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Morgens das Haus, abends die Gäste
von Jörg Zimmermann | 30. Mai 2012
Hoch in die Lüfte geht es mit einem „Quadrocopter“, in 600 Metern Höhe ist das Ziel erreicht, findet das letzte von 1.500 Wohnmodulen seinen Platz. Bauen in anderen Sphären, mit neuen Methoden, mit einfachen Formen – so stellt sich ein Architektenteam aus Fabio Gramazio und Mathias Kohler sowie Raffaello D’Andrea heute „Flight Assembled Architecture“ vor. Der prägende Grundgedanke bei diesem Konzept: (Wohn-)Räume lassen sich modularisieren, also in elementare Einheiten zerlegen. Diese Module können dann standardisiert, aber mit unterschiedlichen Funktionen ausgestattet, flexibel eingesetzt werden. Allgemein entsteht so mit ein wenig Fantasie ein Baukastensystem, das Erleichterung im Planungs- und Bauprozess ermöglicht. Dass der Gedanke einer Modularisierung von Architektur zwar aktuell, aber nicht ganz neu ist, zeigt die Ausstellung „Architekturteilchen“ im Museum für Angewandte Kunst Köln.

Schon zu Beginn der 1940er Jahre hatten Walter Gropius und Konrad Wachsmann mit dem „Packaged House System“ ein Konzept für ein Holzhaus aufgelegt, das aus einfachen Standardelementen zusammengesetzt wurde. Fünf ungelernte Arbeiter reichten aus, um das Haus in nur neun Stunden vollständig aufzubauen. Obwohl systematisch gedacht und formal wie technisch gelungen, war das „Packaged House System“ wirtschaftlich nie richtig erfolgreich. 1952 wurde die Herstellung eingestellt. Neue Herangehensweisen brauchen erfahrungsgemäß immer auch den richtigen Zeitpunkt für den ökonomischen Erfolg, in der vergangenen Dekade setzten sich Fertighaussysteme wesentlich besser im Markt durch.

Auch in Deutschland fielen die Überlegungen zum modularen Bauen auf fruchtbaren Boden. Peter Hübner und Frank Huster beispielsweise erhielten für die Olympischen Spiele 1972 den Auftrag 110 temporäre Raumelemente zu entwerfen. Der Auftrag an die Architekten mündete in der Raumzelle „Casanova“, einem achteckigen Polyeder mit einer Abmessung von 3,6 Metern. Der Wandaufbau war aus Wellpappe, die mit glasfaserverstärktem Kunststoff beschichtet wurde. Später wurde „Casanova“ dann auch vereinzelt für Privatbauten eingesetzt. „Morgens kommen die Häuser, abends kommen die Gäste“, versprach Peter Hübner auf einer persönlichen Einladung und in der Tat konnte nach morgendlichem Aufbaubeginn in den Abendstunden im neuen Haus gefeiert werden.

Berühmt geworden ist der „Nagakin Capsule Tower“ in Tokio. Architekt Kisho Kurakawa schuf das 13-geschossige Bauwerk aus 140 vorfabrizierten Raumkapseln 1972 im Nobelviertel Ginza. Die konzeptionelle Klarheit und der gestalterische Reiz der Module sind bis heute nicht verloren, als Blaupause für weitere Bauwerke hat der Entwurf indes nicht funktioniert. Überhaupt scheint modulare Architektur entgegen dem eigenen Konzept, dass einfache Elemente wiederholt verwendet werden, doch eher exemplarisch zu funktionieren. Betrachtungen, die auf diesen Umstand eingehen, finden sich in der Ausstellung nicht.

Die Beispiele in der Ausstellung sind mit Fotos, Zeichnungen und Modellen präsentiert. Passend zum Thema gibt sich auch die Ausstellungsarchitektur modular. Vielflächige Kunststoffelemente kennzeichnen die einzelnen Projekte und stellen Platz bereit für die Beschreibungs- und Informationstexte. Neben der Präsentation zahlreicher Beispiele zum modularen Bauen – auch jüngere Ansätze wie „Metropol Parasol“ in Sevilla von Jürgen Mayer H. und der „Do-It-Yourself Pavilion“ von Hybrid Space Lab für die Architekturbiennale in Shenzhen sind dargestellt – richtet die Kölner Ausstellung den Blick auf Materialien und Fertigungsmethoden. Anschaulich wird dies beispielsweise bei „Crystal Mesh“, einer videoanimierbaren Medienfassade aus 6.069 Kunststoffmodulen, die 2009 von realities:united aus Berlin für das „Urban Entertainment Center“ von Woha Architekten in Singapur entwickelt wurde.

Da das Thema „Modulares Bauen“ in der Ausstellung mit wechselnder Perspektive und mit unterschiedlicher Tiefe betrachtet wird, finden sowohl das breite Fachpublikum als auch architekturinteressierte Laien interessante Zugänge. Experten dürften hingegen manche Beispiele und Zusammenhänge geläufig sein. Vermisst wird zum Ausstellungsbeginn eine begleitende Publikation. Diese ist noch in Vorbereitung.

Architekturteilchen – Modulares Bauen im digitalen Zeitalter
Von 12. Mai bis 19. August 2012
MAKK – Museum für Angewandte Kunst Köln
www.makk.de
„Packaged House System“ von Walter Gropius und Konrad Wachsmann, Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
„Packaged House System“: ein Holzhaus aus einfachen Standardelementen, Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
„Crystal Mesh” von realities:united, Foto © realities:united
„Crystal Mesh”, eine videoanimierbare Medienfassade aus 6.069 Kunststoffmodulen © Foto © realities:united
„Simple City“ von Hybrid Space Lab, Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
„Flight Assembled Architecture” von Gramazio Kohler, Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
„Do-It-Yourself Pavillion” von Hybrid Space Lab, Foto © Andy Tam, Hongkong
„Do-It-Yourself Pavillion”, entworfen für die Architekturbiennale in Shenzhen, Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
„Metropol Parasol“ von Jürgen Mayer H. Architects, Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
„Metropol Parasol“, das neue Wahrzeichen der Stadt Sevilla, Foto © David Franck
„Simple City“ – aus Legosteinen gesteckt, Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark