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Reinier de Graaf
Partner, OMA
Reinier de Graaf ist Partner von Office for Metropolitan Architecture (OMA). Er ist Leiter des Thinktanks AMO von OMA und zuständig für Projekte, die sich einem weiter gefassten architektonischen Diskurses jenseits von Gebäuden und Stadtplanung widmen. Zu den Projekten gehören: „The Image of Europe“ – im Mittelpunkt steht das ikonografische Defizit der EU; „D-40210“, eine Strategie zur Vermeidung weiterer Gentrifizierung europäischer Stadtzentren; „Eurocore“, hier geht es um die Umrisse der ersten grenzüberschreitenden Metropole Europas (sie erstreckt sich über Teile der Niederlande, Deutschlands und Belgiens; sowie „The State of Moscow“, ein Entwurf für ein transparenteres Verwaltungssystem für Moskau. Überdies ist Reinier de Graaf für das wachsende Auftragsvolumen im Bereich Energieplanung zuständig, dazu gehören auch „Zeekracht“ – ein strategischer Masterplan für die Nordsee; „Roadmap 2050“ – Eine praktische Anleitung für ein erfolgreiches, kohlenstoffarmes Europa, zusammen mit der European Climate Foundation; sowie „The Energy Report“ – ein globaler Plan für 100% erneuerbare Energie, gemeinsam mit dem WWF.

www.oma.com
6. November 2013 | Architekturkolumne
MEGALOPOLI(TIC)S
Im Jahr 1950 waren New York und London die einzigen Städte der Welt mit mehr als 8 Millionen Einwohnern. Gegenwärtig gibt es 26 Städte mit über 8 Millionen Einwohnern; bis 2020 werden es 37 sein. Einige dieser Städte übertreffen hinsichtlich Bevölkerung und Wirtschaftsleistung mittlerweile ganze Länder: Die Einwohnerzahl von Mexico City ist höher als die von Australien, die wirtschaftliche Kraft von SãoPaulo ist größer als das Bruttoinlandsprodukt von Schweden.

Wie sehr diese Zahlen auch beeindrucken mögen, es gibt sicherlich mehr als die eskalierende Größe, die Städte zu einem wichtigen Thema macht. Denn: Städte sind die maßgeblichen Zentren, in denen sich Globalisierung manifestiert. Städte können als Versuchslabore der Globalisierung betrachtet werden: Die ethnische und religiöse Zusammensetzung einer Stadt wie Birmingham repräsentiert heute eher die Welt als die von Großbritannien. Anhand dieser Stadt können daher Strategien erprobt werden, wie mit der Situation umgegangen werden sollte. Angesichts dieser neuen und sich fortwährend verändernden globalen Realität bleibt Stadtverwaltungen hinsichtlich Migration und kultureller Vielfalt nichts anderes übrig, als einen progressiven Ansatz zu verfolgen. Und zwar unabhängig davon, wie auf nationaler Ebene verfahren wird, da Kommunalverwaltungen ja gewöhnlich untergeordnet sind. Deshalb gilt: Umso größer die Städte werden, desto fortschrittlicher müssen sie mit den Problemen umgehen, die sich im Zuge der Globalisierung ergeben.

Bislang wird die Stadt nicht als eigenständige politische Einheit betrachtet. Sogar die weltweit größten Städte werden mit kommunalen Strukturen regiert, die sich kaum von denen einer durchschnittlichen Kleinstadt unterscheiden, mit einem ähnlich beschränkten Mandat und einer kaum besseren Infrastruktur. Nur wenige der Megacities, wie wir Städte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern nennen, existieren tatsächlich als solche: Bei der Angabe von Einwohnerzahlen beziehen sich Ranglisten von Städten zumeist auf größere Ballungsgebiete, die nach der größten Stadt in ihrer Mitte benannt werden. Im Allgemeinen hört die Regierungsbefugnis an den kommunalen Grenzen der „größeren“ Stadt auf, wobei der Rest des Ballungsgebietes nicht mehr als ein Flickenteppich beieinander liegender einzelner Orte darstellt. Der Versuch, größere Verwaltungseinheiten zu schaffen, scheitert gewöhnlich an Einzelinteressen und Zuständigkeitsverteilungen. Ungeachtet der Präsenz, die die Megacity in fast jedem anderen Bereich hat, bleibt sie, was ihre Verwaltung betrifft, ein virtuelles Konstrukt.

Welche politischen Konsequenzen sollten aus der demografischen, wirtschaftlichen und kulturellen Dynamik, wie sie die Megacity entwickelt hat, gezogen werden? Wie sollten Megacities regiert werden? Wie sollte das Mandat ihrer (gewählten) Vertreter aussehen? Wie groß sollte das Gebiet sein, das dem Mandat unterstellt ist? Welche Verwaltungssysteme sollten entwickelt werden, um eine Vertretung solch großer Einheiten zu erlauben? Und welche Rolle sollten Megacities im Rahmen der Weltpolitik übernehmen?

Wenn sich die gegenwärtige Urbanisierung weiter so entwickelt, könnten im Jahr 2050 bis zu 75 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben beziehungsweise im Jahr 2100 bis zu 100 Prozent. Prognosen weisen darauf hin, dass sich bis 2100 die Weltbevölkerung auf nur 5 Prozent der Erdoberfläche verteilen wird, so dass große ländliche Gebiete unbewohnt bleiben. An diesem Punkt könnte die Megacity sogar aus nationalen Strukturen herausgelöst und als eigenständige Einheit betrachtet werden: In Form einer intelligenten Verschmelzung der Stadt und des Staates, in Form einer „großen Regierungsstruktur“ für ein beschränktes Gebiet. Die Antike – die Welt als Archipel von Stadtstaaten – könnte eine ungeahnte Aktualität erlangen und das bestehende Konzept der Stadt und auch des Staates in Frage stellen – und damit einen zwingenden Grund liefern, diese neu zu erfinden.
Architektur › 2013 › November
MEGALOPOLI(TIC)S
von Reinier de Graaf | 6. November 2013
Städte sind die maßgeblichen Zentren, in denen sich Globalisierung manifestiert. Bislang wird die aber Stadt nicht als eigenständige politische Einheit betrachtet. Ein Plädoyer für eine Welt als Archipel von Stadtstaaten.
Im Jahr 1950 waren New York und London die einzigen Städte der Welt mit mehr als 8 Millionen Einwohnern. Gegenwärtig gibt es 26 Städte mit über 8 Millionen Einwohnern; bis 2020 werden es 37 sein. Einige dieser Städte übertreffen hinsichtlich Bevölkerung und Wirtschaftsleistung mittlerweile ganze Länder: Die Einwohnerzahl von Mexico City ist höher als die von Australien, die wirtschaftliche Kraft von SãoPaulo ist größer als das Bruttoinlandsprodukt von Schweden.

Wie sehr diese Zahlen auch beeindrucken mögen, es gibt sicherlich mehr als die eskalierende Größe, die Städte zu einem wichtigen Thema macht. Denn: Städte sind die maßgeblichen Zentren, in denen sich Globalisierung manifestiert. Städte können als Versuchslabore der Globalisierung betrachtet werden: Die ethnische und religiöse Zusammensetzung einer Stadt wie Birmingham repräsentiert heute eher die Welt als die von Großbritannien. Anhand dieser Stadt können daher Strategien erprobt werden, wie mit der Situation umgegangen werden sollte. Angesichts dieser neuen und sich fortwährend verändernden globalen Realität bleibt Stadtverwaltungen hinsichtlich Migration und kultureller Vielfalt nichts anderes übrig, als einen progressiven Ansatz zu verfolgen. Und zwar unabhängig davon, wie auf nationaler Ebene verfahren wird, da Kommunalverwaltungen ja gewöhnlich untergeordnet sind. Deshalb gilt: Umso größer die Städte werden, desto fortschrittlicher müssen sie mit den Problemen umgehen, die sich im Zuge der Globalisierung ergeben.

Bislang wird die Stadt nicht als eigenständige politische Einheit betrachtet. Sogar die weltweit größten Städte werden mit kommunalen Strukturen regiert, die sich kaum von denen einer durchschnittlichen Kleinstadt unterscheiden, mit einem ähnlich beschränkten Mandat und einer kaum besseren Infrastruktur. Nur wenige der Megacities, wie wir Städte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern nennen, existieren tatsächlich als solche: Bei der Angabe von Einwohnerzahlen beziehen sich Ranglisten von Städten zumeist auf größere Ballungsgebiete, die nach der größten Stadt in ihrer Mitte benannt werden. Im Allgemeinen hört die Regierungsbefugnis an den kommunalen Grenzen der „größeren“ Stadt auf, wobei der Rest des Ballungsgebietes nicht mehr als ein Flickenteppich beieinander liegender einzelner Orte darstellt. Der Versuch, größere Verwaltungseinheiten zu schaffen, scheitert gewöhnlich an Einzelinteressen und Zuständigkeitsverteilungen. Ungeachtet der Präsenz, die die Megacity in fast jedem anderen Bereich hat, bleibt sie, was ihre Verwaltung betrifft, ein virtuelles Konstrukt.

Welche politischen Konsequenzen sollten aus der demografischen, wirtschaftlichen und kulturellen Dynamik, wie sie die Megacity entwickelt hat, gezogen werden? Wie sollten Megacities regiert werden? Wie sollte das Mandat ihrer (gewählten) Vertreter aussehen? Wie groß sollte das Gebiet sein, das dem Mandat unterstellt ist? Welche Verwaltungssysteme sollten entwickelt werden, um eine Vertretung solch großer Einheiten zu erlauben? Und welche Rolle sollten Megacities im Rahmen der Weltpolitik übernehmen?

Wenn sich die gegenwärtige Urbanisierung weiter so entwickelt, könnten im Jahr 2050 bis zu 75 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben beziehungsweise im Jahr 2100 bis zu 100 Prozent. Prognosen weisen darauf hin, dass sich bis 2100 die Weltbevölkerung auf nur 5 Prozent der Erdoberfläche verteilen wird, so dass große ländliche Gebiete unbewohnt bleiben. An diesem Punkt könnte die Megacity sogar aus nationalen Strukturen herausgelöst und als eigenständige Einheit betrachtet werden: In Form einer intelligenten Verschmelzung der Stadt und des Staates, in Form einer „großen Regierungsstruktur“ für ein beschränktes Gebiet. Die Antike – die Welt als Archipel von Stadtstaaten – könnte eine ungeahnte Aktualität erlangen und das bestehende Konzept der Stadt und auch des Staates in Frage stellen – und damit einen zwingenden Grund liefern, diese neu zu erfinden.