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Foto © Arquine
Mexiko-Stadt:
Ein gordischer Knoten
von Alejandro Hernández Gálvez
18. März 2014
Im 16. Jahrhundert hatten Mexiko-Stadt und Venedig etwas gemeinsam. Beide Städte waren politisch bedeutungsvoll, und von Wasser umgeben: Venedig, die Lagunenstadt und Mexiko-Stadt – damals noch Tenochtitlan –, die Stadt im Texcoco-See. Knapp fünf Jahrhunderte später haben beide Städte immer noch mit Wasserproblemen zu kämpfen. Während sich Venedig aber noch immer aus einer Reihe von Inseln in der Lagune zusammensetzt und nur etwas mehr als 270.000 Einwohner hat – wovon lediglich 60.000 im historischen Venedig leben – sind in Mexiko-Stadt nahezu alle verbliebenen Seen und Flüsse ausgetrocknet und die Bevölkerung ist von einer Million im 16. Jahrhundert – damals war es eine der größten Städte weltweit – auf über 20 Millionen angewachsen. Doch auf 2.240 Metern über dem Meeresspiegel sind Wasserversorgung und Abwasser nicht das einzige Problem der Megalopolis. Hinzu kommen Verkehr, Wohnungsbau, Luftverschmutzung, Abfallentsorgung – im Prinzip alles was für eine Stadt dieser Größenordnung an Problemen denkbar ist.

Mexico City – alte Berühmtheit

Bereits im 15. Jahrhundert hatte Battista Agnese, Kartograph der Republik von Venedig, Mexiko-Stadt – das damals Tenochtitlan oder auch „Temitistan” genannt wurde – in seinem „Atlas der Welt” dargestellt. Der Kulturgeograph und Autor Denis Cosgrove weist in seinem Buch „Mapping New Worlds: Culture and Cartography in Sixteenth-Century Venice” darauf hin, dass Mexico City auch auf den Karten von Giovanni Battista Ramusio von 1534 und 1556 ebenso prominent dargestellt wird wie aufder ältesten Karte von „La gran citta de Temistitan” in „Isolario”von Benedetto Bordone. Cosgrove schreibt, dass sich „venezianische Kathographen und Denker gleichermaßen von Mexiko-Stadt fasziniert zeigten”. Für die Venezianer war Temitistan beispielhaft: Girolamo Francastoro, Arzt, Mathematiker und Kosmologe „empfahl die Verwandlung Venedigs in ein neues Temestitan, welches in einem von einem Fluss gespeisten Süßwassersee liegen sollte”. Doch es gibt einen Aspekt, mit dem sich die venezianischen Kartographen vielleicht beschäftigten, diese aber nicht darstellen konnten: die politische Struktur der Stadt.

Öffentliche und informelle Systeme

So wurde zum Beispiel die Infrastruktur von Mexiko-Stadt vor 500 Jahren, als die Stadt noch von Wasser umgeben war, kartographisch nicht erfasst. Und auch heute noch scheint es fast unmöglich, die komplexe Verkehrsinfrastruktur darzustellen und somit zu verstehen, dass es nicht nur über öffentliche und private Verkehrsmittel verfügt, sondern auch über zahlreiche private Fahrzeuge, die inoffiziell für einen informellen, öffentlichen Transport genutzt werden. Das öffentliche Nahverkehrsnetz umfasst insgesamt fast mehr als 225 U-Bahn-Kilometer mit 12 Linien und 195 Stationen; ein Schnellbussystem (BRT) von einer Gesamtlänge von 105 Kilometern (5 Linien und 150 Stationen); 93 Buslinien, 8 Trolleybuslinien und einer Straßenbahnlinie. Überdies gibt es in einigen Vierteln im Stadtzentrum ein privat geführtes Sharing-System mit 4000 Fahrräder an 276 Stationen. 60 Prozent der täglichen Verkehrswege werden jedoch in 28.000 privat betriebenen Bussen und „Mikrobussen” zurückgelegt – natürlich ohne jegliche Kontrolle der Behörden. Viele dieser Busse basieren auf einem schlichten Fahrer/Besitzer-Modell. Es überrascht daher nicht, dass es keine umfassende kartographische Darstellung dieses komplizierten, informellen Systems gibt, von dem knapp die Hälfte des Ballungsgebietes von Mexiko-Stadt abhängig ist. Das führt zu einem weiterem Problem: die politische Repräsentation.

Fehlende politische Struktur für langfristige Planung

Der Bundesbezirk Mexiko Stadt unterteilt sich in sechzehn Verwaltungsbezirke, wovon einige nur wenig mehr als 130.000 Einwohner zählen und andere, wie Iztapalapa, knapp zwei Millionen Einwohner haben – während das Ballungsgebiet von Mexiko-Stadt vierzig Gemeinden des Bundesstaates Mexiko umfasst, einige davon mit 40.000 und andere, wie Ciudad Neza, mit mehr als einer Million Einwohnern.

Zur unterschiedlichen Größe der Verwaltungsbezirke kommt die komplexe politische Struktur der Verwaltung. Das hat beispielsweise zur Folge, dass der Bezirk, in dem man lebt, von einer anderen Partei regiert wird als der Bundesbezirk und an dem Ort, an dem man beispielsweise arbeitet, wiederum eine andere politische Kraft das Sagen hat. Dabei geht es bei Stadtpolitik in erster Linie nicht um städtebauliche Entwicklungen sondern um politisches Weiterkommen. Da es keine Wiederwahl der Vertreter von Gemeinde- beziehungsweise Bezirksregierungen gibt – sie besetzen nur jeweils drei Jahre ihren Posten – bleibt nicht genug Zeit für eine langfristige Planung. Sie betrachten ihre Ämter lediglich als Sprungbrett für ihre politische Laufbahn.

Auch für die Gouverneure der Bundesstaaten oder dem Bürgermeister – der ebenfalls nicht wiedergewählt werden kann, jedoch sechs Jahre in seinem Amt verbleibt – bleibt der jeweilige Amtsposten nur eine Stufe in einer langfristig angelegten Karriereplanung. Insbesondere beim Bundesstaat Mexiko und dem Bundesbezirk ist das ein bekanntes Phänomen: Der gegenwärtige Präsident war Gouverneur des Bundesstaates Mexiko und die ehemaligen Stadtoberhäupter von Mexiko-Stadt waren aussichtsreiche Kandidaten für das Amt. So ist das Spiel.

Das führt zu allerlei Sonderlichkeiten in der Stadt. Es kann vorkommen, dass beispielweise auf der einen Straßenseite – die zu einem Bundesbezirks gehört, der die von der Linkspartei PRD regiert wird – Abtreibungen und gleichgeschlechtliche Ehen legal sind, während dies auf der anderen Seite der Straße nicht der Fall ist. Und eine weitere Situation, die das Fortkommen der Stadt zusätzlich verkompliziert, sind die unterschiedlichen Taxi- oder Bustarife der jeweiligen Bezirke.

Es braucht ein Modell

So wie es keine umfassende kartographische Darstellung der mannigfaltigen öffentlichen und privaten Transportsysteme in der Metropolregion Mexiko-Stadt gibt, so fehlt es auch an einer übergreifenden politischen Repräsentation und einer entsprechend einheitlichen Politik. Mexiko-Stadt hat noch immer kein Bild von sich selbst entwickelt und braucht wie das Venedig des 16. Jahrhunderts, das sich das damals neu entdeckte Temistitan als Vorbild genommen hatte, ein Modell. Dieses Modell für eine politische und strategische Verwaltung wird sich allerdings nicht von einer einzelnen Stadt in einem modernen Weltatlas ableiten lassen.
Modell von Tenochtitlan, der Millionen Stadt im Texcoco-See. Foto © flickr / -chupacabras-
Die Stadt hat durch ihre Kessellage ein erhöhtes Smog-Problem. Foto © flickr / el ranchero
Schematische Karte von Mexiko-Stadt. Foto © Wikipedia / HJPD
Ein typisches Taxi in Mexico City. Foto © Volker Kleinekort
An Kiosken am Straßenrand versorgen sich die Mexikaner mit den Lebensmitteln, die für sie zum täglichen Bedarf gehören. Foto © Volker Kleinekort
Kioske wie dieser gehören zum Straßenbild Mexico Citys. Foto © Volker Kleinekort
Architektur › 2014 › März
Mexiko-Stadt:
Ein gordischer Knoten
von Alejandro Hernández Gálvez | 18. März 2014
In einer Megalopolis wie Mexiko Stadt mit über 20 Millionen Einwohnern und einem Stadtgebiet mit 40 Verwaltungsbezirken ist fast alles eine Herausforderung. Alejandro Hernández Gálvez, Chefredakteur des mexikanischen Architekturmagazins Arquine, erklärt warum.
Im 16. Jahrhundert hatten Mexiko-Stadt und Venedig etwas gemeinsam. Beide Städte waren politisch bedeutungsvoll, und von Wasser umgeben: Venedig, die Lagunenstadt und Mexiko-Stadt – damals noch Tenochtitlan –, die Stadt im Texcoco-See. Knapp fünf Jahrhunderte später haben beide Städte immer noch mit Wasserproblemen zu kämpfen. Während sich Venedig aber noch immer aus einer Reihe von Inseln in der Lagune zusammensetzt und nur etwas mehr als 270.000 Einwohner hat – wovon lediglich 60.000 im historischen Venedig leben – sind in Mexiko-Stadt nahezu alle verbliebenen Seen und Flüsse ausgetrocknet und die Bevölkerung ist von einer Million im 16. Jahrhundert – damals war es eine der größten Städte weltweit – auf über 20 Millionen angewachsen. Doch auf 2.240 Metern über dem Meeresspiegel sind Wasserversorgung und Abwasser nicht das einzige Problem der Megalopolis. Hinzu kommen Verkehr, Wohnungsbau, Luftverschmutzung, Abfallentsorgung – im Prinzip alles was für eine Stadt dieser Größenordnung an Problemen denkbar ist.

Mexico City – alte Berühmtheit

Bereits im 15. Jahrhundert hatte Battista Agnese, Kartograph der Republik von Venedig, Mexiko-Stadt – das damals Tenochtitlan oder auch „Temitistan” genannt wurde – in seinem „Atlas der Welt” dargestellt. Der Kulturgeograph und Autor Denis Cosgrove weist in seinem Buch „Mapping New Worlds: Culture and Cartography in Sixteenth-Century Venice” darauf hin, dass Mexico City auch auf den Karten von Giovanni Battista Ramusio von 1534 und 1556 ebenso prominent dargestellt wird wie aufder ältesten Karte von „La gran citta de Temistitan” in „Isolario”von Benedetto Bordone. Cosgrove schreibt, dass sich „venezianische Kathographen und Denker gleichermaßen von Mexiko-Stadt fasziniert zeigten”. Für die Venezianer war Temitistan beispielhaft: Girolamo Francastoro, Arzt, Mathematiker und Kosmologe „empfahl die Verwandlung Venedigs in ein neues Temestitan, welches in einem von einem Fluss gespeisten Süßwassersee liegen sollte”. Doch es gibt einen Aspekt, mit dem sich die venezianischen Kartographen vielleicht beschäftigten, diese aber nicht darstellen konnten: die politische Struktur der Stadt.

Öffentliche und informelle Systeme

So wurde zum Beispiel die Infrastruktur von Mexiko-Stadt vor 500 Jahren, als die Stadt noch von Wasser umgeben war, kartographisch nicht erfasst. Und auch heute noch scheint es fast unmöglich, die komplexe Verkehrsinfrastruktur darzustellen und somit zu verstehen, dass es nicht nur über öffentliche und private Verkehrsmittel verfügt, sondern auch über zahlreiche private Fahrzeuge, die inoffiziell für einen informellen, öffentlichen Transport genutzt werden. Das öffentliche Nahverkehrsnetz umfasst insgesamt fast mehr als 225 U-Bahn-Kilometer mit 12 Linien und 195 Stationen; ein Schnellbussystem (BRT) von einer Gesamtlänge von 105 Kilometern (5 Linien und 150 Stationen); 93 Buslinien, 8 Trolleybuslinien und einer Straßenbahnlinie. Überdies gibt es in einigen Vierteln im Stadtzentrum ein privat geführtes Sharing-System mit 4000 Fahrräder an 276 Stationen. 60 Prozent der täglichen Verkehrswege werden jedoch in 28.000 privat betriebenen Bussen und „Mikrobussen” zurückgelegt – natürlich ohne jegliche Kontrolle der Behörden. Viele dieser Busse basieren auf einem schlichten Fahrer/Besitzer-Modell. Es überrascht daher nicht, dass es keine umfassende kartographische Darstellung dieses komplizierten, informellen Systems gibt, von dem knapp die Hälfte des Ballungsgebietes von Mexiko-Stadt abhängig ist. Das führt zu einem weiterem Problem: die politische Repräsentation.

Fehlende politische Struktur für langfristige Planung

Der Bundesbezirk Mexiko Stadt unterteilt sich in sechzehn Verwaltungsbezirke, wovon einige nur wenig mehr als 130.000 Einwohner zählen und andere, wie Iztapalapa, knapp zwei Millionen Einwohner haben – während das Ballungsgebiet von Mexiko-Stadt vierzig Gemeinden des Bundesstaates Mexiko umfasst, einige davon mit 40.000 und andere, wie Ciudad Neza, mit mehr als einer Million Einwohnern.

Zur unterschiedlichen Größe der Verwaltungsbezirke kommt die komplexe politische Struktur der Verwaltung. Das hat beispielsweise zur Folge, dass der Bezirk, in dem man lebt, von einer anderen Partei regiert wird als der Bundesbezirk und an dem Ort, an dem man beispielsweise arbeitet, wiederum eine andere politische Kraft das Sagen hat. Dabei geht es bei Stadtpolitik in erster Linie nicht um städtebauliche Entwicklungen sondern um politisches Weiterkommen. Da es keine Wiederwahl der Vertreter von Gemeinde- beziehungsweise Bezirksregierungen gibt – sie besetzen nur jeweils drei Jahre ihren Posten – bleibt nicht genug Zeit für eine langfristige Planung. Sie betrachten ihre Ämter lediglich als Sprungbrett für ihre politische Laufbahn.

Auch für die Gouverneure der Bundesstaaten oder dem Bürgermeister – der ebenfalls nicht wiedergewählt werden kann, jedoch sechs Jahre in seinem Amt verbleibt – bleibt der jeweilige Amtsposten nur eine Stufe in einer langfristig angelegten Karriereplanung. Insbesondere beim Bundesstaat Mexiko und dem Bundesbezirk ist das ein bekanntes Phänomen: Der gegenwärtige Präsident war Gouverneur des Bundesstaates Mexiko und die ehemaligen Stadtoberhäupter von Mexiko-Stadt waren aussichtsreiche Kandidaten für das Amt. So ist das Spiel.

Das führt zu allerlei Sonderlichkeiten in der Stadt. Es kann vorkommen, dass beispielweise auf der einen Straßenseite – die zu einem Bundesbezirks gehört, der die von der Linkspartei PRD regiert wird – Abtreibungen und gleichgeschlechtliche Ehen legal sind, während dies auf der anderen Seite der Straße nicht der Fall ist. Und eine weitere Situation, die das Fortkommen der Stadt zusätzlich verkompliziert, sind die unterschiedlichen Taxi- oder Bustarife der jeweiligen Bezirke.

Es braucht ein Modell

So wie es keine umfassende kartographische Darstellung der mannigfaltigen öffentlichen und privaten Transportsysteme in der Metropolregion Mexiko-Stadt gibt, so fehlt es auch an einer übergreifenden politischen Repräsentation und einer entsprechend einheitlichen Politik. Mexiko-Stadt hat noch immer kein Bild von sich selbst entwickelt und braucht wie das Venedig des 16. Jahrhunderts, das sich das damals neu entdeckte Temistitan als Vorbild genommen hatte, ein Modell. Dieses Modell für eine politische und strategische Verwaltung wird sich allerdings nicht von einer einzelnen Stadt in einem modernen Weltatlas ableiten lassen.