transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369374_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2143 Forward End
Der Goldene Löwe für den besten Beitrag zur Hauptausstellung ging an Gabinete de Arquitectura aus Paraguay. Ihr beeindruckendes Tragwerk steht im Zentralen Pavillon und ist aus einfachsten Materialien zusammengefügt. Foto © Francesco Galli, La Biennale di Venezia
Mehr Architektur wagen
von Florian Heilmeyer
1. Juni 2016
Die Architektur, sagt man, sei ein Instrument der Mächtigen, um ihre Macht zu demonstrieren. Von den Pyramiden und Tempeln über Burgen, Schlösser und Bürgerhäuser bis zu den gewaltigen Bürohochhäusern und den glänzenden Privatmuseen unserer Tage lässt sich dieses Argument verfolgen. Auch mit einem Besuch der vergangenen Architekturbiennalen in Venedig ließe sich das leicht belegen. Ricky Burdett und Rem Koolhaas einmal ausgenommen, haben sich insbesondere die Ausgaben von David Chipperfield, Kazuyo Sejima und Aaron Betsky doch vor allem mit einer Parade der neuesten Projekte der internationalen Star-Architektur zufriedengegeben. Dass nun ausgerechnet Betsky bei einer Diskussion im Palazzo Widmann am Rande der Eröffnung sagte, diese Biennale sei langweilig und hässlich, kann insofern eher als Kompliment für Alejandro Aravena gewertet werden. Die Nachricht, die er mit „Reporting from the Front“ gesendet hat, ist angekommen.

Architektur für alle

Aravenas Hauptausstellung im Padiglione Centrale und im Arsenale ist ein fulminanter Gegenbeweis zu der Behauptung, Architektur sei eine Dienstleistung und könne an den herrschenden Verhältnissen nichts ändern. Die insgesamt 88 von ihm ausgestellten Architekten zeigen eine bunte Fülle von inspirierenden Arbeiten, in denen es gelungen ist, das Leben möglichst vieler Menschen und nicht nur das der Auftraggeber zu verbessern. Im Grunde verhandelt Aravena hier die alte Frage, was denn eigentlich „gute Architektur“ sei – und glücklicherweise gelingt es, diese Frage von rein ästhetischen, technischen oder formalen Diskussionen zu lösen. „In der Architektur geht es darum, den Orten, an denen Menschen leben, eine Form zu geben“, sagte Aravena bei der Eröffnung, „und durch diese Formgebung können wir die bereits vorhandene Qualität des Lebens entweder verbessern – oder zerstören.“ Welche Form das letztlich ist, sei dabei weniger entscheidend.

So lässt Aravenas kuratorische Linie Unterschiede und Widersprüche zu. Über Beiträge wie die der Stuttgarter Klima-Ingenieure Transsolar ließe sich also diskutieren. Sie bringen ihren „Lichtregen“ als raumfüllende Installation nach Venedig, deren helle Strahlen schneiden spektakulär durch die hohe, dunkle Halle; berührt man dieses Licht, dann bricht es in ein farbiges Regenbogenspiel. Es ist eine Simulation für Jean Nouvels Louvre in Abu Dhabi, in dem solche Lichtstrahlen einmal durch die Löcher in der gewaltigen Kuppel fallen sollen, wobei das dortige Klima und die intensive Sonneneinstrahlung dafür sorgen, dass die Lichtstrahlen auch in der Realität wie Spots zu lesen sein sollen. Doch obwohl dieses Lichtspektakel in Abu Dhabi mit einem Minimum an Technik funktionieren wird, kann der Museumsbau insgesamt nicht als besonders nachhaltiges Projekt verstanden werden. Hier wäre eine schärfere kritische Einordnung durch den Kurator angebracht gewesen. So bleibt allein die hinreißende Poesie, wenn die Besucher durch die schräg einfallenden Lichtkegel in der dunklen Halle des Arsenale wandern.

Obwohl uns solche Gedanken einer kritischeren Beurteilung der Beiträge immer wieder beschäftigen, insbesondere bei Norman Fosters „Droneports“ für Afrika, so beschleicht einen doch nur sehr selten das Gefühl, die Ausstellung laufe kuratorisch aus dem Ruder oder geriete in Gefahre, beliebig zu werden. Das ist erstaunlich, etwa dann, wenn man sich hier Luigi Snozzis städtebauliche Regeln für Monte Carasso anschaut und ein paar Meter weiter den mongolischen Jurten begegnet, die als permanenter Teil chinesischer Städte gezeigt werden, und trotzdem den Eindruck gewinnt, dass diese beiden sehr unterschiedlichen Themen etwas gemeinsam haben. Und mittendrin stehen sensationelle Präsentation wie jenes große Modell von BeL Architekten, die in blauem Styrodur fünf Vorschläge für neue, günstige und innerstädtische Wohnquartiere in fünf deutschen Städten präsentieren – und damit konkret Wege aufzeigen, wie aus den Notwendigkeiten der Flüchtlingskrise die Chance für einen neuen, groß und fortschrittlich denkenden Städtebau für alle entstehen könnte. Den großen Leuchtbuchstaben „NEUBAU“ über der Arbeit fehlt nur noch das Ausrufezeichen, um eindeutig als Aufruf nicht nur an die deutsche Politik verstanden
zu werden.

Die Vielfalt und harmonische Komplexität der Ausstellung wird nirgends besser greifbar als im unmittelbaren Nebeneinander der Installation von Christ & Gantenbein, die mit ihrem konzentrierten Beitrag „More Than a Hundred Years“ eine dauerhafte Architektur als nachhaltig beschreiben wollen, und der wunderbar bunten, ausführlichen Analyse von Rahul Mehrotra und Felipe Vera der wahrscheinlich größten temporären Stadt der Welt, die in Indien alle zwölf Jahre für das hinduistische Kumbh-Mela-Fest errichtet wird. Dieses Fest muss in 55 Tagen mehr als 100 Millionen Besucher versorgen, also etwa zwei Millionen pro Tag. Danach verschwindet diese riesige Stadt so schnell, wie sie gekommen ist. Ihre letzten Reste werden zur Regenzeit von den Fluten des Ganges und des Yamuna entsorgt. Hier will man beidem Recht geben, dem Dauerhaften und dem Flüchtigen, und versteht so, dass es Aravena auch um eine friedliche Koexistenz von unterschiedlichen Architekturauffassungen geht, solange sie angemessen auf den jeweiligen Kontext reagieren.

Kuratorisches Chaos im zentralen Pavillon

Seit 2010 wird der ehemals italienische Pavillon in den Giardini als Erweiterungsfläche der ohnehin schon riesigen Hauptausstellung genutzt, und bislang ist noch jede Biennale eine Antwort darauf schuldig geblieben, wie diese beiden Standorte mit einem schlüssigen kuratorischen Konzept thematisch aufgeteilt werden könnten. Nur Rem Koolhaas hatte 2014 eine plausible Antwort, als er seine Ausstellung freiwillig auf diesen Ort reduzieren und das Arsenale zur Gänze leer lassen wollte. Ein radikales Konzept, dass er auf Druck der Biennale leider aufgeben musste und sich dann – politisch geschickt – „Mondo Italia“ in die Hallen der Corderie hineinkuratieren ließ. In diesem Jahr ist es ebenso traurig wie exemplarisch, wie Aravenas Ausstellung im zentralen Pavillon die Luft ausgeht. Zunächst wird die kompakte Linie der Arsenale-Hallen noch fortgesetzt mit sehr starken Beiträgen insbesondere von Forensic Architecture, von Francis Kéré über seine Arbeit in Ouagadougou, über die riesige Universität der irischen Architektinnen von Grafton in Lima und von LAN Architekten über ihre sozialen Wohnungsbauprojekte und deren Bewohner in Frankreich. Danach aber folgt ein ziemliches Durcheinander.

Da steht die Lehmarchitektur von Anna Heringer und Martin Rauch neben den Bambusstrukturen von Vo Trong Nghia und Simon Velez. Michael Braungart darf eine bizarre Kapelle für den goldenen ökologischen Fußabdruck einrichten, neben der Raphael Zuber Animationsfilme seiner nackten Architektur zeigt, die wunderbar auf jede Immobilienmesse gepasst hätten. Das in diesem kuratorischen Durcheinander auch noch ein „Evidence Room“ einige Nachbildungen von Elementen aus dem Konzentrationslager Auschwitz in Originalgröße vorstellt, ist völlig unpassend. Für sich alleine hätte diese Ausstellung sicher ihre Berechtigung und Bedeutung, aber hier ist sie ärgerlich, fast zynisch, wenn zwei Räume weiter Batlle i Roig ihre knallbunten Renderings zeigen, wie man Mülldeponien renaturieren kann. Nein, hier sind die Grenzen der interessanten Kontraste erreicht, hier wird es fahrig und unübersichtlich, als ob alles, was nicht richtig ins Arsenale passen wollte, hier noch einen Raum finden musste. Was man hier sieht, ist abermals ein gutes Argument dafür, dass die Biennale längst die Grenzen ihres eigenen Wachstums erreicht hat und gut daran täte, über eine Verkleinerung – insbesondere der Hauptausstellung – zugunsten einer größeren Konzentration und thematisch schärferen Fokussierung nachzudenken.

Architekten sind keine Reporter

Vielleicht hat sich Aravena an dieser Stelle etwas zu sehr darauf verlassen, dass Architekten ganz gut über ihre eigenen Projekte berichten und dabei hier und da sogar selbstkritisch werden könnten. Seine kuratorische Präsenz in der Ausstellung beschränkt sich neben der Auswahl der Projekte auf die Eingangsräume und auf die Erläuterungstexte zu jedem ausgestellten Beitrag. Gerade aus diesen kurzen Texte entwickelt sich eine wunderbar persönliche Führung durch die Ausstellung im Tonfall Aravenas, der mit wenigen präzisen Worten erklärt, worum es ihm bei dieser Arbeit geht und warum er sie für ausgewählt hat. Schade, dass die Texte so klein gedruckt wurden als wären sie für ein Buch gedacht gewesen. So sind sie leider schwer zu finden und, hat man sie einmal entdeckt, in ihrer bescheidenen Größe und ihrer schrillen Beleuchtung obendrein noch schwer zu lesen.

Denn in diesen Texten wird Aravenas Versprechen eingelöst, die Architekten würden die Rolle von Reportern einnehmen können. Nur hier wird wirklich ein Narrativ entwickelt, das etwas von der gestellten Aufgabe und den entwickelten Lösungsansätzen skizziert und eine Einordnung vornimmt. Die Teilnehmer stellen ihre Projekte hingegen genau so aus wie Architekten es nun einmal tun: selbstbewusst und ohne Zweifel, Alternativen oder Fehlgeschlagenes. Zu behaupten, diese Architekten würden hier die Rolle von Reportern einnehmen, bedeutet eine kritische Distanz und eine unabhängige Berichterstattung zu behaupten, die faktisch nicht eingelöst werden kann. Hätte Aravena tatsächlich ein ernsthaftes Interesse an „Reportagen“ gehabt, er hätte eine unabhängige Instanz einbauen müssen, die parallel oder statt der Architekten über das jeweilige Projekt berichtet hätte – was durchaus ein vielversprechender Ansatz für eine der kommenden Biennale sein könnte. Solange Architekten ihre Projekte selbst ausstellen, wird es immer mehr oder weniger wie eine Messe aussehen, auf der sich ein Projekt an das nächste reiht.

Die soziale Verantwortung der Architektur

Dass ändert allerdings nichts daran, dass diese Biennale bis zum Anschlag voller fulminanter Projekte und Inspirationen steckt, dass sie viele auf internationalem Parkett bislang unbekannte Architekten aufs Podest hebt und stellenweise großartig inszeniert und kombiniert wird. Diese Architekturbiennale sendet außerdem – auch darin unterscheidet sie sich von ihren Vorgängern – ein klares Statement an den Berufsstand, sich der eigenen Verantwortung bewusst zu werden und sie dieser zu stellen. Nicht, weil Architekten die Pflicht oder die Fähigkeiten dazu haben, sondern weil jeder gestalterische Eingriff die komplexen Zusammenhänge dieser Welt neu sortiert – was zum Besseren oder zum Schlechteren führt. Nein, die Systemfrage stellt Aravena nicht. Aber er fragt stattdessen nach der Gültigkeit von Werten: „gute Architektur“ soll die Welt im Großen oder Kleinen verbessern, mit den vorhandenen Mitteln, mit Rücksicht auf die lokalen Zusammenhänge, mit sozialer und ökologischer Verantwortung. Aravena schiebt damit wohlgemerkt den Architekten nicht die alleinige Verantwortung zu, wie ihm polemisch vorgeworfen wird. Natürlich sind Architekten nicht alleine verantwortlich, die Übel dieser Welt zu beheben. Aber sie können einen nicht unerheblichen Teil dazu beitragen, wenn sie sich nicht schulterzuckend hinter ihren jeweiligen Auftraggebern oder selbstgestellten Aufgaben verstecken. Sehr viele der hier gezeigten Projekte beweisen, dass auch unter widrigen und schwierigen Umständen durch den Einfluss der Architekten ein „Mehr“ erreicht werden konnte: ein Mehr an öffentlichem Raum, ein Mehr an Lebensqualität, ein Mehr an Schönheit, ein Mehr an Nutzungsmöglichkeiten, ein Mehr an bewahrter Tradition, ein Mehr an ökologischer Qualität. All das kann Architektur leisten, überall auf der Welt. Und so führt uns diese Biennale dann doch vor Augen, wie groß die Kraft und die Macht der Architektur sein kann – wenn die Architekten selbst an sie glauben.

15. Architekturbiennale Venedig
bis zum 27. November 2016
Zweibändiger Katalog zur Hauptausstellung mit 668 Seiten, 78 Euro

www.labiennale.org
Transsolar und Anja Thierfelder zeigen in ihrer 1:1-Simulation, wie das Licht einmal durch die Kuppel von Jean Nouvels Louvre in Abu Dhabi fallen wird.
Foto © Jacopo Salvi, La Biennale di Venezia
In den Eingangsräumen des Arsenale und des Zentralen Pavillons verwendet Aravena die Gipskartonplatten und Alu-Schienen, die von der vorigen Ausstellung übrig geblieben sind. Es ist allerdings nicht zu erkennen, dass seine Biennale weniger Müll produzieren wird. Foto © Robert Volhard, Stylepark
Das chinesische Büro ZAO/Standardarchitecture präsentiert in wunderschönen kleinen Modellen und 1:1-Installationen Strategien zur Revitalisierung traditioneller Hutongs. Aravena beschreibt das als „Kampf gegen das Tabula Rasa in China“.
Foto © Italo Rondinella, La Biennale di Venezia
Modell von BeL Architekten, die in blauem Styrodur fünf Vorschläge für neue, günstige und innerstädtische Wohnquartiere in fünf deutschen Städten präsentieren.
Foto © Robert Volhard, Stylepark
Für das Thema Dauerhaftigkeit sind in dieser Ausstellung hauptsächlich Schweizer und Österreicher Büros zuständig, hier Marte.Marte mit ein paar wunderbar schweren Modell-Klötzen ihrer Infrastrukturprojekte. Foto © Italo Rondinella, La Biennale di Venezia
Das Amateur Architecture Studio des chinesischen Pritzkerpreis-Trägers Wang Shu nutzt traditionelle lokale Materialien für seine meist recht kleinteiligen Neubauten. Foto © Robert Volhard, Stylepark
Die Block Research Group der ETH Zürich präsentiert ein weiteres Schalentragwerk, ein 16 Meter langes und nur fünf Zentimeter dickes Gewölbe aus unbewehrtem Kalkstein. Foto © ETH Zürich/Iwan Baan
Das „Teatro of the Useful“ von Rural Studio produziert keinen Müll: Sie haben vorher ein Sozialzentrum in Venedig gefragt, was die brauchen könnten und dann daraus ihre Installation gemacht. Die Bettgestelle, Spinde und Matratzen werden nach der Ausstellung ihrer wahren Bestimmung zugeführt.
Foto © Italo Rondinella, La Biennale di Venezia
Von welcher Front Tadao Andos Projekt für die Punta Della Dogana in Venedig zu berichten weiß, bleibt unklar. Sein großes Modell war allerdings besonders fein gearbeitet. Foto © Italo Rondinella, La Biennale di Venezia
Die „Organization for Permanent Modernity“ von Alexander d’Hooghe zeigt im Außenbereich ein System aus Betonelementen, die sich wie ein Baukasten zu immer größeren Strukturen fügen lassen. Foto © Robert Volhard, Stylepark
Norman Foster darf seinen kontroversen Vorschlag vorstellen, Afrika mit einem Netz dieser Schalentragwerke als „Droneports“ zu überziehen, womit die Versorgung abgelegener Gebiete verbessert werden soll. Foto © Robert Volhard, Stylepark
Den Silbernen Löwen gewann Kunlé Adeyemi (NLÉ) für diesen Nachbau seiner schwimmenden Schule in Lagos. Foto © Jacopo Salvi, La Biennale di Venezia
In den hinteren Räumen des Zentralen Pavillons wird die kuratorische Handschrift Aravenas immer unklarer. Hinter diesem Beitrag von Designworkshop (Südafrika) folgen noch Präsentationen von Rogers Stirk Harbour und Renzo Piano.
Foto © Francesco Galli, La Biennale di Venezia
Ein paar Räume weiter zeigt Christian Kerez, wie man mit Schweizer Gründlichkeit eine informelle Siedlung in Brasilien in ihre architektonischen Einzelteile zerlegen kann – und in wunderschöne Modelle. Foto © Robert Volhard, Stylepark
Beim riesigen Modell von Liu Jiakun glaubt man zuerst an ein fiktives Modell, es handelt sich allerdings um ein gewaltiges, realisiertes Projekt in Chengdu, um das eine breite Rampe öffentliche Räume und Aussichten schafft. Foto © Francesco Galli oder Andrea Avezzù, La Biennale di Venezia
Ein schöner, heller Raum mitten im Pavillon ist den Bambusstrukturen von Simón Vélez (Kolumbien) und Vo Trong Nghia (Vietnam) gewidmet. Foto © Robert Volhard, Stylepark
Beim Beitrag von EPEA/Michael Braungart weiß man nicht, ob es sich um Satire oder um ein ernst gemeintes Statement zur Nachhaltigkeit handelt.
Foto © Robert Volhard, Stylepark
Datail vom Modell Liu Jiakuns.
Foto © Francesco Galli oder Andrea Avezzù, La Biennale di Venezia
News & Stories › 2016 › Juni
Mehr Architektur wagen
von Florian Heilmeyer | 1. Juni 2016
Alejandro Aravena zeigt in seiner lebendigen und kraftvollen Hauptausstellung der Biennale, wie viel Kraft Architektur und wie viel Macht Architekten haben können.
Die Architektur, sagt man, sei ein Instrument der Mächtigen, um ihre Macht zu demonstrieren. Von den Pyramiden und Tempeln über Burgen, Schlösser und Bürgerhäuser bis zu den gewaltigen Bürohochhäusern und den glänzenden Privatmuseen unserer Tage lässt sich dieses Argument verfolgen. Auch mit einem Besuch der vergangenen Architekturbiennalen in Venedig ließe sich das leicht belegen. Ricky Burdett und Rem Koolhaas einmal ausgenommen, haben sich insbesondere die Ausgaben von David Chipperfield, Kazuyo Sejima und Aaron Betsky doch vor allem mit einer Parade der neuesten Projekte der internationalen Star-Architektur zufriedengegeben. Dass nun ausgerechnet Betsky bei einer Diskussion im Palazzo Widmann am Rande der Eröffnung sagte, diese Biennale sei langweilig und hässlich, kann insofern eher als Kompliment für Alejandro Aravena gewertet werden. Die Nachricht, die er mit „Reporting from the Front“ gesendet hat, ist angekommen.

Architektur für alle

Aravenas Hauptausstellung im Padiglione Centrale und im Arsenale ist ein fulminanter Gegenbeweis zu der Behauptung, Architektur sei eine Dienstleistung und könne an den herrschenden Verhältnissen nichts ändern. Die insgesamt 88 von ihm ausgestellten Architekten zeigen eine bunte Fülle von inspirierenden Arbeiten, in denen es gelungen ist, das Leben möglichst vieler Menschen und nicht nur das der Auftraggeber zu verbessern. Im Grunde verhandelt Aravena hier die alte Frage, was denn eigentlich „gute Architektur“ sei – und glücklicherweise gelingt es, diese Frage von rein ästhetischen, technischen oder formalen Diskussionen zu lösen. „In der Architektur geht es darum, den Orten, an denen Menschen leben, eine Form zu geben“, sagte Aravena bei der Eröffnung, „und durch diese Formgebung können wir die bereits vorhandene Qualität des Lebens entweder verbessern – oder zerstören.“ Welche Form das letztlich ist, sei dabei weniger entscheidend.

So lässt Aravenas kuratorische Linie Unterschiede und Widersprüche zu. Über Beiträge wie die der Stuttgarter Klima-Ingenieure Transsolar ließe sich also diskutieren. Sie bringen ihren „Lichtregen“ als raumfüllende Installation nach Venedig, deren helle Strahlen schneiden spektakulär durch die hohe, dunkle Halle; berührt man dieses Licht, dann bricht es in ein farbiges Regenbogenspiel. Es ist eine Simulation für Jean Nouvels Louvre in Abu Dhabi, in dem solche Lichtstrahlen einmal durch die Löcher in der gewaltigen Kuppel fallen sollen, wobei das dortige Klima und die intensive Sonneneinstrahlung dafür sorgen, dass die Lichtstrahlen auch in der Realität wie Spots zu lesen sein sollen. Doch obwohl dieses Lichtspektakel in Abu Dhabi mit einem Minimum an Technik funktionieren wird, kann der Museumsbau insgesamt nicht als besonders nachhaltiges Projekt verstanden werden. Hier wäre eine schärfere kritische Einordnung durch den Kurator angebracht gewesen. So bleibt allein die hinreißende Poesie, wenn die Besucher durch die schräg einfallenden Lichtkegel in der dunklen Halle des Arsenale wandern.

Obwohl uns solche Gedanken einer kritischeren Beurteilung der Beiträge immer wieder beschäftigen, insbesondere bei Norman Fosters „Droneports“ für Afrika, so beschleicht einen doch nur sehr selten das Gefühl, die Ausstellung laufe kuratorisch aus dem Ruder oder geriete in Gefahre, beliebig zu werden. Das ist erstaunlich, etwa dann, wenn man sich hier Luigi Snozzis städtebauliche Regeln für Monte Carasso anschaut und ein paar Meter weiter den mongolischen Jurten begegnet, die als permanenter Teil chinesischer Städte gezeigt werden, und trotzdem den Eindruck gewinnt, dass diese beiden sehr unterschiedlichen Themen etwas gemeinsam haben. Und mittendrin stehen sensationelle Präsentation wie jenes große Modell von BeL Architekten, die in blauem Styrodur fünf Vorschläge für neue, günstige und innerstädtische Wohnquartiere in fünf deutschen Städten präsentieren – und damit konkret Wege aufzeigen, wie aus den Notwendigkeiten der Flüchtlingskrise die Chance für einen neuen, groß und fortschrittlich denkenden Städtebau für alle entstehen könnte. Den großen Leuchtbuchstaben „NEUBAU“ über der Arbeit fehlt nur noch das Ausrufezeichen, um eindeutig als Aufruf nicht nur an die deutsche Politik verstanden
zu werden.

Die Vielfalt und harmonische Komplexität der Ausstellung wird nirgends besser greifbar als im unmittelbaren Nebeneinander der Installation von Christ & Gantenbein, die mit ihrem konzentrierten Beitrag „More Than a Hundred Years“ eine dauerhafte Architektur als nachhaltig beschreiben wollen, und der wunderbar bunten, ausführlichen Analyse von Rahul Mehrotra und Felipe Vera der wahrscheinlich größten temporären Stadt der Welt, die in Indien alle zwölf Jahre für das hinduistische Kumbh-Mela-Fest errichtet wird. Dieses Fest muss in 55 Tagen mehr als 100 Millionen Besucher versorgen, also etwa zwei Millionen pro Tag. Danach verschwindet diese riesige Stadt so schnell, wie sie gekommen ist. Ihre letzten Reste werden zur Regenzeit von den Fluten des Ganges und des Yamuna entsorgt. Hier will man beidem Recht geben, dem Dauerhaften und dem Flüchtigen, und versteht so, dass es Aravena auch um eine friedliche Koexistenz von unterschiedlichen Architekturauffassungen geht, solange sie angemessen auf den jeweiligen Kontext reagieren.

Kuratorisches Chaos im zentralen Pavillon

Seit 2010 wird der ehemals italienische Pavillon in den Giardini als Erweiterungsfläche der ohnehin schon riesigen Hauptausstellung genutzt, und bislang ist noch jede Biennale eine Antwort darauf schuldig geblieben, wie diese beiden Standorte mit einem schlüssigen kuratorischen Konzept thematisch aufgeteilt werden könnten. Nur Rem Koolhaas hatte 2014 eine plausible Antwort, als er seine Ausstellung freiwillig auf diesen Ort reduzieren und das Arsenale zur Gänze leer lassen wollte. Ein radikales Konzept, dass er auf Druck der Biennale leider aufgeben musste und sich dann – politisch geschickt – „Mondo Italia“ in die Hallen der Corderie hineinkuratieren ließ. In diesem Jahr ist es ebenso traurig wie exemplarisch, wie Aravenas Ausstellung im zentralen Pavillon die Luft ausgeht. Zunächst wird die kompakte Linie der Arsenale-Hallen noch fortgesetzt mit sehr starken Beiträgen insbesondere von Forensic Architecture, von Francis Kéré über seine Arbeit in Ouagadougou, über die riesige Universität der irischen Architektinnen von Grafton in Lima und von LAN Architekten über ihre sozialen Wohnungsbauprojekte und deren Bewohner in Frankreich. Danach aber folgt ein ziemliches Durcheinander.

Da steht die Lehmarchitektur von Anna Heringer und Martin Rauch neben den Bambusstrukturen von Vo Trong Nghia und Simon Velez. Michael Braungart darf eine bizarre Kapelle für den goldenen ökologischen Fußabdruck einrichten, neben der Raphael Zuber Animationsfilme seiner nackten Architektur zeigt, die wunderbar auf jede Immobilienmesse gepasst hätten. Das in diesem kuratorischen Durcheinander auch noch ein „Evidence Room“ einige Nachbildungen von Elementen aus dem Konzentrationslager Auschwitz in Originalgröße vorstellt, ist völlig unpassend. Für sich alleine hätte diese Ausstellung sicher ihre Berechtigung und Bedeutung, aber hier ist sie ärgerlich, fast zynisch, wenn zwei Räume weiter Batlle i Roig ihre knallbunten Renderings zeigen, wie man Mülldeponien renaturieren kann. Nein, hier sind die Grenzen der interessanten Kontraste erreicht, hier wird es fahrig und unübersichtlich, als ob alles, was nicht richtig ins Arsenale passen wollte, hier noch einen Raum finden musste. Was man hier sieht, ist abermals ein gutes Argument dafür, dass die Biennale längst die Grenzen ihres eigenen Wachstums erreicht hat und gut daran täte, über eine Verkleinerung – insbesondere der Hauptausstellung – zugunsten einer größeren Konzentration und thematisch schärferen Fokussierung nachzudenken.

Architekten sind keine Reporter

Vielleicht hat sich Aravena an dieser Stelle etwas zu sehr darauf verlassen, dass Architekten ganz gut über ihre eigenen Projekte berichten und dabei hier und da sogar selbstkritisch werden könnten. Seine kuratorische Präsenz in der Ausstellung beschränkt sich neben der Auswahl der Projekte auf die Eingangsräume und auf die Erläuterungstexte zu jedem ausgestellten Beitrag. Gerade aus diesen kurzen Texte entwickelt sich eine wunderbar persönliche Führung durch die Ausstellung im Tonfall Aravenas, der mit wenigen präzisen Worten erklärt, worum es ihm bei dieser Arbeit geht und warum er sie für ausgewählt hat. Schade, dass die Texte so klein gedruckt wurden als wären sie für ein Buch gedacht gewesen. So sind sie leider schwer zu finden und, hat man sie einmal entdeckt, in ihrer bescheidenen Größe und ihrer schrillen Beleuchtung obendrein noch schwer zu lesen.

Denn in diesen Texten wird Aravenas Versprechen eingelöst, die Architekten würden die Rolle von Reportern einnehmen können. Nur hier wird wirklich ein Narrativ entwickelt, das etwas von der gestellten Aufgabe und den entwickelten Lösungsansätzen skizziert und eine Einordnung vornimmt. Die Teilnehmer stellen ihre Projekte hingegen genau so aus wie Architekten es nun einmal tun: selbstbewusst und ohne Zweifel, Alternativen oder Fehlgeschlagenes. Zu behaupten, diese Architekten würden hier die Rolle von Reportern einnehmen, bedeutet eine kritische Distanz und eine unabhängige Berichterstattung zu behaupten, die faktisch nicht eingelöst werden kann. Hätte Aravena tatsächlich ein ernsthaftes Interesse an „Reportagen“ gehabt, er hätte eine unabhängige Instanz einbauen müssen, die parallel oder statt der Architekten über das jeweilige Projekt berichtet hätte – was durchaus ein vielversprechender Ansatz für eine der kommenden Biennale sein könnte. Solange Architekten ihre Projekte selbst ausstellen, wird es immer mehr oder weniger wie eine Messe aussehen, auf der sich ein Projekt an das nächste reiht.

Die soziale Verantwortung der Architektur

Dass ändert allerdings nichts daran, dass diese Biennale bis zum Anschlag voller fulminanter Projekte und Inspirationen steckt, dass sie viele auf internationalem Parkett bislang unbekannte Architekten aufs Podest hebt und stellenweise großartig inszeniert und kombiniert wird. Diese Architekturbiennale sendet außerdem – auch darin unterscheidet sie sich von ihren Vorgängern – ein klares Statement an den Berufsstand, sich der eigenen Verantwortung bewusst zu werden und sie dieser zu stellen. Nicht, weil Architekten die Pflicht oder die Fähigkeiten dazu haben, sondern weil jeder gestalterische Eingriff die komplexen Zusammenhänge dieser Welt neu sortiert – was zum Besseren oder zum Schlechteren führt. Nein, die Systemfrage stellt Aravena nicht. Aber er fragt stattdessen nach der Gültigkeit von Werten: „gute Architektur“ soll die Welt im Großen oder Kleinen verbessern, mit den vorhandenen Mitteln, mit Rücksicht auf die lokalen Zusammenhänge, mit sozialer und ökologischer Verantwortung. Aravena schiebt damit wohlgemerkt den Architekten nicht die alleinige Verantwortung zu, wie ihm polemisch vorgeworfen wird. Natürlich sind Architekten nicht alleine verantwortlich, die Übel dieser Welt zu beheben. Aber sie können einen nicht unerheblichen Teil dazu beitragen, wenn sie sich nicht schulterzuckend hinter ihren jeweiligen Auftraggebern oder selbstgestellten Aufgaben verstecken. Sehr viele der hier gezeigten Projekte beweisen, dass auch unter widrigen und schwierigen Umständen durch den Einfluss der Architekten ein „Mehr“ erreicht werden konnte: ein Mehr an öffentlichem Raum, ein Mehr an Lebensqualität, ein Mehr an Schönheit, ein Mehr an Nutzungsmöglichkeiten, ein Mehr an bewahrter Tradition, ein Mehr an ökologischer Qualität. All das kann Architektur leisten, überall auf der Welt. Und so führt uns diese Biennale dann doch vor Augen, wie groß die Kraft und die Macht der Architektur sein kann – wenn die Architekten selbst an sie glauben.

15. Architekturbiennale Venedig
bis zum 27. November 2016
Zweibändiger Katalog zur Hauptausstellung mit 668 Seiten, 78 Euro

www.labiennale.org