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Mieten Sie ihr Licht
doch einfach
Im Gespräch: Ulrich Schumacher
15. März 2016
Seit Oktober 2013 leitet Ulrich Schumacher als Vorstandschef die Zumtobel Group. Foto © Zumtobel Group
Wer mit Ulrich Schumacher spricht, kommt um das Thema „Auto“ nicht herum, weil er ein leidenschaftlicher Kenner und Liebhaber von Oldtimern ist. Wie das mit Licht zusammengeht, zeigt sich in den ersten Minuten des Gesprächs: Ulrich Schumacher schaltet per Lifecam in seine Garage, die eher einem Showroom gleichkommt, und steuert dort das Licht mit dem IPad. „Sie haben“, erklärt er begeistert und schiebt die Regler in der App nach oben, „ganz andere Autos, je nachdem ob Sie kalt-weißes oder warm-weißes Licht wählen. Wenn man jetzt, ich sage mal, alles andere dunkel schaltet und nur die Spots aufs Auto leuchten – das ist ein ganz anderer Charakter, ein ganz anderer Raum als wenn sie mit der Lichtdecke einen hellen Schein auf den Autos erzeugen.“ Es scheint fast, als experimentiere der Elektroingenieur auch privat mit allem, was die Zumtobel Group an Lichtlösungen zu bieten hat. Seit Oktober 2013 leitet Schumacher als Vorstandschef das Unternehmen. Er will so gar nicht wie der typische Manager wirken. Immer wieder bricht seine offenherzig-rheinländische Art hörbar aus ihm heraus – er nimmt kein Blatt vor den Mund. Das mag zum Teil Kalkül sein, schließlich beschreiben einige Medien ihn als „unkonventionell“. Das Gespräch mit ihm aber macht es definitiv spannend und unterhaltsam.

Adeline Seidel: Herr Schumacher, Sie führen nun erstmalig ein design- und architekturaffines Unternehmen – bei Infineon und Grace Semiconductor beispielsweise konnte davon ja nicht die Rede sein. Können Sie als nüchterner Techniker überhaupt etwas mit guter Gestaltung anfangen?

Ulrich Schumacher: Ich persönlich mag ästhetische, schöne Dinge, sonst würde ich keine alten Autos sammeln. Es geht dabei ja nicht primär um Fortbewegung, eigentlich ist so ein Wagen ein Kunstwerk. Beruflich hingegen komme ich aus dem Halbleitergeschäft – von der Anmutung her dem wohl nüchternsten Technologieprodukt der Welt. Design und Ästhetik sind natürlich sehr wichtige Parameter für einen Lichtkonzern – und die Zusammenarbeit mit international führenden Architekten und Künstlern eine äußerst spannende Differenzierung für unsere Premiummarke Zumtobel. Für mich ist es eine wichtige Aufgabe, ein Bewusstsein für Gestaltung in aller Breite im Unternehmen zu implementieren.
Zumtobel Masterpieces: Links "Starbrick" von Olafur Eliasson – rechts "eL" von Daniel Libeskind. Fotos © Zumtobel Group
Was für ein Bild von der Zumtobel Group hatten Sie, als Sie hier angefangen haben?

Ulrich Schumacher: Als ich zum Unternehmen kam, stieß ich – im „Frontend“, wenn man so will – auf ein ästhetisches Produkt. Das mag man im Einzelfall mögen oder nicht, es handelt sich aber nicht einfach nur um ein technisches Produkt, es hat auch eine besondere Ästhetik. Im „Backend“ aber ist es natürlich reine Technologie, hergestellt von einem absolut industriellen „Backbone“. Diese beiden Welten müssen nun stärker miteinander verbunden werden. Wenn man Gestaltung als Lösung für bestimmte bauliche Situationen und architektonische Bedürfnisse betrachtet, dann gilt es, diese zwei sehr unterschiedlichen Dimensionen zusammenzubringen, die man beide beherrschen muss.

Wie meinen Sie das?

Ulrich Schumacher: Es braucht modulare Systeme, die auf all die unterschiedlichen Bausituationen reagieren können. Und es braucht Lösungen, wie technologische Upgrades oder die Umnutzung einer installierten Lichtbasis die nachträglich angepasst werden können. Natürlich kann man die Betondecken aufpickern um neue Kanäle zu ziehen, denn garantiert sitzt – wir kennen das alle –der Auslass an der falschen Stelle. Aber das kostet hohe Summen – und wenn sich die Anforderungen und Bedürfnisse ändern, macht man den Spaß gleich noch einmal. Ich hatte das Problem in meinem eigenen Haus und habe dann unser LED-Strahlersystem „Supersystem“ genommen. Mit nur wenigen gestalterischen Maßnahmen kann man aus dem System ein Produkt entwickeln, das sich an der Decke zu Hause ebenso gut macht wie in einem Shop oder in einer Galerie, und das es ermöglicht, Licht dort zu platzieren, wo man es haben will. Und das Wichtigste: es bleibt flexibel. Zudem sollten sämtliche Leuchten über IP-Adressen ansprechbar sein, so dass man sie einzeln ansteuern kann ... Damit befriedigen wir ein Bedürfnis, das hundertfach vorhanden ist – ohne Kompromisse in punkto Lichtqualität und Ästhetik eingehen zu müssen.
Auf der Light + Building 2016 präsentierte die Zumtobel Group erstmals alle fünf Marken in einer Messestand-Architektur. Foto © Zumtobel Group
Solche Systeme wurden bisher also weniger flexibel, ja omnipotent gedacht?

Ulrich Schumacher: Die wenigsten. Sie bekommen durch das breite Markenportfolio der Zumtobel Group für die gleiche Anwendung verschiedene Produktfamilien – zu unterschiedlichen Qualitäten und Preispositionen. Mir geht es aber für alle Produkte grundsätzlich um Perfektion bis ins letzte Detail. Das geht manchmal verloren, wenn die Industrialisierung zu sehr voranschreitet. Ich ärgere mich momentan in meinem privaten Haus einfach darüber, dass die Strahler, die eigentlich alles können, sich nicht bis auf null runterdimmen lassen. Die gehen nämlich nur bis auf ein Prozent – was unser Auge bei einem romantischen Anlass immer noch als ziemlich hell empfindet – und schalten dann, zack, einfach auf Null. Ich möchte, dass diese Strahler auch das letzte Prozent nochmal kontinuierlich herunter dimmen. Das ist High-End!

Bedeutet das, Produkte von Zumtobel sollen für jedermann – auch für den Privathaushalt – die Lichtlösung sein?

Ulrich Schumacher: Diese strategische Weiterentwicklung der Produkte kommt aus einem anderen Antrieb: Wenn ich nur „Design“ mache, dann erreiche ich vielleicht den ein oder anderen Zielkunden, aber ich skaliere nicht. Und dann komme ich nicht in neue Technologien hinein. Ich komme auch nicht in das Internet der Dinge ... bis ich eines Tages in einer Nische lande. Ziele ich andererseits nur auf Volumen ab, werden mich die Asiaten über kurz oder lang einfach aufmischen, denn diese Art von Geschäft können die dreimal besser als wir Europäer. Aber die Kombination von beidem – Technologie und Innovation im Backend und im Frontend explizit kundenspezifische Lösungen –, die bringt uns nach vorn, bringt uns nachhaltig profitables Wachstum. Denn um im Markt bestehen zu können, brauchen wir Umsatz. Nur dann kann ich entsprechende Summen in die Forschung und Entwicklung stecken, ohne die das Unternehmen nicht bestehen kann.

Was heißt das konkret? Wie wird die Zumtobel Group in den kommenden drei, vier Jahren verändern?

Ulrich Schumacher: Wir sind ein Großunternehmen mit stark industriell geprägtem Hintergrund. Kleinere Unternehmen sind da beweglicher, mitunter innovativer und kundenorientierter. Wir wollen aber in Zukunft die Vorteile beider Unternehmensstrukturen miteinander verbinden. Im Frontend wollen wir wie 100 kleine Firmen wirken – für jeden ist genau das dabei, was er braucht. Im Backend aber sind wir ein Großunternehmen, nutzen Plattformkonzepte und Skalenvorteile in Entwicklung und Einkauf.
Das Lichtforum in Dornbirn wirkt wie ein Werk von James Turrell. Mit dem Künstler hat Zumbobel bereits häufig zusammen gearbeitet. Foto © Adam Drobiec, Stylepark
Wie wollen Sie das Konzept umsetzen?

Ulrich Schumacher: Wir arbeiten auf drei Ebenen. Einmal auf der kulturellen – die ist nämlich die Schwierigste. Hier wollen wir den produktorientierten Vertrieb in ein kundenorientiertes Servicegeschäft verwandeln. Mit anderen Worten: es geht nicht nur darum, eine Leuchte an den Mann zu bringen, sondern komplette Lichtlösungen anzubieten. Bei Projekten mit Architekten wie Zaha Hadid, Norman Foster, David Chipperfield passiert das bereits, denn mit denen stehen wir frühzeitig in Kontakt – und man arbeitet zumeist gemeinsam an der bestmöglichen Lösung. Aber es gibt natürlich nicht nur die Stararchitekten mit ihren großen Projekten. Auch der Architekt an der Ecke sollte mit der gleichen Empathie bedient werden. Das ist ein gewaltiger kultureller Veränderungsprozess beim Vertrieb. So, wie kriegen wir das jetzt hin? Akquisitionen werden dabei sicher eine Rolle spielen, weil sich das Gespür für eine bestimmte Klientel und Marktsituationenen nicht klonen lässt. Mit der Akquisition von acdc im vergangenen Herbst sind wir schon einen solchen Schritt gegangen. Acdc ist eine sehr dynamische Marke, die in wirklich enger Zusammenarbeit mit führenden Lichtplanern ein phantastisches Portfolio an LED-Leuchten für Fassaden, Hotels, Shops und private Wohnräume entwickelt hat, das unser bisheriges Angebot perfekt ergänzt. Unsere Aufgabe ist nun, das Potential von acdc durch unseren globalen Vertrieb zu skalieren. Hauptaufgabe dabei wird es sein, die Gene dieser Firma am Leben zu halten und nicht zu zerstören. Schreibt man überall die eigene Marke drauf, dann ist das Innovationspotential und der dynamische Spirit einer Marke wie acdc Vergangenheit ... und genau das will man nicht. Man muss das so gewonnene Markenportfolio bestmöglich nutzen.

Wenn die Produkte nicht mehr klassisch in Form eines Katalogs angeboten werden – wie bekomme ich als Kunde dann einen Überblick über meine Möglichkeiten?

Ulrich Schumacher: Man muss ehrlicherweise feststellen: Investoren und Bauherren haben zumeist nur eine sehr grobe Vorstellung von dem, was sie wollen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Der Chef eines großen Automobilzulieferers kommt zu Besuch und wir führen ihn zunächst einmal in unser Lichtforum, zeigen ihm, welche Möglichkeiten der Beleuchtung es gibt und was LED-Technologien so alles zu bieten haben. Er selbst kennt nur die Batterien von Leuchtstofflampen, die in seinen Werken an der Decke hängen. Wir machen ihm begreiflich, wie er mit unserer Technologie alle Anlagen regeln und steuern kann und zum Schluss zeigen wir auf, dass er dabei 80 Prozent Energie sparen könnte. So können wir beispielsweise einen Auftrag gewinnen, 52 Werke umzurüsten. Das heißt, selbst bei einem so nüchternen Thema wie der Beleuchtung einer Werkshalle, öffnen wir das ganze Thema erst einmal über den emotionalen Teil mit einem ästhetischen Antrieb. Anders verhält es sich bei dem Künstler XY, der eine Ausstellung plant. Auch ihm zeigen wir im Lichtforum zunächst einmal, welches Licht und welche Lichtszenarien möglich sind. Aber hier gilt es dann in einem sehr detaillierten Gespräch herauszufinden, wie der Künstler seine Werke inszenieren will, und welche Lichtlösung das dann optimal unterstützen kann. Das sind nur zwei Beipsiele, aber grundsätzlich gilt: Der Einstieg erfolgt immer über die emotionale Ecke und über die Wahrnehmung des Lichts, nicht über die Leuchten.

Irgendwann ist alles eingebaut und funktioniert wunderbar. Dann aber ändern sich die Bedingungen – und ich, als ihr Kunde, kann es mir nicht leisten, schon wieder alles umzurüsten. Dann hilft ein Besuch im Lichtforum wohl kaum weiter, oder?

Ulrich Schumacher: Dafür gibt es inzwischen ein „Zumtobel-Rundum-Sorglos-Paket“. Unsere Kunden müssen keine Leuchten mehr kaufen, sie können Licht mieten.
Beim Besuch im Zumtobel Group Lichtforum geht es über die Wahrnehmung des Lichts, nicht über die Leuchten. Foto © Zumtobel Group
Und wie macht man das?

Ulrich Schumacher: Das berührt die zweite Ebene, die wir planen: Neue Absatzmodelle entwickeln. Um an Entwicklungen der Technologie zu partizipieren, muss ich die Technik nicht unbedingt besitzen. Denken Sie nur an Ihren Rechner – der wird auch geleast sein. So bekommt man immer das Neuste und kann an der Innovation teilhaben. Bei Licht ist das genauso. Nehmen wir nun an, Sie mieten das Licht. Dann brauchen Sie nichts mehr investieren. Wir kümmern uns um die Finanzierung und die Ausführung; wir bauen das neue Lichtsystem ein, betreiben und warten es. Und wir machen auch ständig Verbesserungsvorschläge zur Steuerung, weil wir rund um den Globus hunderte von Anlagen dieser Art im Betrieb haben und ständig dazulernen. Jeden Monat können wir ein Update bereitstellen, das noch mehr Energie spart – und Sie brauchen sich um gar nichts mehr zu kümmern. Und wenn wir in drei oder vier oder fünf Jahren der Meinung sind, Sie benötigen eine neue Generation von LEDs oder Leuchten, dann rüsten wir um – refinanziert wird das über die Energieeinsparung.

Was genau kaufe ich dann in Zukunft bei Zumtobel?

Ulrich Schumacher: Der Vertrag, den Sie mit uns haben, ist einfach: Wir liefern eine Lichtleistung verbunden mit einer Energieersparnis und besserer Lichtqualität. Der Kunde zahlt eine monatliche Miete und hat keine Investition. Wir finanzieren die Investition aus der Energieersparnis. Alles was darüber hinaus eingespart wird, teilen wir uns mit dem Kunden.
Wir als Unternehmen finanzieren uns somit nicht mehr allein über die Herstellung des Produkts – das ist dann fast Nebensache –, sondern über dieses Servicemodell.

Sie haben Rogier van der Heide für die Zumtobel Group angeworben. Was versprechen Sie sich für die Zumtobel Group von ihm?

Ulrich Schumacher: Rogier ist ein extrem kreativer Mensch und dafür ist er auch an Bord gekommen. Er aber verdeutlicht, in welche Richtung die Firma geht – und das ist auch mit dem Internet der Dinge verbunden. Womit wir bei der dritten Ebene angekommen wären, die in den kommenden Jahren die Ausrichtung der Zumtobel Group verändern wird. Momentan arbeiten wir beispielsweise an einer Benutzeroberfläche für Smart Devices zur Lichtsteuerung in Hotels. Derzeit hat jedes Hotel ein anderes System, und bis man das gelernt hat, ist man in der Regel schon wieder abgereist … Ich brauche also eine möglichst simple Benutzeroberfläche, möglichst ein selbsterklärendes Lichtsteuersystem, das ich problemlos über das vorhandene W-Lan mit dem Hotelsystem vernetzen und von dem ich einfach meine persönlichen Szenarien abrufen kann. Das Entertainmentsystem lässt sich ebenfalls integrieren und die Heizung vielleicht auch noch, und dann haben Sie 100 Prozent dessen schon erledigt, was Sie als Steuerung in einem Hotelzimmer brauchen. Wenn jedes Device eine IP-Adresse hat, fallen auch jegliche Standardisierungsbemühungen weg – dann ist es allein die Software, die den Unterschied macht. Das zeigt ganz gut die momentanen Spannungsfelder des Unternehmens, die es gilt zusammenzubringen: Vorne experimentieren wir an Dingen, die hundertprozentig kommen werden, aber erst noch erschlossen werden müssen; hinten verändern wir Produktionslinien und Prozesse. Das ist ein klein bisschen so, als wechselten wir gerade von der Bronzezeit in die Eisenzeit. (lacht)
Es bleibt abzuwarten, ob man in Zukunft bei der Zumtobel Group Licht mieten kann. Foto © Zumtobel Group
Produkte
Zumtobel: Onico Einbauleuchte @ Stylepark
Zumtobel
Onico Einbauleuchte
Zumtobel: Linetik @ Stylepark
Zumtobel
Linetik
Zumtobel: Nightsight @ Stylepark
Zumtobel
Nightsight
Ben van Berkel
Zumtobel: Ondaria tunableWhite Einbauleuchte @ Stylepark
Zumtobel
Ondaria tunableWhite Einbauleuchte
Stefan Ambrozus
Zumtobel: Ondaria tunableWhite Aufbauleuchte @ Stylepark
Zumtobel
Ondaria tunableWhite Aufbauleuchte
Stefan Ambrozus
Zumtobel: Slotlight infinity @ Stylepark
Zumtobel
Slotlight infinity
Zumtobel: Onico Stromschienensystem @ Stylepark
Zumtobel
Onico Stromschienensystem
Zumtobel: Mellow Light @ Stylepark
Zumtobel
Mellow Light
Zumtobel: Mirel evolution @ Stylepark
Zumtobel
Mirel evolution
Zumtobel: Ondaria tunableWhite Pendelleuchte @ Stylepark
Zumtobel
Ondaria tunableWhite Pendelleuchte
Stefan Ambrozus
Zumtobel: Supersystem II @ Stylepark
Zumtobel
Supersystem II
Aysil Sari
Zumtobel: Supersystem Outdoor @ Stylepark
Zumtobel
Supersystem Outdoor
Aysil Sari
News & Stories › 2016 › März
Mieten Sie ihr Licht
doch einfach
15. März 2016
Die Lichtbranche steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Adeline Seidel hat mit Ulrich Schumacher, dem CEO der Zumtobel Group, darüber gesprochen, wohin die Reise geht.
Wer mit Ulrich Schumacher spricht, kommt um das Thema „Auto“ nicht herum, weil er ein leidenschaftlicher Kenner und Liebhaber von Oldtimern ist. Wie das mit Licht zusammengeht, zeigt sich in den ersten Minuten des Gesprächs: Ulrich Schumacher schaltet per Lifecam in seine Garage, die eher einem Showroom gleichkommt, und steuert dort das Licht mit dem IPad. „Sie haben“, erklärt er begeistert und schiebt die Regler in der App nach oben, „ganz andere Autos, je nachdem ob Sie kalt-weißes oder warm-weißes Licht wählen. Wenn man jetzt, ich sage mal, alles andere dunkel schaltet und nur die Spots aufs Auto leuchten – das ist ein ganz anderer Charakter, ein ganz anderer Raum als wenn sie mit der Lichtdecke einen hellen Schein auf den Autos erzeugen.“ Es scheint fast, als experimentiere der Elektroingenieur auch privat mit allem, was die Zumtobel Group an Lichtlösungen zu bieten hat. Seit Oktober 2013 leitet Schumacher als Vorstandschef das Unternehmen. Er will so gar nicht wie der typische Manager wirken. Immer wieder bricht seine offenherzig-rheinländische Art hörbar aus ihm heraus – er nimmt kein Blatt vor den Mund. Das mag zum Teil Kalkül sein, schließlich beschreiben einige Medien ihn als „unkonventionell“. Das Gespräch mit ihm aber macht es definitiv spannend und unterhaltsam.

Adeline Seidel: Herr Schumacher, Sie führen nun erstmalig ein design- und architekturaffines Unternehmen – bei Infineon und Grace Semiconductor beispielsweise konnte davon ja nicht die Rede sein. Können Sie als nüchterner Techniker überhaupt etwas mit guter Gestaltung anfangen?

Ulrich Schumacher: Ich persönlich mag ästhetische, schöne Dinge, sonst würde ich keine alten Autos sammeln. Es geht dabei ja nicht primär um Fortbewegung, eigentlich ist so ein Wagen ein Kunstwerk. Beruflich hingegen komme ich aus dem Halbleitergeschäft – von der Anmutung her dem wohl nüchternsten Technologieprodukt der Welt. Design und Ästhetik sind natürlich sehr wichtige Parameter für einen Lichtkonzern – und die Zusammenarbeit mit international führenden Architekten und Künstlern eine äußerst spannende Differenzierung für unsere Premiummarke Zumtobel. Für mich ist es eine wichtige Aufgabe, ein Bewusstsein für Gestaltung in aller Breite im Unternehmen zu implementieren.
Was für ein Bild von der Zumtobel Group hatten Sie, als Sie hier angefangen haben?

Ulrich Schumacher: Als ich zum Unternehmen kam, stieß ich – im „Frontend“, wenn man so will – auf ein ästhetisches Produkt. Das mag man im Einzelfall mögen oder nicht, es handelt sich aber nicht einfach nur um ein technisches Produkt, es hat auch eine besondere Ästhetik. Im „Backend“ aber ist es natürlich reine Technologie, hergestellt von einem absolut industriellen „Backbone“. Diese beiden Welten müssen nun stärker miteinander verbunden werden. Wenn man Gestaltung als Lösung für bestimmte bauliche Situationen und architektonische Bedürfnisse betrachtet, dann gilt es, diese zwei sehr unterschiedlichen Dimensionen zusammenzubringen, die man beide beherrschen muss.

Wie meinen Sie das?

Ulrich Schumacher: Es braucht modulare Systeme, die auf all die unterschiedlichen Bausituationen reagieren können. Und es braucht Lösungen, wie technologische Upgrades oder die Umnutzung einer installierten Lichtbasis die nachträglich angepasst werden können. Natürlich kann man die Betondecken aufpickern um neue Kanäle zu ziehen, denn garantiert sitzt – wir kennen das alle –der Auslass an der falschen Stelle. Aber das kostet hohe Summen – und wenn sich die Anforderungen und Bedürfnisse ändern, macht man den Spaß gleich noch einmal. Ich hatte das Problem in meinem eigenen Haus und habe dann unser LED-Strahlersystem „Supersystem“ genommen. Mit nur wenigen gestalterischen Maßnahmen kann man aus dem System ein Produkt entwickeln, das sich an der Decke zu Hause ebenso gut macht wie in einem Shop oder in einer Galerie, und das es ermöglicht, Licht dort zu platzieren, wo man es haben will. Und das Wichtigste: es bleibt flexibel. Zudem sollten sämtliche Leuchten über IP-Adressen ansprechbar sein, so dass man sie einzeln ansteuern kann ... Damit befriedigen wir ein Bedürfnis, das hundertfach vorhanden ist – ohne Kompromisse in punkto Lichtqualität und Ästhetik eingehen zu müssen.
Solche Systeme wurden bisher also weniger flexibel, ja omnipotent gedacht?

Ulrich Schumacher: Die wenigsten. Sie bekommen durch das breite Markenportfolio der Zumtobel Group für die gleiche Anwendung verschiedene Produktfamilien – zu unterschiedlichen Qualitäten und Preispositionen. Mir geht es aber für alle Produkte grundsätzlich um Perfektion bis ins letzte Detail. Das geht manchmal verloren, wenn die Industrialisierung zu sehr voranschreitet. Ich ärgere mich momentan in meinem privaten Haus einfach darüber, dass die Strahler, die eigentlich alles können, sich nicht bis auf null runterdimmen lassen. Die gehen nämlich nur bis auf ein Prozent – was unser Auge bei einem romantischen Anlass immer noch als ziemlich hell empfindet – und schalten dann, zack, einfach auf Null. Ich möchte, dass diese Strahler auch das letzte Prozent nochmal kontinuierlich herunter dimmen. Das ist High-End!

Bedeutet das, Produkte von Zumtobel sollen für jedermann – auch für den Privathaushalt – die Lichtlösung sein?

Ulrich Schumacher: Diese strategische Weiterentwicklung der Produkte kommt aus einem anderen Antrieb: Wenn ich nur „Design“ mache, dann erreiche ich vielleicht den ein oder anderen Zielkunden, aber ich skaliere nicht. Und dann komme ich nicht in neue Technologien hinein. Ich komme auch nicht in das Internet der Dinge ... bis ich eines Tages in einer Nische lande. Ziele ich andererseits nur auf Volumen ab, werden mich die Asiaten über kurz oder lang einfach aufmischen, denn diese Art von Geschäft können die dreimal besser als wir Europäer. Aber die Kombination von beidem – Technologie und Innovation im Backend und im Frontend explizit kundenspezifische Lösungen –, die bringt uns nach vorn, bringt uns nachhaltig profitables Wachstum. Denn um im Markt bestehen zu können, brauchen wir Umsatz. Nur dann kann ich entsprechende Summen in die Forschung und Entwicklung stecken, ohne die das Unternehmen nicht bestehen kann.

Was heißt das konkret? Wie wird die Zumtobel Group in den kommenden drei, vier Jahren verändern?

Ulrich Schumacher: Wir sind ein Großunternehmen mit stark industriell geprägtem Hintergrund. Kleinere Unternehmen sind da beweglicher, mitunter innovativer und kundenorientierter. Wir wollen aber in Zukunft die Vorteile beider Unternehmensstrukturen miteinander verbinden. Im Frontend wollen wir wie 100 kleine Firmen wirken – für jeden ist genau das dabei, was er braucht. Im Backend aber sind wir ein Großunternehmen, nutzen Plattformkonzepte und Skalenvorteile in Entwicklung und Einkauf.
Wie wollen Sie das Konzept umsetzen?

Ulrich Schumacher: Wir arbeiten auf drei Ebenen. Einmal auf der kulturellen – die ist nämlich die Schwierigste. Hier wollen wir den produktorientierten Vertrieb in ein kundenorientiertes Servicegeschäft verwandeln. Mit anderen Worten: es geht nicht nur darum, eine Leuchte an den Mann zu bringen, sondern komplette Lichtlösungen anzubieten. Bei Projekten mit Architekten wie Zaha Hadid, Norman Foster, David Chipperfield passiert das bereits, denn mit denen stehen wir frühzeitig in Kontakt – und man arbeitet zumeist gemeinsam an der bestmöglichen Lösung. Aber es gibt natürlich nicht nur die Stararchitekten mit ihren großen Projekten. Auch der Architekt an der Ecke sollte mit der gleichen Empathie bedient werden. Das ist ein gewaltiger kultureller Veränderungsprozess beim Vertrieb. So, wie kriegen wir das jetzt hin? Akquisitionen werden dabei sicher eine Rolle spielen, weil sich das Gespür für eine bestimmte Klientel und Marktsituationenen nicht klonen lässt. Mit der Akquisition von acdc im vergangenen Herbst sind wir schon einen solchen Schritt gegangen. Acdc ist eine sehr dynamische Marke, die in wirklich enger Zusammenarbeit mit führenden Lichtplanern ein phantastisches Portfolio an LED-Leuchten für Fassaden, Hotels, Shops und private Wohnräume entwickelt hat, das unser bisheriges Angebot perfekt ergänzt. Unsere Aufgabe ist nun, das Potential von acdc durch unseren globalen Vertrieb zu skalieren. Hauptaufgabe dabei wird es sein, die Gene dieser Firma am Leben zu halten und nicht zu zerstören. Schreibt man überall die eigene Marke drauf, dann ist das Innovationspotential und der dynamische Spirit einer Marke wie acdc Vergangenheit ... und genau das will man nicht. Man muss das so gewonnene Markenportfolio bestmöglich nutzen.

Wenn die Produkte nicht mehr klassisch in Form eines Katalogs angeboten werden – wie bekomme ich als Kunde dann einen Überblick über meine Möglichkeiten?

Ulrich Schumacher: Man muss ehrlicherweise feststellen: Investoren und Bauherren haben zumeist nur eine sehr grobe Vorstellung von dem, was sie wollen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Der Chef eines großen Automobilzulieferers kommt zu Besuch und wir führen ihn zunächst einmal in unser Lichtforum, zeigen ihm, welche Möglichkeiten der Beleuchtung es gibt und was LED-Technologien so alles zu bieten haben. Er selbst kennt nur die Batterien von Leuchtstofflampen, die in seinen Werken an der Decke hängen. Wir machen ihm begreiflich, wie er mit unserer Technologie alle Anlagen regeln und steuern kann und zum Schluss zeigen wir auf, dass er dabei 80 Prozent Energie sparen könnte. So können wir beispielsweise einen Auftrag gewinnen, 52 Werke umzurüsten. Das heißt, selbst bei einem so nüchternen Thema wie der Beleuchtung einer Werkshalle, öffnen wir das ganze Thema erst einmal über den emotionalen Teil mit einem ästhetischen Antrieb. Anders verhält es sich bei dem Künstler XY, der eine Ausstellung plant. Auch ihm zeigen wir im Lichtforum zunächst einmal, welches Licht und welche Lichtszenarien möglich sind. Aber hier gilt es dann in einem sehr detaillierten Gespräch herauszufinden, wie der Künstler seine Werke inszenieren will, und welche Lichtlösung das dann optimal unterstützen kann. Das sind nur zwei Beipsiele, aber grundsätzlich gilt: Der Einstieg erfolgt immer über die emotionale Ecke und über die Wahrnehmung des Lichts, nicht über die Leuchten.

Irgendwann ist alles eingebaut und funktioniert wunderbar. Dann aber ändern sich die Bedingungen – und ich, als ihr Kunde, kann es mir nicht leisten, schon wieder alles umzurüsten. Dann hilft ein Besuch im Lichtforum wohl kaum weiter, oder?

Ulrich Schumacher: Dafür gibt es inzwischen ein „Zumtobel-Rundum-Sorglos-Paket“. Unsere Kunden müssen keine Leuchten mehr kaufen, sie können Licht mieten.
Und wie macht man das?

Ulrich Schumacher: Das berührt die zweite Ebene, die wir planen: Neue Absatzmodelle entwickeln. Um an Entwicklungen der Technologie zu partizipieren, muss ich die Technik nicht unbedingt besitzen. Denken Sie nur an Ihren Rechner – der wird auch geleast sein. So bekommt man immer das Neuste und kann an der Innovation teilhaben. Bei Licht ist das genauso. Nehmen wir nun an, Sie mieten das Licht. Dann brauchen Sie nichts mehr investieren. Wir kümmern uns um die Finanzierung und die Ausführung; wir bauen das neue Lichtsystem ein, betreiben und warten es. Und wir machen auch ständig Verbesserungsvorschläge zur Steuerung, weil wir rund um den Globus hunderte von Anlagen dieser Art im Betrieb haben und ständig dazulernen. Jeden Monat können wir ein Update bereitstellen, das noch mehr Energie spart – und Sie brauchen sich um gar nichts mehr zu kümmern. Und wenn wir in drei oder vier oder fünf Jahren der Meinung sind, Sie benötigen eine neue Generation von LEDs oder Leuchten, dann rüsten wir um – refinanziert wird das über die Energieeinsparung.

Was genau kaufe ich dann in Zukunft bei Zumtobel?

Ulrich Schumacher: Der Vertrag, den Sie mit uns haben, ist einfach: Wir liefern eine Lichtleistung verbunden mit einer Energieersparnis und besserer Lichtqualität. Der Kunde zahlt eine monatliche Miete und hat keine Investition. Wir finanzieren die Investition aus der Energieersparnis. Alles was darüber hinaus eingespart wird, teilen wir uns mit dem Kunden.
Wir als Unternehmen finanzieren uns somit nicht mehr allein über die Herstellung des Produkts – das ist dann fast Nebensache –, sondern über dieses Servicemodell.

Sie haben Rogier van der Heide für die Zumtobel Group angeworben. Was versprechen Sie sich für die Zumtobel Group von ihm?

Ulrich Schumacher: Rogier ist ein extrem kreativer Mensch und dafür ist er auch an Bord gekommen. Er aber verdeutlicht, in welche Richtung die Firma geht – und das ist auch mit dem Internet der Dinge verbunden. Womit wir bei der dritten Ebene angekommen wären, die in den kommenden Jahren die Ausrichtung der Zumtobel Group verändern wird. Momentan arbeiten wir beispielsweise an einer Benutzeroberfläche für Smart Devices zur Lichtsteuerung in Hotels. Derzeit hat jedes Hotel ein anderes System, und bis man das gelernt hat, ist man in der Regel schon wieder abgereist … Ich brauche also eine möglichst simple Benutzeroberfläche, möglichst ein selbsterklärendes Lichtsteuersystem, das ich problemlos über das vorhandene W-Lan mit dem Hotelsystem vernetzen und von dem ich einfach meine persönlichen Szenarien abrufen kann. Das Entertainmentsystem lässt sich ebenfalls integrieren und die Heizung vielleicht auch noch, und dann haben Sie 100 Prozent dessen schon erledigt, was Sie als Steuerung in einem Hotelzimmer brauchen. Wenn jedes Device eine IP-Adresse hat, fallen auch jegliche Standardisierungsbemühungen weg – dann ist es allein die Software, die den Unterschied macht. Das zeigt ganz gut die momentanen Spannungsfelder des Unternehmens, die es gilt zusammenzubringen: Vorne experimentieren wir an Dingen, die hundertprozentig kommen werden, aber erst noch erschlossen werden müssen; hinten verändern wir Produktionslinien und Prozesse. Das ist ein klein bisschen so, als wechselten wir gerade von der Bronzezeit in die Eisenzeit. (lacht)