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Raumkapseln waren gestern
von Thomas Wagner | 18. Juli 2016
Mit einem Mal machten die Städte mobil und marschierten durch die Wüste: „Walking City (Project 064)“ von Archigram aus dem Jahr 1964. Foto © Deutsches Architekturmuseum
Das Terrain muss ungewöhnlich reich an geistigen Nährstoffen sein. Und da hier überdies ohne Unterlass schaltet und waltet, was man heutzutage gewöhnlich Kreativität nennt, gedeihen auf solchem Boden jede Menge Visionen. Ob, wer von ihnen heimgesucht wird, sie wortreich anpreist, geschickt in Netzwerken zirkulieren lässt, deswegen gleich zum Arzt gehen sollte, scheint eine Frage von vorvorgestern zu sein. Der Fortschritt braucht Visionäre und Visionen – heute offenbar mehr denn je. Waren Visionen im Mittelalter einmal das Privileg von Heiligen, so hat sie
heute nahezu tagtäglich jedermann – oder muss sie haben, um in der sogenannten Kreativwirtschaft bestehen zu können. Ökonomie, wir wissen es alle, basiert nun einmal zu einem großen Teil auf Einbildung und Suggestion. Also wetteifern nicht nur viele darum, sich eine möglichst abgedrehte Vision dessen auszudenken, was auf uns zukommt; immer öfter haben die Visionäre von heute auch das Kapital, für Aufzüge zum Mond, Urlaubsflüge in den Orbit, den Download von Gehirninhalten, Terraforming, die Besiedlung des Mars oder eine Rohrpost für Menschen zu werben und erste Schritte zu deren Verwirklichung einzuleiten. Nun könnte man derzeit meinen, dass im selben Maße wie die Zahl der Visionen zunimmt, die Wahrscheinlichkeit ihrer Realisierung abnimmt – doch sagt das rein gar nichts darüber aus, ob sie im Einzelfall überhaupt und prinzipiell das Zeug dazu haben, realisiert zu werden oder nicht doch und wider alle Erwartung über die Menschheit hereinbrechen. Wir halten also fest: Visionen sind das eine, ob sie überhaupt realisiert werden sollten, etwas anderes.

Therapieangebote für Wohlfühlzonen

Unruhige Zeiten des Auf- und Umbruchs scheinen für vielversprechende Visionen besonders anfällig zu sein. Das gilt auch für unsere Gegenwart und die Architektur. Blickt man rund ein Jahrhundert zurück, so nahm in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren, abermals in den 1960er und 1970er Jahren, der Glaube an die verändernde und mit neunen Technologien verschwisterte Kraft von Visionen jedenfalls epidemisch zu und tobte sich auf geduldigem Papier oder in Form von Modellen aus. All das, was damals ersonnen und als realisierbar erhofft wurde, als bloße Spielerei abzutun, würde die analytische und prognostische Kraft solcher Visionen fahrlässig ignorieren. So farbenfroh und lustig sie zum Teil auftreten, auch im noch so visionär leuchtenden Stadtentwurf geht es um Raumbeherrschung und um die Errichtung von Therapiestationen für eine im Wortsinn bodenlos gewordene Existenz in den technoid-entfremdeten Wohlfühlzonen.
Es geht nicht darum, ob man sich solche urbane Strukturen wünschen soll oder nicht. Als analytische Architekturvision sind einige ihrer nomadischen und atmosphärischen Aspekte offenbar längst Teil unserer gesellschaftlichen Realität: Constant, „New Babylon“ von 1960. Foto © Foto © Gemeentemuseum Den Haag
Die Funktion folgt der Vision

Friedrich Kiesler etwa agierte – in wechselnden Rollen als Künstler, Architekt, Designer, Poet und Theoretiker – im Namen einer Zukunft, die sich explizit von Inspirationen nährte. (Dass er zyklisch als Anreger gepriesen wird, mag unter anderem damit zusammenhängen, dass sich heute selbst jene durch Inspirationen ernähren zu müssen glauben, deren intellektueller Stoffwechsel nicht dafür geschaffen ist.) Sein Leitmotiv lautete denn auch, zur Formel verkürzt: „Function follows vision, vision follows reality“. Zu den Ikonen einer visionären Architektur zählt bis heute sein „Endless House“. Obwohl oder gerade weil es nie gebaut wurde, lässt sich an ihm ablesen, wie gründlich sich die Auffassung des Raums im 20. Jahrhundert (Relativitätstheorie + Medien) verändert hat. Während der Raum schon in der Physik seine feste Gestalt verloren hat, haben ihn die in Echtzeit agierenden neuen Medien auch in der Alltagserfahrung zu einem ausdehnungslosen Nichts schrumpfen lassen. Einem Raum ohne Eigenschaften aber ist architektonisch nur schwer beizukommen. Es ergeht im wie dem Mann ohne Eigenschaften, der, nach einer Formel Musils, ein Mann ohne System in einer Welt ohne System ist. Kein Wunder also, wenn Kiesler in seinem „Correalismus“ das „Bild eines unmittelbaren Verwirbels der Umwelten“ propagiert, das jede Trennung zwischen Objekten, Gewohnheiten und Wünschen aufhebt. Vieles von einer solchen Verwirbelung erleben wir heute tagtäglich.

Genannt werden müssen hier auch die Idealstädte der Architekten und Designer der Gruppe „Superstudio“, die von Pop Art und Mondlandung inspirierten „Living“-, „Walking“- und „Plug-in“-Cities von Archigram, sowie die während des Kalten Krieges entstandenen Wohnkapseln von „Future Systems“. Und – last but not least – die zwischen Utopie und Dystopie schwankenden „New Babylon“-Modelle des niederländischen Malers und Bildhauers Constant. Das Deutsche Architekturmuseum DAM beispielsweise zeigt derzeit unter dem Titel „Zukunft von Gestern“ visionäre Entwürfe von Future Systems und Archigram, Kiesler ist im MAK in Wien präsent, Constant im Haag, und Entwürfe von Superstudio werden in Rom vorgeführt.
Visionen des Neuen stapeln gern hoch: Entwurfszeichnung von Future Systems – Jan Kaplický, David Nixon – für „Coexistence“ von 1984 (links). Foto © Kaplicky Centre; Entwurfszeichnung von Archigram (Peter Cook) für den „Montreal Tower EXPO 67“ aus dem Jahr 1963. Foto © Deutsches Architekturmuseum
Mehr als nostalgische Gefühlsaufwallungen

Wofür also spricht die plötzliche Häufung historischer Zukunftsvisionen in der Architektur? Weshalb gewinnen Visionen von gestern für die – tatsächliche oder schon vergangene – Zukunft von morgen, wieder an Strahlkraft? Haben wir es schlicht mit dem eher zufälligen Aufwallen nostalgischer Gefühle zu tun, mittels derer wir zuweilen masochistisch gestimmten Zeitgenossen im Rückblick bilanzieren, wie schön es doch war, als die Zukunft noch nicht aus Bedrohungen wie Klimakatastrophe und Datenklau bestand? Bedürfen wir schlicht der Aufmunterung und finden diese im Gestern? Oder blicken wir abwechselnd technokratisch oder apokalyptisch und dystopisch gestimmten Gegenwartsnarren ins Archiv der Visionen, um die letzten Hoffnungsschimmer aus ihm hervorzukramen?
Beides scheint gleichermaßen trivial und unwahrscheinlich. Zu sehr zwischen Zuversicht und Furcht schwankt die Funktion derartiger Rückblenden im Haushalt gequälter Architekten- und Kuratorenseelen. Nur schwer zu ergründen scheint ihr Effekt auf das unruhig auf bezahlbaren und sicheren Wohnraum wartende Publikum. Was aber ist es dann, was solche Visionen und Utopien derzeit attraktiv erscheinen lässt? Historisches Interesse allein kann es in unseren geschichtsvergessenen Zeiten kaum sein.


Es ist offenbar an der Zeit, wieder über Veränderungen in der Auffassung des Raumes nachzudenken: Zeichnungen für Friedrich Kieslers „Endless House“ von 1959.
Foto © Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler Stiftung
Aufmunterungskur und Veränderungsbeschleuniger

Eine Möglichkeit: Angesichts der nahezu überall zu beobachtenden Vorhersehbarkeit und Uniformität gegenwärtiger Architektur (entweder große Show oder öde Investorenbuden, was am Ende beides gleich langweilig und verzichtbar ist), übernehmen die musealisierten Visionen die Aufgabe von Aufputschmitteln und Veränderungsbeschleunigern, die den Blick auf das Gegebene wenigstens für einen Moment aus der Erstarrung befreien können. Dass ein Großteil dieser Utopien auf dem Papier blieb und als Anregung für das (Über-)leben in gesellschaftlichen Umbruchphasen erdacht war, schafft gute Gefühle und belegt: Es geht auch anders. Dass der „Spirit“ des Unerledigten mehr aus den Texten als aus den Entwürfen spricht, wirkt wie eine gratis verabreichte gedankliche Aufmunterungskur. So ist das mit den Wünschen und Phantasien der Avantgarden immer gewesen und so wird es bleiben: Sie reinigen den verkrusteten Verstand, schaffen Freiräume und neue Verbindungen des Denkens. Nur eines dürfen die Visionen nicht: realisiert werden. Dafür sind sie nie gedacht gewesen, selbst wenn ihre Produzenten das Gegenteil behaupten sollten.
Darüber hinaus fällt auf: Es sind – zumindest in den 1960er- und 1970er-Jahren – immer wieder Kapsel-Konzepte, Plug-in-Module, serielle Zellstrukturen und über der Erdbasis sich erhebende oder sich fortbewegende Stadtareale, die als wünschenswert propagiert werden, von denen am Ende aber nie ganz klar ist, ob sie euphorisch oder warnend auftreten. Hat solche Ambivalenz womöglich programmatische Gründe?
Überbietungsstrategien haben schon immer dazugehört, wenn es darum ging, etwas zu verdeutlichen: „Grand Hotel Colosseo“ aus der Serie „Monumento Continuo“ von Superstudio. Foto © Fondazione Maxxi
New Babylon als Atmosphären-Jukebox

In Constants Neu-Babyloniern – um nur eines der prominenten Beispiele herauszugreifen – erkennt der Philosoph Peter Sloterdijk denn auch „Fluxus-Existenzialisten, die in einer Welt nach der entfremdeten Arbeit leben“ und deren Realitätsbezug sich „ausschließlich über die Konstruktion von mobilen Räumen, Atmosphären und Umwelten“ herstellt. Sie tummeln sich, so Sloterdijk, „in den hängenden Gärten des Wahnsinns – kombattant, kongenial, kondelirant“. Entsprechend sieht er in New Babylon weniger einen Utopismus am Werk. Vielmehr erkennt er in Constant den Analytiker einer „polyatmosphärischen ,Gesellschaft’“ als Existenzform von glücklichen Arbeitslosen, die sich als „wuchernde nomadische Künstlerkolonie auf Stelzen über die Erde ausbreitet“. (Wer möchte, kann in den Diskussionen über ein bedingungsloses Grundeinkommen ein Zeichen dafür erkennen, dass diese Existenzform längst mitten in den Gesellschaften der entwickelten Industrienationen angekommen ist.)
Nicht zufällig zitiert Sloterdijk, was Mark Wigley im Blick auf die polemische Einmischung der Situationisten (Constant hat seit Ende der 1950er-Jahre eng mit Guy Debord kooperiert) in die Ereignisse des Mai 1968 festgehalten hat: „Atmosphäre wird zur Basis des politischen Handels. Das scheinbar ephemer-Nebensächliche wird als Aktivposten im konkreten Kampf mobilisiert. Als phantasmatischer Endpunkt solcher Kämpfe ist ,New Babylon’ eine riesige Atmosphären-Jukebox, die nur von einer völlig revolutionierten Gesellschaft gespielt werden kann.“
Vision 1984: Manhattan noch mit den Twin Towers und ergänzt um „Coexistence (Project 112)“ von Future Systems. Foto © Kaplicky Centre, Praha
Da, architektonisch betrachtet, solch vielversprechendes Atmosphärenmanagement seit den 1970er-Jahren mehr und mehr von gleichförmiger und profitorientierter Investorenarchitektur abgelöst wurde – was nichts anderes heißt, als dass die Blütenträume vergangen sind und die Atmosphären-Jukebox die immer gleich langweiligen Songs abspult – werden die Wunschmaschinen der Vergangenheit nun wieder angeworfen. Aus dieser Perspektive betrachtet wäre die Wiederkehr vergangener Zukunftsvisionen also ganz und gar kein nostalgischer Akt. Sie ließe sich im Gegenteil verstehen als eine Wiederannäherung an eine Realität, in der vergessen wurde, wie mit einer dauerhaften Migration und deren nomadischen und polyatmosphärischen Folgen umzugehen wäre.
Nebenbei wirft eine solche Analyse auch einen wenig optimistischen Blick auf Alejandro Aravenas bei der aktuellen Architekturbiennale ausgebreitete Reporte von der architektonischen Front. Unter dem Druck eines Atmosphärenmanagements, das Politik, Architektur und Stadtplanung längst global infiziert hat, wirken viele der in Venedig vorgeführten Rezepte so anachronistisch wie der Vorschlag, mit Schwertern gegen Drohen zu kämpfen. Machen wir uns also nichts vor: Die Besiedlung des Mars hat längst begonnen. Sie findet allerdings weitgehend unbemerkt ohne Raketen und Raumanzüge zwischen Caracas und Offenbach statt. Soll sie nicht allein den Investoren überlassen werden, braucht es neuen Treibstoff. Zu finden ist er in Büchern und Museen.

Ausstellung
Zukunft von Gestern
Visionäre Entwürfe von Future Systems und Archigram
Deutsches Architekturmuseum DAM
Schaumaninkai 43, Frankfurt am Main
bis zum 18. September 2016
dam-online.de

Katalog
Zukunft von Gestern
Visionäre Entwürfe von Future Systems und Archigram
hrsg. v. Peter Cachola Schmal, Philipp Sturm
160 Seiten, deutsch \ englisch
Prestel Verlag, München 2016.
kostet in der Ausstellung 30 Euro
News & Stories › 2016 › Juli
Raumkapseln waren gestern
von Thomas Wagner | 18. Juli 2016
Als die Städte im Überbau laufen lernten – blieben die Menschen wo sie waren und wurden allein gelassen. Weshalb haben Zukunftsvisionen und Utopien von gestern in der Architektur plötzlich wieder Konjunktur?
Das Terrain muss ungewöhnlich reich an geistigen Nährstoffen sein. Und da hier überdies ohne Unterlass schaltet und waltet, was man heutzutage gewöhnlich Kreativität nennt, gedeihen auf solchem Boden jede Menge Visionen. Ob, wer von ihnen heimgesucht wird, sie wortreich anpreist, geschickt in Netzwerken zirkulieren lässt, deswegen gleich zum Arzt gehen sollte, scheint eine Frage von vorvorgestern zu sein. Der Fortschritt braucht Visionäre und Visionen – heute offenbar mehr denn je. Waren Visionen im Mittelalter einmal das Privileg von Heiligen, so hat sie
heute nahezu tagtäglich jedermann – oder muss sie haben, um in der sogenannten Kreativwirtschaft bestehen zu können. Ökonomie, wir wissen es alle, basiert nun einmal zu einem großen Teil auf Einbildung und Suggestion. Also wetteifern nicht nur viele darum, sich eine möglichst abgedrehte Vision dessen auszudenken, was auf uns zukommt; immer öfter haben die Visionäre von heute auch das Kapital, für Aufzüge zum Mond, Urlaubsflüge in den Orbit, den Download von Gehirninhalten, Terraforming, die Besiedlung des Mars oder eine Rohrpost für Menschen zu werben und erste Schritte zu deren Verwirklichung einzuleiten. Nun könnte man derzeit meinen, dass im selben Maße wie die Zahl der Visionen zunimmt, die Wahrscheinlichkeit ihrer Realisierung abnimmt – doch sagt das rein gar nichts darüber aus, ob sie im Einzelfall überhaupt und prinzipiell das Zeug dazu haben, realisiert zu werden oder nicht doch und wider alle Erwartung über die Menschheit hereinbrechen. Wir halten also fest: Visionen sind das eine, ob sie überhaupt realisiert werden sollten, etwas anderes.

Therapieangebote für Wohlfühlzonen

Unruhige Zeiten des Auf- und Umbruchs scheinen für vielversprechende Visionen besonders anfällig zu sein. Das gilt auch für unsere Gegenwart und die Architektur. Blickt man rund ein Jahrhundert zurück, so nahm in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren, abermals in den 1960er und 1970er Jahren, der Glaube an die verändernde und mit neunen Technologien verschwisterte Kraft von Visionen jedenfalls epidemisch zu und tobte sich auf geduldigem Papier oder in Form von Modellen aus. All das, was damals ersonnen und als realisierbar erhofft wurde, als bloße Spielerei abzutun, würde die analytische und prognostische Kraft solcher Visionen fahrlässig ignorieren. So farbenfroh und lustig sie zum Teil auftreten, auch im noch so visionär leuchtenden Stadtentwurf geht es um Raumbeherrschung und um die Errichtung von Therapiestationen für eine im Wortsinn bodenlos gewordene Existenz in den technoid-entfremdeten Wohlfühlzonen.
Die Funktion folgt der Vision

Friedrich Kiesler etwa agierte – in wechselnden Rollen als Künstler, Architekt, Designer, Poet und Theoretiker – im Namen einer Zukunft, die sich explizit von Inspirationen nährte. (Dass er zyklisch als Anreger gepriesen wird, mag unter anderem damit zusammenhängen, dass sich heute selbst jene durch Inspirationen ernähren zu müssen glauben, deren intellektueller Stoffwechsel nicht dafür geschaffen ist.) Sein Leitmotiv lautete denn auch, zur Formel verkürzt: „Function follows vision, vision follows reality“. Zu den Ikonen einer visionären Architektur zählt bis heute sein „Endless House“. Obwohl oder gerade weil es nie gebaut wurde, lässt sich an ihm ablesen, wie gründlich sich die Auffassung des Raums im 20. Jahrhundert (Relativitätstheorie + Medien) verändert hat. Während der Raum schon in der Physik seine feste Gestalt verloren hat, haben ihn die in Echtzeit agierenden neuen Medien auch in der Alltagserfahrung zu einem ausdehnungslosen Nichts schrumpfen lassen. Einem Raum ohne Eigenschaften aber ist architektonisch nur schwer beizukommen. Es ergeht im wie dem Mann ohne Eigenschaften, der, nach einer Formel Musils, ein Mann ohne System in einer Welt ohne System ist. Kein Wunder also, wenn Kiesler in seinem „Correalismus“ das „Bild eines unmittelbaren Verwirbels der Umwelten“ propagiert, das jede Trennung zwischen Objekten, Gewohnheiten und Wünschen aufhebt. Vieles von einer solchen Verwirbelung erleben wir heute tagtäglich.

Genannt werden müssen hier auch die Idealstädte der Architekten und Designer der Gruppe „Superstudio“, die von Pop Art und Mondlandung inspirierten „Living“-, „Walking“- und „Plug-in“-Cities von Archigram, sowie die während des Kalten Krieges entstandenen Wohnkapseln von „Future Systems“. Und – last but not least – die zwischen Utopie und Dystopie schwankenden „New Babylon“-Modelle des niederländischen Malers und Bildhauers Constant. Das Deutsche Architekturmuseum DAM beispielsweise zeigt derzeit unter dem Titel „Zukunft von Gestern“ visionäre Entwürfe von Future Systems und Archigram, Kiesler ist im MAK in Wien präsent, Constant im Haag, und Entwürfe von Superstudio werden in Rom vorgeführt.
Mehr als nostalgische Gefühlsaufwallungen

Wofür also spricht die plötzliche Häufung historischer Zukunftsvisionen in der Architektur? Weshalb gewinnen Visionen von gestern für die – tatsächliche oder schon vergangene – Zukunft von morgen, wieder an Strahlkraft? Haben wir es schlicht mit dem eher zufälligen Aufwallen nostalgischer Gefühle zu tun, mittels derer wir zuweilen masochistisch gestimmten Zeitgenossen im Rückblick bilanzieren, wie schön es doch war, als die Zukunft noch nicht aus Bedrohungen wie Klimakatastrophe und Datenklau bestand? Bedürfen wir schlicht der Aufmunterung und finden diese im Gestern? Oder blicken wir abwechselnd technokratisch oder apokalyptisch und dystopisch gestimmten Gegenwartsnarren ins Archiv der Visionen, um die letzten Hoffnungsschimmer aus ihm hervorzukramen?
Beides scheint gleichermaßen trivial und unwahrscheinlich. Zu sehr zwischen Zuversicht und Furcht schwankt die Funktion derartiger Rückblenden im Haushalt gequälter Architekten- und Kuratorenseelen. Nur schwer zu ergründen scheint ihr Effekt auf das unruhig auf bezahlbaren und sicheren Wohnraum wartende Publikum. Was aber ist es dann, was solche Visionen und Utopien derzeit attraktiv erscheinen lässt? Historisches Interesse allein kann es in unseren geschichtsvergessenen Zeiten kaum sein.


Aufmunterungskur und Veränderungsbeschleuniger

Eine Möglichkeit: Angesichts der nahezu überall zu beobachtenden Vorhersehbarkeit und Uniformität gegenwärtiger Architektur (entweder große Show oder öde Investorenbuden, was am Ende beides gleich langweilig und verzichtbar ist), übernehmen die musealisierten Visionen die Aufgabe von Aufputschmitteln und Veränderungsbeschleunigern, die den Blick auf das Gegebene wenigstens für einen Moment aus der Erstarrung befreien können. Dass ein Großteil dieser Utopien auf dem Papier blieb und als Anregung für das (Über-)leben in gesellschaftlichen Umbruchphasen erdacht war, schafft gute Gefühle und belegt: Es geht auch anders. Dass der „Spirit“ des Unerledigten mehr aus den Texten als aus den Entwürfen spricht, wirkt wie eine gratis verabreichte gedankliche Aufmunterungskur. So ist das mit den Wünschen und Phantasien der Avantgarden immer gewesen und so wird es bleiben: Sie reinigen den verkrusteten Verstand, schaffen Freiräume und neue Verbindungen des Denkens. Nur eines dürfen die Visionen nicht: realisiert werden. Dafür sind sie nie gedacht gewesen, selbst wenn ihre Produzenten das Gegenteil behaupten sollten.
Darüber hinaus fällt auf: Es sind – zumindest in den 1960er- und 1970er-Jahren – immer wieder Kapsel-Konzepte, Plug-in-Module, serielle Zellstrukturen und über der Erdbasis sich erhebende oder sich fortbewegende Stadtareale, die als wünschenswert propagiert werden, von denen am Ende aber nie ganz klar ist, ob sie euphorisch oder warnend auftreten. Hat solche Ambivalenz womöglich programmatische Gründe?
New Babylon als Atmosphären-Jukebox

In Constants Neu-Babyloniern – um nur eines der prominenten Beispiele herauszugreifen – erkennt der Philosoph Peter Sloterdijk denn auch „Fluxus-Existenzialisten, die in einer Welt nach der entfremdeten Arbeit leben“ und deren Realitätsbezug sich „ausschließlich über die Konstruktion von mobilen Räumen, Atmosphären und Umwelten“ herstellt. Sie tummeln sich, so Sloterdijk, „in den hängenden Gärten des Wahnsinns – kombattant, kongenial, kondelirant“. Entsprechend sieht er in New Babylon weniger einen Utopismus am Werk. Vielmehr erkennt er in Constant den Analytiker einer „polyatmosphärischen ,Gesellschaft’“ als Existenzform von glücklichen Arbeitslosen, die sich als „wuchernde nomadische Künstlerkolonie auf Stelzen über die Erde ausbreitet“. (Wer möchte, kann in den Diskussionen über ein bedingungsloses Grundeinkommen ein Zeichen dafür erkennen, dass diese Existenzform längst mitten in den Gesellschaften der entwickelten Industrienationen angekommen ist.)
Nicht zufällig zitiert Sloterdijk, was Mark Wigley im Blick auf die polemische Einmischung der Situationisten (Constant hat seit Ende der 1950er-Jahre eng mit Guy Debord kooperiert) in die Ereignisse des Mai 1968 festgehalten hat: „Atmosphäre wird zur Basis des politischen Handels. Das scheinbar ephemer-Nebensächliche wird als Aktivposten im konkreten Kampf mobilisiert. Als phantasmatischer Endpunkt solcher Kämpfe ist ,New Babylon’ eine riesige Atmosphären-Jukebox, die nur von einer völlig revolutionierten Gesellschaft gespielt werden kann.“
Da, architektonisch betrachtet, solch vielversprechendes Atmosphärenmanagement seit den 1970er-Jahren mehr und mehr von gleichförmiger und profitorientierter Investorenarchitektur abgelöst wurde – was nichts anderes heißt, als dass die Blütenträume vergangen sind und die Atmosphären-Jukebox die immer gleich langweiligen Songs abspult – werden die Wunschmaschinen der Vergangenheit nun wieder angeworfen. Aus dieser Perspektive betrachtet wäre die Wiederkehr vergangener Zukunftsvisionen also ganz und gar kein nostalgischer Akt. Sie ließe sich im Gegenteil verstehen als eine Wiederannäherung an eine Realität, in der vergessen wurde, wie mit einer dauerhaften Migration und deren nomadischen und polyatmosphärischen Folgen umzugehen wäre.
Nebenbei wirft eine solche Analyse auch einen wenig optimistischen Blick auf Alejandro Aravenas bei der aktuellen Architekturbiennale ausgebreitete Reporte von der architektonischen Front. Unter dem Druck eines Atmosphärenmanagements, das Politik, Architektur und Stadtplanung längst global infiziert hat, wirken viele der in Venedig vorgeführten Rezepte so anachronistisch wie der Vorschlag, mit Schwertern gegen Drohen zu kämpfen. Machen wir uns also nichts vor: Die Besiedlung des Mars hat längst begonnen. Sie findet allerdings weitgehend unbemerkt ohne Raketen und Raumanzüge zwischen Caracas und Offenbach statt. Soll sie nicht allein den Investoren überlassen werden, braucht es neuen Treibstoff. Zu finden ist er in Büchern und Museen.

Ausstellung
Zukunft von Gestern
Visionäre Entwürfe von Future Systems und Archigram
Deutsches Architekturmuseum DAM
Schaumaninkai 43, Frankfurt am Main
bis zum 18. September 2016
dam-online.de

Katalog
Zukunft von Gestern
Visionäre Entwürfe von Future Systems und Archigram
hrsg. v. Peter Cachola Schmal, Philipp Sturm
160 Seiten, deutsch \ englisch
Prestel Verlag, München 2016.
kostet in der Ausstellung 30 Euro