus den 1960er und 1970er Jahren sind nun zum Abriss freigegeben, um Raum für Gebäude zu schaffen, die der ‘Geschichte der Stadt’ (die offenkundig 1960 endet) eher schmeicheln.

Zwei zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgenommene Fotos des Piccadilly Circus (1960, 1970 und heute) zeigen nur geringfügige Unterschiede. Die Modernisierung findet heute in anderen Bereichen als der Architektur statt, solchen, die nicht physischer Natur sind. Vielleicht zeigt London am Ende nur, dass modern sein und moderner Architektur Raum zu geben zwei völlig unterschiedliche Dinge geworden sind.
Londons Picadilly Circus 1963. Foto © greekislandblog.com / The English are Coming.
Picadilly Circus in London 1933. Foto © The Extraordinary Transformation Of Piccadilly Circus In Historical London Pictures.
Architektur › 2014 › März
Londons uneigentlicher Wandel
von Reinier de Graaf | 7. März 2014
London pflegt einen ganz eigenen Umgang mit Modernität: es ist Schauplatz moderner Architektur, doch kommt es eigentlich seiner erforderlichen Modernisierung als Stadt nicht nach.
Öffentlich ausgetragene Kontroversen haben in London eine lange und wechselvolle Tradition (siehe Paternoster Square, Chelsea Barracks). Selten entspricht die Intensität der Debatte jedoch der Qualität dessen, was diskutiert wird. Vielmehr erfüllt sie häufig den Zweck, Entwürfe zu bewerben, die ansonsten nur wenig Aufmerksamkeit erhalten würden. Man fragt sich, ob die inszenierten ‘Begegnungen’ zwischen ‘modernen Architekten’ (der oberste Verfechter ist gewöhnlich Richard Rogers) und ihren Kontrahenten (ausnahmslos durch Prince Charles vertreten) irgendeinen anderen Zweck erfüllen, als der Selbstbestätigung der beiden von ihnen repräsentierten Lager zu dienen in der Einigkeit uneinig zu sein, um die Dinge am Laufen zu halten.

Die Antwort auf die Frage, ob London sich der Moderne stellt, wird auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Reiz der modernen Architekturikonen Londons entspringt vor allem ihrem Widerspruch zum vorherrschenden ästhetischen Regime; die Metropole gedeiht ebenso sehr auf der Grundlage der Existenz dieses Regimes als auch dem Verstoß gegen seine Regeln. Die moderne Architektur in London braucht gewissermaßen die Aufrechterhaltung des Status quo im Rest der Stadt: In ihrer Andersartigkeit sollen diese Bauten auch andersartig bleiben.

Jedes neue moderne Gebäude suggeriert die Möglichkeit, dass es das letzte sein könnte. Wenn es ein “modernes London” gibt, entspringt es nicht einer entsprechenden Überzeugung, sondern dem Wunsch der Modernisierung nur langsam nachzugeben. London pflegt einen ganz eigenen Umgang mit Modernität: es bietet moderner Architektur eine Bühne, ohne jemals seiner notwendigen Modernisierung als Stadt nachzukommen. Obwohl die Stadt mittlerweile eine Art Dauerbaustelle mit neuen und immer noch moderneren Projekten ist, wird man den Eindruck nicht los, dass die eigentliche Modernisierung der Stadt von offizieller Seite auf unbestimmte Zeit aufgeschoben ist.

London scheint in vielerlei Hinsicht die Hauptaufgabe von Architektur dezidiert zurückzuweisen: Während Architektur die Dinge aktiv verändert, passt sich London (die meiste Zeit) den Veränderungen nur an. Seine Genialität beruht auf einer permanenten Improvisation. Vielleicht ist die lange Tradition der Stadt, dem Wandel eine Bühne zu geben, ohne die eigene Bausubstanz wirklich zu verwandeln, so bewährt, dass die Einwohner den Begründungen der Architekten für ihre Innovationen nie Glauben schenken wollen. London verweist auf die ‘angehaltene Entwicklung’ seines Stadtbildes nicht ohne einen gewissen Stolz. Mitunter werden sogar große Anstrengungen unternommen, um bereits realisierte Modernisierungen rückgängig zu machen. Viele architektonische Ikonen aus den 1960er und 1970er Jahren sind nun zum Abriss freigegeben, um Raum für Gebäude zu schaffen, die der ‘Geschichte der Stadt’ (die offenkundig 1960 endet) eher schmeicheln.

Zwei zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgenommene Fotos des Piccadilly Circus (1960, 1970 und heute) zeigen nur geringfügige Unterschiede. Die Modernisierung findet heute in anderen Bereichen als der Architektur statt, solchen, die nicht physischer Natur sind. Vielleicht zeigt London am Ende nur, dass modern sein und moderner Architektur Raum zu geben zwei völlig unterschiedliche Dinge geworden sind.