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Reinier de Graaf
Partner, OMA
Reinier de Graaf ist Partner von Office for Metropolitan Architecture (OMA). Er ist Leiter des Thinktanks AMO von OMA und zuständig für Projekte, die sich einem weiter gefassten architektonischen Diskurses jenseits von Gebäuden und Stadtplanung widmen. Zu den Projekten gehören: „The Image of Europe“ – im Mittelpunkt steht das ikonografische Defizit der EU; „D-40210“, eine Strategie zur Vermeidung weiterer Gentrifizierung europäischer Stadtzentren; „Eurocore“, hier geht es um die Umrisse der ersten grenzüberschreitenden Metropole Europas (sie erstreckt sich über Teile der Niederlande, Deutschlands und Belgiens; sowie „The State of Moscow“, ein Entwurf für ein transparenteres Verwaltungssystem für Moskau. Überdies ist Reinier de Graaf für das wachsende Auftragsvolumen im Bereich Energieplanung zuständig, dazu gehören auch „Zeekracht“ – ein strategischer Masterplan für die Nordsee; „Roadmap 2050“ – Eine praktische Anleitung für ein erfolgreiches, kohlenstoffarmes Europa, zusammen mit der European Climate Foundation; sowie „The Energy Report“ – ein globaler Plan für 100% erneuerbare Energie, gemeinsam mit dem WWF.

www.oma.com
8. Januar 2014 | Architekturkolumne
NAUKOGRAD
12/2006. Wir erhalten den Auftrag ein Konzept für einen Wissenschaftscampus am östlichsten Rand von Kasachstan, ungefähr 100 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt, zu erarbeiten. Im Briefing ist von einem Gewerbepark die Rede in dem die Technische Universität angesiedelt werden soll sowie vom Hauptquartier eines Ölkonzerns der bei diesem Auftrag auch unser Kunde ist. Ziel ist es eine ‘Technopolis’ oder im Russischen ‘Naukograd’ zu erschaffen, ein alter sowjetisches Begriff für Städte in der früheren UdSSR, die speziell für wissenschaftliche Zwecke errichtet werden sollten. Es ist vor allem dieser Aspekt, der uns davon überzeugt die Sache näher anzuschauen; wir beginnen die Vorbereitungen für unseren ersten Besuch zu treffen.


1/2007. Es ist tiefer Winter als wir ankommen. Der von Schnee bedeckte Ort sieht wunderschön aus, eigentlich zu schön, um hier Gebäude hochzuziehen. Wir stellen uns einen Campus mit langgestreckten Gebäuden vor, die über dem fast unberührten Grund zu schweben scheinen, eine Reminiszenz an frühe konstruktivistische Experimente in der Architektur. Der Begriff Naukograd, so nehmen wir an, legt doch nahe, dass diese Idee Anklang finden könnte. Nach weiteren Erkundungen wird jedoch deutlich, dass es hier nicht um die Wiederbelebung einer alten sowjetischen Idee gehen soll, unsere Auftraggeber zeigen sich vielmehr beeindruckt von einem modernen Wissenschaftspark, den sie kürzlich in Japan besichtigt haben…


3/2007. In einer ersten Präsentation zeigen wir eine vorläufige mögliche Richtung auf. Wir lassen uns etwas hinreißen und beginnen über die gegenwärtige Architektur in Kasachstan zu wettern: wir zeigen viele Beispiele für den Pastiche, wie er in Folge des jüngsten Ölbooms entstanden ist. Der Hauptangriffspunkt unserer Polemik, so stellt sich heraus, ist der gegenwärtige Hauptsitz unseres Kunden…


6/2007. Zwischenpräsentation: der Unternehmenssitz unseres Kunden gleicht einem Hochsicherheitstrakt, unser Auto wird von unten mit etwas inspiziert das wie ein Besen mit einem Spiegel am Ende aussieht. Alles scheint in Ordnung zu sein und wir dürfen auf das Gelände fahren, auf jenes Gebäude zu, über welches wir vor einem Monat noch so eloquent gelästert haben (mittlerweile betrachten wir es als architektonische Meisterleistung). Man geleitet uns in einen großen Aufzug, der uns in den Sitzungssaal bringt, in dem wir präsentieren sollen. Nach etwa zwanzig Minuten betritt der Präsident des Unternehmens den Raum durch eine verborgene Tür von der gegenüberliegenden Seite, hinter der sich vermutlich ein Aufzug nur für seinen persönlichen Gebrauch befindet.

Wir zeigen Dias. Unsere Kommentare dazu fassen wir in kurze Sätze, so dass der Übersetzer leichter folgen kann. Nach unserer Erklärung, dass die Verkehrskreisläufe in unserem Plan als ‚egalitäres System, welches auf demokratischen Prinzipien beruhe’ zu verstehen sei, gerät die Übersetzung ins Stocken: der Übersetzer bittet uns freundlich das nächste Dia zu zeigen. Sein Englisch ist perfekt.


9/2007. Nach neunmonatiger Arbeit schließen wir unseren Masterplan ab.Zwei Tage vor der endgültigen Präsentation bittet man uns nicht persönlich zu erscheinen sondern die Pläne per Email einzureichen. Man bietet uns dafür den finanziellen Anreiz einer Vorauszahlung. Wir übermitteln die Pläne und erhalten innerhalb einer Woche die Zahlung. Dann wird es still…


11/2007. Im Internet taucht ein kurzes Video auf, es zeigt langgestreckte Gebäude die über einem fast unberührten Grund zu schweben scheinen. Den Himmel hat man retuschiert: ein bisschen zu blau. Die Ähnlichkeit zu unserem Entwurf ist mehr als auffallend, bis auf die Tatsache, dass die Gebäude mit einer seltsamen Mischung aus Aluminium und Marmor verkleidet sind. Hier und da hat man sie mit den gleichen Giebeldächern versehen wie das angrenzende Ski-Resort… Eine freundliche russische Stimme erläutert die Bilder. Wir verstehen nur „Naukograd“.


2/2008. Ganz unerwartet erreicht uns ein Fax: der gleiche Kunde interessiert sich für einen weiteren Wissenschaftscampus, es gelten die gleichen Gestaltungsvorgaben, das Projekt soll jedoch an einem anderen Ort umgesetzt werden. Man habe das notwendige Areal für das anstehende Projekt nicht erwerben können. Das Ski-Resort habe das bessere Angebot unterbreitet und sei nun mit Erweiterungsmaßnahmen beschäftigt, die das Campusgrundstück einschließen.

Wir lehnen ab.
Architektur › 2014 › Januar
NAUKOGRAD
von Reinier de Graaf | 8. Januar 2014
Ein mysteriöser Bauherr aus Kasachstan, ein bekanntes Architekturbüro namens OMA und ein sogenannter Wissenschaftscampus sind die Protagonisten in „Naukograd“ – eine Stück in sieben Akten über die Erlebnisse eines international agierenden Architekturbüros.

12/2006. Wir erhalten den Auftrag ein Konzept für einen Wissenschaftscampus am östlichsten Rand von Kasachstan, ungefähr 100 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt, zu erarbeiten. Im Briefing ist von einem Gewerbepark die Rede in dem die Technische Universität angesiedelt werden soll sowie vom Hauptquartier eines Ölkonzerns der bei diesem Auftrag auch unser Kunde ist. Ziel ist es eine ‘Technopolis’ oder im Russischen ‘Naukograd’ zu erschaffen, ein alter sowjetisches Begriff für Städte in der früheren UdSSR, die speziell für wissenschaftliche Zwecke errichtet werden sollten. Es ist vor allem dieser Aspekt, der uns davon überzeugt die Sache näher anzuschauen; wir beginnen die Vorbereitungen für unseren ersten Besuch zu treffen.


1/2007. Es ist tiefer Winter als wir ankommen. Der von Schnee bedeckte Ort sieht wunderschön aus, eigentlich zu schön, um hier Gebäude hochzuziehen. Wir stellen uns einen Campus mit langgestreckten Gebäuden vor, die über dem fast unberührten Grund zu schweben scheinen, eine Reminiszenz an frühe konstruktivistische Experimente in der Architektur. Der Begriff Naukograd, so nehmen wir an, legt doch nahe, dass diese Idee Anklang finden könnte. Nach weiteren Erkundungen wird jedoch deutlich, dass es hier nicht um die Wiederbelebung einer alten sowjetischen Idee gehen soll, unsere Auftraggeber zeigen sich vielmehr beeindruckt von einem modernen Wissenschaftspark, den sie kürzlich in Japan besichtigt haben…


3/2007. In einer ersten Präsentation zeigen wir eine vorläufige mögliche Richtung auf. Wir lassen uns etwas hinreißen und beginnen über die gegenwärtige Architektur in Kasachstan zu wettern: wir zeigen viele Beispiele für den Pastiche, wie er in Folge des jüngsten Ölbooms entstanden ist. Der Hauptangriffspunkt unserer Polemik, so stellt sich heraus, ist der gegenwärtige Hauptsitz unseres Kunden…


6/2007. Zwischenpräsentation: der Unternehmenssitz unseres Kunden gleicht einem Hochsicherheitstrakt, unser Auto wird von unten mit etwas inspiziert das wie ein Besen mit einem Spiegel am Ende aussieht. Alles scheint in Ordnung zu sein und wir dürfen auf das Gelände fahren, auf jenes Gebäude zu, über welches wir vor einem Monat noch so eloquent gelästert haben (mittlerweile betrachten wir es als architektonische Meisterleistung). Man geleitet uns in einen großen Aufzug, der uns in den Sitzungssaal bringt, in dem wir präsentieren sollen. Nach etwa zwanzig Minuten betritt der Präsident des Unternehmens den Raum durch eine verborgene Tür von der gegenüberliegenden Seite, hinter der sich vermutlich ein Aufzug nur für seinen persönlichen Gebrauch befindet.

Wir zeigen Dias. Unsere Kommentare dazu fassen wir in kurze Sätze, so dass der Übersetzer leichter folgen kann. Nach unserer Erklärung, dass die Verkehrskreisläufe in unserem Plan als ‚egalitäres System, welches auf demokratischen Prinzipien beruhe’ zu verstehen sei, gerät die Übersetzung ins Stocken: der Übersetzer bittet uns freundlich das nächste Dia zu zeigen. Sein Englisch ist perfekt.


9/2007. Nach neunmonatiger Arbeit schließen wir unseren Masterplan ab.Zwei Tage vor der endgültigen Präsentation bittet man uns nicht persönlich zu erscheinen sondern die Pläne per Email einzureichen. Man bietet uns dafür den finanziellen Anreiz einer Vorauszahlung. Wir übermitteln die Pläne und erhalten innerhalb einer Woche die Zahlung. Dann wird es still…


11/2007. Im Internet taucht ein kurzes Video auf, es zeigt langgestreckte Gebäude die über einem fast unberührten Grund zu schweben scheinen. Den Himmel hat man retuschiert: ein bisschen zu blau. Die Ähnlichkeit zu unserem Entwurf ist mehr als auffallend, bis auf die Tatsache, dass die Gebäude mit einer seltsamen Mischung aus Aluminium und Marmor verkleidet sind. Hier und da hat man sie mit den gleichen Giebeldächern versehen wie das angrenzende Ski-Resort… Eine freundliche russische Stimme erläutert die Bilder. Wir verstehen nur „Naukograd“.


2/2008. Ganz unerwartet erreicht uns ein Fax: der gleiche Kunde interessiert sich für einen weiteren Wissenschaftscampus, es gelten die gleichen Gestaltungsvorgaben, das Projekt soll jedoch an einem anderen Ort umgesetzt werden. Man habe das notwendige Areal für das anstehende Projekt nicht erwerben können. Das Ski-Resort habe das bessere Angebot unterbreitet und sei nun mit Erweiterungsmaßnahmen beschäftigt, die das Campusgrundstück einschließen.

Wir lehnen ab.