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Neue Gemütlichkeit oder GreyUrbanUnderIslandTropicAir
im Gespräch: Claudia Kleine und Jörg Kürschner alias „Formstelle“ | 5. Februar 2015
Letzte Handgriffe vor dem Messeauftritt: Claudia Kleine und Jörg Kürschner mit dem Lounge Chair „808“ für Thonet in ihrem Atelier. Foto © Formstelle
Thomas Wagner: Sie haben für Thonet einen Lounge Chair nicht nur entworfen, man muss sagen, komplett mitentwickelt. Wie kam das Projekt zustande? Von wem ging die Initiative aus?

Jörg Kürschner: Es gab bereits einen Kontakt zu Thonet, wir waren auch schon mal in Frankenberg gewesen, hatten die Firma besichtigt, uns vorgestellt und gezeigt, was wir bisher so alles gemacht haben. Nun wurde uns eine konkrete Aufgabe gestellt.

Um welche Aufgabe ging es?

Jörg Kürschner: Wir sollten uns Gedanken zu einem Lounge-Sessel machen, der komfortabel und zugleich zeichenhaft sein sollte.

War die Gestaltung eines Lounge Sessels für Sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt schon ein Thema? Hatten Sie sich zu diesem Sesseltyp schon Gedanken gemacht?

Jörg Kürschner: Da es ein Ohrensessel werden sollte – einen solchen hatten wir noch nicht gemacht, aber einen Lounge Chair –, war das Thema für uns schon mehr oder weniger neu. Außerdem war es eine besondere Herausforderung, für eine Firma wie Thonet arbeiten zu dürfen. Neue Firma, neues Thema, was will man mehr...

Claudia Kleine: Ein Ohrensessel ist schon deshalb ein spannendes Thema, weil der ja so einen großen Raum einnimmt. Wir haben uns deshalb auch intensiv mit den Motiven und dem Kontext beschäftigt. Wie viel braucht der Mensch, um sich einzuhüllen, sich einzuhausen – und dabei trotzdem offen zu sein für das, was um ihn herum vorgeht? Will man einen Ohrensessel, um für sich zu sein und zugleich seine Umgebung wahrnehmen zu können? Möchte man eine gewisse Bequemlichkeit haben? Von welcher Art könnte diese sein? – Oder: Was ist eine Hülle in der Architektur? Was bedeutet Hülle bei Kleidungsstücken, die ich trage? Was schützt mich? Was gibt mir das Gefühl, geschützt zu sein? Etwa ein Kragen? Man sieht: Wir haben uns intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt.
Schützend und offen zugleich: erste Ideenskizzen zu Nummer „808“. Foto © Formstelle
Wie ist Ihre Diskussion im Hinblick auf „geschlossen“ und „offen“ verlaufen? Wo und wie ziehen Sie die Grenze zwischen „eingehüllt genug“ und „offen genug“?

Jörg Kürschner: Mit und an dieser Grenze haben wir gearbeitet. Erst in der Analyse und dann konkret anhand zahlloser Modelle haben wir mit Grenzen gespielt, experimentiert. Welcher Komfort ist nötig, um sich abzuschirmen, eintauchen zu können, in einen kontemplativen Zustand versetzt zu werden? Welche Haltungen kann ich in dem Sessel einnehmen? Wie muss der Sessel gebaut sein, damit man in ihm nicht nur stillsitzen, sondern sich auch bewegen kann?
Arbeit am Modell: eines der ersten Exemplare aus Schaumstoff und Pappe. Foto © Formstelle
Wie haben Sie ihre Lösung erarbeitet?

Claudia Kleine: Vor allem am Modell. Wir haben Modelle gebaut, Pappen zugeschnitten und hingehalten – und wir haben uns intensiv mit unterschiedlichen Haltungen beschäftigt. Wo möchte ich gern meinen Kopf hinlegen? Was mache ich mit meinen Händen? Sitze ich auch im Schneidersitz bequem? – Für all das haben wir Modelle gebaut, mit Schaumstoff, Pappen, Tape etwas hinzugefügt oder wieder weggenommen.

Jörg Kürschner: Als sich aus ersten Ideen und Skizzen bestimmte konzeptionelle Grundmotive herausgeschält hatten, ist fast alles über Modellbau im Maßstab 1:1 entschieden worden, sogar mit Hilfe eines Modells mit einer improvisierten Mechanik. Wir wollten die verschiedenen Stadien einfach ausprobieren. Auch haben wir verschiedene Personen, leichte und schwere, in den Sessel gesetzt. Wir sind auf Form und Ausstattung also nicht mittels einer Zeichnung gekommen, sondern durch ergonomische und empirische Prozesse, die wir durchlaufen haben.
Während der Entwicklungsphase entstanden zahlreiche Modelle. Foto © Formstelle
Wie kamen Sie darauf, zwei Schalen zu verwenden?

Claudia Kleine: Das hat sich ergeben, als wir uns für eine Verstellbarkeit des Neigewinkels entschieden hatten.

Jörg Kürschner: Es gab auch ein Stadium, in dem wir mit einer Wipp-Mechanik experimentiert haben. Das hat uns aber nicht gereicht. Wir wollten das Maximale herausholen.

Claudia Kleine: Vieles hat mit den Haltungen zu tun, von denen ich gesprochen habe: Wo ist der Kopf, wo sind die Hände, wo berühre ich die Lehne, wo das Möbel, wo genau findet der Kontakt statt?

Sie haben den Sessel aus dem Körper, dessen Haltungen und der Selbstwahrnehmung entwickelt? Nach dem Motto: Wie fühlt man sich in dieser kleinen Zelle oder Sphäre?

Claudia Kleine: All das bildet sich in vielen Details, aber ebenso in der Anmutung des Ganzen auch formal ab. Außen gibt es diese Schale, die klar definiert ist, und innen eine angenehme Polsterung. Viele, die den Sessel sehen, sagen spontan: harte Schale, weicher Kern. Also: Welchen Komfort habe ich, wenn ich im Sessel sitze – und was von diesem Komfort kann ich an der Form ablesen? Innen das Weiche von Polster und Kissen, außen eine klar konturierte Schale – es war uns wichtig, dass der Gegensatz ablesbar ist.
Ein weiteres Modell mit einer Polsterung aus Hartschaum. Foto © Formstelle
Sitzen, spüren, wohlfühlen: Mal sitzt man im Schneidersitz im Sessel, mal berührt man die Armlehne. Foto © Formstelle
Sie haben die Polsterung und ein komplettes System aus Stoffen und Leder gleich mitentwickelt, mehrfarbige Kombinationen eingeschlossen. Zudem gibt es drei verschiedene Fußgestelle. Wie kam all das zueinander?

Claudia Kleine: Wir haben darüber nachgedacht, dass der Kunde gerade so einen Sessel heute individuell mitgestalten möchte – eben weil ein gemütlicher Ohrensessel mir so nahe kommt, persönlich wird, wichtig für mich wird. Dementsprechend haben wir Farbsysteme und unterschiedliche Materialkombinationen, aber auch drei Untergestelle entwickelt, die wir gut finden und vorgeben. Es ist ein komplexes Angebot von Möglichkeiten, den Sessel individualisieren zu können.

Jörg Kürschner: Das Untergestell aus Rundrohr passt natürlich in die Tradition von Thonet. Es gibt aber eben auch neue Varianten wie ein Gestell aus Flachstahl und eines aus verformtem Holz. Am Ende haben wir es also auch geschafft, wieder mit Bugholz zu arbeiten, womit wir im Gestalterischen einen weiteren Bogen zur Tradition von Thonet schlagen.
Skizzen zu verschiedenen Untergestellen aus verschiedenen Materialien. Foto © Formstelle
Haben Sie einen Favoriten? Dürfen Sie einen haben?

Beide: (lachend) Aber klar, den hat doch jeder!!

Welches Gestell?

Claudia Kleine: Eindeutig das Holzgestell!

Jörg Kürschner: Bei mir ist es das Flachstahlgestell!

Okay, dann entscheide ich mich für das dritte aus Rundrohren.

(Alle lachen)
Voller Körpereinsatz: Jörg Kürschner und Claudia bei einer Besprechungsrunde im Studio. Foto © Formstelle
Claudia Kleine: Was den Stoff angeht, so wollten wir die großen Polsterflächen entsprechend untergliedern. Diese sollten dreidimensional wahrgenommen werden. Gemeinsam mit der Stoffmanufaktur Rohi haben wir deshalb einen exklusiven Stoff aus Schurwollgarnen gestaltet, der eine mehrdimensionale Wabenstruktur besitzt, also Höhen und Tiefen hat.

Jörg Kürschner: Den Stoff „Soul“ von Rohi gibt es in zahlreichen Farbvarianten und sechs Farbwelten – under, island, air, tropic, urban und grey. Es gibt Leder und die Ziernähte sind auf die entsprechenden Kombinationen abgestimmt. Viele dieser Themen haben etwas Konzeptionelles.
Nicht nur die Landschaft Islands sorgte für Inspiration: eine der Stoffvarianten von Rohi. Foto © Formstelle
Wie sind Sie mit den technischen Details umgegangen? Sie haben ja eine ganz spezielle Schale entwickelt, die gestalterische Aspekte wie Nähe etc. gleichsam vorbereitet?

Jörg Kürschner: Hier war es wirklich toll, dass wir sehr eng mit der Entwicklungsabteilung von Thonet zusammenarbeiten konnten. Nur so konnten wir neuen Produktionsweisen suchen und Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen zusammenbringen. Hervorgegangen ist daraus ein ganz eigener Schichtaufbau, mit einer eigens entwickelten Mechanik, einem Innenleben aus einem Rotationsgussteil aus Kunststoff, auf dem spezielle Kissen angebracht sind – und den äußeren Verkleidungsschalen, die es in Formfleece-Varianten gibt, aber eben auch bezogen mit Stoff oder Leder. So ist es ein sehr komplexer Aufbau entstanden.

Was war für Sie im Rückblick schwierig, was besonders spannend?

Claudia Kleine: Das Spannendste war, ein ganzheitliches Projekt realisieren zu können, ein Projekt mit unglaublich vielen Facetten. Was in diesem Sessel an Komplexität zusammenkommt, das ist schon eine tolle Sache. So arbeiten wir am liebsten. Einfach nur einen Entwurf abgeben, das ist weniger unsere Sache. Es macht einfach mehr Spaß und führt auch zu besseren Ergebnissen, wenn man eine Sache von verschiedenen Seiten betrachtet, Erfahrungen machen und daraus Schlüsse ziehen kann. Das war, da die Zeit doch recht knapp war, in diesem Fall schon knackig.
Differenzierte Entwicklungsarbeit an den Schalen. Foto © Formstelle
Wie lange genau hatten Sie Zeit?

Claudia Kleine: Ein Jahr, inklusive Stoffentwicklung, Werkzeugentwicklung etc.

Das ist es doch, was man sich heute gern unter einem Designprozess vorstellt?

Claudia Kleine: Sicher, eben nicht ein 3D-Rendering abzugeben, sondern an der gesamten Entwicklungsarbeit mitzuwirken, einen Anteil daran zu haben ... bis zur kleinen Lederschlaufe, die man zum Verstellen hochzieht – wie viele Modelle wir allein von dieser gemacht haben...

Jörg Kürschner: So arbeiten zu können ist einerseits eine große Ehre, andererseits bedeutet es auch, eine große Verantwortung zu übernehmen.

Auf der Messe kann man feststellen: Plötzlich gibt es wieder Lounge Chairs in Hülle und Fülle. Wie kommt das? Sind Sie bei Ihrer Analyse auf Gründe für ein solches Revival gestoßen? Anders gefragt: Aus welchem Bedürfnis erwächst der Wunsch nach einem zeitgemäßen Ohrensessel?

Claudia Kleine: Ich denke, das hat viel mit dem Bedürfnis zu tun, sich zurückzuziehen. Die großen Wohnwelten, die riesigen Wohnlandschaften und Lounges verlangen geradezu nach einem Pendant, nach einem ganz persönlichen Sitzplatz.
Besprechungsrunde bei Thonet: Lydia Brodde, Randolf Schott, Jörg Kürschner, Claudia Kleine und Sabine Hutter. Foto © Formstelle
Wieder einmal Cocooning, nur etwas anders gewendet?

Claudia Kleine: Ja, wobei besonders im Objekt-Bereich das Bedürfnis nach einem Rückzugsort gewachsen ist, mehr als im privaten, häuslichen Bereich. Auch in öffentlichen Bereichen wünscht man sich etwas Wohnlichkeit. Dafür steht auch ein Möbel ein Lounge-Sessel.

Jörg Kürschner: Es ist einfach angenehm, rasch in eine eigene Sphäre eintauchen zu können, einen Ort zu haben, der offen und geschlossen zugleich ist.

Das heißt, in unserer oft hektischen Welt der Dauerkommunikation ist der Lounge Chair ein relativ leichter, beweglicher Ort des Rückzugs?

Jörg Kürschner: ... und eine Art Instrument ...

Claudia Kleine: Der Mensch stammt aus der Höhle und wünscht sich wahrscheinlich deshalb eine Hülle, die als solche wahrnehmbar sein kann, die ich an mir brauche.

Was bedeutet es für Sie, dass viele Menschen heutzutage eine solche Hülle medial herstellen, sich mittels Kopfhörern und Musik abschirmen? Beeinflusst das Ihre Arbeit als Designer?

Jörg Kürschner: Eher antipodisch, als Gegensatz zu den Möbeln. Wenn ich in so einem Sessel sitze, brauche ich gerade keine mediale Apparatur, um mich zu versenken und in einen kontemplativen Zustand versetzen zu können.

Claudia Kleine: Wir sind beide wenig digital und sehr analog geprägt. Der Aspekt ist interessant, war aber nie unser Thema. Ich besitze noch nicht einmal einen Fernseher.

Und wie sehen Ihre weiteren Projekte aus? Wo geht die Reise bei Formstelle hin?

Claudia Kleine: Der Sessel für Thonet heißt ja „Programm 808“, da ist also noch etwas zu erwarten. Da arbeiten wir gerade dran.
Die Zeit für die Entwicklung des „808“ war mit einem Jahr sehr knapp bemessen. Foto © Formstelle
Was genau darf man sich vorstellen?

Jörg Kürschner: Sagen wir: Die Produktfamilie kann sich erweitern.

Claudia Kleine: Für Zeitraum haben wir gerade ein neues Kanapee gestaltet, das auf der Morph-Lounge-Familie aufgebaut ist, und wir arbeiten – ebenfalls für Zeitraum – an einem Polstermöbelsystem, das in Mailand vorgestellt werden wird.

Greifen Sie öfter bestimmte Konventionen oder typologische Aspekte auf, um diese neu zu denken? Könnte man Ihre Vorgehensweise so beschreiben?

Claudia Kleine: Auf jeden Fall. Wir versuchen aber vor allem ein Produkt aus einem ganzheitlichen Ansatz heraus zu entwickeln, dadurch muss man von vielen Seiten Aspekte neu denken.

Ich hatte nicht erwartet, dass Sie künftig Kopfhörer entwerfen würden. Aber wer weiß? Vor allem junge Menschen schirmen sich heute in der Öffentlichkeit damit ab.

Claudia Kleine: Aber sie öffnen sich auch, kommunizieren andauernd, twittern ständig.

Sind dabei aber nicht auf ihre unmittelbare Umgebung bezogen, sondern verbunden mit einer großen Ferne, die physisch weit weg ist. Was bedeutet es, etwa per Skype, hier und zugleich anderswo sein zu können?

Jörg Kürschner: Diese Art der Kommunikation kennen wir natürlich aus unseren Projekten – aber wenn es darum geht, ein Möbelstück zu entwickeln, dann versuche ich eher, in einer Mischung aus Kontemplation und Konzentration von dem wegzukommen, was mich umgibt.
Jedes Teil will wohl überlegt sein. Foto © Formstelle
Würden Sie zustimmen, wenn man sagen würde, dass wir alle die Konsequenzen noch nicht erfasst haben, die sich aus den medialen Umbrüchen ergeben?

Claudia Kleine: Auch, was das für die Persönlichkeit bedeutet. Ich möchte ja für mich sein und teile meine Intimität zugleich mit anderen, das heißt, ich muss entscheiden, wann, wie und wo entgrenze ich mich als Mensch.

Sind Grenzen generell ein Thema für das Duo Formstelle? Wie findet man das richtige Maß zwischen Sich-Öffnen und Sich-Verschließen?

Claudia Kleine: Indem man die Grenzen auslotet, die eigenen, die der Materialität und die der Technik. Was bedeutet: Man muss einen langen Weg mit vielen Diskussionen gehen.

Jörg Kürschner: Sowohl rein technischer Art als auch inhaltlicher Art durften wir bei dem Thonet-Projekt die Grenzen ausloten und haben das auch recht kompromisslos getan.

Gehen Sie auch in anderen Bereich an Grenzen? Treiben Sie Extremsport?

Beide: ( lachend) Nein, Gestaltung reicht uns.

Dann danke ich Ihnen für das Gespräch.

www.formstelle.de
Arbeit an der komplexen Mechanik. Foto © Formstelle
Am Messestand von Thonet auf der imm cologne wurde der „808“ in Szene gesetzt. Foto © Robert Volhard, Stylepark
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News & Stories › 2015 › Februar
Neue Gemütlichkeit oder GreyUrbanUnderIslandTropicAir
5. Februar 2015
Claudia Kleine und Jörg Kürschner sind gemeinsam „Formstelle“. Am Stand von Thonet auf der imm cologne hat das Designerduo einen vieldiskutierten Lounge Chair präsentiert. Thomas Wagner hat mit den beiden über den „808“, den Designprozess und die Frage gesprochen, wie man sich einigelt und trotzdem offen bleibt.
Thomas Wagner: Sie haben für Thonet einen Lounge Chair nicht nur entworfen, man muss sagen, komplett mitentwickelt. Wie kam das Projekt zustande? Von wem ging die Initiative aus?

Jörg Kürschner: Es gab bereits einen Kontakt zu Thonet, wir waren auch schon mal in Frankenberg gewesen, hatten die Firma besichtigt, uns vorgestellt und gezeigt, was wir bisher so alles gemacht haben. Nun wurde uns eine konkrete Aufgabe gestellt.

Um welche Aufgabe ging es?

Jörg Kürschner: Wir sollten uns Gedanken zu einem Lounge-Sessel machen, der komfortabel und zugleich zeichenhaft sein sollte.

War die Gestaltung eines Lounge Sessels für Sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt schon ein Thema? Hatten Sie sich zu diesem Sesseltyp schon Gedanken gemacht?

Jörg Kürschner: Da es ein Ohrensessel werden sollte – einen solchen hatten wir noch nicht gemacht, aber einen Lounge Chair –, war das Thema für uns schon mehr oder weniger neu. Außerdem war es eine besondere Herausforderung, für eine Firma wie Thonet arbeiten zu dürfen. Neue Firma, neues Thema, was will man mehr...

Claudia Kleine: Ein Ohrensessel ist schon deshalb ein spannendes Thema, weil der ja so einen großen Raum einnimmt. Wir haben uns deshalb auch intensiv mit den Motiven und dem Kontext beschäftigt. Wie viel braucht der Mensch, um sich einzuhüllen, sich einzuhausen – und dabei trotzdem offen zu sein für das, was um ihn herum vorgeht? Will man einen Ohrensessel, um für sich zu sein und zugleich seine Umgebung wahrnehmen zu können? Möchte man eine gewisse Bequemlichkeit haben? Von welcher Art könnte diese sein? – Oder: Was ist eine Hülle in der Architektur? Was bedeutet Hülle bei Kleidungsstücken, die ich trage? Was schützt mich? Was gibt mir das Gefühl, geschützt zu sein? Etwa ein Kragen? Man sieht: Wir haben uns intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt.
Wie ist Ihre Diskussion im Hinblick auf „geschlossen“ und „offen“ verlaufen? Wo und wie ziehen Sie die Grenze zwischen „eingehüllt genug“ und „offen genug“?

Jörg Kürschner: Mit und an dieser Grenze haben wir gearbeitet. Erst in der Analyse und dann konkret anhand zahlloser Modelle haben wir mit Grenzen gespielt, experimentiert. Welcher Komfort ist nötig, um sich abzuschirmen, eintauchen zu können, in einen kontemplativen Zustand versetzt zu werden? Welche Haltungen kann ich in dem Sessel einnehmen? Wie muss der Sessel gebaut sein, damit man in ihm nicht nur stillsitzen, sondern sich auch bewegen kann?
Wie haben Sie ihre Lösung erarbeitet?

Claudia Kleine: Vor allem am Modell. Wir haben Modelle gebaut, Pappen zugeschnitten und hingehalten – und wir haben uns intensiv mit unterschiedlichen Haltungen beschäftigt. Wo möchte ich gern meinen Kopf hinlegen? Was mache ich mit meinen Händen? Sitze ich auch im Schneidersitz bequem? – Für all das haben wir Modelle gebaut, mit Schaumstoff, Pappen, Tape etwas hinzugefügt oder wieder weggenommen.

Jörg Kürschner: Als sich aus ersten Ideen und Skizzen bestimmte konzeptionelle Grundmotive herausgeschält hatten, ist fast alles über Modellbau im Maßstab 1:1 entschieden worden, sogar mit Hilfe eines Modells mit einer improvisierten Mechanik. Wir wollten die verschiedenen Stadien einfach ausprobieren. Auch haben wir verschiedene Personen, leichte und schwere, in den Sessel gesetzt. Wir sind auf Form und Ausstattung also nicht mittels einer Zeichnung gekommen, sondern durch ergonomische und empirische Prozesse, die wir durchlaufen haben.
Wie kamen Sie darauf, zwei Schalen zu verwenden?

Claudia Kleine: Das hat sich ergeben, als wir uns für eine Verstellbarkeit des Neigewinkels entschieden hatten.

Jörg Kürschner: Es gab auch ein Stadium, in dem wir mit einer Wipp-Mechanik experimentiert haben. Das hat uns aber nicht gereicht. Wir wollten das Maximale herausholen.

Claudia Kleine: Vieles hat mit den Haltungen zu tun, von denen ich gesprochen habe: Wo ist der Kopf, wo sind die Hände, wo berühre ich die Lehne, wo das Möbel, wo genau findet der Kontakt statt?

Sie haben den Sessel aus dem Körper, dessen Haltungen und der Selbstwahrnehmung entwickelt? Nach dem Motto: Wie fühlt man sich in dieser kleinen Zelle oder Sphäre?

Claudia Kleine: All das bildet sich in vielen Details, aber ebenso in der Anmutung des Ganzen auch formal ab. Außen gibt es diese Schale, die klar definiert ist, und innen eine angenehme Polsterung. Viele, die den Sessel sehen, sagen spontan: harte Schale, weicher Kern. Also: Welchen Komfort habe ich, wenn ich im Sessel sitze – und was von diesem Komfort kann ich an der Form ablesen? Innen das Weiche von Polster und Kissen, außen eine klar konturierte Schale – es war uns wichtig, dass der Gegensatz ablesbar ist.
Sie haben die Polsterung und ein komplettes System aus Stoffen und Leder gleich mitentwickelt, mehrfarbige Kombinationen eingeschlossen. Zudem gibt es drei verschiedene Fußgestelle. Wie kam all das zueinander?

Claudia Kleine: Wir haben darüber nachgedacht, dass der Kunde gerade so einen Sessel heute individuell mitgestalten möchte – eben weil ein gemütlicher Ohrensessel mir so nahe kommt, persönlich wird, wichtig für mich wird. Dementsprechend haben wir Farbsysteme und unterschiedliche Materialkombinationen, aber auch drei Untergestelle entwickelt, die wir gut finden und vorgeben. Es ist ein komplexes Angebot von Möglichkeiten, den Sessel individualisieren zu können.

Jörg Kürschner: Das Untergestell aus Rundrohr passt natürlich in die Tradition von Thonet. Es gibt aber eben auch neue Varianten wie ein Gestell aus Flachstahl und eines aus verformtem Holz. Am Ende haben wir es also auch geschafft, wieder mit Bugholz zu arbeiten, womit wir im Gestalterischen einen weiteren Bogen zur Tradition von Thonet schlagen.
Haben Sie einen Favoriten? Dürfen Sie einen haben?

Beide: (lachend) Aber klar, den hat doch jeder!!

Welches Gestell?

Claudia Kleine: Eindeutig das Holzgestell!

Jörg Kürschner: Bei mir ist es das Flachstahlgestell!

Okay, dann entscheide ich mich für das dritte aus Rundrohren.

(Alle lachen)
Claudia Kleine: Was den Stoff angeht, so wollten wir die großen Polsterflächen entsprechend untergliedern. Diese sollten dreidimensional wahrgenommen werden. Gemeinsam mit der Stoffmanufaktur Rohi haben wir deshalb einen exklusiven Stoff aus Schurwollgarnen gestaltet, der eine mehrdimensionale Wabenstruktur besitzt, also Höhen und Tiefen hat.

Jörg Kürschner: Den Stoff „Soul“ von Rohi gibt es in zahlreichen Farbvarianten und sechs Farbwelten – under, island, air, tropic, urban und grey. Es gibt Leder und die Ziernähte sind auf die entsprechenden Kombinationen abgestimmt. Viele dieser Themen haben etwas Konzeptionelles.
Wie sind Sie mit den technischen Details umgegangen? Sie haben ja eine ganz spezielle Schale entwickelt, die gestalterische Aspekte wie Nähe etc. gleichsam vorbereitet?

Jörg Kürschner: Hier war es wirklich toll, dass wir sehr eng mit der Entwicklungsabteilung von Thonet zusammenarbeiten konnten. Nur so konnten wir neuen Produktionsweisen suchen und Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen zusammenbringen. Hervorgegangen ist daraus ein ganz eigener Schichtaufbau, mit einer eigens entwickelten Mechanik, einem Innenleben aus einem Rotationsgussteil aus Kunststoff, auf dem spezielle Kissen angebracht sind – und den äußeren Verkleidungsschalen, die es in Formfleece-Varianten gibt, aber eben auch bezogen mit Stoff oder Leder. So ist es ein sehr komplexer Aufbau entstanden.

Was war für Sie im Rückblick schwierig, was besonders spannend?

Claudia Kleine: Das Spannendste war, ein ganzheitliches Projekt realisieren zu können, ein Projekt mit unglaublich vielen Facetten. Was in diesem Sessel an Komplexität zusammenkommt, das ist schon eine tolle Sache. So arbeiten wir am liebsten. Einfach nur einen Entwurf abgeben, das ist weniger unsere Sache. Es macht einfach mehr Spaß und führt auch zu besseren Ergebnissen, wenn man eine Sache von verschiedenen Seiten betrachtet, Erfahrungen machen und daraus Schlüsse ziehen kann. Das war, da die Zeit doch recht knapp war, in diesem Fall schon knackig.
Wie lange genau hatten Sie Zeit?

Claudia Kleine: Ein Jahr, inklusive Stoffentwicklung, Werkzeugentwicklung etc.

Das ist es doch, was man sich heute gern unter einem Designprozess vorstellt?

Claudia Kleine: Sicher, eben nicht ein 3D-Rendering abzugeben, sondern an der gesamten Entwicklungsarbeit mitzuwirken, einen Anteil daran zu haben ... bis zur kleinen Lederschlaufe, die man zum Verstellen hochzieht – wie viele Modelle wir allein von dieser gemacht haben...

Jörg Kürschner: So arbeiten zu können ist einerseits eine große Ehre, andererseits bedeutet es auch, eine große Verantwortung zu übernehmen.

Auf der Messe kann man feststellen: Plötzlich gibt es wieder Lounge Chairs in Hülle und Fülle. Wie kommt das? Sind Sie bei Ihrer Analyse auf Gründe für ein solches Revival gestoßen? Anders gefragt: Aus welchem Bedürfnis erwächst der Wunsch nach einem zeitgemäßen Ohrensessel?

Claudia Kleine: Ich denke, das hat viel mit dem Bedürfnis zu tun, sich zurückzuziehen. Die großen Wohnwelten, die riesigen Wohnlandschaften und Lounges verlangen geradezu nach einem Pendant, nach einem ganz persönlichen Sitzplatz.
Wieder einmal Cocooning, nur etwas anders gewendet?

Claudia Kleine: Ja, wobei besonders im Objekt-Bereich das Bedürfnis nach einem Rückzugsort gewachsen ist, mehr als im privaten, häuslichen Bereich. Auch in öffentlichen Bereichen wünscht man sich etwas Wohnlichkeit. Dafür steht auch ein Möbel ein Lounge-Sessel.

Jörg Kürschner: Es ist einfach angenehm, rasch in eine eigene Sphäre eintauchen zu können, einen Ort zu haben, der offen und geschlossen zugleich ist.

Das heißt, in unserer oft hektischen Welt der Dauerkommunikation ist der Lounge Chair ein relativ leichter, beweglicher Ort des Rückzugs?

Jörg Kürschner: ... und eine Art Instrument ...

Claudia Kleine: Der Mensch stammt aus der Höhle und wünscht sich wahrscheinlich deshalb eine Hülle, die als solche wahrnehmbar sein kann, die ich an mir brauche.

Was bedeutet es für Sie, dass viele Menschen heutzutage eine solche Hülle medial herstellen, sich mittels Kopfhörern und Musik abschirmen? Beeinflusst das Ihre Arbeit als Designer?

Jörg Kürschner: Eher antipodisch, als Gegensatz zu den Möbeln. Wenn ich in so einem Sessel sitze, brauche ich gerade keine mediale Apparatur, um mich zu versenken und in einen kontemplativen Zustand versetzen zu können.

Claudia Kleine: Wir sind beide wenig digital und sehr analog geprägt. Der Aspekt ist interessant, war aber nie unser Thema. Ich besitze noch nicht einmal einen Fernseher.

Und wie sehen Ihre weiteren Projekte aus? Wo geht die Reise bei Formstelle hin?

Claudia Kleine: Der Sessel für Thonet heißt ja „Programm 808“, da ist also noch etwas zu erwarten. Da arbeiten wir gerade dran.
Was genau darf man sich vorstellen?

Jörg Kürschner: Sagen wir: Die Produktfamilie kann sich erweitern.

Claudia Kleine: Für Zeitraum haben wir gerade ein neues Kanapee gestaltet, das auf der Morph-Lounge-Familie aufgebaut ist, und wir arbeiten – ebenfalls für Zeitraum – an einem Polstermöbelsystem, das in Mailand vorgestellt werden wird.

Greifen Sie öfter bestimmte Konventionen oder typologische Aspekte auf, um diese neu zu denken? Könnte man Ihre Vorgehensweise so beschreiben?

Claudia Kleine: Auf jeden Fall. Wir versuchen aber vor allem ein Produkt aus einem ganzheitlichen Ansatz heraus zu entwickeln, dadurch muss man von vielen Seiten Aspekte neu denken.

Ich hatte nicht erwartet, dass Sie künftig Kopfhörer entwerfen würden. Aber wer weiß? Vor allem junge Menschen schirmen sich heute in der Öffentlichkeit damit ab.

Claudia Kleine: Aber sie öffnen sich auch, kommunizieren andauernd, twittern ständig.

Sind dabei aber nicht auf ihre unmittelbare Umgebung bezogen, sondern verbunden mit einer großen Ferne, die physisch weit weg ist. Was bedeutet es, etwa per Skype, hier und zugleich anderswo sein zu können?

Jörg Kürschner: Diese Art der Kommunikation kennen wir natürlich aus unseren Projekten – aber wenn es darum geht, ein Möbelstück zu entwickeln, dann versuche ich eher, in einer Mischung aus Kontemplation und Konzentration von dem wegzukommen, was mich umgibt.
Würden Sie zustimmen, wenn man sagen würde, dass wir alle die Konsequenzen noch nicht erfasst haben, die sich aus den medialen Umbrüchen ergeben?

Claudia Kleine: Auch, was das für die Persönlichkeit bedeutet. Ich möchte ja für mich sein und teile meine Intimität zugleich mit anderen, das heißt, ich muss entscheiden, wann, wie und wo entgrenze ich mich als Mensch.

Sind Grenzen generell ein Thema für das Duo Formstelle? Wie findet man das richtige Maß zwischen Sich-Öffnen und Sich-Verschließen?

Claudia Kleine: Indem man die Grenzen auslotet, die eigenen, die der Materialität und die der Technik. Was bedeutet: Man muss einen langen Weg mit vielen Diskussionen gehen.

Jörg Kürschner: Sowohl rein technischer Art als auch inhaltlicher Art durften wir bei dem Thonet-Projekt die Grenzen ausloten und haben das auch recht kompromisslos getan.

Gehen Sie auch in anderen Bereich an Grenzen? Treiben Sie Extremsport?

Beide: ( lachend) Nein, Gestaltung reicht uns.

Dann danke ich Ihnen für das Gespräch.

www.formstelle.de