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Schwarze Löcher im urbanen Zeigeraum
von Thomas Edelmann | 27. April 2011
Wer im April der Möbel wegen nach Mailand reist, muss intensiv das Messegelände, weit draußen im Nordwesten durchstreifen, kommt aber auch nicht drum herum, Kulminationspunkte zu besuchen, die über die Stadt verstreut sind. Weniger denn je gibt es eine Chance, auch nur die wichtigsten Plätze, Inszenierungen und Ausstellungen zu sehen oder sich gar ein annähernd vollständiges Bild der Saloni wie der Fuori zu machen. 5.300 Journalisten haben sich bei der Messe registriert. Die Events nehmen überhand, die Szene implodiert. Design sehen und verstehen in Mailand: Das ist heute in erster Linie ein Logistikproblem, denn der Mailänder Nahverkehr ist im Grunde nicht dafür gemacht, zusätzlich zu den 1,3 Millionen Bewohnern der Stadt auch noch rund 320.000 Messegäste zu befördern. Ganz gleich welches Verkehrsmittel man wählt: Die historische Stadt widersetzt sich der hektischen Bewegung von Nord nach Süd und umgekehrt.

Vom Experiment zur Lösung

Rigide Auswahl und freiwillige Selbstbeschränkung sind die Folge. Was bleibt, ist ein Gefühl persönlichen Versagens. Selbst nach Tagen hat man anscheinend gar nichts gesehen. Wie im Supermarkt sucht der geschulte Besucher vertraute Plätze auf, wo er sich Neues und Überraschendes erhofft. Wie im Supermarkt wird aber auch die Stadt beständig umsortiert, wird das Sortiment erweitert und auf seine Verkäuflichkeit hin optimiert. Was Mailand als internationales Mekka der Einrichtungsbranche auszeichnete, war bislang, dass man sehen, anfassen, ausprobieren und besprechen konnte, was es sonst nirgends gab. Drei unterschiedliche Arten von Design sind in Mailand zu entdecken, zu registrieren und einzuschätzen: Erstens: Die ungewöhnliche Inszenierung. Zweitens: Das Experiment, fernab der Serienproduktion. Drittens: Das verkaufsfertige Produkt. Im Vordergrund steht die Verkaufsförderung, die Werbung für Marken, Karrieren und Ideen. Das war nicht immer so. Die kulturelle, die kritische, widerständige Seite des Design, die Zusammenhänge entschlüsseln hilft und – wie vorläufig auch immer – Lösungen und Konzepte anbietet, war lange prägend für die Mailänder Szenerie.

Noch 1985 konnte der junge römische Architekt Vittorio Magnago Lampugnani mit einigem Recht behaupten: „Das Mailänder Design gilt als das beste der Welt, besonders schön, besonders elegant, besonders erlesen.“ Dabei benannte er durchaus auch Krisen, Umbrüche und innere Widersprüche des italienischen Designs. Zentraler Ort der Auseinandersetzung war lange die Triennale, nicht wie heute als ein Ort unter vielen, sondern eine übergreifende thematische Veranstaltung, die der Richtungssuche diente. Noch bei der IX. Triennale 1951 spielte der Neorationalismus der Nachkriegszeit etwa mit Entwürfen von Vico Magistretti und Franco Albini – um nur zwei heute noch bekannte Protagonisten zu nennen –, eine bestimmende Rolle. Insofern ist es interessant, dass Albinis Hängeregal „Veliero“ (1940) bei Cassina und der simple Sessel „Piccy“ (1946) bei Campeggi nun neu erscheinen. Später wurden künstlerische Konzepte stärker betont. Zur Möbelmesse reisten einige wenige Interessierte aus aller Welt im Spätsommer nach Mailand. Dort traf man sich in den schattigen Innenhöfen zu Wein und intensiven Gesprächen.

Design als Nachricht

Anfang der achtziger Jahre wurden die Karten neu gemischt. Die Präsentation der Designgruppe Memphis geriet zum Spektakel. „Wer ‚Memphis’ gesehen hatte, fühlte sich informiert, überzeugt, inspiriert, mit Neuheiten versorgt und mit einem neuen Trend versehen, schlicht gesagt: eingeweiht“, konstatierte 1981 die damals eher betuliche deutsche Zeitschrift „form“, nicht ohne mahnend den Zeigefinger zu erheben: „Darf ein Möbel nicht mehr wie ein Möbel aussehen, um beachtet zu werden? … Ist eine derartige Übersättigung eingetreten, dass nur noch das Extreme zählt?“

Die Stadt als Kulisse

Inszenierungen und Produktpräsentationen mischten die Verhältnisse der Stadt auf. Längst verlassene Orte der Industrieproduktion des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und solche, deren Umgestaltung gerade wieder begonnen hatte, wurden zum Schauplatz eindrucksvoller Events, die freilich noch nicht so hießen. Den Anfang machte 1983 die Mailänder Modeszene: Der Art Director der italienischen Vogue, Flavio Lucchini, und der Fotograf Fabrizio Ferri nutzten ein ehemaliges Lokomotivdepot nahe der Stazione Genova im Südwesten Mailands als Fotostudio: Das Superstudio Più war geboren. Bald darauf mieten sich Galerien in kleinen Läden ein. Kleine und große Industriebrachen öffneten sich den Events. Die weitgehend verlassene, trostlose Gegend, zwischen Bahnhof und Bahngleisen im Südosten, der Via Tortona, die sich an Industriebauten, Garagen, Werkstätten und kleinen Hofbetrieben entlang zieht und dem Naviglio Grande, dem Kanal im Süden des Gebiets, bot den denkbar größten Kontrast zur Glamourwelt der Mode und des Design und wuchs zur „Zona Tortona“ heran. Während die Mode seit jeher auf Exklusivität und Abgrenzung bedacht war, öffneten sich die Designmarken dem Mailänder wie dem internationalen Publikum. Legendär die Partys, die Giulio Cappellini im Superstudio Più Ende der neunziger Jahre veranstaltete. Rauchend und trinkend vergnügte sich die Mailänder „Jeunesse dorée“ bis in die Nacht unter silbernen Heliumballons auf den exklusiven, teuren Möbeln, die anschließend nicht mehr zu gebrauchen waren. Wenige Meter entfernt, in der Via Stendhal, richtete Designer Stefano Giovannoni das einstige Turbinen-Testgebäude Riva Calzoni für sich her. Neben seinem Studio gibt es dort nun Räume für Präsentationen. Dort zeigte er seine erste Alessi-Kollektion fürs Bad. Kurz darauf nahm Giulio Cappellini hier Abschied von seiner eigenständigen Marke und gliederte sie dem Private Equitiy Fond „Charme“ ein, der seine eleganten Möbel im „Milano Design Village“ in der nahe gelegenen Via Savona präsentiert. Spannend war eine gewisse Balance zwischen Markenherstellern und experimentellen Ansätzen, zwischen Masse und Kritik.

Umbau der Industriezonen

„Transformation“, „Evolution“ sind Begriffe, mit denen die Zeitschrift Interni – Teil des Medienimperiums von Silvio Berlusconi und professioneller Veranstaltungspartner der „Fuori“ – den Wandel des Designs und den Wandel von Mailand beschreiben. Transformation und Evolution haben auch die Zona Tortona ergriffen. Das riesige Fabrikgelände Ex-Ansaldo zwischen Via Savona und Via Tortona wurde von der Stadt gekauft. Bald dürfte es zu einem neuen Anziehungspunkt werden, denn David Chipperfield errichtet dort auf 45.500 Quadratmetern einen Museumskomplex für außereuropäische Kulturen und das CASVA Visual Arts Study Center sowie ein Archäologisches Museum. Bereits vor zwei Jahren entstand am westlichen Ende der Via Tortona auf einem ehemaligen Fabrikgelände ein Gebäudekomplex von Matteo Thun; am östlichen baute Tadao Ando für Armani.

Die Zona Tortona war also geschaffen. Schon in den letzten Jahren professionalisierte sich die Vermarktung des Gebietes und die Inhalte wurden nicht unbedingt spannender. Die Zona Tortona sei tot, behaupteten schon 2010 jene Besucher, die nach einfallsreichen, inspirierenden Experimenten Ausschau hielten und sich von den etablierten Projekten gelangweilt fühlten. Da sich das Superstudio Più unter der Leitung von Eignerin Gisella Borioli verselbständigte und nicht mehr wie der Rest der Zona Tortona inklusive PR von dem Unternehmen DesignPartners vermarktet wurde, ging diesem das Geld aus. Zudem wurde deren Geschäftsführer Maurizio Ribotti verhaftet, nachdem er unter dubiosen Umständen per Kuriersendung ein Paket mit 440 Gramm Kokain ins Büro geliefert bekam. Aus der „Zona Tortona“ mit rundem roten Logo wurde die „Tortona Design Week“ mit einer schwarzen Fabriksilhouette. Allein die Superstudios in der Via Tortona 13 und 27 zählten 2011 rund 112.000 Besucher, was einem Drittel der Messebesucher entspricht.

Unterwegs im Tortona-Viertel

Bei Giovannoni in der Via Stendhal errichtete Tom Dixon ein temporäres Restaurant und stellte die passenden Kleinmöbel vor – von der Leuchte bis zum Stuhl. Zu den überzeugendsten Modellen im „Milano Design Village“ gehörten das schon zitierte Hängeregal „Veliero“ von Franco Albini sowie aktuelle Entwürfe von Nendo, der hier wie stets sein Spiel mit der Frage der Sichtbarkeit trieb. Nebenan baute Dedon ein Stück New Yorker High Line nach. Eine perfekte Kulisse für die nestartigen Outdoor-Möbel aus Lüneburg. Schräg gegenüber ließ es das italienisch-libanesisch-japanische Architekturbüro DGT aus Paris für Toshiba LED-Licht und Wasser regnen.

Wenn es denn welche gab, zählte zu den Höhepunkten des „Temporary Museum for New Design“, für das Giulio Cappellini beratend wirkte, die Präsentation der neuen Diesel Home Collection (realisiert mit Foscarini, Moroso und Zucchi). Gut gemacht, wenig aufregend, teilweise selbstironisch. Ach ja, und hier erklärt gerade Kurator Beppe Finessi die Installation von Foscarini von Vicente Garcia Jiminez. Schön anzusehen, ja. Trotzdem: Jetzt nur schnell weiter. Die Polstermöbelkollektion „Comforty“ aus Polen sucht unter Art Director Tomek Rygalik eine neue Identität. Immerhin 3.000 Arbeiter sind in der Fabrik nahe Kalisz tätig. Nach der Schau über „Young Creative Poland“ von Miska Miller Lovegrove 2010 in der Triennale, veranstaltete „Comforty“ einen Workshop zum Thema Klassiker der Zukunft. Wenig glamourös? Richtig. Aber ein Designwettbewerb unter Beteiligung von Patricia Urquiola mit nüchtern-realistischen Ergebnissen von polnischen und externen Designern.

Geradezu verwirrend vielfältig präsentieren sich die Schweden auf deutlich mehr Raum als in den Vorjahren. „Swedish Love Stories“ – organisiert von Svensk Form und gestaltet von no picnic – widmete sich der Landschaft Västra Götaland. Um eine Art offene Hausstruktur in der Mitte des Raumes gruppierten sich Dinge, die man hier erwartete: Textilien, Holz, Glas und Keramik. Was erstaunlich gut gelungen ist: Einen gemeinsamen Auftritt mit vielen Einzelausstellern harmonisch erscheinen zu lassen.

Das war’s auch schon an diesem Ort. Halt, nein, schnell noch ins Obergeschoss zur dänischen Leuchtenmarke &tradition und zu Inch-Furniture (Thomas Wütrich und Yves Raschle) aus der Schweiz, die in Shanghai 2010 den Schweizer Pavillon ausgestattet haben. Ihre Möbel sehen aus wie alte Bekannte aus den fünfziger Jahren. Aber sind doch etwas massiver und mit aktuellen Fertigungstechniken hergestellt. Schweizer Qualität, selten in Mailand. Neu dabei Designer Frederic Dedelly mit dem Tisch „Papat“.

Bohemian Rhapsody

Zu den ruhigen, sehenswerten Orten gehört die Via Tortona 31 mit ihrem Hinterhof. Hier hat e15 seinen Showroom. Und Stefan Diez zeigt Erweiterungen des Programms. Ein neuer Sessel in neuem Format mit passendem Hocker etwa. Weiter hinten im Showroom von Gandia Blasco gibt es gar ein Outdoor-Sofa von Diez zu sehen. Aber: Noch nicht fertig. Bitte nicht fotografieren! (Hält sich jemand daran?). Noch nicht fertig: „Bohemian Rhapsody“, die Inszenierung von Lasvit, einer tschechischen Glasmanufaktur. (Mir fällt sofort Freddie Mercury im weißen Anzug am Flügel ein; langsam und eng tanzen!). Wie man auf dem Messestand sieht, können sie Glasobjekte in allen Größen bauen, bis hin zum Atrium bei Tiffany in Peking. Und in allen Formen, mal kitschig, mal erlesen. Hier in der Zona Tortona gibt es ein kristallines Objekt von Mathieu Lehanneur, eine eingefrorene Farbexplosion von Fabio Novembre und ein ephemeres Lichtobjekt von Nendo zu sehen. Weniger spektakulär, aber gut: Die slowenische Leuchtenmarke Vertigo Bird, unter anderen mit neuen Entwürfen von Mathias Hahn aus London („Jinn“) und Uli Budde aus Berlin („Balloon“). Ungewohnt düster fiel die Schau der französischen Designstiftung VIA aus. Die Carte Blanche, den Hauptpreis der Stiftung, erhielten diesmal Gaëlle Gabillet & Stéphane Villard, die mit schwarzen Haushaltsgegenständen eine Endzeitvision heraufbeschwören. Schwarze Löcher im Heim: Irritierend, ironisch und nur wenig trostreich.
Air Vase von Torafu Architect für Neoreal Wonder Installation von Canon
Sekitei von Nendo für Cappellini
POH von Raphael Navot für Cappellini
Kai Linke für &tradition
Shuffle Table MH1 von Mia Hamborg für &tradition
Bei Inchfurniture
Diesel Home Collection
Zugang zur Zona Tortona
Mini Installation im Superstudio
Installation bei Toshiba
Installation vom Architekturbüro DGT aus Paris für Toshiba
Installation Metamorphosis von Foscarini im Superstudio in der Zona Tortona
Metamorphosis von Foscarini
Tom Dixons temporäres Restaurant in der Via Stendhal
Etch von Tom Dixon
Molo Design
Veliero von Franco Albini für Cassina
Veliero von Franco Albini für Cassina
Diesel Home Collection
Diesel Home Collection
In der Zona Tortona
Installation bei Toshiba