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Schmerz in Marilyn Monroes Garderobe
von Thomas Wagner | 28. Oktober 2009
Was sagen eine Schauspielerinnen-Garderobe, inszenierte Aktfotos, ein Schlafzimmer und einige seltsame Möbel und Lampen über das Verhältnis von Kunst und Design aus? Unter dem Titel „Entre deux actes - Loge de Comédienne" versucht eine Ausstellung in der Kunsthalle Baden-Baden, den unübersichtlichen Bereich ausnahmslos aus der Perspektive der Kunst zu untersuchen. Dabei handelt es sich um eine Art „Zwischenspiel", bei dem die ohnehin schwer zu ziehende Grenze zwischen Kunst und Innenarchitektur, Mode, Kunsthandwerk und Möbeldesign in ganz unterschiedlicher Weise von einem Dutzend Künstlern „umspielt" wird.

Der Titel der Schau ist einer Arbeit der 1909 geborenen Innenausstatterin Janette Laverrière entlehnt. Deren „Loge de Comédienne", eine 1947 realisierte Garderobe für eine Schauspielerin, wurde auf Initiative der Künstlerin Nairy Baghramian rekonstruiert und neu interpretiert. Im Grunde handelt es sich dabei aber nicht länger um ein Interieur, wie es Laverrière einst gestaltet hat, sondern um eine im großen Oberlichtsaal der Kunsthalle präsentierte Installation von Baghramian unter Verwendung der Garderobe und zahlreicher inszenierter Aktfotografien des italienischen Designers Carlo Mollino. Ergänzt wird diese in den angrenzenden Kabinetträumen von Werken, die den, wie es Karola Kraus, die Direktorin der Kunsthalle, im Vorwort zum Katalog beschreibt, „in den letzten Jahrzehnten intensiv ausgetragenen Diskurs um die Begriffe Kunst und Design, Angewandte Kunst und deren Gebrauch reflektieren".

So einfach wie das klingt, ist die Sache freilich nicht, zumal der Begriff „Design" hier so weit gefasst wird, dass er Innenarchitektur, Innenausstattung, Kunsthandwerk und Angewandte Kunst ebenso wie Möbel- und Industriedesign umfasst. Vor allem erweist sich die Art und Weise, wie die Differenz zwischen Kunst und Design verstanden wird, als recht simpel und nicht auf der Höhe der Zeit. Die krude Vorstellung, Kunst sei Gestaltung ohne Auftrag und das Ding, das dabei herauskomme, entbehre jeglicher Funktion, erweist sich als ebenso unausrottbar wie jene, Design sei nichts als von einem Auftraggeber und einer Funktion verdorbene Kunst. Übersehen wird dabei, dass man auf diese Weise von einem reduzierten Begriff von Kunst ebenso wie von einem reduzierten Begriff von Design ausgeht, die sich beide im 18. Jahrhundert angedeutet und im 19. Jahrhundert verfestigt haben, also historisch bedingt und alles andere als zeitgemäß sind. Schon der Begriff „Angewandte Kunst" suggeriert einen Vorrang der Kunst, die sich, indem sie sich auf einen konkreten, von räumlichen, ästhetischen, ökonomischen und distributiven Faktoren bestimmten Kontext einlässt, selbst ihrer Freiheit beraubt. Eine solche Vorstellung von Kunst ist aber spätestens seit Duchamps Ready-mades hinfällig, und Michelangelo hätte es sehr seltsam gefunden, dass seine Sixtinische Kapelle als Design bezeichnet werden soll, nur weil es sich um ein Auftragswerk gehandelt hat.

Zu einer besseren Übersicht über das weite Feld, auf dem sich Künstler und Designer heute gleichermaßen bewegen, trägt die Schau also wenig bei. Was sie stattdessen vorführt, ist die subtile Art und Weise, wie Künstlerinnen und Künstler mit Versatzstücken des Alltags, mit Interieurs und Möbeln umgehen oder Elemente aus Mode und Wohnen dazu nutzen, symbolisch unser Verhältnis zu den Dingen zu klären oder das eigene Tun zu reflektieren.

So hat Richard Artschwagers „Handle" von 1962, ein zum Rahmen geschlossener und wie ein Objekt vor der Wand hängender hölzerner Handlauf, nichts mit der Gestaltung von Handläufen am Hut, nutzt aber die Bedeutung eines Geländers, Halt zu bieten, um über den Rahmen - den der Kunst selbst und den in der Kunst verwendeten - nachzudenken. Peter Fischli & David Weiss transformieren ein Mauerstück, eine Kerze, einen Hocker und einen Schrank in seltsame Fossilien einer untergegangenen, aber in der Erinnerung präsenten Welt der Dinge, und Martin Kippenberger macht die Straßenlaterne als Teil der Stadtmöblierung zum Kompagnon seiner ironisch schwankenden Weltsicht. Meuser lässt seine Skulpturen auf der Grenze zwischen Bild und Möbel balancieren, Marc Camille Chaimowicz baut einen Raum als Hommage an Cocteau, Cosima von Bonin ein rätselhaftes Schlafgemach und Franz West fünf Tische, die wie Prothesen künstlerischer Produktion funktionieren.

Die überzeugendste Arbeit aber stammt von Claes Oldenburg, auch wenn sich beim besten Willen nicht erkennen lässt, was sie mit Design zu tun haben soll. Seine „Ghost Wardrobe (für M.M.)" ist eine subtile, traurig-schöne Hommage an Marilyn Monroe, die mit dem Motiv des endgültig an den Haken gehängten Kostüms spielt. Geschaffen hat sie Oldenburg ursprünglich für die Ausstellung „Homage to Marilyn Monroe" 1967 in der Sidney Janis Gallery in New York, in der über dreißig Künstler, darunter Andy Warhol, Richard Hamilton und Robert Rauschenberg, der fünf Jahre zuvor gestorbenen Filmdiva ihre Reverenz erwiesen. Claes Oldenburg hängt an einen aus einfachen Wasserrohren geformten Kleiderständer drei berühmte Kleider der Monroe: das lange, durchsichtige, das ihren Körper einhüllte, als sie John F. Kenndy ein Geburtstagsständchen sang, das halblange aus Billy Wilders „The Seven Year Itch", dessen Rock sie über einem U-Bahn-Schacht in der ausströmenden Luft fliegen ließ, und den Badeanzug, den sie in ihrem letzten, unvollendeten Film „Something's got to give" trug. Allesamt sind sie nur noch als Umriss, als Skelett vorhanden. Von allem Leben entleert hängen sie über dünnen Drahtbügeln über einem Paar aus Blech geformten High Heels, deren Absätze aus langen Nägeln bestehen, den schmerzenden Pfählen im Fleisch des Ruhms.

Und dann ist da noch Tobias Rehberger, der im Café der Kunsthalle eine „Franchise-Version" seiner mit dem Goldnen Löwen ausgezeichneten Biennale-Arbeit (News&Stories vom 28. Juli 2009) realisiert hat, die in Baden-Baden noch präziser und irritierender wirkt als in Venedig.

Viel Kunst, aber kein Design. Solange die zeitgenössische Kunst ihr Verhältnis zur Industrialisierung und zur Massenproduktion nicht gründlicher als bislang geklärt hat, und umgekehrt, das Design seine mannigfachen Beziehungen zur Kunst, scheint in dem Zwischenbereich, in dem sich beide begegnen, also eher Verwirrung als Klarheit zu herrschen. Nur so viel scheint klar: Es besteht weiterhin Klärungsbedarf. Und: Wer selten nach Venedig kommt, der hat nun in Baden-Baden - dauerhaft, denn der Verbleib der Installation ist inzwischen über das Ende der Ausstellung hinaus gesichert - Gelegenheit, eine Version des wunderbaren Razzle-Dazzle-Cafés von Tobias Rehberger zu besichtigen. Dessen Titel „Was du liebst, bringt dich auch zum Weinen", gilt nicht nur für die Ausstellung, sondern bis auf weiteres auch für das Verhältnis von Kunst und Design.


Entre deux actes - Loge de comédienne
25.07.09 - 08.11.09
Kunsthalle Baden-Baden
www.kunsthalle-baden-baden.de
Tobias Rehberger, Café Kunsthalle, 2009, Photo © Thomas Wagner, Stylepark
Tobias Rehberger, Café Kunsthalle, 2009
„Ghost Wardrobe (für M.M.)" von Claes Oldenburg, Photo © Thomas Wagner, Stylepark
„Ghost Wardrobe (für M.M.)" von Claes Oldenburg, Photo © Thomas Wagner, Stylepark
Tobias Rehberger, Café Kunsthalle, 2009, Photo © Thomas Wagner, Stylepark
Tobias Rehberger, Café Kunsthalle, 2009
Tobias Rehberger, Café Kunsthalle, 2009, Photo © Wolfgang Günzel, Frankfurt
Tobias Rehberger, Café Kunsthalle, 2009, Photo © Wolfgang Günzel, Frankfurt