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Pyramide oder doch eher Bunker?
von Jeremy Gaines | 28. Juli 2016
Das „Switch House“: Für die Erweiterung der Tate Modern haben die Architekten Herzog & de Meuron hinter der riesigen ehemaligen Turbinenhalle einen Anbau konzipiert, der sowohl Ausstellungsflächen als auch einen großzügigen Aufenthaltsbereich für die Museumsbesucher bietet. Foto © Iwan Baan
„Neo Bankside“ in London, das sind hochmoderne Wohnhochhäuser, in denen Apartments für jeweils etwa 5 Millionen Euro zu haben sind. Ursprünglich sollte auch die Aussicht auf die Stadt bei Nacht garantiert sein. Nach dem Brexit möchte Frankfurt nun gerne mit London konkurrieren, angesichts der Immobilienpreise dürfte dies allerdings schwer fallen. Denn der Bau von einem Quadratmeter Luxuswohnfläche im schicken Frankfurter Westend kostet 8.000 Euro, während es für ein Quadratmeter Ausstellungsfläche im frisch eröffneten Switch House, dem Erweiterungsbau der Tate Modern am Südufer der Themse, bereits 12.000 Euro sind.

Die Tate Modern brüstet sich gerne damit, dass weltweit kein anderes Museum für Gegenwartskunst mehr Besucher anzieht, und unter der Leitung des ehemaligen Direktors Chris Dercon wurden offenbar auch keine Kosten gescheut, um eine architektonische Ikone zu schaffen. Der Erweiterungsbau von Herzog & de Meuron kostete bis zu seiner Fertigstellung nicht weniger als 260 Millionen Britische Pfund. Ist dieser Bau mit seinen wuchtigen und nicht gerade zurückhaltenden Proportionen sein Geld wert? Nicht wirklich.

Bauen im Bestand ist sicherlich niemals einfach, insbesondere an einem Ort wie diesem, hinter der riesigen ehemaligen Turbinenhalle und auf den alten Öltanks aus Beton von 1947, und dann auch noch vor den schicken Showrooms und Wohnungen von Neo-Bankside. Eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Das Ergebnis sieht aus wie eine vom Himmel gefallene Betonpyramide, die man, so scheint es, so gedreht hat, dass sie auf den noch vorhandenen Grundmauern der darunter befindlichen Tanks zu stehen kommt.
Pyramide trift Bunker? - Durch Knicke im Baukörper, die auf Lücke gesetzten Backsteine und horizontale Einschnitte wird die Fassade dynamisiert. Foto © Jeremy Gaines
Um den monumentalen Anblick des Baus für die stolzen Besitzer einer Neo-B-Wohnung etwas abzumildern, wurde er mit einer von Sichtschlitzen durchbrochenen Vorhangfassade aus Backsteinen verkleidet. Auf der Website heißt es, diese öffne das Gebäude zur Außenwelt. Eine Marketingsprache die irgendwie an jene der Neo-B-Investorenarchitektur erinnert. Die Wahrheit ist wohl: Ohne diese Verkleidung wäre der Bau schlicht zu hässlich gewesen.

Die schachbrettartig angeordneten Backsteine sind auf Gummihalterungen fixiert, ein bisschen wie Sitz und Lehne beim Eames Chair. Das Muster harmoniert dabei nicht etwa mit der Backsteinfassade des ehemaligen Kraftwerks, lediglich die Backsteine an sich schaffen eine optische Verbindung. Auch die Behauptung, die durchbrochene Fassade erinnere an eine maurisch-orientalische Ornamentik, erweist sich bei genauerem Hinsehen als unangebracht, da die Sonne im Londoner Sommer nicht allzu oft dieses herrliche Spiel aus Licht und Schatten an die Wände der Innenräume zaubern dürfte, von dem hier die Rede ist. Diese Innenräume bestehen im Wesentlichen aus Sichtbetonwänden, die auf die Tanks abgestimmt sind, und Holzböden.


Im Inneren dominiert Beton: Eine breite geschwungene Treppe verbindet die ersten drei Stockwerke miteinander. So entstehen Blickachsen und Aufenthaltsbereiche für die Besucher des Museums. Foto © Jeremy Gaines
Ein mögliches Vorbild für diesen Monolith findet sich auf Guernsey. Dort gibt es Türme, deren meterdicke Mauern aus Stahlbeton mit ähnlichen Lichtschlitzen versehen wurden. Diese Überbleibsel der Bunkeranlagen des Atlantikwalls haben sich bislang erfolgreich jedem Versuch widersetzt, sie abzureißen. Im Anbau der Tate Modern wird diese militärische Anmutung in den unterirdischen Tank-Räumen noch akzentuiert, indem die Namen der jeweiligen Künstler mit Schablonen direkt auf die Wände gesprüht wurden. Umso passender ist übrigens der Raum mit der filmischen Installation von Isaan by Apichatpong Weerasethakul: die Darstellung der Unterdrückung durch die thailändische Armee wirkt in dieser Kulisse sehr sinnfällig.

Chris Dercon (der bald die Leitung der Volksbühne in Berlin übernehmen wird) erklärte in einem Gespräch mit dem Guardian (22. September 2015) noch einmal, wie wichtig „eine völlig neue Form des Museumbaus“ sei: „Sinn und Zweck des Museums müssen neu definiert werden, aber auch die Art und Weise, wie es auf den Besucher wirkt“. Wie wahr, denn trotz der großzügigen Treppe, die durch die ersten Stockwerke führt und den Blick auf die Innenräume freigibt, hat das Switch House die Anmutung eines Bunkers (bislang war das doch die alleinige Domäne von Privatsammlern in Berlin) und die Ausstellungsräume sind, was sie eben sind: große rechteckige Räume mit weißen Wänden. Selbst Namen wie „BMW Tate live“ oder „Bloomberg connects“ können leider nicht über diese Tatsache hinwegtäuschen. Hans Holleins Entwurf für das Museum für Moderne Kunst MMK in Frankfurt war damals so viel verwegener. Und auch das MMK besitzt übrigens ein ähnliches offenes Treppenhaus mit Sichtbezügen. Die Ironie der Geschichte will es, dass die im ersten Stock des Switch House präsentierten Werke auch noch die Erinnerung an Jean Christophe Ammanns Eröffnungsausstellung im MMK von 1991 wachrufen.

www.tate.org
Von Innen nach Außen: Das Lochmuster der Backsteinfassade bringt Tageslicht ins Innere und gewährt Blicke nach draußen. Foto © Jeremy Gaines
Nachbarschaften: Der Erweiterungsbau der Tate Modern am Südufer der Themse befindet sich direkt neben den Luxusapartments „Neo-Bankside“ (rechts). Foto © Jeremy Gaines
London wächst weiter: Blick aus dem „Switch House“ auf die Hochhauskulisse der „City of London“ mit dem „Tower 42“ (links), dem „Leadenhall Building“ (mitte) und dem „20 Fenchurch Street“-Hochhaus, auch „The Walkie-Talkie“ genannt (rechts). Foto © Jeremy Gaines
Architektur › 2016 › Juli
Pyramide oder doch eher Bunker?
von Jeremy Gaines | 28. Juli 2016
Mit dem Switch House hat die Tate Modern am Südufer der Themse vor kurzem ihren lange ersehnten Erweiterungsbau eröffnet. Was genau aber haben Herzog & de Meuron gebaut?
„Neo Bankside“ in London, das sind hochmoderne Wohnhochhäuser, in denen Apartments für jeweils etwa 5 Millionen Euro zu haben sind. Ursprünglich sollte auch die Aussicht auf die Stadt bei Nacht garantiert sein. Nach dem Brexit möchte Frankfurt nun gerne mit London konkurrieren, angesichts der Immobilienpreise dürfte dies allerdings schwer fallen. Denn der Bau von einem Quadratmeter Luxuswohnfläche im schicken Frankfurter Westend kostet 8.000 Euro, während es für ein Quadratmeter Ausstellungsfläche im frisch eröffneten Switch House, dem Erweiterungsbau der Tate Modern am Südufer der Themse, bereits 12.000 Euro sind.

Die Tate Modern brüstet sich gerne damit, dass weltweit kein anderes Museum für Gegenwartskunst mehr Besucher anzieht, und unter der Leitung des ehemaligen Direktors Chris Dercon wurden offenbar auch keine Kosten gescheut, um eine architektonische Ikone zu schaffen. Der Erweiterungsbau von Herzog & de Meuron kostete bis zu seiner Fertigstellung nicht weniger als 260 Millionen Britische Pfund. Ist dieser Bau mit seinen wuchtigen und nicht gerade zurückhaltenden Proportionen sein Geld wert? Nicht wirklich.

Bauen im Bestand ist sicherlich niemals einfach, insbesondere an einem Ort wie diesem, hinter der riesigen ehemaligen Turbinenhalle und auf den alten Öltanks aus Beton von 1947, und dann auch noch vor den schicken Showrooms und Wohnungen von Neo-Bankside. Eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Das Ergebnis sieht aus wie eine vom Himmel gefallene Betonpyramide, die man, so scheint es, so gedreht hat, dass sie auf den noch vorhandenen Grundmauern der darunter befindlichen Tanks zu stehen kommt.
Um den monumentalen Anblick des Baus für die stolzen Besitzer einer Neo-B-Wohnung etwas abzumildern, wurde er mit einer von Sichtschlitzen durchbrochenen Vorhangfassade aus Backsteinen verkleidet. Auf der Website heißt es, diese öffne das Gebäude zur Außenwelt. Eine Marketingsprache die irgendwie an jene der Neo-B-Investorenarchitektur erinnert. Die Wahrheit ist wohl: Ohne diese Verkleidung wäre der Bau schlicht zu hässlich gewesen.

Die schachbrettartig angeordneten Backsteine sind auf Gummihalterungen fixiert, ein bisschen wie Sitz und Lehne beim Eames Chair. Das Muster harmoniert dabei nicht etwa mit der Backsteinfassade des ehemaligen Kraftwerks, lediglich die Backsteine an sich schaffen eine optische Verbindung. Auch die Behauptung, die durchbrochene Fassade erinnere an eine maurisch-orientalische Ornamentik, erweist sich bei genauerem Hinsehen als unangebracht, da die Sonne im Londoner Sommer nicht allzu oft dieses herrliche Spiel aus Licht und Schatten an die Wände der Innenräume zaubern dürfte, von dem hier die Rede ist. Diese Innenräume bestehen im Wesentlichen aus Sichtbetonwänden, die auf die Tanks abgestimmt sind, und Holzböden.


Ein mögliches Vorbild für diesen Monolith findet sich auf Guernsey. Dort gibt es Türme, deren meterdicke Mauern aus Stahlbeton mit ähnlichen Lichtschlitzen versehen wurden. Diese Überbleibsel der Bunkeranlagen des Atlantikwalls haben sich bislang erfolgreich jedem Versuch widersetzt, sie abzureißen. Im Anbau der Tate Modern wird diese militärische Anmutung in den unterirdischen Tank-Räumen noch akzentuiert, indem die Namen der jeweiligen Künstler mit Schablonen direkt auf die Wände gesprüht wurden. Umso passender ist übrigens der Raum mit der filmischen Installation von Isaan by Apichatpong Weerasethakul: die Darstellung der Unterdrückung durch die thailändische Armee wirkt in dieser Kulisse sehr sinnfällig.

Chris Dercon (der bald die Leitung der Volksbühne in Berlin übernehmen wird) erklärte in einem Gespräch mit dem Guardian (22. September 2015) noch einmal, wie wichtig „eine völlig neue Form des Museumbaus“ sei: „Sinn und Zweck des Museums müssen neu definiert werden, aber auch die Art und Weise, wie es auf den Besucher wirkt“. Wie wahr, denn trotz der großzügigen Treppe, die durch die ersten Stockwerke führt und den Blick auf die Innenräume freigibt, hat das Switch House die Anmutung eines Bunkers (bislang war das doch die alleinige Domäne von Privatsammlern in Berlin) und die Ausstellungsräume sind, was sie eben sind: große rechteckige Räume mit weißen Wänden. Selbst Namen wie „BMW Tate live“ oder „Bloomberg connects“ können leider nicht über diese Tatsache hinwegtäuschen. Hans Holleins Entwurf für das Museum für Moderne Kunst MMK in Frankfurt war damals so viel verwegener. Und auch das MMK besitzt übrigens ein ähnliches offenes Treppenhaus mit Sichtbezügen. Die Ironie der Geschichte will es, dass die im ersten Stock des Switch House präsentierten Werke auch noch die Erinnerung an Jean Christophe Ammanns Eröffnungsausstellung im MMK von 1991 wachrufen.

www.tate.org