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Schöner Wohnen, staubgeboren
VON Thomas Wagner | 22. November 2013
Betrachten wir die Architektur einmal von ihrer praktischen Seite. Nicht als Ergebnis, sondern als mühsamen Prozess. Nicht als Plan oder Bild, sondern als Baustelle. Wer sich heutzutage als Bauherr ein Eigenheim bauen oder sein etwas heruntergewohntes Häuschen sanieren und umbauen lässt, dem winkt beileibe nicht nur die Lust am Planen. Sobald die Baumaßnahmen beginnen, bekommt er es sehr konkret mit Handwerkern der unterschiedlichsten Gewerke zu tun. Was bei einem Neubau für die eine oder andere Diskussion sorgt und im Detail mitunter zu Korrekturen zwingt, das wird im Falle einer Sanierung schnell zu einem zermürbenden Kampf gegen die Übermacht des Faktischen.

Sind gleich mehrere Zimmer oder gar ganze Stockwerke betroffen und rücken Gerüstbauer, Tiefbauer, Zimmerleute, Dachdecker, Spengler, Elektriker, Parkettleger und Maler mehr oder weniger gleichzeitig an, so gilt es nicht nur, im Minutentakt handwerkliche und ästhetische Entscheidungen zu treffen, es gilt, sich inmitten des handfesten Treibens einen Überlebensraum zu sichern und die Substanz der vorhandenen Räume vor Schaden zu bewahren. Man glaubt zwar, man sei noch immer der Bewohner der Behausung, doch muss man bald einsehen: Man ist bestenfalls Gast auf einer Baustelle.

Die Erfahrungen, die man – im Bemühen, einen geordneten Ablauf der Bauarbeiten zu organisieren, Termine aufeinander abzustimmen und allzu große Beschädigungen zu vermeiden – mit den einzelnen Gewerken machen kann, könnten unterschiedlicher kaum sein. Schnell merkt man: Offenbar gibt es einen innigen Zusammenhang zwischen der jeweiligen Tätigkeit und dem Verhalten und Auftreten derer, die sie ausführen.

Soll beispielsweise eine Wand herausgebrochen werden, so lässt sich der Wucht, mit der so etwas vonstatten geht, nur schwer etwas entgegensetzen. Trotz guten Willens wollen Handwerker – auch sie stehen permanent unter Termindruck – ihre Aufgaben so erfüllen, wie sie es gewohnt sind. Da kommen nicht nur die Proportionen eines neuen Gaubendaches oder die Unversehrtheit des achtsam gepflegten Parketts leicht unter die Räder. Auch wenn Handwerker heute in der Regel ebenso zivilisierte wie verständige Partner sind, die nicht nur mit Hammer, Meißel, Säge, Spachtel und Pinsel, sondern auch mit Abdeckplane und Staubsauger umzugehen wissen, so muss man doch einsehen: Bauen hat etwas Archaisches. Bauen nimmt alles in Beschlag. Bauen, besonders Umbauen, schafft Fakten, ob sie einem nun gefallen oder nicht.

Zuallererst fallen die Gerüstbauer über den Garten her wie eine feindliche Armee, die grußlos das umgepflügte Schlachtfeld verlässt, auf dem reihenweise zertrampelte und von eisernen Rohren niedergestreckte Hecken, Rosen und Bäume zurückbleiben wie von Schwertern zermalmte Feinde. Flink wie Besatzer rücken die anderen nach, befreien das Haus von Ziegeln und Dach, von Wänden und Balken, ja im Grunde von allem, was nicht in Sicherheit gebracht, weggeräumt oder versteckt wurde. Zumindest kommt es dem ehemaligen Hausherrn so vor, der von nun an nur noch ein geschlagener Feldherr ist, dessen Kapitulationsurkunde aus Stundenzetteln besteht, die er zu unterzeichnen hat. Bis, oh Wunder, nach einigen Wochen, mit einem Male der Wiederaufbau beginnt. Nicht, dass es jetzt weniger Lärm, Staub und Dreck gäbe, doch erscheint, was düster daherkam, nun doch in den helleren Farben der Hoffnung. Und doch: Versucht der Bauherr mit dem Mut der Verzweiflung mal wieder zu retten, was nicht zu retten ist, so bekommt er vom Architekten abermals nichts als die ungeschminkte Wahrheit entgegengeschleudert: „Ich weiß nicht, was Sie haben? Wir sind schließlich auf einer Baustelle!“

Und nun der Kontrast. Er könnte kaum deutlicher ausfallen. Was aus Lärm und Staub geboren, dem Feind in einer Schlacht abgetrotzt und dem Morast entwunden wurde, auf einer Fotografie in einschlägigen Magazinen wirkt es plötzlich edel, luxuriös und vor allem „clean“. Was Bauherren jeder Couleur erdulden mussten, hier tritt es einem unbeteiligten Betrachter in Form einer einzigen Verlockung entgegen, weckt seine Wünsche und heizt sein Begehren an. Millionenfach zirkulieren vollkommen lärm- und staubfreie, saubere und geruchlose Bilder von Gebäuden aller Art im Netz, in großformatigen Bildbänden – und in unseren Köpfen. Und am Ende sind wir froh, dass dem so ist.

Denn eben weil die Bilder lügen, müssen wir den Staub tanzen, die Wände fallen und edle Pflanzen brechen sehen, müssen wir hinabsteigen in den Morast der Baustelle, um die Bilder wahr werden zu lassen. Mag die Differenz zwischen der Realität des Bauens und der Realität der Bilder so fundamental sein wie nie zuvor, dem Architekten dient sie als Quelle der Inspiration. Sich an die Mühen zu erinnern, die aus Dreck, Staub und Lärm ein wohnliches Gehäuse formen, kann also nicht schaden. Auch, weil es weder Architekten noch Fotografen sind, die saubermachen.
Architektur › 2013 › November
Schöner Wohnen, staubgeboren
von Thomas Wagner | 22. November 2013
Saubere Hochglanzbilder schöner Bauten und schicker Wohnräume - im Medienzeitalter dominiert auch in der Architektur das Bild. Wer aber sein Haus oder seine Wohnung tatsächlich umbauen lässt, der wird plötzlich ganz handfest mit Lärm, Staub, Schmutz und ihren Verursachern konfrontiert.
Betrachten wir die Architektur einmal von ihrer praktischen Seite. Nicht als Ergebnis, sondern als mühsamen Prozess. Nicht als Plan oder Bild, sondern als Baustelle. Wer sich heutzutage als Bauherr ein Eigenheim bauen oder sein etwas heruntergewohntes Häuschen sanieren und umbauen lässt, dem winkt beileibe nicht nur die Lust am Planen. Sobald die Baumaßnahmen beginnen, bekommt er es sehr konkret mit Handwerkern der unterschiedlichsten Gewerke zu tun. Was bei einem Neubau für die eine oder andere Diskussion sorgt und im Detail mitunter zu Korrekturen zwingt, das wird im Falle einer Sanierung schnell zu einem zermürbenden Kampf gegen die Übermacht des Faktischen.

Sind gleich mehrere Zimmer oder gar ganze Stockwerke betroffen und rücken Gerüstbauer, Tiefbauer, Zimmerleute, Dachdecker, Spengler, Elektriker, Parkettleger und Maler mehr oder weniger gleichzeitig an, so gilt es nicht nur, im Minutentakt handwerkliche und ästhetische Entscheidungen zu treffen, es gilt, sich inmitten des handfesten Treibens einen Überlebensraum zu sichern und die Substanz der vorhandenen Räume vor Schaden zu bewahren. Man glaubt zwar, man sei noch immer der Bewohner der Behausung, doch muss man bald einsehen: Man ist bestenfalls Gast auf einer Baustelle.

Die Erfahrungen, die man – im Bemühen, einen geordneten Ablauf der Bauarbeiten zu organisieren, Termine aufeinander abzustimmen und allzu große Beschädigungen zu vermeiden – mit den einzelnen Gewerken machen kann, könnten unterschiedlicher kaum sein. Schnell merkt man: Offenbar gibt es einen innigen Zusammenhang zwischen der jeweiligen Tätigkeit und dem Verhalten und Auftreten derer, die sie ausführen.

Soll beispielsweise eine Wand herausgebrochen werden, so lässt sich der Wucht, mit der so etwas vonstatten geht, nur schwer etwas entgegensetzen. Trotz guten Willens wollen Handwerker – auch sie stehen permanent unter Termindruck – ihre Aufgaben so erfüllen, wie sie es gewohnt sind. Da kommen nicht nur die Proportionen eines neuen Gaubendaches oder die Unversehrtheit des achtsam gepflegten Parketts leicht unter die Räder. Auch wenn Handwerker heute in der Regel ebenso zivilisierte wie verständige Partner sind, die nicht nur mit Hammer, Meißel, Säge, Spachtel und Pinsel, sondern auch mit Abdeckplane und Staubsauger umzugehen wissen, so muss man doch einsehen: Bauen hat etwas Archaisches. Bauen nimmt alles in Beschlag. Bauen, besonders Umbauen, schafft Fakten, ob sie einem nun gefallen oder nicht.

Zuallererst fallen die Gerüstbauer über den Garten her wie eine feindliche Armee, die grußlos das umgepflügte Schlachtfeld verlässt, auf dem reihenweise zertrampelte und von eisernen Rohren niedergestreckte Hecken, Rosen und Bäume zurückbleiben wie von Schwertern zermalmte Feinde. Flink wie Besatzer rücken die anderen nach, befreien das Haus von Ziegeln und Dach, von Wänden und Balken, ja im Grunde von allem, was nicht in Sicherheit gebracht, weggeräumt oder versteckt wurde. Zumindest kommt es dem ehemaligen Hausherrn so vor, der von nun an nur noch ein geschlagener Feldherr ist, dessen Kapitulationsurkunde aus Stundenzetteln besteht, die er zu unterzeichnen hat. Bis, oh Wunder, nach einigen Wochen, mit einem Male der Wiederaufbau beginnt. Nicht, dass es jetzt weniger Lärm, Staub und Dreck gäbe, doch erscheint, was düster daherkam, nun doch in den helleren Farben der Hoffnung. Und doch: Versucht der Bauherr mit dem Mut der Verzweiflung mal wieder zu retten, was nicht zu retten ist, so bekommt er vom Architekten abermals nichts als die ungeschminkte Wahrheit entgegengeschleudert: „Ich weiß nicht, was Sie haben? Wir sind schließlich auf einer Baustelle!“

Und nun der Kontrast. Er könnte kaum deutlicher ausfallen. Was aus Lärm und Staub geboren, dem Feind in einer Schlacht abgetrotzt und dem Morast entwunden wurde, auf einer Fotografie in einschlägigen Magazinen wirkt es plötzlich edel, luxuriös und vor allem „clean“. Was Bauherren jeder Couleur erdulden mussten, hier tritt es einem unbeteiligten Betrachter in Form einer einzigen Verlockung entgegen, weckt seine Wünsche und heizt sein Begehren an. Millionenfach zirkulieren vollkommen lärm- und staubfreie, saubere und geruchlose Bilder von Gebäuden aller Art im Netz, in großformatigen Bildbänden – und in unseren Köpfen. Und am Ende sind wir froh, dass dem so ist.

Denn eben weil die Bilder lügen, müssen wir den Staub tanzen, die Wände fallen und edle Pflanzen brechen sehen, müssen wir hinabsteigen in den Morast der Baustelle, um die Bilder wahr werden zu lassen. Mag die Differenz zwischen der Realität des Bauens und der Realität der Bilder so fundamental sein wie nie zuvor, dem Architekten dient sie als Quelle der Inspiration. Sich an die Mühen zu erinnern, die aus Dreck, Staub und Lärm ein wohnliches Gehäuse formen, kann also nicht schaden. Auch, weil es weder Architekten noch Fotografen sind, die saubermachen.