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Noch ein Schiff wird kommen
von Thomas Wagner | 18. Mai 2010
Damit keine Missverständnisse aufkommen. Ich habe keine Kreuzfahrt ins Mittelmeer oder die Karibik mitgemacht und ich habe auch nicht vor, meine Ferien auf einen Ozeanriesen zu verbringen. Ich kenne die riesigen Pötte aus den Häfen von Venedig, Istanbul und der Bucht vor Dubrovnik aus einer ganz anderen Perspektive: aus der des Beobachters zu Lande. Und aus dessen Blickwinkel überschwemmen diese schwimmenden Wohnsilos mit tausenden von Passagieren nicht nur gruppenweise das feste Land und die engen Gassen der alten Hafenstädte, die in ihrem Kern - oder zumindest in Teilen - vor allem Fußgängerstädte sind, sondern sie verstellten auch den freien Blick auf Lagune, Meer oder Bucht. Kurz: Wo sie die Weite des Meeres verlassen und auf die Küste treffen, stehen sie im Weg und ihre Passagiere bemächtigen sich scharenweise der Gassen und Winkel der Städte, die sie anlaufen.

Insofern geht es hier weder um eine Detailanalyse des üppigen Designs dieser schwimmenden Mixturen aus Hotel, Shopping-Mall und Freizeitpark, noch um eine sozialpsychologische Studie des Publikums, das sie in Anspruch nimmt. Was es meiner Ansicht nach vor allem zu betrachten gilt, ist das Design des gesamten „Systems Kreuzfahrtschiff". Und das hat viel mit dem Wunsch zu tun, wegzufahren und zugleich zuhause zu bleiben.

Reisen ist schon lange kein Elitesport mehr. Es verspricht auch keine Umwälzungen des Weltbildes, in Scharen den Planeten zu umrunden. Ein Rest vom imperialen Gestus der auf die Beherrschung der Ozeane gegründeten europäischen Weltreiche ist trotzdem in jedem Passagier auf großer Fahrt lebendig geblieben. Ja selbst der Wunsch, die Frustrationen des Festlandes endgültig hinter sich lassen zu können, hat in der Ausfahrt der Sesshaften überdauert und verheißt wenigstens etwas Heilung.

Dass man es bei den mächtigen Kreuzfahrtschiffen mit weit mehr als beweglichen Hotelanlagen zu tun hat, wird deutlich, wenn man sich ein beliebiges Exemplar wie die „Costa Deliziosa" etwas genauer anschaut. Das noch fast neue Schiff der italienischen Reederei Costa Crociere kreuzt ebenso im Persischen Golf, im indischen Ozean, den Gewässern rund um die Malediven wie in der Nord- und Ostsee. Aber auch Fahrten zu den Kanarischen Inseln und eine Weltreise werden angeboten. Das Schiff bietet Platz für bis zu 2826 Urlauber, für die auf dem 294 Meter langen und 32 Meter breiten Koloss 1130 Kabinen bereit stehen, darunter 52 mit direktem Zugang zum Spa-Bereich und 106 Suiten mit eigenem Balkon sowie 662 weitere Kabinen mit privatem Balkon. Es gibt an Bord vier Restaurants und elf Bars, und zur Ausstattung wurden Materialien wie Marmor, Granit und Wengeholz verwendet, sowie etwa 970 Kronleuchter aus Muranoglas. Damit es den Passagieren unterwegs nicht langweilig wird, gibt es allerlei Möglichkeiten, sich an Bord zu vergnügen. Dazu gehören unter anderem ein Golf- und ein Formel-1-Simulator sowie eine Rollschuhbahn unter freiem Himmel. Einer der drei Swimmingpools kann mit einem Glasdach verschlossen werden.

Die Branche ist seit Jahren auf Erfolgskurs. Nach einer Erhebung des Deutschen Reiseverbands hat die Zahl der Passagiere in den vergangenen 16 Jahren eine Steigerung um 450 Prozent erfahren, wobei im Jahr 2008 trotzdem erst 1,6 Prozent aller Deutschen eine Kreuzfahrt unternommen haben. Einen Grund für den Erfolg kann man darin sehen, dass Kreuzfahrten für jeden Geschmack, jeden Geldbeutel und jedes Alter angeboten werden. Wem der Wechsel aus Sonnenbaden und Landausflug nicht reicht, der bucht eine Themenreise in der Rubrik „Sport" oder „Expedition Wissen", einer runderneuerten Form der Studienreise, unternimmt eine musikalische Fahrt in Begleitung der Wiener Philharmonikern oder reist, versorgt von Spitzenköchen, als Gourmand „Von der Auster bis zum Kaviar".

Kreuzfahrtschiffe lassen sich mithin als bewegliche All-inclusiv-Feriendörfer auf dem Meer verstehen, oder als Variante des Reisens auf einer fahrenden Wohlstandsinsel. Die Infrastruktur der Insel garantiert in allen Lebensbereichen eine totale Versorgung und befriedigt den Wunsch nach Sicherheit. Dabei handelt es sich bei den schwimmenden Palästen weniger um eine Spielart des Ferien-Clubs als um eine Mixtur aus Tempel, Rummelplatz und Zirkuszelt, die sämtliche, zur Verfügung stehenden Möglichkeiten enthält, sich nach Belieben zu zerstreuen und zu vergnügen. Wohlfühlen ist hier Pflicht.

In all dem zeigt sich nicht nur die Tendenz, sich auf Dauer im Wohlfühlraum des Kapitalismus einrichten zu wollen. Vielmehr nimmt jeder, der eine Kreuzfahrt unternimmt, diesen künstlichen Illusionsraum überall hin mit, ob nach Asien oder in die Karibik, ob in touristische Zentren oder die Slums der dritten Welt. Das System Kreuzfahrt vermarktet folglich die Lizenz, das Fremde von vorne herein auf Abstand halten und in ein Bild verwandeln zu können. Nicht die Unwägbarkeit und das Risiko einer Erfahrung, die den Reisenden verändern könnte, stehen im Vordergrund, sondern die Bestätigung des eigenen Anspruchs auf Überlegenheit und Unantastbarkeit.

Zwar nähert man sich - gut organisiert und im Schutz einer Gruppe - dem Unbekannten und Fremden, doch begegnet man ihm nicht. Oder nur als Kulisse beziehungsweise wie auf einer Postkarte oder in einem Video-Film. Man will die ferne Fremde sehen, aber eben nur sehen. Selbst wo der Passagier auf Schmutz und Elend stößt, geschieht dies immer in der Gewissheit, dass er zum Dinner wieder an Bord in gewohnter Runde speist und das Erlebte als Anekdote zum Besten geben kann. Die Abstecher zum Exotischen sind mithin das Salz in der Suppe der eigenen Bequemlichkeit und nicht mehr als der wohl dosierte Kitzel, den eine Reise produziert, das den eigenen Schutzraum nie verlässt und das Fremde so wenig berührt wie es von ihm berührt wird. Indem jede Art von Bedrohung suspendiert wird, sind Kreuzfahrtschiffe nichts anderes als eine bewegliche touristische Variante einer „Gated Community". Nur wer Eintritt bezahlt, darf hinein. Nur wer drinnen ist, weiß sich gegen sämtliche Gefahren gefeit.
Suite in der MS Europa, Foto: Hapag-Lloyd Kreuzfahrten
Baderaum einer Suite in der MS Europa, Foto: Hapag-Lloyd Kreuzfahrten
Restaurant in der MS Europa, Foto: Hapag-Lloyd Kreuzfahrten
Piano Bar in der MS Europa, Foto: Hapag-Lloyd Kreuzfahrten
Kreuzfahrtschiffe im Hafen von Istanbul, Foto: Thomas Wagner, Stylepark
Kreuzfahrtschiffe im Hafen, Foto: Thomas Wagner, Stylepark
Kreuzfahrtschiffe im Hafen, Foto: Thomas Wagner, Stylepark
MS Europa, Foto: Hapag-Lloyd Kreuzfahrten
Fitness Area in der MS Europa, Foto: Hapag-Lloyd Kreuzfahrten