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Offene Systeme für urbane Mobilität
von Jörg Zimmermann | 20. September 2011
Es kann keine Lösung geben. Keine einfache zumindest. Denn mit sieben Milliarden Menschen hat die Weltbevölkerung eine Dimension erreicht, die sich der Vorstellungskraft entzieht und jeder Planbarkeit verweigert. Auf allen Kontinenten entstehen Megacitys, die mit ihrer schieren Größe die bewährten Strukturen in Frage stellen, jede bekannte Systematik negieren. Menschen drängen dort auf engsten Raum zusammen, suchen nach sozialem Zusammenhalt und wirtschaftlichen Perspektiven, verlangen nach Wasser, Strom, einem Dach über dem Kopf – und nach urbaner Mobilität.

So einfach, so bekannt erscheint das Anliegen aus der westlichen Perspektive, und ist heute doch ungleich komplexer und komplizierter zu befriedigen als noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die Menschenrechte auf Leben und angemessenen Lebensstandard verabschiedet wurden, als der Wunsch nach Fortbewegung durch den Erwerb eines Automobils gelöst schien. Freiheit und Status wurden über die Karosse definiert, nicht eindeutig, aber sichtbar, vor allem nachvollziehbar. Ein erprobtes System, ein geschlossenes dazu. Aber tragfähig für die Zukunft?

In der zweiten Dekade des 21. Jahrhundert, soviel ist nicht mehr nur Experten und Wissenschaftlern klar, werden die gelernten Referenzsysteme als Erklärungsmuster für die neuen Herausforderungen nicht länger hinreichen. Die Gleichsetzung von Mobilität und Autobesitz geht nicht mehr auf, weil neue Variablen in der Rechnung auftauchen und das Ergebnis nicht allein wirtschaftlicher Erfolg heißen kann, sondern auf das Leben, ja Überleben in einer neuen Urbanität abzielen muss. Für die Gesellschaft eine enorme Herausforderung. Aber auch für Automobilhersteller besteht zunehmend die Notwendigkeit, perspektivisch ein neues wirtschaftliches Model aufzusetzen, eine Transformation in einen höheren Raum zu vollziehen.

Und so postulierte der renommierte Soziologe Richard Sennett beim ersten Audi Urban Future Summit in Frankfurt am Main, „der Wunsch nach Effizienz" stehe „im Widerspruch mit den menschlichen Bedürfnissen". Die „Collage des öffentlichen Raums" müsse strukturiert werden, „durch offene und geschlossene Systeme", die Durchlässigkeit und Widerstand zugleich abbilden und aushalten und somit „für eine gewisse Stabilität sorgen".

Saskia Sassen, Professorin für Soziologie an der Columbia University in New York, stellte die Frage nach der Urbanisierung der Technologie. Die Städte seien als „knowledge partner" zu betrachten, dort würde Technologie „gehackt", verändert und an die Bedürfnisse der Nutzer angepasst. So reiche es nicht aus, einzelne Aspekte von Städten wahrzunehmen, sondern es sei erforderlich, die Perspektive der Stadt einzunehmen, „wie eine Stadt zu sehen".

Bei näherer Betrachtung der städtischen Systeme werden komplexe Abhängigkeiten sichtbar, die viele Annahmen in Bezug auf Urbanität, Mobilität und Stadtplanung in Frage stellen. Was, wenn Fußgänger in Stoßzeiten signifikant schneller vorankommen als motorisierte Fahrzeuge? Was, wenn natürliche Phänomene wie extremere Wetterlagen eine scheinbar bewährte Stadtplanung ad absurdum führen? Oder soziale Ereignisse wie Weltmeisterschaften oder Popkonzerte, die vormals im kleinen Kreis vor dem Fernseher oder live vor Ort konsumiert wurden, nun öffentliche Reaktionen auslösen, die Verkehrsinfrastruktur und Kommunikationsinfrastruktur an die Grenze ihrer Belastbarkeit bringen?

Fragenstellungen, denen Carlo Ratti, Wissenschafter am Massachusetts Institute of Technology (MIT), mit seiner Forschungsgruppe SENSEable City Lab nachgegangen ist und die Ergebnisse in eindrucksvolle Visualisierungen übersetzt hat. So werden Korrelationen sichtbar, die den Alltag nachhaltig formen, das Leben eines jeden Einzelnen verändern.

Auch Alison Brooks – die am Audi Urban Future Award teilgenommen hat und ihre Ideen seitdem in einem gemeinsamen Projekt gemeinsam mit Audi weiterentwickelt und präzisiert hat – übertrug bei ihrer Auseinandersetzung mit der Megacity Mumbai das Offensichtliche in eine analytische Formensprachen. Im Ergebnis wird eine „Kaleidoscope City" skizziert, die vom kleinteiligen Nebeneinander geprägt ist, ohne eine verbindende Metastruktur zu verweigern. Die britische Architektin denkt für die Zukunft an „principles of co-mobility", an starke, lokale Communities, denen eine Vielzahl von Möglichkeit in der täglichen Lebensführung und der „personal mobility" zur Verfügung stehen. Keine völlig neue Gedankenwelt, aber eine flexible Systematik, die vielfältige Adaptionen in unterschiedlichen Größenordnungen verträgt.

Die von zahlreichen Experten aus aller Welt in Frankfurt vorgetragenen Analysen zu Mobilität und Urbanität haben signifikante Veränderungen im Wesen der Städte und unbekannte, nicht bedachte Extremstellen bei der Mobilität aufgezeigt. Besonders die Schwierigkeiten von geschlossenen Systemen wurden sichtbar. Ob Politik, Bevölkerung oder Wirtschaft – partikulare Interessenvertretung scheint keine Zukunft zu haben. Nur wenn die beteiligten Gruppen und Größen sich öffnen, der ehrlichen Diskussion stellen und ihr Wissen, ihre Erfahrungen, ihre Bedürfnisse und Anforderungen in neue, offene Systeme einbringen, können Lösungsansätze für eine funktionierende und soziale Mobilität und die Zukunft der Städte gefunden werden. Soviel steht heute schon fest.

www.audi-urban-future-initiative.com
Saskia Sassen, Professorin für Soziologie Columbia University New York
Richard Sennett, Vorsitzender des Forschungszentrums "LSE Cities" London School of Economics, Professor für Geisteswissenschaften New York University
Jan Mücke, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung
Ludger Hovestadt, Architekt, Informatiker, Professor an der ETH Zürich
Audi Urban Future Summit, © AUDI AG
Von links: Andreas Klok Pedersen, Jan Mücke, Ludger Hovestadt, Karen Wong, Christian Gärtner, Kay Lindemann, Jürgen Mayer H., Peter Schwarzenbauer, Heinrich Wefing, Michael Dick, Rupert Stadler, Axel Strotbek, Richard Sennett, Jose Castillo, Saskia Sassen
Saskia Sassen, Professorin für Soziologie Columbia University New York
Alison Brooks, Alison Brooks Architects, London
Charles Leadbeater
Von links: Heinrich Wefing, Michael Dick, Rupert Stadler, Axel Strotbek, Richard Sennett, Jose Castillo, Saskia Sassen
Audi Urban Future Summit, Scriberia
Audi Urban Future Summit am 12. September in Frankfurt, Moderator: Heinrich Wefing, alle Fotos: © AUDI AG
Rupert Stadler, Vorstandsvorsitzender AUDI AG
Dr. Kay Lindemann, stellvertretender Geschäftsführer des Verbandes der Automobilindustrie
Christian Gärtner, Kurator und Vorstand der Stylepark AG
Annegret Maier, Produktstrategie AUDI AG, Mitglied des Audi Urban Future Insight Teams
Audi Urban Future Summit, © AUDI AG
Carlo Ratti, Ingenieur, Architekt und Professor am MIT, Leitung SENSEable City Lab
Jürgen Mayer H., Architekt, Berlin
Andreas Klok Pedersen, Architekt, Partner und Direktor BIG - Bjarke Ingels Group, Kopenhagen
Alasdair Ross, Internationaler Produktmanager und Leiter der Presseagentur der Economist Intelligence Unit London
Audi Urban Future Summit