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Schöne neue Welt
von Anneke Bokern | 22. Oktober 2010
Kortrijk ist in der Designwelt fast so etwas wie ein Sehnsuchtsort. Alle Jahre wieder kann man auf den überfüllten Partys des Mailänder Salone del Mobile ebenso wie in den endlosen Hallen der Kölner Möbelmesse die Möbelproduzenten, PR-Leute und Designjournalisten seufzen hören, wie schön es doch letztes Mal in Kortrijk war. In der Tat hat die Interieurbiennale im westflämischen Grenzstädtchen etwas für sich: Die Messe ist auf Klasse statt Masse ausgerichtet, das Angebot ist überschaubar, die Hotels sind bezahlbar, die Entfernungen kurz, abends trifft man sich unweigerlich beim einzigen Afterhour-Event wieder, und die Atmosphäre ist folglich beinahe familiär. Auch dieses Jahr hat sich an diesem Erfolgsrezept wenig geändert, selbst wenn allmählich ein Hauch von Globalisierung durch die sieben Hallen der Expo Kortrijk weht. Kaum ein namhafter Designproduzent kann es sich noch leisten, nicht zu den 250 Ausstellern zu gehören, und auch die Ehrengäste werden immer internationaler. Fast ist das ein bisschen schade, denn gerade die etwas provinzielle Verschrobenheit gehörte immer zum Charme der Biennale.

Das vermutlich meist gemunkelte Wort bei der letzten Interieurbiennale war „Krise". Alle suchten nach den ersten Anzeichen entweder einer neuen Bescheidenheit, einer neuen Trotzigkeit oder einer neuen Dekadenz im Design. Während es vor zwei Jahren aber offenbar noch zu früh für solche Auswirkungen war, beschlossen die Interieur-Organisatoren dieses Mal die Flucht nach vorn anzutreten und stellten die Messe gleich unter das Krisenmotto „The New World". Krise statt Wohlstand, Optimismus statt Pessimismus, Reflektion statt Oberflächlichkeit, Farbe statt Nüchternheit sollen die neue Welt charakterisieren. Natürlich hat das wenig Einfluss auf das Angebot der etablierten Aussteller, aber in den Beiträgen zum Designwettbewerb, dessen Preisgelder für diese Ausgabe ordentlich aufgestockt wurden, ist es durchaus spürbar. Unter den Gewinnern sind eine Blumenvasenleuchte, ein Holzofen, ein Wasserfilter sowie eine Serie von schlichten Holzmöbeln, die Arbeiter in São Paulo für den eigenen Gebrauch angefertigt haben und die vom brasilianischen Architekten Marcio Kogan und seinen Mitarbeitern mit minimalen Eingriffen in Designobjekte verwandelt wurden. Letzteres Projekt hat - zurecht - den von Vitra Belgien gesponserten Sonderpreis gewonnen und wird mit einer kleinen Präsentation in Halle vier gewürdigt. Alle anderen Beiträge sind im „Underground" zu sehen, einer unterirdischen Halle, die in den letzten Jahren ein sehr durchwachsenes Chaos aus Studentenprojekten und Jungdesignerständen beherbergte, dieses Jahr aber wesentlich geordneter und kuratierter daherkommt.

Eine weitere Facette des „New World"-Mottos versinnbildlicht Junya Ishigami, der diesjährige Ehrengast der Biennale, einerseits dadurch, dass er als Architekt und als Designer arbeitet und so für die zunehmende Annäherung der Entwurfsdisziplinen untereinander steht, andererseits aber auch, weil er als Japaner ganz wörtlich aus einer anderen Welt stammt. Seine Installation „Picnic", bestehend aus den „Family"-Stühlen für Living Divani, die er mit herzerwärmenden weißen Strickmützen und -schals versehen in einem rundum weißen Raum um die niedrigen „Garden Plate"-Tische arrangiert hat, gehört zum schönsten, was die Biennale dieses Jahr zu bieten hat. Minimalistisch, poetisch und subtil humorvoll wirkt sie sehr japanisch im besten Sinne des Wortes.

Gleich nebenan ist eine kleine Übersichtsinstallation mit Werken des Belgiers Bram Boo zu sehen, dem diesjährigen Designer of the Year. Seine Möbelentwürfe zeichnen sich durch kubische Formen aus, die gerne mal wie kristalline Wucherungen aus Tischen oder Stühlen wachsen. Solche Eigensinnigkeit ist typisch für das belgische Design, das auch dieses Jahr wieder die interessantesten Beiträge zur Biennale liefert. Während Moroso & Co ihre Neuheiten bereits in Mailand gezeigt haben und in Kortrijk nichts Neues bieten, trumpfen viele belgische und auch ein paar niederländische Hersteller just bei der Biennale mit neuen Produkten auf. Neu ist dieses Mal das Kindermöbelset „BooBoo" von Bram Boo für Feld, aber zum Beispiel auch das Projekt „Art of the Loom" der Deweer Gallery, die Teppiche nach Entwurf von vierzehn internationalen Künstlern präsentiert, von Jan de Cock über Stephan Balkenhol bis hin zu Tony Cragg. Lokalmatador Extremis zeigt mit der Picknickbank „Hopper" nur ein einziges, dafür aber umso größeres Objekt, und Wildspirit wartet mit dem Retro-Loungestuhl „MoonLounger" von Gerd Couckhuyt auf. Bei Modular Lighting Instruments bemerkt man dagegen die Produktneuheiten kaum, denn der gesamte Stand ist sehr effektvoll als riesiger Flipperautomat eingerichtet.

Was man allerdings auch kaum bemerkt, sind die Sonderausstellungen im „Rambla" genannten zentralen Korridor der Messe. Für diesen Bereich hat das Architekturbüro de Vylder Vinck Tallieu eine Installation namens „Mirror Mirror on the Wall" entwickelt, die aus komplett verspiegelten Raumboxen besteht. Das Spiel mit Reflexionen mag konzeptionell interessant sein, wirkt aber auf Besucher vor allem verwirrend und lenkt vom Inhalt der Boxen ab, die den Raum zudem völlig verstellen.

Aber vermutlich fand man, dass auch diese Spiegelkisten eine „neue Welt" auf der Biennale symbolisieren. Abgesehen davon bekommt das optimistische Krisenmotto der Veranstaltung aber insgesamt ganz gut, weil es die derzeitige Wirtschaftslage nicht ignoriert, gleichzeitig aber auch nicht allzu moralinsauer daherkommt. Bestes Beispiel dafür, dass die Interieurbiennale Kortrijk trotz Krise auch noch ganz einfach Spaß machen kann, ist der ziemlich alberne, riesengroße, knallrote Chihuahua aus Wabenkarton, den der belgische Designer Charles Kaisin für den Pappplattenhersteller Bee in der Mitte von Halle eins aufgebaut und „Beehuahua" getauft hat. Der Megafifi bringt ein surreales Element in die Veranstaltung, das sie bei aller Globalisierung doch wieder als das kennzeichnet, wofür wir sie mögen: experimentell, belgisch, ein bisschen schrullig und vor allem sehr „gezellig".

Interieur 2010
Kortijk, Belgien
15. - 24. Oktober 2010
www.interieur.be
Acciaio Series von Max Lipsey
Vase Leuchte von Miriam Aust
Praça Cantão, Communidade da Santa Marta, Rio de Janeiro von Haas & Hahn
Praça Cantão, Communidade da Santa Marta, Rio de Janeiro von Haas & Hahn
Beehuaua von Charles Kaisin
Uniform von Black Balloon
Multiple von Raphael Charles
Brigitte von Enrique Illanez
Cesta von Francisco Torres
Installation von Junya Ishigami
Installation von Junya Ishigami
Surface Table von Terence Woodgate und John Barnhard für Established&Sons
Table von architecten de Vylder Vinck Taillieu
The Flying von Ilya Emilia Kabakov für Deweer Gallery © Frederik Vercruysse
D53 Before Conversion von Jan de Cock für Deweer Gallery © Frederik Vercruysse
Etude Geometrique von Ann Van Hoey
Wood Stove von Yanes Wühl
blob VB3 von dmvA für xfactoragencies © Frederik Vercruysse
blob VB3 von dmvA für xfactoragencies © Frederik Vercruysse
Produkte
Established & Sons: Surface Table @ Stylepark
Established & Sons
Surface Table
John Barnard
Terence Woodgate
Living Divani: Family Chair @ Stylepark
Living Divani
Family Chair
Junya Ishigami