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Ohne Stadtschloss und ohne Palast der Republik: Dieter Urbach, Marx-Engels-Platz, Blick von Südwesten auf Dom und Fernsehturm, Berlin-Mitte, Bildmontage, 1972 © Dieter Urbach/Berlinische Galerie
Moderne mit Bauchbinde
von Ralf Wollheim
1. Juni 2015
Vor einer gigantischen, schrägen Hochhauskulisse sitzen lachende Frauen in Minikleid oder Bikini und der Himmel leuchtet dunkelblau. Das poppig-bunte Motiv für die Flyer und Broschüren zur Ausstellung „Radikal modern - Planen und Bauen im Berlin der 1960er Jahre“ der Berlinischen Galerie ist klug gewählt. Erst bei näherem Hinsehen entdeckt man die kleine rote Fahne auf der Collage von Dieter Urbach. So sexy wollte die DDR gerne sein, so spektakulär die Architektur, so sonnig der Alltag. Der Entwurf von Josef Kaiser für ein „Großhügelhaus“ wurde freilich nie realisiert. Die einen Kilometer langen Gebäude mit dreieckigem Querschnitt sollten Wohnraum für 22.000 Einwohner und Arbeitsplätze für weitere 10.000 bieten.

Gar nichts so verschieden

Diese Mischung aus hochfliegenden Planungen, utopischem Denken und noch nie gesehenen Bauten prägt häufig das mediale Bild der Architektur der Sixties. Andererseits stehen Großsiedlungen, monotone Fassaden und Pläne einer autogerechten Stadt für die deutlich grauere Realität im Berlin der 1960er Jahre. Verführerische Grafiken, die Projekte im schönsten Licht erscheinen lassen, finden sich viele in der Ausstellung. Erstaunlicherweise stammen die effektvollsten Bildmontagen, die auch zweckfreie Pop-Art-Collagen sein könnten, aus Ost-Berlin. So auch die Grafiken zum DDR-Außenministerium, ebenfalls von Dieter Urbach, in denen die stromlinienförmigen Autos fast wichtiger erscheinen als die Architektur. Das passt zu der These der Ausstellung, die Architektur sei in jenen Jahren in Ost- und West-Berlin so verschieden gar nicht gewesen - trotz fundamentaler politischer und ideologischer Gegensätze. Eine Rhetorik des Kalten Kriegs wollten die Kuratoren vermeiden und beschränken sich deshalb auf bildhafte Analogien, auch um eine vermeintlich geschmähte Ost-Moderne zu rehabilitieren. Dies entspricht einem eher ästhetisch-formalen Blick, der das wichtigste Bauwerk der 1960er Jahre ausblendet: Die 1961 errichtete Berliner Mauer taucht in der Ausstellung nicht auf.

Gleich im ersten Raum verdeutlichen zwei große Luftbilder der fast vollständig zerstörten Berliner Innenstadt die für beide Teile der Stadt dramatische Ausgangslage. Nach den ersten Wiederaufbauprojekten in den 1950er Jahren, die sich noch diametral gegenüberstanden - die pompöse Stalinallee in Osten und das konstruktiv-moderne Hansa Viertel im Westen - näherte sich die Architektur der DDR derjenigen des Westens an. Anstelle von prachtvoll gestaffelten Türmen als gebaute Stadtdominanten wie im Moskau der 1940er Jahre, wurden nun auch schlanke und effektivere Hochhausscheiben in Ost-Berlin realisiert.

Ähnlicher Fortschrittsglaube

Kapitalistische Vorbilder wie das Rockefeller Center in New York City oder das Europa-Center in West-Berlin wurden mit Hilfe künstlerischer Fassadengestaltungen eindeutig ideologisch uminterpretiert. So erhielt etwa das Haus des Lehrers am zentralen Alexanderplatz eine „Bauchbinde“ wie viele andere Bauten auch, ein Mosaik, das den politischen Zweck des Gebäudes in monumentalen Wandbildern im Stil des sozialistischen Realismus verdeutlichte, um sich von den Kommerzbauten des Westen abzuheben. Allein in ihrer Grundform ähneln sich die Projekte in Ost und West. Mit zeitlicher Verspätung prägen Hochhausscheiben, vorgehängte Glasfassaden, skulpturale Formen und breite Stadtautobahnen nun auch das Zentrum der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Man muss schon sehr genau hinschauen um zu erkennen, ob die Fotografie eines dominanten, von Hochhäusern umstandenen Kreisverkehrs den Ernst Reuter Platz oder eine frühe Phase des Alexanderplatzes zeigt. Beides verdankt sich einer ähnlich gelagerten fortschrittsgläubigen Haltung, die eine urbane Zukunft rational und wissenschaftlich gestalten will. Dabei ist die Abwendung von der vorbelasteten Tradition der gemeinsame Motor für eine architektonische Flucht nach vorne in eine nachgeholte Moderne der späten Nachkriegszeit.

Die vorgestellten Sonderprojekte - im Westen Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie und Hans Scharouns Philharmonie, im Osten Regierungsbauten wie das Staatsratsgebäude und als futuristisches Projekt der Fernsehturm - stehen auf beiden Seiten für Bauten der 1960er Jahre mit unbestrittener architektonische Qualität. Auch Entdeckungen lassen sich machen, darunter der von Ludwig Leo zwischen 1967 bis 1974 zusammen mit dem Ingenieur Christian Boës im Tiergarten realisierte „Umlauftank“ der „Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau“, Wissenschaftsbauten von Fehling+Gogel im Westen und die Betonschalenkonstruktionen des inzwischen abgerissenen Restaurants Ahornblatt von Ulrich Müther im Osten. Diese ungewöhnlichen Bauphantasien zusammen mit nicht realisierten, aber schön gezeichneten Utopien lohnen den Besuch der Ausstellung.

Standardisierung auf beiden Seiten

Mit dem Slogan „Keine Furcht vor Monotonie“ wurde aber auch ein Massenwohnungsbau betrieben, der das Erscheinungsbild der Stadt bis heute entscheidend prägt. Eine Wand mit mehr als 40 verschiedenen Fotografien von Berliner Loch- und Rasterfassaden lädt zum Quiz, welches Gebäude wo entstanden ist. Denn auch hinsichtlich Rationalisierung und Standardisierung des Wohnungsbaus haben sich die beiden Stadthälften einander angenähert.

Ursula Müller, die Kuratorin der Ausstellung, möchte den Blick für Details und Qualität der Architektur der 1960er Jahre schärfen, was ihr gut gelungen ist. So orientieren sich auch mehrere künstlerische Arbeiten in der Haupthalle an der Ästhetik dieses mittlerweile weit zurückliegenden Jahrzehnts. Bernd Trasberger operiert mit charmanten Details wie den seriellen Keramikelementen einer Hertiefassade, und Beate Gütschow formt aus Fragmenten brutalistischer Architektur monströse Hybride.

Radikal modern - Planen und Bauen im Berlin der 1960er Jahre
bis 26. Oktober 2015

Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124-128
10969 Berlin

Der Katalog in deutscher und englischer Sprache ist im Wasmuth Verlag erschienen. Er kostet in der Ausstellung 29,80 Euro, im Buchhandel 38,00 Euro.

www.berlinischegalerie.de


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Das Universum der Brüder Rasch: Gebaute und geträumte Utopien der 1960er Jahre von Heinz und Bodo Rasch.
(14. November 2014)

Der rosarote Tank an der Spree: Fährt man mit der Berliner S-Bahn vom Bahnhof Zoo Richtung Alexanderplatz, ist sein bekanntestes Bauwerk nicht zu übersehen: der „Umlauftank“ des Architekten Ludwig Leo.
(17. Oktober 2013)

Alles eine Frage der Darstellung: So sexy können Wohntürme für 22 000 Bewohner aussehen. Das Großhügelhaus-Projekt von Josef Kaiser in der bemerkenswerten Darstellung von Dieter Urbach. Foto © Berlinische Galerie
Wohnungen wurden in West und Ost gebraucht: Heinrich Kuhn, Wohnbebauung von Chen Kuen Lee, Märkisches Viertel, Senftenberger Ring 80-86, Fotografie, um 1970, © Heinrich Kuhn/Sabine Krüger
Das Außenministerium der DDR von Josef Kaiser – hier in einer Collage von Dieter Urbach - wurde bereits 1996 wieder abgerissen. Foto © Berlinische Galerie
Ufos im biederen West-Berliner Stadtteil Steglitz? Einen Turm mit mehreren Ebenen, der eine Autobahn mit einem U-Bahnhof verbindet, wollten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte zur Aussichtsplattform ausbauen. Foto © Berlinische Galerie
Manfred Kunze erfindet 1968 die Stadt der Zukunft. Auch im Sozialismus dominiert der Verkehr die Stadt im Jahr 2000. Foto © Rechtsnachfolger Manfred Kunze
Auch bei dem Wettbewerb für den Leninplatz galt die Maxime „Auflockerung der Stadt bei gleichzeitiger Erhöhung der Wohndichte“. Foto © Berlinische Galerie
Rollende Gehsteige sollen am Kurfürstendamm die Fußgänger von der Straße holen. Ein Entwurf von Georg Kohlmeier und Barna von Sartory. Foto © Berlinische Galerie
Architektur › 2015 › Juni
Moderne mit Bauchbinde
von Ralf Wollheim | 1. Juni 2015
Die Ausstellung „Radikal modern - Planen und Bauen im Berlin der 1960er Jahre“ in der Berlinischen Galerie widmet sich dem Vergleich von Architektur und Städtebau im Osten und Westen der Stadt. Das wichtigste Bauwerk übersieht sie: die Mauer.
Vor einer gigantischen, schrägen Hochhauskulisse sitzen lachende Frauen in Minikleid oder Bikini und der Himmel leuchtet dunkelblau. Das poppig-bunte Motiv für die Flyer und Broschüren zur Ausstellung „Radikal modern - Planen und Bauen im Berlin der 1960er Jahre“ der Berlinischen Galerie ist klug gewählt. Erst bei näherem Hinsehen entdeckt man die kleine rote Fahne auf der Collage von Dieter Urbach. So sexy wollte die DDR gerne sein, so spektakulär die Architektur, so sonnig der Alltag. Der Entwurf von Josef Kaiser für ein „Großhügelhaus“ wurde freilich nie realisiert. Die einen Kilometer langen Gebäude mit dreieckigem Querschnitt sollten Wohnraum für 22.000 Einwohner und Arbeitsplätze für weitere 10.000 bieten.

Gar nichts so verschieden

Diese Mischung aus hochfliegenden Planungen, utopischem Denken und noch nie gesehenen Bauten prägt häufig das mediale Bild der Architektur der Sixties. Andererseits stehen Großsiedlungen, monotone Fassaden und Pläne einer autogerechten Stadt für die deutlich grauere Realität im Berlin der 1960er Jahre. Verführerische Grafiken, die Projekte im schönsten Licht erscheinen lassen, finden sich viele in der Ausstellung. Erstaunlicherweise stammen die effektvollsten Bildmontagen, die auch zweckfreie Pop-Art-Collagen sein könnten, aus Ost-Berlin. So auch die Grafiken zum DDR-Außenministerium, ebenfalls von Dieter Urbach, in denen die stromlinienförmigen Autos fast wichtiger erscheinen als die Architektur. Das passt zu der These der Ausstellung, die Architektur sei in jenen Jahren in Ost- und West-Berlin so verschieden gar nicht gewesen - trotz fundamentaler politischer und ideologischer Gegensätze. Eine Rhetorik des Kalten Kriegs wollten die Kuratoren vermeiden und beschränken sich deshalb auf bildhafte Analogien, auch um eine vermeintlich geschmähte Ost-Moderne zu rehabilitieren. Dies entspricht einem eher ästhetisch-formalen Blick, der das wichtigste Bauwerk der 1960er Jahre ausblendet: Die 1961 errichtete Berliner Mauer taucht in der Ausstellung nicht auf.

Gleich im ersten Raum verdeutlichen zwei große Luftbilder der fast vollständig zerstörten Berliner Innenstadt die für beide Teile der Stadt dramatische Ausgangslage. Nach den ersten Wiederaufbauprojekten in den 1950er Jahren, die sich noch diametral gegenüberstanden - die pompöse Stalinallee in Osten und das konstruktiv-moderne Hansa Viertel im Westen - näherte sich die Architektur der DDR derjenigen des Westens an. Anstelle von prachtvoll gestaffelten Türmen als gebaute Stadtdominanten wie im Moskau der 1940er Jahre, wurden nun auch schlanke und effektivere Hochhausscheiben in Ost-Berlin realisiert.

Ähnlicher Fortschrittsglaube

Kapitalistische Vorbilder wie das Rockefeller Center in New York City oder das Europa-Center in West-Berlin wurden mit Hilfe künstlerischer Fassadengestaltungen eindeutig ideologisch uminterpretiert. So erhielt etwa das Haus des Lehrers am zentralen Alexanderplatz eine „Bauchbinde“ wie viele andere Bauten auch, ein Mosaik, das den politischen Zweck des Gebäudes in monumentalen Wandbildern im Stil des sozialistischen Realismus verdeutlichte, um sich von den Kommerzbauten des Westen abzuheben. Allein in ihrer Grundform ähneln sich die Projekte in Ost und West. Mit zeitlicher Verspätung prägen Hochhausscheiben, vorgehängte Glasfassaden, skulpturale Formen und breite Stadtautobahnen nun auch das Zentrum der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Man muss schon sehr genau hinschauen um zu erkennen, ob die Fotografie eines dominanten, von Hochhäusern umstandenen Kreisverkehrs den Ernst Reuter Platz oder eine frühe Phase des Alexanderplatzes zeigt. Beides verdankt sich einer ähnlich gelagerten fortschrittsgläubigen Haltung, die eine urbane Zukunft rational und wissenschaftlich gestalten will. Dabei ist die Abwendung von der vorbelasteten Tradition der gemeinsame Motor für eine architektonische Flucht nach vorne in eine nachgeholte Moderne der späten Nachkriegszeit.

Die vorgestellten Sonderprojekte - im Westen Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie und Hans Scharouns Philharmonie, im Osten Regierungsbauten wie das Staatsratsgebäude und als futuristisches Projekt der Fernsehturm - stehen auf beiden Seiten für Bauten der 1960er Jahre mit unbestrittener architektonische Qualität. Auch Entdeckungen lassen sich machen, darunter der von Ludwig Leo zwischen 1967 bis 1974 zusammen mit dem Ingenieur Christian Boës im Tiergarten realisierte „Umlauftank“ der „Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau“, Wissenschaftsbauten von Fehling+Gogel im Westen und die Betonschalenkonstruktionen des inzwischen abgerissenen Restaurants Ahornblatt von Ulrich Müther im Osten. Diese ungewöhnlichen Bauphantasien zusammen mit nicht realisierten, aber schön gezeichneten Utopien lohnen den Besuch der Ausstellung.

Standardisierung auf beiden Seiten

Mit dem Slogan „Keine Furcht vor Monotonie“ wurde aber auch ein Massenwohnungsbau betrieben, der das Erscheinungsbild der Stadt bis heute entscheidend prägt. Eine Wand mit mehr als 40 verschiedenen Fotografien von Berliner Loch- und Rasterfassaden lädt zum Quiz, welches Gebäude wo entstanden ist. Denn auch hinsichtlich Rationalisierung und Standardisierung des Wohnungsbaus haben sich die beiden Stadthälften einander angenähert.

Ursula Müller, die Kuratorin der Ausstellung, möchte den Blick für Details und Qualität der Architektur der 1960er Jahre schärfen, was ihr gut gelungen ist. So orientieren sich auch mehrere künstlerische Arbeiten in der Haupthalle an der Ästhetik dieses mittlerweile weit zurückliegenden Jahrzehnts. Bernd Trasberger operiert mit charmanten Details wie den seriellen Keramikelementen einer Hertiefassade, und Beate Gütschow formt aus Fragmenten brutalistischer Architektur monströse Hybride.

Radikal modern - Planen und Bauen im Berlin der 1960er Jahre
bis 26. Oktober 2015

Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124-128
10969 Berlin

Der Katalog in deutscher und englischer Sprache ist im Wasmuth Verlag erschienen. Er kostet in der Ausstellung 29,80 Euro, im Buchhandel 38,00 Euro.

www.berlinischegalerie.de


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