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Zwischen 1971 und 1985 kreierten die Aachener Architekten Weber & Brand den futuristischen Neubau des Aachener Klinikums, Foto © Claus Richter
Stahlkonstruktion des Eiffelturms in Paris, Foto © Claus Richter
Pariser Markthallen „Les Halles“, Foto © Claus Richter
Lloyds Zentrale in London, Foto © Claus Richter
Die Lloyds Zentrale wurde von 1978 bis 1986 vom britischen Architekten Richard Rogers erbaut, Foto © Claus Richter
1972 eröffnete das von Günter Behnisch und Frei Otto kreierte Münchner Olympiastadion, Foto © Claus Richter
Das Dach des Münchner Olympiastadions ist einem Spinnennetz nachempfunden, Foto © Claus Richter
„Centre Pompidou” in Paris, Foto © Claus Richter
Rettet die Zukunft!
von Claus Richter
24. September 2012
Wie schnell das legendäre Jahr 2000 doch vorbeigezogen ist – und mit ihm eine legendäre Projektionsfläche für kühne technologieverliebte Visionen. Spätestens seit Beginn der Industrialisierung richtete sich der Blick der Menschen immer wieder sehnsuchtsvoll und auch ein bisschen ängstlich auf dieses Datum. Autoren wie Albert Robida und Jules Verne entwarfen schon im neunzehnten Jahrhundert fantastische Blaupausen für das, was sie, ausgehend von der damaligen technischen Entwicklung, für die Zukunft erwarteten. Es gab Mondreisen, Bildtelefone, fliegende Gefährte, überdachte Mega-Metropolen, Roboter und wundersame Maschinen, die einem auf Knopfdruck unbequeme Arbeiten abnahmen. Mit dem „Space-Age“ der 1960er Jahre wurden die Visionen neu befeuert; der erträumte Mondflug gelang, Computer wurden entwickelt, alles schien möglich. Viele Haushaltsgegenstände trugen plötzlich als Zeichen ihrer Modernität die Zahl „2000“ im Namen, man konnte es kaum erwarten. Das Jahr 2000 war ein großes Versprechen. Im Jahr 2000 würden Roboter unsere Freunde, fliegende Autos zum Alltag gehören und zumindest der Mars wäre von Siedlern bewohnt.

Und nun? Zwölf Jahre nach dem legendären Datum macht sich Ernüchterung breit. Die dominanten technischen Entwicklungen unserer Zeit sind immateriell; das Internet, Satellitentechnologie, Electronic Cash und Biotechnologien prägen unsichtbar unser Leben. Anders als erwartet, leben wir mit Technologien, die ihre Entwicklungen auf seltsame Art in uns hinein verlagern. Wir kommunizieren, konsumieren und interagieren immer isolierter und sind doch zugleich miteinander vernetzt wie ein riesiger Psycho-Ameisenstaat, werden also zunehmend selbst Teil der Technologie. Was das mit uns macht, ist eine der großen Fragestellungen unserer Zeit.

Das alles ist faszinierend, beunruhigend und aufregend zugleich. Was dabei zunehmend schwieriger wird, ist die Vision für eine architektonische Welt, in der all das stattfindet. Seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts formierten sich zeitgleich zur technischen und industriellen Entwicklung immer wieder auch Architekturvisionen, die den technologischen Fortschritt kühn illustrierten, ihn begehbar, greifbar, körperlich erlebbar machten. Der legendäre Chrystal Palace und der Eiffelturm waren spektakuläre Begleiter der Entwicklung von Statik, Stahlverarbeitung und Konstruktion. Damals wie heute stehen die Menschen staunend vor der gigantischen Stahlkonstruktion des Eiffelturms in Paris, dieser riesigen Maschine voller Aufzüge und Plattformen, die damals viel gehasst wurde, heute aber zu einem nostalgischen Ort technologischer Magie geworden ist.

Eine Architektur, die den technikverliebten Geist der 1970er Jahre in vollen Zügen atmete, war die sogenannte „High-Tech-Architektur“. Genährt aus Science-Fiction-Visionen, ersonnen von kühnen Vordenkern wie der Archigram-Gruppe oder Buckminster Fuller sowie der Vorstellung, man könne einer Zukunft mit unendlichen Ressourcen entgegenwachsen, entstand eine reale Kulisse für damalige Roboter-und Raumschiffträume. Das bekannteste Beispiel ist hier sicherlich das Pariser Centre Pompidou, flankiert von der damals stark umstrittenen Neubebauung des Geländes von „Les Halles“, der alten Pariser Markthallen. Das Centre Pompidou glich einem gerade erst gelandeten Raumschiff aus der Zukunft. Anders kann man es nicht sagen. So etwas gab es vorher nicht. Der Kontrast zur historischen Umgebung war frappierend und ein radikaler Bruch mit allen architektonischen Konventionen. Innen war Außen, Außen war Innen, farblich markierte Versorgungs- und Belüftungsrohre überzogen das Gebäude, Rolltreppen, tragende Stahlträger, alles war nicht nur sichtbar, sondern wurde stolz präsentiert. Die Funktion wurde zur Fassade. So wundert es nicht, dass ein weiterer Fachbegriff für den Baustil, um den es hier gehen soll, „Structural Expressionist Buildings“ lautet. Das Pompidou sagte: „Schau, so funktioniere ich, ich bin Technik, Statik, eine riesige Maschine. Ich bin die Zukunft, Du kannst es sehen!“ Alles war Statement, ein Schock der Supermoderne.

Die Lebenszeit des High-Tech-Stils, datiert man seinen Beginn auf Anfang der 1970er Jahre, betrug knappe fünfzehn Jahre. Ähnlich lang wie bei anderen visionären Baustilen – etwa dem Jugendstil – konnte sich die High-Tech-Architektur nicht als Konsens behaupten. Es blieb bei einigen herausragenden Bauten, größtenteils in Europa und Asien. Schon damals waren die Aussichten keineswegs mehr nur rosig, Ängste und Unsicherheiten bewegten die Menschen genau wie heute; Atomraketen, Umweltzerstörung, Wirtschaftskrisen und Sozialabbau erschütterten den Glauben an eine funkelnde Zukunft, und doch gab es eine Vermischung dystopischer Weltentwürfe mit einem trotzigen Glauben an die Schönheit von neuer Technik und veränderter Welt. Die 1970er Jahre waren nicht nur Orange, Schlaghosen und Plüsch, sie waren auch Beton, Raumschiff und Computer.

In Deutschland entstand zwischen 1971 und 1985 das futuristische Klinikum Aachen, vielleicht weltweit einer der radikalsten Entwürfe des High-Tech. 1979 eröffnete – nach knapp neunjähriger Bauzeit – das von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte entworfene Internationale Kongresszentrum (ICC) in Berlin. Auch das 1972 eröffnete Münchner Olympiastadion von Günter Behnisch und Frei Otto war kühne, expressiv-technologische Baukunst.

Richard Rogers baute 1985 die Hong Kong & Shanghai Bank (HSBC), 1986 folgte mit der Lloyds-Zentrale in London eines der elegantesten High-Tech-Gebäude, die je entworfen wurden. In Japan schufen ungefähr zeitgleich Vertreter des Metabolismus visionär-futuristische Bauten wie Kisho Kurokawas Capsule-Building in Tokio und das ebenfalls von Kurokawa entworfene Sony-Building aus dem Jahr 1976. Doch die technoiden Zukunftsvisionen, die 1977 mit „Star Wars“ ihren popkulturellen Höhepunkt erreichten, endeten 1986 mit der Explosion der „Challenger“ Raumfähre. Prince komponierte den Abgesang auf diese Zeit. In seinem Song „Sign´o'the Times“ heißt es unter anderem: „It´s silly no? When a rocket ship explodes, and everyone still wants to fly, some say a man ain´t happy unless a man truely dies.“ Ernüchterung machte sich breit, die Zukunft verlor immer mehr an Glanz und wurde letztendlich zur Gegenwart.

Heute, knapp eine Generation später, kommt einem die Zukunftsmusik der 1970er und 1980er Jahre weit entfernt vor. Und auch die Architektur der Zeit beginnt zunehmend zu verschwinden. Noch stehen die meisten großen Zukunftsbauten: Das Klinikum Aachen wurde 2008 unter Denkmalschutz gestellt. Doch an den Rändern hat der Zeitgeist längst mit der Demontage der historischen Zukunft begonnen. Kisho Kurokawas legendärer Capsule-Tower in Tokio verfällt zusehends und steht an der Schwelle zum Abriss; „Les Halles“ fällt im Augenblick bereits der Abrissbirne zum Opfer, weniger extreme aber ebenfalls dem futuristischen Baustil des High-Tech nahe Gebäude wie das Frankfurter Technische Rathaus – gebaut ab 1970 von Büro Bartsch-Thürwächter-Weber – wurden bereits unter großem öffentlichen Applaus abgerissen. Fleißig errichtet man dort nun einen uninspirierten Mix aus Altstadtrekonstruktion und einer fahlen Architektur, die es allen recht machen will und dadurch so gesichtslos wird wie viele Bauten der vergangenen zwanzig Jahre.

Ähnlich könnte es schon bald dem grandiosen ICC in Berlin ergehen. Immer wieder diskutieren „Experten“ über mögliche Abrisspläne, man will etwas „Funktionales“ anstelle des seltsamen, aber visionären Raumschiffs. Man ahnt schon, wie die Alternative aussähe: ein großer neutraler Glaskasten oder eine gleichförmige Fassadenverschalung. Nennt man das Steinfurnier? Stein, dünn in Platten geschnitten und aufgeklebt auf eine der üblichen, eventuell leicht gebogenen Schachteln. Man kann anscheinend nicht genug davon haben. Es wäre eine Schande.

Schon der Abriss des Technischen Rathauses in Frankfurt wird späteren Generationen vielleicht noch die Erkenntnis bringen, wie richtungslos und öde die Entwürfe sind, die uns anstelle des brutalistischen Gebäudekomplexes erwarten. „Pure Vernunft darf niemals siegen“, möchte man Tocotronic zitieren. Werden in einigen Jahren vielleicht die neo-futuristischen Visionen von Architekten wie Future Systems, Neil Denari, Zaha Hadid oder Peter Cook zugunsten „praktischer“ und „vernünftiger“ Bauten in Ungnade fallen? Verschwinden dann die letzten Liebeserklärungen an eine kurze Zeit, in der Gebäude metabolische Maschinen waren und keine Glaswürfel, in denen Menschen gestapelt werden? Ist unsere Zeit, in der man nicht mehr mit Sehnsucht in die Zukunft und hoch zu den Sternen schaut, sondern der Blick sich besorgt auf die Fehler und Versäumnisse der Gegenwart richtet, vielleicht keine Zeit für naive Visionen? Anstatt aber all die versponnenen und radikalen Zukunftsentwürfe der Vergangenheit nun auch noch abzureißen, könnte man sich an den Eiffelturm erinnern, und daran, wie er zu Zeiten seiner Erbauung als „unnötig“, „ungeheuerlich“, „düster“ und „unförmig“ beschimpft wurde. Es wäre Schade, die Zukunft abzuschaffen, immerhin leben wir inzwischen in ihr.
Architektur › 2012 › September
Rettet die Zukunft!
von Claus Richter | 24. September 2012
Jede Dekade entwickelt ihre eigenen architektonischen Visionen der Zukunft. Während einige der großen Zukunftsbauten des 20. Jahrhunderts unter Denkmalschutz stehen, verfallen andere – oder werden gezielt abgerissen. Ein subjektiver Blick auf Gebäude, die einst unsere Zukunft vorwegnehmen wollten und es schon deshalb wert sind, erhalten zu bleiben.
Wie schnell das legendäre Jahr 2000 doch vorbeigezogen ist – und mit ihm eine legendäre Projektionsfläche für kühne technologieverliebte Visionen. Spätestens seit Beginn der Industrialisierung richtete sich der Blick der Menschen immer wieder sehnsuchtsvoll und auch ein bisschen ängstlich auf dieses Datum. Autoren wie Albert Robida und Jules Verne entwarfen schon im neunzehnten Jahrhundert fantastische Blaupausen für das, was sie, ausgehend von der damaligen technischen Entwicklung, für die Zukunft erwarteten. Es gab Mondreisen, Bildtelefone, fliegende Gefährte, überdachte Mega-Metropolen, Roboter und wundersame Maschinen, die einem auf Knopfdruck unbequeme Arbeiten abnahmen. Mit dem „Space-Age“ der 1960er Jahre wurden die Visionen neu befeuert; der erträumte Mondflug gelang, Computer wurden entwickelt, alles schien möglich. Viele Haushaltsgegenstände trugen plötzlich als Zeichen ihrer Modernität die Zahl „2000“ im Namen, man konnte es kaum erwarten. Das Jahr 2000 war ein großes Versprechen. Im Jahr 2000 würden Roboter unsere Freunde, fliegende Autos zum Alltag gehören und zumindest der Mars wäre von Siedlern bewohnt.

Und nun? Zwölf Jahre nach dem legendären Datum macht sich Ernüchterung breit. Die dominanten technischen Entwicklungen unserer Zeit sind immateriell; das Internet, Satellitentechnologie, Electronic Cash und Biotechnologien prägen unsichtbar unser Leben. Anders als erwartet, leben wir mit Technologien, die ihre Entwicklungen auf seltsame Art in uns hinein verlagern. Wir kommunizieren, konsumieren und interagieren immer isolierter und sind doch zugleich miteinander vernetzt wie ein riesiger Psycho-Ameisenstaat, werden also zunehmend selbst Teil der Technologie. Was das mit uns macht, ist eine der großen Fragestellungen unserer Zeit.

Das alles ist faszinierend, beunruhigend und aufregend zugleich. Was dabei zunehmend schwieriger wird, ist die Vision für eine architektonische Welt, in der all das stattfindet. Seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts formierten sich zeitgleich zur technischen und industriellen Entwicklung immer wieder auch Architekturvisionen, die den technologischen Fortschritt kühn illustrierten, ihn begehbar, greifbar, körperlich erlebbar machten. Der legendäre Chrystal Palace und der Eiffelturm waren spektakuläre Begleiter der Entwicklung von Statik, Stahlverarbeitung und Konstruktion. Damals wie heute stehen die Menschen staunend vor der gigantischen Stahlkonstruktion des Eiffelturms in Paris, dieser riesigen Maschine voller Aufzüge und Plattformen, die damals viel gehasst wurde, heute aber zu einem nostalgischen Ort technologischer Magie geworden ist.

Eine Architektur, die den technikverliebten Geist der 1970er Jahre in vollen Zügen atmete, war die sogenannte „High-Tech-Architektur“. Genährt aus Science-Fiction-Visionen, ersonnen von kühnen Vordenkern wie der Archigram-Gruppe oder Buckminster Fuller sowie der Vorstellung, man könne einer Zukunft mit unendlichen Ressourcen entgegenwachsen, entstand eine reale Kulisse für damalige Roboter-und Raumschiffträume. Das bekannteste Beispiel ist hier sicherlich das Pariser Centre Pompidou, flankiert von der damals stark umstrittenen Neubebauung des Geländes von „Les Halles“, der alten Pariser Markthallen. Das Centre Pompidou glich einem gerade erst gelandeten Raumschiff aus der Zukunft. Anders kann man es nicht sagen. So etwas gab es vorher nicht. Der Kontrast zur historischen Umgebung war frappierend und ein radikaler Bruch mit allen architektonischen Konventionen. Innen war Außen, Außen war Innen, farblich markierte Versorgungs- und Belüftungsrohre überzogen das Gebäude, Rolltreppen, tragende Stahlträger, alles war nicht nur sichtbar, sondern wurde stolz präsentiert. Die Funktion wurde zur Fassade. So wundert es nicht, dass ein weiterer Fachbegriff für den Baustil, um den es hier gehen soll, „Structural Expressionist Buildings“ lautet. Das Pompidou sagte: „Schau, so funktioniere ich, ich bin Technik, Statik, eine riesige Maschine. Ich bin die Zukunft, Du kannst es sehen!“ Alles war Statement, ein Schock der Supermoderne.

Die Lebenszeit des High-Tech-Stils, datiert man seinen Beginn auf Anfang der 1970er Jahre, betrug knappe fünfzehn Jahre. Ähnlich lang wie bei anderen visionären Baustilen – etwa dem Jugendstil – konnte sich die High-Tech-Architektur nicht als Konsens behaupten. Es blieb bei einigen herausragenden Bauten, größtenteils in Europa und Asien. Schon damals waren die Aussichten keineswegs mehr nur rosig, Ängste und Unsicherheiten bewegten die Menschen genau wie heute; Atomraketen, Umweltzerstörung, Wirtschaftskrisen und Sozialabbau erschütterten den Glauben an eine funkelnde Zukunft, und doch gab es eine Vermischung dystopischer Weltentwürfe mit einem trotzigen Glauben an die Schönheit von neuer Technik und veränderter Welt. Die 1970er Jahre waren nicht nur Orange, Schlaghosen und Plüsch, sie waren auch Beton, Raumschiff und Computer.

In Deutschland entstand zwischen 1971 und 1985 das futuristische Klinikum Aachen, vielleicht weltweit einer der radikalsten Entwürfe des High-Tech. 1979 eröffnete – nach knapp neunjähriger Bauzeit – das von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte entworfene Internationale Kongresszentrum (ICC) in Berlin. Auch das 1972 eröffnete Münchner Olympiastadion von Günter Behnisch und Frei Otto war kühne, expressiv-technologische Baukunst.

Richard Rogers baute 1985 die Hong Kong & Shanghai Bank (HSBC), 1986 folgte mit der Lloyds-Zentrale in London eines der elegantesten High-Tech-Gebäude, die je entworfen wurden. In Japan schufen ungefähr zeitgleich Vertreter des Metabolismus visionär-futuristische Bauten wie Kisho Kurokawas Capsule-Building in Tokio und das ebenfalls von Kurokawa entworfene Sony-Building aus dem Jahr 1976. Doch die technoiden Zukunftsvisionen, die 1977 mit „Star Wars“ ihren popkulturellen Höhepunkt erreichten, endeten 1986 mit der Explosion der „Challenger“ Raumfähre. Prince komponierte den Abgesang auf diese Zeit. In seinem Song „Sign´o'the Times“ heißt es unter anderem: „It´s silly no? When a rocket ship explodes, and everyone still wants to fly, some say a man ain´t happy unless a man truely dies.“ Ernüchterung machte sich breit, die Zukunft verlor immer mehr an Glanz und wurde letztendlich zur Gegenwart.

Heute, knapp eine Generation später, kommt einem die Zukunftsmusik der 1970er und 1980er Jahre weit entfernt vor. Und auch die Architektur der Zeit beginnt zunehmend zu verschwinden. Noch stehen die meisten großen Zukunftsbauten: Das Klinikum Aachen wurde 2008 unter Denkmalschutz gestellt. Doch an den Rändern hat der Zeitgeist längst mit der Demontage der historischen Zukunft begonnen. Kisho Kurokawas legendärer Capsule-Tower in Tokio verfällt zusehends und steht an der Schwelle zum Abriss; „Les Halles“ fällt im Augenblick bereits der Abrissbirne zum Opfer, weniger extreme aber ebenfalls dem futuristischen Baustil des High-Tech nahe Gebäude wie das Frankfurter Technische Rathaus – gebaut ab 1970 von Büro Bartsch-Thürwächter-Weber – wurden bereits unter großem öffentlichen Applaus abgerissen. Fleißig errichtet man dort nun einen uninspirierten Mix aus Altstadtrekonstruktion und einer fahlen Architektur, die es allen recht machen will und dadurch so gesichtslos wird wie viele Bauten der vergangenen zwanzig Jahre.

Ähnlich könnte es schon bald dem grandiosen ICC in Berlin ergehen. Immer wieder diskutieren „Experten“ über mögliche Abrisspläne, man will etwas „Funktionales“ anstelle des seltsamen, aber visionären Raumschiffs. Man ahnt schon, wie die Alternative aussähe: ein großer neutraler Glaskasten oder eine gleichförmige Fassadenverschalung. Nennt man das Steinfurnier? Stein, dünn in Platten geschnitten und aufgeklebt auf eine der üblichen, eventuell leicht gebogenen Schachteln. Man kann anscheinend nicht genug davon haben. Es wäre eine Schande.

Schon der Abriss des Technischen Rathauses in Frankfurt wird späteren Generationen vielleicht noch die Erkenntnis bringen, wie richtungslos und öde die Entwürfe sind, die uns anstelle des brutalistischen Gebäudekomplexes erwarten. „Pure Vernunft darf niemals siegen“, möchte man Tocotronic zitieren. Werden in einigen Jahren vielleicht die neo-futuristischen Visionen von Architekten wie Future Systems, Neil Denari, Zaha Hadid oder Peter Cook zugunsten „praktischer“ und „vernünftiger“ Bauten in Ungnade fallen? Verschwinden dann die letzten Liebeserklärungen an eine kurze Zeit, in der Gebäude metabolische Maschinen waren und keine Glaswürfel, in denen Menschen gestapelt werden? Ist unsere Zeit, in der man nicht mehr mit Sehnsucht in die Zukunft und hoch zu den Sternen schaut, sondern der Blick sich besorgt auf die Fehler und Versäumnisse der Gegenwart richtet, vielleicht keine Zeit für naive Visionen? Anstatt aber all die versponnenen und radikalen Zukunftsentwürfe der Vergangenheit nun auch noch abzureißen, könnte man sich an den Eiffelturm erinnern, und daran, wie er zu Zeiten seiner Erbauung als „unnötig“, „ungeheuerlich“, „düster“ und „unförmig“ beschimpft wurde. Es wäre Schade, die Zukunft abzuschaffen, immerhin leben wir inzwischen in ihr.