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Schlechtwetterpool
von Anneke Bokern | 12. Februar 2014
Das größte der drei Becken auf dem Rotterdamer Benthemplein kann als Basketball- oder Fußballplatz genutzt werden. Foto © pallesh+azarfane
Woran denkt man, wenn die Stichworte Niederlande und Wetter fallen? Vermutlich zunächst einmal an Wind und Regen. Viel Regen. Sehr viel Regen sogar, wie manch ein Nordsee-Urlauber bereits am eigenen Leib erfahren musste. Zwar liegen die Niederschlagsmengen pro Jahr im weltweiten Vergleich nur im Mittelfeld, aber dank der Klimaveränderung regnet es auch in den Niederlanden immer mehr: Zwischen 1910 und 2009 hat die Niederschlagsmenge um 25 Prozent zugenommen. Und auch die Anzahl der Tage mit sehr starkem Niederschlag ist um 85 Prozent gestiegen. Das bringt natürlich Probleme mit sich: Wohin mit all dem Wasser in diesem dicht besiedelten Land, das an chronischem Platzmangel leidet und ohnehin schon einen gigantischen Aufwand treibt, um trockene Füße zu behalten?

Die derzeit am meisten gehörte Antwort heißt „meervoudig ruimtegebruik“, das soviel bedeutet wie „mehrfache Raumnutzung“. Dazu gehören zum Beispiel Pläne für Wohnbootsiedlungen auf Regenauffangbecken oder gefluteten Poldern, aber auch eine bereits realisierte Tiefgarage unter dem Museumpark in Rotterdam, die mit einer großen Zisterne kombiniert wurde. Eines der ungewöhnlichsten Projekte ist der neue Wasserplatz, den die Architekten und Stadtplaner „De Urbanisten“ auf dem Benthemplein in Rotterdam realisiert haben. In drei Bassins können dort bei Bedarf 1,7 Millionen Liter Regenwasser aufgefangen werden.

Wasser, überall Wasser

Die Stadt Rotterdam hat besonders stark mit den steigenden Niederschlagsmengen zu kämpfen, weil die Stadt – anders als beispielsweise Amsterdam - kein Grachtensystem, dafür jedoch einen besonders hohen Anteil an versiegelten Flächen besitzt. Außerdem liegt Rotterdam größtenteils unter dem Meeresspiegel: Der mit sechs Metern unter Null tiefste bewohnte Punkt des Landes befindet sich im Rotterdamer Stadtgebiet. Das Wasser kommt eigentlich aus allen Richtungen: vom Meer, vom Fluss, als Grundwasser aus dem Boden und als Regen vom Himmel. Die wenigen Kanäle und die Kanalisation können die Wassermengen nicht mehr auffangen, sodass schon seit einer Weile immer wieder Straßen überschwemmt werden und Keller volllaufen.

Gleichzeitig gibt es in der Hafenstadt Rotterdam aber auch zahlreiche urbane Resträume, die eine Aufwertung vertragen könnten. Ein solcher Restraum war bislang der „Benthemplein“ unweit des Hauptbahnhofs. Obwohl dieser Platz zwischen mehreren Großbauten liegt und ein vermeintlich vernachlässigter Ort ist, befinden sich hier einige für die Stadt wichtige Gebäude. Auf der Nordwestecke steht ein neuer Schul- und Bürobau mit Glasfassade, daneben eine kleine Backsteinkirche aus den fünfziger Jahren. Der Rest der Platzbebauung stammt aus der Feder von Hugh Maaskant, einem der bedeutendsten niederländischen Architekten der Nachkriegszeit, und wurde zwischen 1955 und 1970 als Schulkomplex errichtet. In einem aufgeständerten Block sitzt heute das Grafisch Lyceum, eine Berufsschule für Medien, Design und Technologie. In einer riesigen gekrümmten Hochhausscheibe, ist sowohl das Zadkine College als auch ein Theater untergebracht. Über dem Haupteingang befindet sich ein Kunstwerk des niederländischen Malers und Bildhauers Karel Appel. Das bekannteste Bauwerk des Ensembles ist jedoch das Akraton-Hochhaus auf der Südecke, das aus gestapelten Kisten besteht. Ursprünglich befanden sich darin Turnhallen für die umliegenden Schulen, heute beherbergt das Gebäude einen Fitnessclub.

Regenwasserspeicher und Skatebowl in einem

Diesen sträflich vernachlässigten Platz, den lediglich ein paar Pflanzenkübel und zwei Baumreihen zierten, suchten sich De Urbanisten aus, um eine Idee zu realisieren, die sie bereits vor sieben Jahren hatten: Wieso sollte man Regenwasserspeicher unter der Erde verstecken, wenn sie doch so viel Geld kosten? Könnte man sie nicht zum Gestaltungselement und Teil des öffentlichen Raums machen? Es folgte ein Partizipationsprozess: Nachdem sie 2011 den Auftrag für den Entwurf des allerersten Wasserplatzes in den Niederlanden bekamen, veranstalteten De Urbanisten drei aufeinanderfolgende Workshops mit Lehrern, Schülern, Vertretern des Theaters und des Fitnessclubs, Gemeindemitgliedern der Kirche und Anwohnern. Dabei wurden die Platzfunktionen definiert und der Entwurf ausgearbeitet.

Die Platzgestaltung besteht aus drei in verschiedenen Blautönen gestrichenen Bassins, in den Boden eingelassenen Edelstahlrinnen und schmalen Leuchtstreifen, sowie einigen Grünelementen, zu denen auch die bestehenden Baumreihen gehören. Wenn es trocken ist, hat jedes Bassin eine andere Funktion: In einem befindet sich eine kleine Insel, die als „Tanzbühne“ dient, das andere hat schräge Wände und kann als Skatebowl genutzt werden. Das größte Becken ist ein Basketball- und Fußballplatz mit tribünenartigen Seitenwänden. Bei kurzen Wolkenbrüchen füllen sich nur die beiden kleineren Bassins mit dem Regenwasser, das von den umliegenden Dächern und einem benachbarten Parkplatz stammt. Erst wenn es wirklich ausgiebig regnet, läuft auch der Sportplatz voll – mit Wasser vom Dach des Zadkine-Hochhauses und aus der weiteren Umgebung.

Wassermanagement zum Anfassen

Bevor das Wasser auf den Platz läuft, wird es gefiltert. Dann fließt es durch die offenen Edelstahlrinnen auf Zickzackwegen in Richtung Auffangbecken. Eines der wichtigsten Ergebnisse der Workshops, den De Urbanisten veranstalteten war, dass das Wasser sichtbar sein sollte, wenn es über den Platz geleitet wird – Umwege ausdrücklich erwünscht. Teilweise wird es unterirdisch zum Platz geleitet und plätschert aus kantigen Speiern in die Rinnen; im Sportplatzbecken läuft es aus einem breiten Schlitz in der Wand. Wenn es aufhört zu regnen, läuft es von alleine ab und gelangt entweder direkt ins Grundwasser oder wird in den nahen Noordsingel-Kanal gepumpt.

Genutzt wird der Platz hauptsächlich von den Schülern der angrenzenden Schulen. Auf dem direkten Weg vom Bahnhof zum Schuleingang müssen sie ihn überqueren, weshalb zwischen Skate- und Sportplatzbecken eine Laufroute hindurchführt. Sie sitzen aber auch in den Pausen auf den Bänken unter den Bäumen und auf den Stufen der Tribüne oder üben sich auf dem Sportplatz im Slamdunking, einer speziellen Wurftechnik im Basketball. Ein Vorteil des tiefergelegten Sportfelds ist, dass es ohne hohe Zäune zum Abfangen von Bällen auskommt. Der trostlose Platz ist durch die Neugestaltung aufgewertet worden, und gleichzeitig erhält das dröge Thema Wassermanagement erstmals einen gehörigen Spaßfaktor. Damit ist der Benthemplein ein Paradebeispiel dafür, wie man aus der Not eine Tugend machen kann.


www.urbanisten.nl
Links: Der Benthemplein wirkt im Stadtkontext etwas vernachlässigt, ist aber umgeben von wichtigen Großbauten. Foto © Ossip van Duivebode
Rechts: Edelstahlrinnen führen das Regenwasser über den Platz. Foto © pallesh+azarfane
De Urbanisten visualisieren die vielfältigen vorgesehenen Nutzungen für die Becken sowie die Umgebungsflächen. Darstellung © De Urbanisten
Nach einem Regenguss versickert das Wasser langsam entweder ins Grundwasser oder in den nahen Noordsingel-Kanal. Foto © pallesh+azarfane
Die Edelstahlrinnen, die innerhalb der bestehenden Baumreihen hindurch geschlängelt werden, stellen das verbindende Element zwischen den Wasserbecken dar.
Foto © pallesh+azarfane
Die Visualisierung zeigt den „Weg“ des Regenwassers: vom Dach eines Gebäudes wird es unterirdisch in eines der Becken geführt und versickert dort. Darstellung © De Urbanisten
Das Wasser aus dem Auffangbecken wird teilweise unterirdisch zum Platz geleitet und läuft im Sportplatzbecken aus einem breiten Schlitz in der Wand. Darstellung © De Urbanisten
Drei Bassins definieren nun die Nutzung dieses Platzes. Foto © pallesh+azarfane
Auch bei Dunkelheit sind die Becken nutzbar und stellen einen urbanen Treffpunkt dar – sofern sie trocken sind. Foto © pallesh+azarfane
Eines der wichtigsten Gestaltungsmerkmale ist das sichtbar entlang des Platzes geführte Regenwasser. Fotos © De Urbanisten
News & Stories › 2014 › Februar
Schlechtwetterpool
von Anneke Bokern | 12. Februar 2014
In den Niederlanden ist die Anzahl der Tage mit extremem Niederschlag um 85 Prozent gestiegen. Wohin mit all dem Wasser in einer versiegelten Stadt wie Rotterdam? Der Umbau des Platzes Benthemplein zeigt beispielhaft, wie Wassermanagement in die Stadtgestaltung integriert werden kann.
Woran denkt man, wenn die Stichworte Niederlande und Wetter fallen? Vermutlich zunächst einmal an Wind und Regen. Viel Regen. Sehr viel Regen sogar, wie manch ein Nordsee-Urlauber bereits am eigenen Leib erfahren musste. Zwar liegen die Niederschlagsmengen pro Jahr im weltweiten Vergleich nur im Mittelfeld, aber dank der Klimaveränderung regnet es auch in den Niederlanden immer mehr: Zwischen 1910 und 2009 hat die Niederschlagsmenge um 25 Prozent zugenommen. Und auch die Anzahl der Tage mit sehr starkem Niederschlag ist um 85 Prozent gestiegen. Das bringt natürlich Probleme mit sich: Wohin mit all dem Wasser in diesem dicht besiedelten Land, das an chronischem Platzmangel leidet und ohnehin schon einen gigantischen Aufwand treibt, um trockene Füße zu behalten?

Die derzeit am meisten gehörte Antwort heißt „meervoudig ruimtegebruik“, das soviel bedeutet wie „mehrfache Raumnutzung“. Dazu gehören zum Beispiel Pläne für Wohnbootsiedlungen auf Regenauffangbecken oder gefluteten Poldern, aber auch eine bereits realisierte Tiefgarage unter dem Museumpark in Rotterdam, die mit einer großen Zisterne kombiniert wurde. Eines der ungewöhnlichsten Projekte ist der neue Wasserplatz, den die Architekten und Stadtplaner „De Urbanisten“ auf dem Benthemplein in Rotterdam realisiert haben. In drei Bassins können dort bei Bedarf 1,7 Millionen Liter Regenwasser aufgefangen werden.

Wasser, überall Wasser

Die Stadt Rotterdam hat besonders stark mit den steigenden Niederschlagsmengen zu kämpfen, weil die Stadt – anders als beispielsweise Amsterdam - kein Grachtensystem, dafür jedoch einen besonders hohen Anteil an versiegelten Flächen besitzt. Außerdem liegt Rotterdam größtenteils unter dem Meeresspiegel: Der mit sechs Metern unter Null tiefste bewohnte Punkt des Landes befindet sich im Rotterdamer Stadtgebiet. Das Wasser kommt eigentlich aus allen Richtungen: vom Meer, vom Fluss, als Grundwasser aus dem Boden und als Regen vom Himmel. Die wenigen Kanäle und die Kanalisation können die Wassermengen nicht mehr auffangen, sodass schon seit einer Weile immer wieder Straßen überschwemmt werden und Keller volllaufen.

Gleichzeitig gibt es in der Hafenstadt Rotterdam aber auch zahlreiche urbane Resträume, die eine Aufwertung vertragen könnten. Ein solcher Restraum war bislang der „Benthemplein“ unweit des Hauptbahnhofs. Obwohl dieser Platz zwischen mehreren Großbauten liegt und ein vermeintlich vernachlässigter Ort ist, befinden sich hier einige für die Stadt wichtige Gebäude. Auf der Nordwestecke steht ein neuer Schul- und Bürobau mit Glasfassade, daneben eine kleine Backsteinkirche aus den fünfziger Jahren. Der Rest der Platzbebauung stammt aus der Feder von Hugh Maaskant, einem der bedeutendsten niederländischen Architekten der Nachkriegszeit, und wurde zwischen 1955 und 1970 als Schulkomplex errichtet. In einem aufgeständerten Block sitzt heute das Grafisch Lyceum, eine Berufsschule für Medien, Design und Technologie. In einer riesigen gekrümmten Hochhausscheibe, ist sowohl das Zadkine College als auch ein Theater untergebracht. Über dem Haupteingang befindet sich ein Kunstwerk des niederländischen Malers und Bildhauers Karel Appel. Das bekannteste Bauwerk des Ensembles ist jedoch das Akraton-Hochhaus auf der Südecke, das aus gestapelten Kisten besteht. Ursprünglich befanden sich darin Turnhallen für die umliegenden Schulen, heute beherbergt das Gebäude einen Fitnessclub.

Regenwasserspeicher und Skatebowl in einem

Diesen sträflich vernachlässigten Platz, den lediglich ein paar Pflanzenkübel und zwei Baumreihen zierten, suchten sich De Urbanisten aus, um eine Idee zu realisieren, die sie bereits vor sieben Jahren hatten: Wieso sollte man Regenwasserspeicher unter der Erde verstecken, wenn sie doch so viel Geld kosten? Könnte man sie nicht zum Gestaltungselement und Teil des öffentlichen Raums machen? Es folgte ein Partizipationsprozess: Nachdem sie 2011 den Auftrag für den Entwurf des allerersten Wasserplatzes in den Niederlanden bekamen, veranstalteten De Urbanisten drei aufeinanderfolgende Workshops mit Lehrern, Schülern, Vertretern des Theaters und des Fitnessclubs, Gemeindemitgliedern der Kirche und Anwohnern. Dabei wurden die Platzfunktionen definiert und der Entwurf ausgearbeitet.

Die Platzgestaltung besteht aus drei in verschiedenen Blautönen gestrichenen Bassins, in den Boden eingelassenen Edelstahlrinnen und schmalen Leuchtstreifen, sowie einigen Grünelementen, zu denen auch die bestehenden Baumreihen gehören. Wenn es trocken ist, hat jedes Bassin eine andere Funktion: In einem befindet sich eine kleine Insel, die als „Tanzbühne“ dient, das andere hat schräge Wände und kann als Skatebowl genutzt werden. Das größte Becken ist ein Basketball- und Fußballplatz mit tribünenartigen Seitenwänden. Bei kurzen Wolkenbrüchen füllen sich nur die beiden kleineren Bassins mit dem Regenwasser, das von den umliegenden Dächern und einem benachbarten Parkplatz stammt. Erst wenn es wirklich ausgiebig regnet, läuft auch der Sportplatz voll – mit Wasser vom Dach des Zadkine-Hochhauses und aus der weiteren Umgebung.

Wassermanagement zum Anfassen

Bevor das Wasser auf den Platz läuft, wird es gefiltert. Dann fließt es durch die offenen Edelstahlrinnen auf Zickzackwegen in Richtung Auffangbecken. Eines der wichtigsten Ergebnisse der Workshops, den De Urbanisten veranstalteten war, dass das Wasser sichtbar sein sollte, wenn es über den Platz geleitet wird – Umwege ausdrücklich erwünscht. Teilweise wird es unterirdisch zum Platz geleitet und plätschert aus kantigen Speiern in die Rinnen; im Sportplatzbecken läuft es aus einem breiten Schlitz in der Wand. Wenn es aufhört zu regnen, läuft es von alleine ab und gelangt entweder direkt ins Grundwasser oder wird in den nahen Noordsingel-Kanal gepumpt.

Genutzt wird der Platz hauptsächlich von den Schülern der angrenzenden Schulen. Auf dem direkten Weg vom Bahnhof zum Schuleingang müssen sie ihn überqueren, weshalb zwischen Skate- und Sportplatzbecken eine Laufroute hindurchführt. Sie sitzen aber auch in den Pausen auf den Bänken unter den Bäumen und auf den Stufen der Tribüne oder üben sich auf dem Sportplatz im Slamdunking, einer speziellen Wurftechnik im Basketball. Ein Vorteil des tiefergelegten Sportfelds ist, dass es ohne hohe Zäune zum Abfangen von Bällen auskommt. Der trostlose Platz ist durch die Neugestaltung aufgewertet worden, und gleichzeitig erhält das dröge Thema Wassermanagement erstmals einen gehörigen Spaßfaktor. Damit ist der Benthemplein ein Paradebeispiel dafür, wie man aus der Not eine Tugend machen kann.


www.urbanisten.nl