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Original abgebrannt:
Zündholz von Peter Sauerer
von Thomas Wagner | 26. November 2014
Wer eine Schachtel Streichhölzer in der Tasche hat, der steht in Verbindung mit der mythischen Kraft des Feuers: „Zündholz“ von Peter Sauerer. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Zündhölzer sind etwas Wunderbares. Nicht nur, wenn man in dunkelschwarzer Winternacht das Schlüsselloch sucht, eine Kerze anzünden oder einem Raucher Feuer geben möchte. Das gilt selbst noch im Zeitalter mit Gas gefüllter Einwegfeuerzeuge, die im Übrigen den Nachteil haben, dass sie bei strengem Frost ihren Dienst versagen. Allein schon der Anblick der kleinen kantigen Holzstäbchen, wie sie mit ihren roten oder blauen Köpfen ganz brav nebeneinander in der handlichen kleinen Pappschachtel darauf warten, gebraucht, also zischend entzündet zu werden, verströmt ein wenig Wärme und beflügelt die Fantasie.

Es war, so will es zumindest die griechische Mythologie, der Titan Prometheus, der die Menschen formte und ihnen das Feuer schenkte, nachdem Zeus es ihnen verweigert hatte. Der Göttervater hatte sich über eine List des Prometheus geärgert und wollte sich an dessen Protegés rächen. Auch die schlimme Sache mit Pandora und ihrer Büchse gehört hierher. Mit Prometheus selbst, die Geschichte mit dem Kaukasus-Felsen, dem Adler und der Leber ist bekannt, verfuhr Zeus ebenfalls nicht gerade zimperlich.

Gleicht der lange Stängel des Riesenfenchels, den Prometheus angeblich in den Himmel hob, um ihn am vorüberrollenden Sonnenwagen des Helios zu entzünden und auf der Erde einen Holzstoß in Brand zu setzen, etwa nicht einem großen Zündholz? War Prometheus, den man deshalb auch den Pyrphoros, den Feuerbringer, nennt, womöglich der Erfinder des Zündholzes? Oder benutzte er nur eine Fackel? Wie dem auch sei, wer eine kleine Schachtel voller Zündhölzer in der Tasche hat, der steht in Verbindung mit der mythischen Kraft des Feuers.

Und nun das. Abermals eine kleine, handliche Schachtel, wie man sie als Behältnis für gewöhnliche Streichhölzer kennt. Selbst das Etikett im beigen Holzton scheint, solange man nicht genauer hinsieht, dasselbe wie immer zu sein. „Haushaltsware“ stand über der Zeichnung eines Zündholzes früher auf solchen Schachteln, ergänzt von dem Hinweis „Sicherheitszündhölzer“, „Deutsche Zündwaren-Monopolgesellschaft“ und der Angabe: „Höchstpreis f. 10 Schachteln 70 Pf“. Jetzt aber ist da zu lesen: „PeterSauerer, 2009. Haselnuss. Geschnitzt. Bemalt“. Und als Kreis daneben: „Zündholz Nummer 23“. Öffnet man die Schachtel, so muss man verdutzt feststellen: In der Schachtel ist nur ein einziges Zündholz verblieben – und das ist auch noch abgebrannt. Der ehemals rote Kopf grau, das Holz bis weit über die Hälfte schwarz verkohlt.

Peter Sauerer ist Künstler, genauer: Bildschnitzer. Er hat – aus einzelnen, mittels Schnüren verbundenen Teilen – den Berliner Reichstag und die Paulskirche, das TV-Batmobil von 1966, John F. Kennedys Lincoln Presidential Limo und die Mercedes S-Klasse geschnitzt, in der Lady Di umgekommen ist. Aber auch Jochen Rindts Formel 1-Ferrari in einer Holzhütte, jede Menge Colts und Pistolen, Papst Benedikt am Marterpfahl und vieles mehr. Und eben auch ein abgebranntes Streichholz in einer Streichholzschachtel.

Peter Sauerer geht den Dingen gern auf den Grund. Er nimmt sie auseinander, betrachtet sie mit den Augen eines neugierigen Kindes und zeigt uns, wie rätselhaft und zugleich wie wunderbar die Welt der Dinge doch ist. Als Marcel Duchamp ein Urinoir aus dem Sanitärgeschäft zum Brunnen umfunktionierte, traten die Ready-mades in die Welt der Kunst. Als Andy Warhol seine Brillo-Boxes ausstellte, wurde die Kunsttheorie mit der Frage konfrontiert, was einen Waschmittelkarton in einem Supermarkt von einem Waschmittelkarton im Museum und was überhaupt ein Kunstwerk von einem gewöhnlichen Gegenstand unterscheide. Und nun kommt Peter Sauerer daher und schnitzt und bemalt ein kleines Stück Holz, auf dass es aussehe wie ein abgebranntes Streichholz. Ein einziges. Das allerletzte.

Um was handelt es sich? Um das geschnitzte Bild eines Streichholzes, das seinen Zweck erfüllt und seine beste Zeit hinter sich hat? Um die Kopie eines solchen, die uns das Original in seiner banalen Schönheit und Würde in Erinnerung ruft? Um eine Allegorie der Tatsache, dass manche Dinge nur ein einziges Mal funktionieren? Um eine melancholische Betrachtung über die Vergänglichkeit des Augenblicks, der nicht wiederkehrt und nur als Bild des Vergangenen bewahrt werden kann? Oder gar um ein Menetekel? Müssen wir nun also annehmen, die Kunst sei abgebrannt? Die Flamme erloschen – ein für allemal? Wo sie doch gar nicht gebrannt hat.

Peter Sauerer
Zündholz, 2009
Haselnuss, geschnitzt, handbemalt mit Schachtel
Streichholz: Länge ca. 4 cm
Auflage: 100

www.petersauerer.de
www.fine-german-gallery.com


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Zähne auf die Schnur gezogen und ein Matterhörnli in der Kiste: Ein Schweizermesser, in dem der Kopf eines Bärtigen versteckt ist und mit dem man das, was Peter Sauerer macht, eben nicht kann: schnitzen.
(29. April 2013)
Nicht abgebrannt, sondern geschnitzt und bemalt: „Zündholz“ von Peter Sauerer. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Will uns Peter Sauerer damit sagen, die Kunst sei abgebrannt? Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Schärfen wir damit den Blick aufs Original in seiner banalen Schönheit? Foto © Thomas Wagner, Stylepark
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News & Stories › 2014 › November
Original abgebrannt:
Zündholz von Peter Sauerer
von Thomas Wagner | 26. November 2014
Was sagen eine Streichholzschachtel und ein Streichholz über den Zustand der Welt und der Kunst?
Zündhölzer sind etwas Wunderbares. Nicht nur, wenn man in dunkelschwarzer Winternacht das Schlüsselloch sucht, eine Kerze anzünden oder einem Raucher Feuer geben möchte. Das gilt selbst noch im Zeitalter mit Gas gefüllter Einwegfeuerzeuge, die im Übrigen den Nachteil haben, dass sie bei strengem Frost ihren Dienst versagen. Allein schon der Anblick der kleinen kantigen Holzstäbchen, wie sie mit ihren roten oder blauen Köpfen ganz brav nebeneinander in der handlichen kleinen Pappschachtel darauf warten, gebraucht, also zischend entzündet zu werden, verströmt ein wenig Wärme und beflügelt die Fantasie.

Es war, so will es zumindest die griechische Mythologie, der Titan Prometheus, der die Menschen formte und ihnen das Feuer schenkte, nachdem Zeus es ihnen verweigert hatte. Der Göttervater hatte sich über eine List des Prometheus geärgert und wollte sich an dessen Protegés rächen. Auch die schlimme Sache mit Pandora und ihrer Büchse gehört hierher. Mit Prometheus selbst, die Geschichte mit dem Kaukasus-Felsen, dem Adler und der Leber ist bekannt, verfuhr Zeus ebenfalls nicht gerade zimperlich.

Gleicht der lange Stängel des Riesenfenchels, den Prometheus angeblich in den Himmel hob, um ihn am vorüberrollenden Sonnenwagen des Helios zu entzünden und auf der Erde einen Holzstoß in Brand zu setzen, etwa nicht einem großen Zündholz? War Prometheus, den man deshalb auch den Pyrphoros, den Feuerbringer, nennt, womöglich der Erfinder des Zündholzes? Oder benutzte er nur eine Fackel? Wie dem auch sei, wer eine kleine Schachtel voller Zündhölzer in der Tasche hat, der steht in Verbindung mit der mythischen Kraft des Feuers.

Und nun das. Abermals eine kleine, handliche Schachtel, wie man sie als Behältnis für gewöhnliche Streichhölzer kennt. Selbst das Etikett im beigen Holzton scheint, solange man nicht genauer hinsieht, dasselbe wie immer zu sein. „Haushaltsware“ stand über der Zeichnung eines Zündholzes früher auf solchen Schachteln, ergänzt von dem Hinweis „Sicherheitszündhölzer“, „Deutsche Zündwaren-Monopolgesellschaft“ und der Angabe: „Höchstpreis f. 10 Schachteln 70 Pf“. Jetzt aber ist da zu lesen: „PeterSauerer, 2009. Haselnuss. Geschnitzt. Bemalt“. Und als Kreis daneben: „Zündholz Nummer 23“. Öffnet man die Schachtel, so muss man verdutzt feststellen: In der Schachtel ist nur ein einziges Zündholz verblieben – und das ist auch noch abgebrannt. Der ehemals rote Kopf grau, das Holz bis weit über die Hälfte schwarz verkohlt.

Peter Sauerer ist Künstler, genauer: Bildschnitzer. Er hat – aus einzelnen, mittels Schnüren verbundenen Teilen – den Berliner Reichstag und die Paulskirche, das TV-Batmobil von 1966, John F. Kennedys Lincoln Presidential Limo und die Mercedes S-Klasse geschnitzt, in der Lady Di umgekommen ist. Aber auch Jochen Rindts Formel 1-Ferrari in einer Holzhütte, jede Menge Colts und Pistolen, Papst Benedikt am Marterpfahl und vieles mehr. Und eben auch ein abgebranntes Streichholz in einer Streichholzschachtel.

Peter Sauerer geht den Dingen gern auf den Grund. Er nimmt sie auseinander, betrachtet sie mit den Augen eines neugierigen Kindes und zeigt uns, wie rätselhaft und zugleich wie wunderbar die Welt der Dinge doch ist. Als Marcel Duchamp ein Urinoir aus dem Sanitärgeschäft zum Brunnen umfunktionierte, traten die Ready-mades in die Welt der Kunst. Als Andy Warhol seine Brillo-Boxes ausstellte, wurde die Kunsttheorie mit der Frage konfrontiert, was einen Waschmittelkarton in einem Supermarkt von einem Waschmittelkarton im Museum und was überhaupt ein Kunstwerk von einem gewöhnlichen Gegenstand unterscheide. Und nun kommt Peter Sauerer daher und schnitzt und bemalt ein kleines Stück Holz, auf dass es aussehe wie ein abgebranntes Streichholz. Ein einziges. Das allerletzte.

Um was handelt es sich? Um das geschnitzte Bild eines Streichholzes, das seinen Zweck erfüllt und seine beste Zeit hinter sich hat? Um die Kopie eines solchen, die uns das Original in seiner banalen Schönheit und Würde in Erinnerung ruft? Um eine Allegorie der Tatsache, dass manche Dinge nur ein einziges Mal funktionieren? Um eine melancholische Betrachtung über die Vergänglichkeit des Augenblicks, der nicht wiederkehrt und nur als Bild des Vergangenen bewahrt werden kann? Oder gar um ein Menetekel? Müssen wir nun also annehmen, die Kunst sei abgebrannt? Die Flamme erloschen – ein für allemal? Wo sie doch gar nicht gebrannt hat.

Peter Sauerer
Zündholz, 2009
Haselnuss, geschnitzt, handbemalt mit Schachtel
Streichholz: Länge ca. 4 cm
Auflage: 100

www.petersauerer.de
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