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Mit der Lizenz zum Löten
von Nina Reetzke | 20. April 2011
Wer träumt nicht von dem einen oder anderen Designerstück? Ein „LC2"-Sessel vom Studio Le Corbusier, ein „Barcelona Chair" von Mies van der Rohe oder ein „Lounge Chair" von Charles und Ray Eames könnte es vielleicht eines Tages einmal sein. Nur zu welchem Preis? Das „Original" für mehrere Tausend Euro oder ein Imitat für den Bruchteil des Preises? Kopisten werben mit Slogans wie „High quality and good price", „Design classics furniture in 1 week 75% Off!" oder „Besser als die Originale, direkt vom Hersteller aus Siena, Italien". Nur: Wie viel Freude hat man an einer Kopie im Wohnzimmer? Wie wertvoll ist kreative Leistung – und wie lässt sich ihr Wert vermitteln?

Was ist im Design ein Original? Kann es so etwas angesichts von Massenfertigung überhaupt geben? In der Kunstgeschichte, die es naturgemäß mit Einzelwerken zu tun hat, ist das eine vieldiskutierte Frage, auf die es zahlreiche Antworten gibt. Aus der Sicht von Möbelherstellern, die eng mit Designern zusammenarbeiten, erscheint die Antwort eindeutig: Was zählt, ist die Beziehung zwischen Designer und Hersteller. Der Designer muss dem Hersteller vertraglich die Erlaubnis für die Herstellung und den Vertrieb seines Entwurfs erteilen; im Gegenzug erhält er eine entsprechende Vergütung. Bei Produkten, die über längere Zeit in Herstellung sind, werden im Laufe der Zeit meist Aktualisierungen notwendig – etwa dann, wenn neue Technologien zur Verfügung stehen, sich aus dem Gebrauch funktionale Verbesserungen ergeben oder sich Normen ändern. Die Anpassungen des Designs müssen in enger Rücksprache zwischen Hersteller und Lizenzgeber – dem Designer oder seiner Erben – erfolgen. Das gilt auch, wenn ein Artikel nach einer Produktionspause als Reedition wieder ins Programm aufgenommen wird.

Dagegen bezeichnet der Begriff „Vintage" all jene Produkte, die am Anfang des Lebenszyklus eines Produkts hergestellt wurden. Mit viel Glück findet man das eine oder andere Stück auf Flohmärkten. Wer tiefer in die Tasche greift, kann ausgesuchte Exemplare bei Auktionshäusern wie Christie's, Phillips oder Wright ersteigern. Hoch gehandelt werden neben den Produkten auch Preislisten und Kataloge, anhand derer sich nachvollziehen lässt, wann Produkte verfügbar waren und welche Anpassungen im Design vorgenommen wurden.

Schutz mit Lücken

Bekanntermaßen schützt das Urheberrecht geistiges Eigentum – jedoch mit zeitlicher Beschränkung. Der Schutz endet siebzig Jahre nach dem Tod des Urhebers. Wenn mehr als ein Autor beteiligt war, ist das Todesdatum des letzten beteiligten Urhebers entscheidend. Das bedeutet, dass Designklassiker wie zum Beispiel der „Kaffeehausstuhl 14" von Michael Thonet, der „Gartenstuhl" von Karl Friedrich Schinkel und der „Hill House 1 Chair" von Charles Rennie Mackintosh nicht mehr urheberrechtlich geschützt sind.

Das Immaterialgüterrecht wiederum bietet je nach Produktspezifikationen weitere Möglichkeiten: Geschmacksmuster schützen die ästhetische Gestaltungsform und Patente sichern technische Innovationen. Dazu kommen Formmarken, bei denen die Gestaltung eines Produkts als so originell erscheinen muss, dass sie in der Erinnerung haften bleibt. Dafür bedarf es zahlreicher Nachweise, welche die kulturelle Relevanz eines Entwurfs belegen: Das Produkt sollte in öffentlichen Sammlungen enthalten sein, es sollte in Ausstellungen gezeigt und in Zeitschriften, Büchern und Filmen publiziert werden. Der „Panton Chair" von Verner Panton ist zum Beispiel durch eine Formmarke geschützt.

Aufsehen erregte zuletzt der Streitfall „Peek & Cloppenburg". Das Kaufhaus- und Modeunternehmen kaufte „LC2"-Sessel vom Studio Le Corbusier zur Einrichtung seiner Läden. Jedoch stammten die Möbel statt von Cassina von einem nicht autorisierten Hersteller in Italien. Bis zu diesem Zeitpunkt war es in Deutschland rechtlich verboten, nicht lizenzierte Produkte in öffentlichen Räumen einzusetzen. Der Lizenzgeber klagte und forderte Ersatz wegen Verletzung des Urheberrechts. Der Fall ging durch sämtliche Instanzen bis zum Europäischen Gerichtshof, wo der Klage nicht stattgegeben wurde. Da nationale Gerichte an Entscheidungen aus Luxemburg gebunden sind, folgt der Bundesgerichtshof seitdem dieser Rechtsprechung. Entsprechend dürfen in öffentlichen Räumen in Deutschland neuerdings auch nicht lizenzierte Produkte eingesetzt werden.

Mailand oder Guangzhou

Es sind Entwürfe vom Studio Le Corbusier, des Bauhauses, des Mid Century Modern und der skandinavischen Moderne, die besonders häufig kopiert werden. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala stehen Möbel von Le Corbusier/Jeanneret/Perriand, Mies van der Rohe, Charles und Ray Eames sowie Arne Jacobsen. Ein aktueller Vergleich: Der Online-Shop Smow vertreibt lizenzierte Produkte von Premiumherstellern. Dort kostet der „LC2"-Sessel 2.625 Euro, der Eames „Lounge Chair" 4.063 und der „Egg Chair" von Arne Jacobsen 4.849 Euro. Dagegen liegen die Preise beim Bauhaus Superstore, der nichtlizenzierte Produkte vertreibt, für den „LC2" bei 849 Euro, für den Eames „Lounge Chair" bei 1.150 und für den „Egg Chair" bei 1.980 Euro.

Gerne versuchen Hersteller nicht lizenzierter Produkte ihre Preispolitik damit zu begründen, dass Designer selbst ihre Entwürfe zu niedrigen Preisen anbieten möchten. Auf der Homepage von Dimensione Bauhaus wird Le Corbusier zitiert: „Wir müssen eine andere weniger teure Auflage für die (rechtschaffenden) Leute, die nicht reich sind, machen." Hersteller nicht lizenzierter Produkte behaupten, Kosten über abgespeckte Vertriebsstrukturen einzusparen und die Einsparungen an die Kunden weiterzugeben. Es wird jedoch nicht kommuniziert, dass solche Kopisten ursprünglich nicht die Kosten und das Risiko für die Produktentwicklung und Markteinführung getragen haben, dass sie keine Royalties an die Designer oder deren Erben zahlen und nicht in die Entwicklung neuer Produkte investieren.

Das Ausmaß von Produktpiraterie variiert von Land zu Land. In Europa wird das Urheberrecht in Großbritannien und Italien besonders liberal gehandhabt. Damit ist die Mailänder Möbelmesse gleichzeitig sowohl Plattform für die Präsentation von Innovationen als auch Umschlagsort für Imitate. Aufgrund der Produktionskosten werden Kopien zunehmend in China hergestellt, man denke an die Möbelmesse in Guangzhou. Hier gelten Begriffe wie „Le Corbusier" „Bauhaus", oder „Aluminium Chair" nicht mehr als Bezeichnungen von bestimmten Personen, Epochen oder Produkten, sondern übergreifend als Namen von Möbeltypen, die in zahllosen Variationen zu sehen sind.

Auf massenhaft frequentierten Seiten wie Google, Amazon oder Ebay finden sich Anzeigen von italienischen und englischen Herstellern, die – soweit anhand ihrer Homepage zu ersehen – Produkte ohne Lizenz der Designer anbieten. Es ist erstaunlich, dass der Vertrieb nicht lizenzierter Produkte in Deutschland verboten ist, deutschsprachige Internetseiten aber als Marketingplattform für nicht lizenzierte Produkte genutzt werden dürfen. Ein skuriles Bild bietet die Internetseite des Magazins „Stern". Neben einem investigativen Artikel „Bauhaus von der Rampe", einem Bericht anlässlich einer Razzia bei Dimensione Bauhaus, stehen zwei der besagten Google-Anzeigen von „Bauhaus Stars" und „Bauhaus Classics".

Details und Labels

So bleibt die Frage, worin sich Originale und Kopien unterscheiden. Häufig scheuen Kopisten hohe Kosten für die detailgetreue Umsetzung der Entwürfe, etwa weil teure Werkzeuge dafür angeschafft werden müssen, viel Handarbeit darin steckt oder die Materialkosten hoch ausfallen. Damit entsprechen Imitate oft nicht mehr den gängigen Normen und Sicherheitsbestimmungen. Um sich von Kopisten abzugrenzen, kommunizieren zahlreiche Premiumhersteller die Erscheinungsmerkmale ihrer Originale, wie es etwa Tecnolumen mit der „Wagenfeld Lampe" vormacht. Die Lampenfassung wird mit eigenem Werkzeug hergestellt und hat eine Tülle für die Zugschnur. Die Oberfläche ist vernickelt und bekommt mit der Zeit eine leicht gelbliche Patina. Der Schirm besteht aus mundgeblasenem Opalglas. Das Textilkabel ist schwarz umsponnen. Die Produkte sind vom Verband der Elektrotechnik und Elektronik typgeprüft und tragen entsprechende Schildchen und Aufkleber.

Jedoch haben auch Kopisten inzwischen die Liebe zum Detail als Verkaufskriterium entdeckt. Einige wenige Hersteller, die „vom Original inspirierte Produkte" anbieten, setzen auf besonders detailgetreue Umsetzung. Die britische Barcelona Chair Company – der lizenzierte Hersteller des „Barcelona Chair" von Mies van der Rohe ist Knoll – betreibt eine eigene Homepage, um ihre Version des „Barcelona Chair" anzupreisen. Dort wird über Materialqualität und spezialisierte Zulieferer gesprochen. „Bestellen Sie gratis eine Broschüre zum „Barcelona Chair" und finden Sie heraus, wie sich hochwertige und billige Kopien des „Barcelona Chair" voneinander unterscheiden."

Besonders vertrackt wird es, wenn nicht autorisierte Hersteller auf dem einen oder anderen Weg an Originalwerkzeuge kommen. So behauptet zum Beispiel Modernica auf seiner Homepage: „Modernica ist der offizielle Hersteller der „Bubble Lamp"-Kollektion von George Nelson. (...) 1998 erwarb Modernica die Originalwerkzeuge und -materialien für die Produktion der ikonischen Produktserie." Einen Hinweis darauf, dass Modernica die Lizenz der Erben von George Nelson besitzt, gibt es nicht. Wie also kann man sicher sein, ein Original zu kaufen? Zuerst schaut man sich das Label an. Dann sollte nur bei einem autorisierten Fachhändler gekauft werden. Bei Unsicherheit hilft eine telefonische Nachfrage direkt beim Hersteller.

Designgeschichte erzählen

Über ihr Vorgehen gegen Kopisten schweigen viele Premiumherstellern ganz ehrenhaft, während andere kämpferisch auftreten und wieder andere charmant-unterhaltsame Aufklärungsarbeit leisten. Bei Cassina finden sich unter dem Schlagwort „Authenticity" ein paar Sätze zum Urheberrecht. Vitra liefert einen ganzen Artikel mit dem Titel „Das Original" von Firmeninhaber Rolf Fehlbaum. Fritz Hansen hat auf seiner Homepage einen eigenen Menüpunkt mit dem Namen „Fighting Copies", unter dem haufenweise geschredderte Möbelimitate gezeigt und die Kunden zur aktiven Unterstützung gegen Kopisten aufgerufen werden.

Herman Miller überzeugt mit anspruchsvoll gestalteten Aufklärungskampagnen. „Beware of Imitations", 1963 gestaltet das Eames Office Anzeigen und Poster, die formal an Steckbriefe erinnern. Auf einer Backsteinwand kleben Bilder verschiedener Produkte von Charles und Ray Eames, ergänzt durch Pfeile und Schriftzüge, die teils gedruckt und teils gesprayt sind. „Get Real", 2007 in der Form einer Ausstellung, eines Kurzfilms und Printmaterialien umgesetzt, zeigt eine Vielfalt an Gegenständen, die als besonders authentisch gelten. Dazu erscheinen „billige" Imitate und der Schriftzug „Get Real". Neben Möbeln sind auch Alltagsgegenstände zu sehen: ein Weihnachtsbaum aus Nadeln und einer aus Kunststoff, ein Mann mit Glatze und einer mit Haartoupé sowie eine veritable Kartoffel und Kartoffelpulver. Nicht zuletzt unterhält Herman Miller seit vielen Jahren die Microsite „Discovering Design", die kontinuierlich ausgebaut wird. Vergleichbar mit einem E-Learning-Kurs wird mittels historischen Bildern, Filmen und Tonmitschnitten anschaulich Designgeschichte dargestellt.

Während „Beware of Imitations" dem Schutz einzelner Produkte dient, schärft „Get Real" das Bewusstsein für das Thema „Authenticity"; „Discovering Design" vermittelt Designgeschichte. Diese Kampagnen sind Lichtblicke im dunklen Sumpf der Produktpiraterie. Über mehrere Jahrzehnte hinweg nutzt Herman Miller konsequent das gestalterische Potenzial von Designern um anspruchsvoll und ohne Berührungsängste über Kopien, Originale und Designgeschichte zu reden. Auf fast schon spielerische Weise werden Mittel und Wege aufgezeigt, wie man innerhalb des Designbetriebs für die Wertschätzung der kreativen Leistung eintreten kann. Zumindest diese Kommunikationsstrategie kann zur Nachahmung empfohlen werden.
Beispiele einschlägiger Websiten, die mit angeblichen Designklassikern werben