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von 2143 Forward End
Nun endlich ist es raus: OMA baut den neuen Hauptsitz des Medienkonzerns Springer in Berlin. Es hat letztens ja eine ganze Reihe von Architekturwettbewerben in der deutschen Hauptstadt gegeben – das „Hines Hochhaus“ am Alexanderplatz, gewonnen von Frank Gehry, der „Estrel Tower“ von dem Architekturbüro Barkow Leibinger, oder auch die von der Berliner Baudirektorin Regula Lüscher forcierte „Rumpf"–IBA „Urban Living“ – aber keiner hat ein derartiges Bohei darum gemacht wie Springer. Das ist auch verständlich. Denn ein Medienkonzern wie Springer veranstaltet keinen Architekturwettbewerb, um nur ein „gutes“ Verlagshaus zu bekommen. Er will vor allem gute, wenigstens aber viel Berichterstattung über sein Tun.

Ein Super-Medienhaus

Entsprechend wurde die Juryentscheidung strategisch geschickt ins Nachrichtenloch kurz vor Weihnachten gelegt. Doch statt eines Gewinners verkündete man zunächst nur eine Auswahlliste für eine zweite Entscheidungsrunde: OMA, BIG und Ole Scheeren waren die Architekturbüros. Eine etwas homophone Juryentscheidung, wenn man bedenkt, dass Bjarke Ingels Mitarbeiter und Ole Scheeren Partner von OMA waren und das Erbe der holländischen Avantgardefabrik teils mit manieristischer Hingabe weiter treiben (mit den Büros Sanaa und Kühn Malvezzi standen in der zweiten Runde des Wettbewerbs durchaus zwei ernstzunehmende Kandidaten zur Auswahl). Vielleicht war diese deutliche „REMiniszenz“ der drei zur Entscheidung stehenden Projekte der Grund, warum es drei geschlagene Monate dauerte, bis man sich auf einen Gewinner festzulegen vermochte.

Dass Koolhaas seine Ehemaligen auf die Plätze verweisen würde, hätte man sich allerdings schon vorher denken können, so vehement wie Springer-Chef Mathias Döpfner zur Ausschreibung mit Superlativen um sich geworfen hatte. So sollten sich die Architekten nicht um existierende Bebauungspläne, Höhenbegrenzungen und dergleichen Banalitäten kümmern, sondern ein Gebäude entwerfen, das „überwältigend schön“ ist und dabei architektonische Antworten auf die Frage finden, was denn „Materie in einer entmaterialisierten Medienökonomie bedeutet“. Schließlich baut sich Springer mit dem Gebäude nicht einfach ein neues Hauptquartier, sondern vollzieht eine strategische Neuorientierung vom Zeitungsmacher zum digitalen „Content Provider“.

Deswegen trennte man sich letzten Sommer von einer Reihe von Regionalzeitungen und schickte Bild-Chefredakteur Kai Diekmann für ein paar Monate zum „Praktikum“ ins Silicon Valley, um dort zu lernen, wie man mit „Page Impressions“ nicht nur Eindruck, sondern auch Geld machen kann. Und wie man Star-Architekten dafür einsetzt, die zunehmende Immaterialität des eigenen Unternehmens durch räumliche Symbolpolitik zu kompensieren: Schließlich plant dort bereits Norman Foster ein „Star Wars“-würdiges UFO für Apple, während Frank Gehry Facebook nachhaltig in die begrünte kalifornische Wüste einbuddelt. In diese Liga möchte Springer aufsteigen. Dementsprechend konnte man sich selbstverständlich mit nichts weniger als dem Meister begnügen. Und da Koolhaas auch in diesem Jahr die Internationale Architekturbiennale Venedig kuratiert ist ein guter „Cross-Media“-Synergieeffekt für das eigene Vorhaben zu erwarten.

Monument mit Büros

Von allen teilnehmenden Büros war OMA aber auch dasjenige, das das zutiefst Symbolische in Springers Mission am klarsten erkannt und am stringentesten in eine architektonische Form gebracht hat. Der Entwurf ist kein Bürogebäude, sondern ein als Bürogebäude nutzbares Monument, das nicht weniger symbolisch ist als Daniel Libeskinds Projekt für das World Trade Center in New York. Das Gebäudevolumen nutzt das Grundstück zunächst voll aus, wird aber nur an den Rändern mit Bürogeschossen gefüllt, damit sich im Zentrum eine monumentale Halle öffnet. Diese Halle durchbohrt das Gebäude mit einem großmaßstäblichen Sichtkorridor, der in seiner Richtung dem Verlauf der neben dem Grundstück vorbeiführenden Berliner Mauer nachempfunden ist und damit an die alte Ost-West-Dialektik des Kalten Kriegs erinnert (und in dem Springer sich durch seinen Neubau direkt südlich der Mauer eindeutig positioniert). Konfrontation statt Durchlässigkeit, soll uns das sagen.

Koolhaas nennt diesen Leerraum „Tal“, auch weil die Bürogeschosse zu beiden Seiten als terrassierte Hänge gestaltet sind. Dieser differenzierte Großraum ist architektonisch großartig. Er evoziert eine Form des öffentlichen Interieurs, das an eine Kultur des Öffentlichen in der Architektur der späten 1960er und frühen 1970er Jahre zurück verweist – zum Beispiel an die „Ford Foundation“ von Roche-Dinkeloo in New York aus dem Jahr 1968 oder auch an deren Entwurf für die „Royal Bank of Canada“ in Toronto von 1971. Aber während dort die großen Innenräume als öffentliche Stadträume dienten, ist diese Halle der private Raum eines Unternehmens mit ein wenig „public feel“. Diese ikonographische Amortisation eines utopischen Raums für symbolische Valuta ist der wunde Punkt des Projektes; gleichzeitig muss man Koolhaas dankbar dafür sein, die ideologische Krux der Aufgabenstellung damit durchaus transparent gemacht zu haben.

Koolhaas gewährt dem Publikum dennoch Zugang zu einigen Bereichen: in der Lobby, in einer Bar auf dem Dach und auf der „Meeting Bridge“, von der die Besucher den Blattmachern beim Überschriften-Texten zusehen können sollen. Diese inszenierte Form der Teilhabe erinnert an VWs Gläserne Manufaktur in Dresden, bei der Käufer ihren Phaeton bereits in statu nascendi anbeten dürfen. Oder auch an Norman Forsters Reichstag, bei dem die Besucher der Kuppel durch das gläserne Dach des Plenarsaals ihren politischen Vertretern auf die Finger schauen können (als ob die politisch brisanten Gesetze im Bundestag nicht immer während der Fußballweltmeisterschaft oder nach Mitternacht beschlossen werden).

Romantischer Pragmatismus?

Dass Koolhaas hier die vulgäre Gleichsetzung von Transparenz und Öffentlichkeit bemüht, ist dennoch kein Zeichen von Naivität, sondern Ausdruck seines persönlichen Prinzips Hoffnung. Als romantischer Pragmatiker ist Koolhaas von zentraler Macht gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen, und deswegen versucht er immer wieder, das symbolische Kapital der Architektur subversiv dafür zu nutzen, die demokratische Öffentlichkeit zurück ins Spiel zu bringen. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Heinrich Böll ist ihm vermutlich ein Begriff, so wie auch Günter Wallraffs Berichte aus dem Innern der Bild-Redaktion und natürlich auch die spezielle Rolle Springers während der Studentenunruhen um 1968.

Trotzdem, oder gerade deswegen unterschiebt er Springer eine gehörige Dosis gesellschaftlicher Transformationswilligkeit. Unverkennbar erinnern die OMA-Renderings der zukünftigen Springerbüros an den Retro-Charme der Redaktionsinterieurs aus Alan J. Pakulas legendärem Paranoia-Klassiker „All the President’s Men“, der die Aufklärung des Watergate-Skandals durch die Washington-Post-Reporter Woodward und Bernstein thematisierte. Die Washington Post, das weltweite Flaggschiff des investigativen Journalismus, wurde übrigens letztes Jahr von Amazon-Chef Jeff Bezos gekauft, der für aufklärerische politische Ambitionen eher weniger berüchtigt ist. Warum also ausgerechnet aus der kommerziellen Digitalisierung der Printmedien eine Ermächtigung der demokratischen Öffentlichkeit resultieren sollte und nicht möglicherweise genau das Gegenteil, bleibt Koolhaas’ Geheimnis. Aber vielleicht weiß er es ja wirklich.

Scheeren’s Icon-Bombe

Die symbolische Logik von OMAs Projekt tritt umso deutlicher hervor, wenn man im Vergleich dazu Ole Scheerens Entwurf betrachtet, der knapp ein Jahrzehnt die rechte Hand von Koolhaas war und für das asiatische Geschäft von OMA verantwortlich war. Konzeptionell ist sein Gebäude fast ein Abziehbild von Koolhaas’ Projekt. Doch wo dieser seine idealistische These mit romantischer Überhöhung, Mehrdeutigkeit und auch Melancholie artikuliert, schmettert Scheeren ganz eindeutig eine Icon-Bombe auf das Grundstück. Auch Scheeren packt seine Büros in die Peripherie des Gebäudes und rahmt mit Sonderprogrammen ein zentrales Atrium, das zeitgemäß als „Collaborative Cloud“ firmiert. Dass selbiges von Außen eher wie das Resultat eines Drone-Angriffs wirkt, unterstreicht die ikonographische Kompatibilität des Entwurfs mit der „Breaking News“-Berichterstattung von 24-Stunden-Nachrichtenkanälen. Welchen Beitrag der weitgehend plumpe und maßstabslose Monolith für die städtebauliche Weiterentwicklung dieses bis heute immer noch gebeutelten Quartiers südlich der Leipziger Straße leisten soll, erschließt sich nicht – vor allem im Vergleich zu anderen Projekten des Wettbewerbs.

BIGs Aussichtplattform

Eine wirklich ernst zu nehmende Alternative zu Koolhaas Projekt in der Dreierliste bot nur der Entwurf von BIG. Auch Bjarke Ingels wandelt bekanntlich tief in Koolhaas’ Spuren, allerdings hat er nur wenige Jahre mit ihm zusammengearbeitet und sich bereits 2001 selbständig gemacht. Wenn OMAs Entwurf von allen dreien die Wettbewerbsaufgabe noch am stärksten in der kritischen Tradition der Avantgarde des 20. Jahrhunderts beantwortet (also am meisten für Vergangenheit steht), und Scheeren dagegen ein aggressives Branding Display einer medialen Zukunft schaffen will, dann wirkt BIGs Entwurf am meisten im Hier und Jetzt verortet. Er ist von allen drei Projekten am wenigsten symbolisch, aber bei aller Pragmatik nicht weniger ambitioniert. Sein Entwurf ist – mal wieder – als eine Spiralform organisiert, die mehr städtischen Raum ins Gebäude ziehen könnte als alle anderen Beiträge. Den Hauptbestandteil des Serpentinenstrangs bilden die Büros, die angenehm unheroisch als Arbeitsorte artikuliert sind. Besonders wird das Gebäude durch ein Zwischengeschoss, das alle kollektiven Funktionen des Raumprogramms aufnimmt. Vor der straßenseitigen Fassade ist das Geschoss jedoch als öffentliche Promenade ausgestaltet, auf der Besucher bis ganz zum oberen Ende der Spirale hinauf flanieren können. Dass sie den Springermitarbeitern bei der Pausengestaltung zuschauen können, macht das Gebäude aber nicht unbedingt öffentlicher als die anderen Projekte. Aber es gibt der Stadt mehr zurück als die anderen beiden Entwürfe, denn es bietet neben den Weg auf dem Dach auch den Blick über die Stadt.

Soviel realer Mehrwert war den Entscheidern des Wettbewerbs – Jury und Auftraggeber – dann anscheinend doch zu viel. Deswegen darf man gespannt sein, wie Koolhaas diese Gelegenheit nutzen wird, ein Gebäude an jenem Ort zu errichten, der ihn vielleicht erst zum Architekten gemacht hat. Inspiriert von der Berliner Mauer spekulierte er 1972 in seiner Diplomarbeit an der Architectural Association in London mit dem Titel „Exodus, or the voluntary prisoners of architecture“ über die architektonischen Potentiale einer eingemauerten Stadt. Mit dem Springer Medien Campus kann Koolhaas seine Faszination an der dialektischen Spannung der Gegensätze jetzt in gebauter Form ausleben: die Gegensätze zwischen Ost und West, Kapital und Gemeinwesen, veröffentlichte versus öffentliche Meinung – und vielleicht glückt den freiwilligen Gefangenen der Architektur diesmal ja auch der Sprung über die Mauer.


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XXL Koolhaas: Rem Koolhaas stellte in Berlin das Programm für die diesjährige Architektur-Biennale in Venedig vor. Die Erwartungen sind hoch: Diese Biennale soll größer, länger und natürlich ganz anders werden.
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Space Inc.
von Andreas Ruby | 1. April 2014
Der Medienkonzern Springer möchte in der Liga von Facebook und Google mitspielen. Dafür braucht's eine Firmenzentrale aus der Hand eines Stararchitekten: OMA hat den ausgedehnten Wettbewerb gewonnen und plant nun ein nutzbares Monument.
Nun endlich ist es raus: OMA baut den neuen Hauptsitz des Medienkonzerns Springer in Berlin. Es hat letztens ja eine ganze Reihe von Architekturwettbewerben in der deutschen Hauptstadt gegeben – das „Hines Hochhaus“ am Alexanderplatz, gewonnen von Frank Gehry, der „Estrel Tower“ von dem Architekturbüro Barkow Leibinger, oder auch die von der Berliner Baudirektorin Regula Lüscher forcierte „Rumpf"–IBA „Urban Living“ – aber keiner hat ein derartiges Bohei darum gemacht wie Springer. Das ist auch verständlich. Denn ein Medienkonzern wie Springer veranstaltet keinen Architekturwettbewerb, um nur ein „gutes“ Verlagshaus zu bekommen. Er will vor allem gute, wenigstens aber viel Berichterstattung über sein Tun.

Ein Super-Medienhaus

Entsprechend wurde die Juryentscheidung strategisch geschickt ins Nachrichtenloch kurz vor Weihnachten gelegt. Doch statt eines Gewinners verkündete man zunächst nur eine Auswahlliste für eine zweite Entscheidungsrunde: OMA, BIG und Ole Scheeren waren die Architekturbüros. Eine etwas homophone Juryentscheidung, wenn man bedenkt, dass Bjarke Ingels Mitarbeiter und Ole Scheeren Partner von OMA waren und das Erbe der holländischen Avantgardefabrik teils mit manieristischer Hingabe weiter treiben (mit den Büros Sanaa und Kühn Malvezzi standen in der zweiten Runde des Wettbewerbs durchaus zwei ernstzunehmende Kandidaten zur Auswahl). Vielleicht war diese deutliche „REMiniszenz“ der drei zur Entscheidung stehenden Projekte der Grund, warum es drei geschlagene Monate dauerte, bis man sich auf einen Gewinner festzulegen vermochte.

Dass Koolhaas seine Ehemaligen auf die Plätze verweisen würde, hätte man sich allerdings schon vorher denken können, so vehement wie Springer-Chef Mathias Döpfner zur Ausschreibung mit Superlativen um sich geworfen hatte. So sollten sich die Architekten nicht um existierende Bebauungspläne, Höhenbegrenzungen und dergleichen Banalitäten kümmern, sondern ein Gebäude entwerfen, das „überwältigend schön“ ist und dabei architektonische Antworten auf die Frage finden, was denn „Materie in einer entmaterialisierten Medienökonomie bedeutet“. Schließlich baut sich Springer mit dem Gebäude nicht einfach ein neues Hauptquartier, sondern vollzieht eine strategische Neuorientierung vom Zeitungsmacher zum digitalen „Content Provider“.

Deswegen trennte man sich letzten Sommer von einer Reihe von Regionalzeitungen und schickte Bild-Chefredakteur Kai Diekmann für ein paar Monate zum „Praktikum“ ins Silicon Valley, um dort zu lernen, wie man mit „Page Impressions“ nicht nur Eindruck, sondern auch Geld machen kann. Und wie man Star-Architekten dafür einsetzt, die zunehmende Immaterialität des eigenen Unternehmens durch räumliche Symbolpolitik zu kompensieren: Schließlich plant dort bereits Norman Foster ein „Star Wars“-würdiges UFO für Apple, während Frank Gehry Facebook nachhaltig in die begrünte kalifornische Wüste einbuddelt. In diese Liga möchte Springer aufsteigen. Dementsprechend konnte man sich selbstverständlich mit nichts weniger als dem Meister begnügen. Und da Koolhaas auch in diesem Jahr die Internationale Architekturbiennale Venedig kuratiert ist ein guter „Cross-Media“-Synergieeffekt für das eigene Vorhaben zu erwarten.

Monument mit Büros

Von allen teilnehmenden Büros war OMA aber auch dasjenige, das das zutiefst Symbolische in Springers Mission am klarsten erkannt und am stringentesten in eine architektonische Form gebracht hat. Der Entwurf ist kein Bürogebäude, sondern ein als Bürogebäude nutzbares Monument, das nicht weniger symbolisch ist als Daniel Libeskinds Projekt für das World Trade Center in New York. Das Gebäudevolumen nutzt das Grundstück zunächst voll aus, wird aber nur an den Rändern mit Bürogeschossen gefüllt, damit sich im Zentrum eine monumentale Halle öffnet. Diese Halle durchbohrt das Gebäude mit einem großmaßstäblichen Sichtkorridor, der in seiner Richtung dem Verlauf der neben dem Grundstück vorbeiführenden Berliner Mauer nachempfunden ist und damit an die alte Ost-West-Dialektik des Kalten Kriegs erinnert (und in dem Springer sich durch seinen Neubau direkt südlich der Mauer eindeutig positioniert). Konfrontation statt Durchlässigkeit, soll uns das sagen.

Koolhaas nennt diesen Leerraum „Tal“, auch weil die Bürogeschosse zu beiden Seiten als terrassierte Hänge gestaltet sind. Dieser differenzierte Großraum ist architektonisch großartig. Er evoziert eine Form des öffentlichen Interieurs, das an eine Kultur des Öffentlichen in der Architektur der späten 1960er und frühen 1970er Jahre zurück verweist – zum Beispiel an die „Ford Foundation“ von Roche-Dinkeloo in New York aus dem Jahr 1968 oder auch an deren Entwurf für die „Royal Bank of Canada“ in Toronto von 1971. Aber während dort die großen Innenräume als öffentliche Stadträume dienten, ist diese Halle der private Raum eines Unternehmens mit ein wenig „public feel“. Diese ikonographische Amortisation eines utopischen Raums für symbolische Valuta ist der wunde Punkt des Projektes; gleichzeitig muss man Koolhaas dankbar dafür sein, die ideologische Krux der Aufgabenstellung damit durchaus transparent gemacht zu haben.

Koolhaas gewährt dem Publikum dennoch Zugang zu einigen Bereichen: in der Lobby, in einer Bar auf dem Dach und auf der „Meeting Bridge“, von der die Besucher den Blattmachern beim Überschriften-Texten zusehen können sollen. Diese inszenierte Form der Teilhabe erinnert an VWs Gläserne Manufaktur in Dresden, bei der Käufer ihren Phaeton bereits in statu nascendi anbeten dürfen. Oder auch an Norman Forsters Reichstag, bei dem die Besucher der Kuppel durch das gläserne Dach des Plenarsaals ihren politischen Vertretern auf die Finger schauen können (als ob die politisch brisanten Gesetze im Bundestag nicht immer während der Fußballweltmeisterschaft oder nach Mitternacht beschlossen werden).

Romantischer Pragmatismus?

Dass Koolhaas hier die vulgäre Gleichsetzung von Transparenz und Öffentlichkeit bemüht, ist dennoch kein Zeichen von Naivität, sondern Ausdruck seines persönlichen Prinzips Hoffnung. Als romantischer Pragmatiker ist Koolhaas von zentraler Macht gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen, und deswegen versucht er immer wieder, das symbolische Kapital der Architektur subversiv dafür zu nutzen, die demokratische Öffentlichkeit zurück ins Spiel zu bringen. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Heinrich Böll ist ihm vermutlich ein Begriff, so wie auch Günter Wallraffs Berichte aus dem Innern der Bild-Redaktion und natürlich auch die spezielle Rolle Springers während der Studentenunruhen um 1968.

Trotzdem, oder gerade deswegen unterschiebt er Springer eine gehörige Dosis gesellschaftlicher Transformationswilligkeit. Unverkennbar erinnern die OMA-Renderings der zukünftigen Springerbüros an den Retro-Charme der Redaktionsinterieurs aus Alan J. Pakulas legendärem Paranoia-Klassiker „All the President’s Men“, der die Aufklärung des Watergate-Skandals durch die Washington-Post-Reporter Woodward und Bernstein thematisierte. Die Washington Post, das weltweite Flaggschiff des investigativen Journalismus, wurde übrigens letztes Jahr von Amazon-Chef Jeff Bezos gekauft, der für aufklärerische politische Ambitionen eher weniger berüchtigt ist. Warum also ausgerechnet aus der kommerziellen Digitalisierung der Printmedien eine Ermächtigung der demokratischen Öffentlichkeit resultieren sollte und nicht möglicherweise genau das Gegenteil, bleibt Koolhaas’ Geheimnis. Aber vielleicht weiß er es ja wirklich.

Scheeren’s Icon-Bombe

Die symbolische Logik von OMAs Projekt tritt umso deutlicher hervor, wenn man im Vergleich dazu Ole Scheerens Entwurf betrachtet, der knapp ein Jahrzehnt die rechte Hand von Koolhaas war und für das asiatische Geschäft von OMA verantwortlich war. Konzeptionell ist sein Gebäude fast ein Abziehbild von Koolhaas’ Projekt. Doch wo dieser seine idealistische These mit romantischer Überhöhung, Mehrdeutigkeit und auch Melancholie artikuliert, schmettert Scheeren ganz eindeutig eine Icon-Bombe auf das Grundstück. Auch Scheeren packt seine Büros in die Peripherie des Gebäudes und rahmt mit Sonderprogrammen ein zentrales Atrium, das zeitgemäß als „Collaborative Cloud“ firmiert. Dass selbiges von Außen eher wie das Resultat eines Drone-Angriffs wirkt, unterstreicht die ikonographische Kompatibilität des Entwurfs mit der „Breaking News“-Berichterstattung von 24-Stunden-Nachrichtenkanälen. Welchen Beitrag der weitgehend plumpe und maßstabslose Monolith für die städtebauliche Weiterentwicklung dieses bis heute immer noch gebeutelten Quartiers südlich der Leipziger Straße leisten soll, erschließt sich nicht – vor allem im Vergleich zu anderen Projekten des Wettbewerbs.

BIGs Aussichtplattform

Eine wirklich ernst zu nehmende Alternative zu Koolhaas Projekt in der Dreierliste bot nur der Entwurf von BIG. Auch Bjarke Ingels wandelt bekanntlich tief in Koolhaas’ Spuren, allerdings hat er nur wenige Jahre mit ihm zusammengearbeitet und sich bereits 2001 selbständig gemacht. Wenn OMAs Entwurf von allen dreien die Wettbewerbsaufgabe noch am stärksten in der kritischen Tradition der Avantgarde des 20. Jahrhunderts beantwortet (also am meisten für Vergangenheit steht), und Scheeren dagegen ein aggressives Branding Display einer medialen Zukunft schaffen will, dann wirkt BIGs Entwurf am meisten im Hier und Jetzt verortet. Er ist von allen drei Projekten am wenigsten symbolisch, aber bei aller Pragmatik nicht weniger ambitioniert. Sein Entwurf ist – mal wieder – als eine Spiralform organisiert, die mehr städtischen Raum ins Gebäude ziehen könnte als alle anderen Beiträge. Den Hauptbestandteil des Serpentinenstrangs bilden die Büros, die angenehm unheroisch als Arbeitsorte artikuliert sind. Besonders wird das Gebäude durch ein Zwischengeschoss, das alle kollektiven Funktionen des Raumprogramms aufnimmt. Vor der straßenseitigen Fassade ist das Geschoss jedoch als öffentliche Promenade ausgestaltet, auf der Besucher bis ganz zum oberen Ende der Spirale hinauf flanieren können. Dass sie den Springermitarbeitern bei der Pausengestaltung zuschauen können, macht das Gebäude aber nicht unbedingt öffentlicher als die anderen Projekte. Aber es gibt der Stadt mehr zurück als die anderen beiden Entwürfe, denn es bietet neben den Weg auf dem Dach auch den Blick über die Stadt.

Soviel realer Mehrwert war den Entscheidern des Wettbewerbs – Jury und Auftraggeber – dann anscheinend doch zu viel. Deswegen darf man gespannt sein, wie Koolhaas diese Gelegenheit nutzen wird, ein Gebäude an jenem Ort zu errichten, der ihn vielleicht erst zum Architekten gemacht hat. Inspiriert von der Berliner Mauer spekulierte er 1972 in seiner Diplomarbeit an der Architectural Association in London mit dem Titel „Exodus, or the voluntary prisoners of architecture“ über die architektonischen Potentiale einer eingemauerten Stadt. Mit dem Springer Medien Campus kann Koolhaas seine Faszination an der dialektischen Spannung der Gegensätze jetzt in gebauter Form ausleben: die Gegensätze zwischen Ost und West, Kapital und Gemeinwesen, veröffentlichte versus öffentliche Meinung – und vielleicht glückt den freiwilligen Gefangenen der Architektur diesmal ja auch der Sprung über die Mauer.


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