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Portugal zu Gast in Amsterdam
von Anneke Bokern | 17. Oktober 2008
Hübsch sind die Fische. Fast durchsichtig flattern sie an Stäben in der Luft, hoch über einer Brücke, die hinter dem Amsterdamer Hauptbahnhof über ein Hafenbecken führt. Es gibt große und kleine, und alle haben sie das Maul weit aufgesperrt, um den Wind zu fangen, der sie aufbläst. Ein paar Stäbe sind jedoch bereits fischlos. Manch ein Amsterdamer findet offenbar, dass so ein Luftfisch sich auch auf dem heimischen Balkon gut macht.

„Fish in the Sky" ist eine Installation der koreanischen Nothing Design Group und gehört zum „Droog Event 2: Urban Play", das wiederum Teil der Designbiennale Experimenta ist. Experimenta? War das nicht eine portugiesische Veranstaltung? Stimmt. Aber dank der niederländischen Designerplattform Droog Design ist daraus nun, wie Experimenta-Direktorin Guta Moura Guedes sagt, „die erste Biennale der Welt geworden, die jedes Jahr stattfindet." Denn als der Bürgermeister von Lissabon der ExperimentaDesign letztes Jahr unerwartet die Subventionen strich, so dass ihre fünfte Ausgabe ins Wasser fiel, lud Droog Design die heimatlose Biennale für 2008 nach Amsterdam ein. Am 18. September wurde die erste ExperimentaDesign Amsterdam eröffnet. Inzwischen konnte Moura Guedes aber auch den Lissabonner Stadtrat wieder vom Wert der Veranstaltung überzeugen. 2009 wird die Biennale nach Lissabon zurückkehren, bevor sie 2010 voraussichtlich wieder in Amsterdam stattfindet.

Wie viel Droog und wie viel Experimenta in der diesjährigen Veranstaltung steckt, ist allerdings fraglich. Zumindest bei der Wahl der Orte für Installationen und Ausstellungen, aber auch bei der Auswahl der Projekte dürfte Droog Design die Regie geführt haben. Aus ein paar Tausend Kilometern Entfernung und ohne gute Ortskenntnis lässt sich eine Biennale, die sich unter dem Motto „Space & Place" ausdrücklich mit dem Stadtraum beschäftigen will, kaum sinnvoll organisieren. Die Ausstellung „Sunday Adventure Club" findet jedenfalls nicht ohne Grund im Droog-Laden in der Staalstraat statt, und auf den schwarzweißen Fahnen, die die Installationen von Urban Play kennzeichnen, steht größer „Droog" als „Experimenta".

Den Kern von „Urban Play" bildet eine höchst unterhaltsame Ausstellung über halblegale künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum, die in einem Saal unter der fischbestückten Brücke stattfindet. Die Fische gehören zum zweiten Teil der Veranstaltung, einer Route mit Projekten entlang des Wassers, die demonstriert, wie solche Interventionen in Realität aussehen können. Teil der urbanen Spielerei ist der „Sculpt Me Point" von Martí Guixé - ein Kubus aus weißen Gasbetonsteinen, an dem sich Passanten mit Hammer und Meißel als Bildhauer versuchen dürfen - sowie eine temporäre Hotelkapsel von Jan Konings, der Plaited Fence von Martín Ruiz Azúa und die Einkaufswagen-Installation Moving Forest von NL Architects. Ebenfalls von NL Architects stammt die Boom Bench, eine Parkbank mit Bluetooth-Anschluss und eingebautem Verstärker. Sie steht am Fähranleger in Amsterdam-Noord und ist vermutlich das erfolgreichste Objekt, denn allabendlich hängen darauf Grüppchen kapuzentragender Jugendlicher herum, die die Umgebung mit Hiphop-Tracks von ihren Handys beschallen.

Mindestens genauso überzeugend, wenngleich wesentlich flüchtiger war Stefan Sagmeisters Beitrag zu „Urban Play". Auf einem Platz an der Oostelijke Handelskade ließ der Grafikdesigner ein riesiges, fragiles Relief aus 300.000 Ein-Cent-Münzen legen. Von Blümchen umflort stand dort in Frakturschrift der Satz „Obsessions make my life worse and my work better". Wunderschön glänzten die Kupfermünzen in der Sonne und zeugten von tagelanger Fleißarbeit. Allzu lange konnte man sich allerdings nicht daran erfreuen, denn schon in der ersten Nacht kam die Polizei vorbei und beschloss, die Münzen aufzukehren und sicherzustellen, ehe sie gestohlen würden.

Dass nicht einmal die Polizei über die Veranstaltung informiert war, spricht Bände. Es lässt sich nicht anders sagen: ExperimentaDesign Amsterdam leidet unter mieser Öffentlichkeitsarbeit. Erst am Eröffnungswochenende tauchten in der Stadt ein paar recht unauffällige Poster auf, zu den Pressekonferenzen kamen jeweils kaum mehr als dreißig Journalisten, und bei vielen Events waren mehr angereiste Portugiesen als Amsterdamer anwesend. Dass hinter ExperimentaDesign irgendwie die überkuppelnde Veranstaltung „Four Weeks of Freedesigndom" steht und dass einige andere Ausstellungen in der Stadt als Rahmenprogramm präsentiert werden, aber nicht so richtig dazugehören, macht die Kommunikation nach außen auch nicht gerade leichter.

Dementsprechend ist man zum Beispiel in der Ausstellung „Come to My Place" an einem verregneten Samstagnachmittag völlig alleine. Dabei macht die kleine Schau im Westerhuis durchaus Spaß. Designteams aus acht Ländern durften jeweils ein Nationalwohnzimmer einrichten. Die Ergebnisse variieren von einer surrealen Oprah-Winfrey-Hommage über einen stockfinsteren österreichischen Darkroom bis hin zu einer portugiesischen Küche. Das Westerhuis, in dem die Ausstellung stattfindet, ist übrigens seit kurzem auch die neue Heimat von Marcel Wanders: Er hat der Stadt die alte Schule im Stadtteil Jordaan abgekauft und darin sein Studio und einen Moooi-Showroom eingerichtet; ein Restaurant soll noch folgen. Ursprünglich hatte auch das Kunstzentrum De Appel ein Auge auf die Schule geworden, aber die Stadt entschied sich letztlich für Wanders. Kreativ, aber auch kommerziell höchst erfolgreich, ist er momentan das Paradepferd der „Creative Industry" - und bei diesem Schlagwort wird es den Amsterdamer Stadtmarketing-Experten ganz warm ums Herz. Das dürfte auch einer der Gründe sein, weshalb es Droog Design gelungen ist, die portugiesische Biennale nach Amsterdam zu holen. „Bei ExperimentaDesign soll es aber einmal nicht nur um die „Creative Class" im Sinne der Kreativwirtschaft gehen, sondern um die wirklichen Einwohner von Amsterdam", sagte Droog-Chefin Renny Ramakers bei der Eröffnung. Ein löbliches Ziel - das mit einer etwas besseren Kommunikationskampagne durchaus hätte erreicht werden können.

www.experimentadesign.nl
Come to My Place, New York, © Anneke Bokern
Come to My Place, Lissabon, © Anneke Bokern
Urban Play, Azua, © Anneke Bokern
Come to My Place by Maxim Velcovsky/QUBUS Studio. © Edo Kuijpers
Come to My Place, Istanbul, © Anneke Bokern
Experimentadesign Amsterdam 2008 Urban Play / CutUp
Peter Gibson Montreal 2006
Urban Play, Stefan Sagmeister, © Anneke Bokern
Urban Play, Stefan Sagmeister, © Anneke Bokern
Come to My Place, Stockholm, © Anneke Bokern
Sunday Adventure Club, © Edo Kuijpers
Fish in the Sky by Nothing Design Group, © Anneke Bokern
Experimentadesign Amsterdam 2008 Urban Play / Roadsworth