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Seelenheiler mit Herz und Verstand
von Annette Tietenberg | 26. März 2016
Die Sonne ist eines der Lieblingsmotive von Girard: Entwürfe für Streichholzschachteln. Foto © Nachlass Alexander Girard, Vitra Design Museum
Nach Ausstellungen zu Charles und Ray Eames, Isamu Noguchi und George Nelson richtet das Vitra Design Museum nun einem weiteren Designer eine Retrospektive aus, der jahrzehntelang die Produktpalette und das Erscheinungsbild des Möbelherstellers Herman Miller geprägt hat. Alexander Girard (1907 bis 1993) war bisher der große Unbekannte dieses Kapitels der Designgeschichte, wird es aber wohl nicht mehr lange bleiben.

Vor zwanzig Jahren überließ die Familie Girard dem Vitra Design Museum, genauer gesagt, dem damaligen Vitra Chairman Rolf Fehlbaum sowie dem ersten Museumsdirektor Alexander von Vegesack, den privaten Nachlass des amerikanischen Innenarchitekten und Textildesigners. Seither wurden die mehr als 5.000 Zeichnungen und 7.000 Fotografien, die Textilmuster, Notizen, Skizzen, Briefe und Objekte, die sich bis zu Girards Tod im Jahr 1993 in seinem Studio in Santa Fe angesammelt hatten, sorgfältig erforscht, katalogisiert und inventarisiert. Nun ist es endlich soweit: Die grandiose Ausstellung „Alexander Girard. A Designer’s Universe“ und ein dazu gehöriger, lesefreundlich gestalteter, mehr als 500 Seiten starker Katalog, der neben aufschlussreichen Aufsätzen ein solides Werkverzeichnis enthält, laden dazu ein, all die Schätze zu bewundern, die bislang im Archiv schlummerten.
Alexander Girard und seine Familie mit Objekten aus seiner „Folk Art“-Kollektion, 1952. Foto © Ezra Stoller/Estostock
Poster für die Volkskunst-Ausstellung „The Nativity“, Nelson Gallery of Art, 1962. Foto © Nachlass Alexander Girard, Vitra Design Museum
Tatsächlich, ein ganzes Universum tut sich auf. Die Reise beginnt mit einem Blick auf Landkarten, Wappen, Flaggen, Briefmarken, Geldscheine und Dokumente in selbst erdachter Geheimsprache, die Girard als Schüler während des Ersten Weltkriegs, als er in England ein Internat besuchte, für seinen imaginären Sehnsuchtsort „Celestia“, auch „Republik of Five“ genannt, entworfen hat. Weiter geht’s, vorbei an sorgsam beschrifteten Ordnern und Kartons, in denen Stoffmuster aufbewahrt werden, an Stühlen, Sesseln, Geschirr und Servietten, am Logo der Fluggesellschaft Braniff International. Die Reise endet inmitten einer überbordenden Sammlung von Masken, Weihnachtskrippen, Puppenhäusern und Schattenfigurinen aus aller Welt , die Girard dem International Folk Art Museum in Santa Fe überließ. Indem sie größtmögliche Heterogenität in Szene setzt, macht die Ausstellung nicht nur mit Girards „Werken“ im traditionellen Sinne, sondern auch mit seinen spielerisch-verträumten Anfängen und seinen vielfältigen multiethnischen Inspirationsquellen vertraut.

Alexander Girard darf man getrost als einen Kosmopoliten und Universalisten bezeichnen. Er war sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten zu Hause, bereiste Mittel- und Südamerika, Indien und Japan, den Libanon, Syrien, Ägypten und die Türkei, betätigte sich als Innenarchitekt, Textildesigner und Ausstellungskurator. Für einen Designer scheint er erstaunlich uneitel gewesen zu sein. Angesichts seiner Stationen, seiner Auftraggeber und seiner Vorliebe, in wechselnden Teams zu arbeiten, darf man vermuten, dass es ihm wichtiger war, stimmige Ergebnisse abzuliefern als im Rampenlicht zu stehen.
Folgerichtig zitiert der Kurator Jochen Eisenbrand im Katalog eine Quelle aus dem Jahr 1962, worin Girard als „Seelenheiler“ bezeichnet wird, da es ihm vergönnt gewesen sei, aus Objekten, Farben, Texturen und Oberflächen derartig geschickt auszuwählen, dass sich wie von selbst Wohlbefinden ausbreitete. Sein Freund Charles Eames hingegen verpasste ihm aufgrund seiner ausgeprägten Sammelleidenschaft und seiner italienischen Abstammung den Ehrentitel „florentinische Elster“ – fügte aber hinzu, dass es „wohl keinen Designer unserer Zeit gibt, der sich mehr mit der Auswahl schöner Dinge und ihrer Beziehung zu dem uns umgebenden Raum beschäftigt, als Girard.“
Girard interpretierte Textilien als Rohmaterial: Ausstellungsansicht „Alexander Girard. A Designer’s Universe“. Foto © Vitra Design Museum, Mark Niedermann
Im Jahr 1907 in New York geboren, wächst Alexander Girard, kurz Sandro genannt, in Florenz auf, wo seine Eltern mit Antiquitäten handeln. Im Anschluss an ein Studium an der School of Architecture in London, einer Präsentation eigener Entwürfe bei der Weltausstellung in Barcelona und einer Anstellung als Designer im Kaufhaus Nordiska in Stockholm erwirbt er ein Diplom an der Scuola reale di architettura in Rom, arbeitet in Paris für den Architekten John W. Chandler und eröffnet schließlich 1932 in seiner Geburtstadt New York ein Planungsbüro für Innenarchitektur. Nach Abschluss eines weiteren Studiums an der New York University darf er sich Registered Architect nennen und seine Entwürfe mit einem entsprechenden Prägestempel versehen. 1943 beauftragt ihn der Radiohersteller Detrola in Detroit mit der Neugestaltung der Kantine und ist so zufrieden mit dem Ergebnis, dass er Girard in der Folge die Position des Chefdesigners offeriert. Girard nimmt das Angebot an, zieht zusammen mit seiner Frau Susan nach Grosse Pointe, einem Vorort von Detroit, eröffnet zudem einen eigenen Design Shop – und beginnt mit dem Material Sperrholz zu experimentieren. Kein Wunder, dass er bald darauf Charles Eames und Eero Saarinen über den Weg läuft, die im nahe gelegenen Bloomfield Hills an der Cranbrook Academy of Art studieren.

Als Garanten für „Good Design“ beauftragt ihn das Detroit Institute of Art 1949 mit der Konzeption der Ausstellung „For Modern Living“. Daran schließt sich 1950 die Gestaltung der Wanderausstellung „Design for Use, U.S.A.“ an, die das Museum of Modern Art auf Tournee durch ganz Europa schickt. Ein Jahr später steigt Girard auf Vorschlag von Charles Eames und George Nelson zum Leiter der neu gegründeten Textilabteilung beim Möbelhersteller Herman Miller auf. Hier nun bietet sich ihm die Chance, atemberaubende Muster zu entwerfen, die bis heute heiß begehrt sind und von Textildesignern wie Paul Smith und Hella Jongerius aufgegriffen und weiterentwickelt werden.

Während Textilkünstlerinnen wie Anni Albers und Gunta Stölzl, die am Bauhaus ausgebildet worden waren, zu jener Zeit darauf abzielten, die Materialeigenschaften gewebter Stoffe zur Wirkung zu bringen, interpretierte Alexander Girard Textilien – ganz im Sinne von Gottfried Sempers Stoffwechseltheorie – als Rohmaterial. Er ließ die Stoffe bedrucken, konzentrierte sich auf geometrische Muster, orientierte sich an den klaren Konturen der Scherenschnitte von Henri Matisse und setzte stark leuchtende, kontrastreiche Farben ein, deren dissonante Kombinationen wie Magenta und Orange bis dahin als „unmöglich“ galten.
In Girards Sofagrube im Miller House in Columbus, Indiana, sollten die Kissenbezüge möglichst oft wechseln.Foto © Balthazar Korab courtesy of The Library of Congress
Bunte Abwechslung: In der Ausstellung wurde die Sitzmulde aus dem Miller House nachgebaut. Foto © Vitra Design Museum, Mark Niedermann
Neben Musterbüchern und Stempeln sind in der Ausstellung auch die Stoffe selbst präsent, und zwar in Form von Möbelbezügen, Wandbildern und Raumverspannungen. Nachgebaut wurde zudem die elegante Sofagrube, die Girard für das Irwin und Xenia Miller House in Columbus, Indiana, entworfen hat. Nicht der Fixierung eines Idealzustands, sondern dem Élan vital verpflichtet, animierte Girard die Bewohner des Hauses einstmals dazu, die Bezüge und Kissen der Sitzmulde je nach Jahreszeit, Licht, Lust und Laune zu wechseln.

Um den aus seiner Sicht notwendigen kulturellen Kontext zu schaffen, fertigte er für seine Auftraggeber obendrein eine Liste mit geeigneten Sammelgegenständen an, die im Regal – und damit vom Sofa aus in Sichtweite – unterzubringen waren. Die Referenzobjekte kamen aus 44 Ländern, darunter war Kunsthandwerk der Amish, eine Wanduhr im französischen Landhausstil, Tanzstäbe der Hopi-Indianer, Vögel aus Murano-Glas, eine orientalische Laute, ein englisches Kästchen mit Marmorintarsien und mexikanische milagros aus Zinn. Den Grundsatz, dem Girard bei der Einrichtung von Innenräumen folgte, fasste er im Jahr 1966 anlässlich der Verleihung des Elsie-de-Wolf-Preises folgendermaßen in Worte: „Neben Liebe ist Verstand die wichtigste Zutat bei der Ausstattung des Heims (...) und beides zusammen sollte ‚Angemessenheit’ ergeben.“
Wo nicht nur Azteken speisten: Das Restaurant „La Fonda del Sol“ in New York City, das Girard 1960 gestaltete. Foto © Louis Reens
Ob als Interior-Designer von Wohnhäusern oder von New Yorker Themenrestaurants wie dem von einer pseudo-aztekischen Sonnenscheibe beschienenen „La Fonda del Sol“ und dem französischen Haute-Cuisine-Tempel „L’Etoile“, der so futuristisch unterkühlt aussah, als hätte er als Vorlage für das Haus der Familie Arpel im Film „Mon Oncle“ von Girards Zeitgenossen Jacques Tati gedient – stets wusste der Szenograf Girard Orte zu schaffen, an denen sich Narrationen entfalten konnten. So komponierte er für das Verwaltungszentrum des Landmaschinenherstellers John Deere in Moline, Illinois, ein sechzig Meter langes Wandbild, dessen Vorlagen aus Hunderten von vorgefundenen Objekten und Bildern bestehen. Schrauben und Werkzeuge, Werbeelemente und Fotografien legen anschaulich Zeugnis von der Firmengeschichte ab – von der Entwicklung des ersten Stahlpflugs bis zum Beginn der Traktorenherstellung.

Der Zeitpunkt der Retrospektive hätte nicht besser gewählt sein können. Denn gerade jetzt ist Alexander Girards Prinzip Collage wieder hoch aktuell, vermag es doch mit der Ideologie des ‚Neuen’, von der die Moderne getragen war, ebenso zu brechen wie mit der Gleichgültigkeit des anything goes der Postmoderne. Das Selbstentworfene und das Vorgefundene, das Spiegelblanke und das von Gebrauchsspuren Gezeichnete gehen bei Girard eine harmonische Verbindung ein. Den Interieurs werden gezielt Bezüge zu verschiedenen Epochen und Regionen der Erde implementiert. Ein solches diskursives Geflecht aber verweist letztlich weniger auf den Designer als vielmehr auf den Sammler, der all diese Trophäen kultureller Vereinnahmung sein eigen nennen darf. Wer sich so einrichtet, der wird Hybridität zu schätzen wissen, ja, der vermag die Tradierungen, Transfers, Entwurfs- und Aneignungsprozesse zu entschlüsseln, von denen die Gegenstände zeugen, die sich temporär im Interieur zusammengefunden haben.
Der Geist der Zusammengehörigkeit, der dort weht, wo erzählt wird, hat auch im Vitra Design Museum Einzug gehalten: Zur Eröffnung führten Girards eigens angereiste Enkel durch die Ausstellung. Sie fügten den dort präsentierten Ausstellungsstücken Erinnerungssplitter an jene freundlich-gastliche Atmosphäre hinzu, von denen die Räume, in denen ihre Großeltern lebten, stets durchdrungen waren.

Alexander Girard. A Designer’s Universe
Vitra Design Museum, Weil am Rhein
bis 29. Januar 2017
Katalog hrsg. von Matteo Kries u. Jochen Eisenbrand
512 Seiten, geb., ca. 530 Abb., dt./engl.,
69,90 Euro

www.design-museum.de
www.girardstudio.com
Ob Poster, Objekte oder Textilien: Alexander Girard darf man getrost als einen Kosmopoliten und Universalisten bezeichnen. Foto © Vitra Design Museum, Mark Niedermann
Zur Eröffnung führten Girards eigens angereiste Enkel Kori Girard und Aleishall Girard durch die Ausstellung. Foto © Annette Tietenberg
Seine Ethnologica-Sammlung hat Girard dem International Folk Art Museum in Santa Fe überlassen. Foto © Annette Tietenberg
Poncho, entworfen von Rudi Gernreich und Alexander Girard. Foto © Charles Eames, Nachlass Alexander Girard, Vitra Design Museum
Teppich und Stoffe im Miller House, Columbus, Indiana. Foto © Balthazar Korab courtesy of The Library of Congress
Girls, Environmental Enrichment Panel # 3001, Alexander Girard für Herman Miller, 1971, © Vitra Design Museum. Nachlass Alexander Girard
Daisy Face, Environmental Enrichment Panel # 3036, Alexander Girard für Herman Miller, 1971, © Vitra Design Museum, Nachlass Alexander Girard
Produkte
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Kissen Maharam Millerstripe
Alexander Girard
News & Stories › 2016 › März
Seelenheiler mit Herz und Verstand
von Annette Tietenberg | 26. März 2016
Eames nannte ihn eine „florentinische Elster“. Mit „A Designer’s Universe“ widmet das Vitra Design Museum Alexander Girard eine sehenswerte Retrospektive.
Nach Ausstellungen zu Charles und Ray Eames, Isamu Noguchi und George Nelson richtet das Vitra Design Museum nun einem weiteren Designer eine Retrospektive aus, der jahrzehntelang die Produktpalette und das Erscheinungsbild des Möbelherstellers Herman Miller geprägt hat. Alexander Girard (1907 bis 1993) war bisher der große Unbekannte dieses Kapitels der Designgeschichte, wird es aber wohl nicht mehr lange bleiben.

Vor zwanzig Jahren überließ die Familie Girard dem Vitra Design Museum, genauer gesagt, dem damaligen Vitra Chairman Rolf Fehlbaum sowie dem ersten Museumsdirektor Alexander von Vegesack, den privaten Nachlass des amerikanischen Innenarchitekten und Textildesigners. Seither wurden die mehr als 5.000 Zeichnungen und 7.000 Fotografien, die Textilmuster, Notizen, Skizzen, Briefe und Objekte, die sich bis zu Girards Tod im Jahr 1993 in seinem Studio in Santa Fe angesammelt hatten, sorgfältig erforscht, katalogisiert und inventarisiert. Nun ist es endlich soweit: Die grandiose Ausstellung „Alexander Girard. A Designer’s Universe“ und ein dazu gehöriger, lesefreundlich gestalteter, mehr als 500 Seiten starker Katalog, der neben aufschlussreichen Aufsätzen ein solides Werkverzeichnis enthält, laden dazu ein, all die Schätze zu bewundern, die bislang im Archiv schlummerten.
Tatsächlich, ein ganzes Universum tut sich auf. Die Reise beginnt mit einem Blick auf Landkarten, Wappen, Flaggen, Briefmarken, Geldscheine und Dokumente in selbst erdachter Geheimsprache, die Girard als Schüler während des Ersten Weltkriegs, als er in England ein Internat besuchte, für seinen imaginären Sehnsuchtsort „Celestia“, auch „Republik of Five“ genannt, entworfen hat. Weiter geht’s, vorbei an sorgsam beschrifteten Ordnern und Kartons, in denen Stoffmuster aufbewahrt werden, an Stühlen, Sesseln, Geschirr und Servietten, am Logo der Fluggesellschaft Braniff International. Die Reise endet inmitten einer überbordenden Sammlung von Masken, Weihnachtskrippen, Puppenhäusern und Schattenfigurinen aus aller Welt , die Girard dem International Folk Art Museum in Santa Fe überließ. Indem sie größtmögliche Heterogenität in Szene setzt, macht die Ausstellung nicht nur mit Girards „Werken“ im traditionellen Sinne, sondern auch mit seinen spielerisch-verträumten Anfängen und seinen vielfältigen multiethnischen Inspirationsquellen vertraut.

Alexander Girard darf man getrost als einen Kosmopoliten und Universalisten bezeichnen. Er war sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten zu Hause, bereiste Mittel- und Südamerika, Indien und Japan, den Libanon, Syrien, Ägypten und die Türkei, betätigte sich als Innenarchitekt, Textildesigner und Ausstellungskurator. Für einen Designer scheint er erstaunlich uneitel gewesen zu sein. Angesichts seiner Stationen, seiner Auftraggeber und seiner Vorliebe, in wechselnden Teams zu arbeiten, darf man vermuten, dass es ihm wichtiger war, stimmige Ergebnisse abzuliefern als im Rampenlicht zu stehen.
Folgerichtig zitiert der Kurator Jochen Eisenbrand im Katalog eine Quelle aus dem Jahr 1962, worin Girard als „Seelenheiler“ bezeichnet wird, da es ihm vergönnt gewesen sei, aus Objekten, Farben, Texturen und Oberflächen derartig geschickt auszuwählen, dass sich wie von selbst Wohlbefinden ausbreitete. Sein Freund Charles Eames hingegen verpasste ihm aufgrund seiner ausgeprägten Sammelleidenschaft und seiner italienischen Abstammung den Ehrentitel „florentinische Elster“ – fügte aber hinzu, dass es „wohl keinen Designer unserer Zeit gibt, der sich mehr mit der Auswahl schöner Dinge und ihrer Beziehung zu dem uns umgebenden Raum beschäftigt, als Girard.“
Im Jahr 1907 in New York geboren, wächst Alexander Girard, kurz Sandro genannt, in Florenz auf, wo seine Eltern mit Antiquitäten handeln. Im Anschluss an ein Studium an der School of Architecture in London, einer Präsentation eigener Entwürfe bei der Weltausstellung in Barcelona und einer Anstellung als Designer im Kaufhaus Nordiska in Stockholm erwirbt er ein Diplom an der Scuola reale di architettura in Rom, arbeitet in Paris für den Architekten John W. Chandler und eröffnet schließlich 1932 in seiner Geburtstadt New York ein Planungsbüro für Innenarchitektur. Nach Abschluss eines weiteren Studiums an der New York University darf er sich Registered Architect nennen und seine Entwürfe mit einem entsprechenden Prägestempel versehen. 1943 beauftragt ihn der Radiohersteller Detrola in Detroit mit der Neugestaltung der Kantine und ist so zufrieden mit dem Ergebnis, dass er Girard in der Folge die Position des Chefdesigners offeriert. Girard nimmt das Angebot an, zieht zusammen mit seiner Frau Susan nach Grosse Pointe, einem Vorort von Detroit, eröffnet zudem einen eigenen Design Shop – und beginnt mit dem Material Sperrholz zu experimentieren. Kein Wunder, dass er bald darauf Charles Eames und Eero Saarinen über den Weg läuft, die im nahe gelegenen Bloomfield Hills an der Cranbrook Academy of Art studieren.

Als Garanten für „Good Design“ beauftragt ihn das Detroit Institute of Art 1949 mit der Konzeption der Ausstellung „For Modern Living“. Daran schließt sich 1950 die Gestaltung der Wanderausstellung „Design for Use, U.S.A.“ an, die das Museum of Modern Art auf Tournee durch ganz Europa schickt. Ein Jahr später steigt Girard auf Vorschlag von Charles Eames und George Nelson zum Leiter der neu gegründeten Textilabteilung beim Möbelhersteller Herman Miller auf. Hier nun bietet sich ihm die Chance, atemberaubende Muster zu entwerfen, die bis heute heiß begehrt sind und von Textildesignern wie Paul Smith und Hella Jongerius aufgegriffen und weiterentwickelt werden.

Während Textilkünstlerinnen wie Anni Albers und Gunta Stölzl, die am Bauhaus ausgebildet worden waren, zu jener Zeit darauf abzielten, die Materialeigenschaften gewebter Stoffe zur Wirkung zu bringen, interpretierte Alexander Girard Textilien – ganz im Sinne von Gottfried Sempers Stoffwechseltheorie – als Rohmaterial. Er ließ die Stoffe bedrucken, konzentrierte sich auf geometrische Muster, orientierte sich an den klaren Konturen der Scherenschnitte von Henri Matisse und setzte stark leuchtende, kontrastreiche Farben ein, deren dissonante Kombinationen wie Magenta und Orange bis dahin als „unmöglich“ galten.
Neben Musterbüchern und Stempeln sind in der Ausstellung auch die Stoffe selbst präsent, und zwar in Form von Möbelbezügen, Wandbildern und Raumverspannungen. Nachgebaut wurde zudem die elegante Sofagrube, die Girard für das Irwin und Xenia Miller House in Columbus, Indiana, entworfen hat. Nicht der Fixierung eines Idealzustands, sondern dem Élan vital verpflichtet, animierte Girard die Bewohner des Hauses einstmals dazu, die Bezüge und Kissen der Sitzmulde je nach Jahreszeit, Licht, Lust und Laune zu wechseln.

Um den aus seiner Sicht notwendigen kulturellen Kontext zu schaffen, fertigte er für seine Auftraggeber obendrein eine Liste mit geeigneten Sammelgegenständen an, die im Regal – und damit vom Sofa aus in Sichtweite – unterzubringen waren. Die Referenzobjekte kamen aus 44 Ländern, darunter war Kunsthandwerk der Amish, eine Wanduhr im französischen Landhausstil, Tanzstäbe der Hopi-Indianer, Vögel aus Murano-Glas, eine orientalische Laute, ein englisches Kästchen mit Marmorintarsien und mexikanische milagros aus Zinn. Den Grundsatz, dem Girard bei der Einrichtung von Innenräumen folgte, fasste er im Jahr 1966 anlässlich der Verleihung des Elsie-de-Wolf-Preises folgendermaßen in Worte: „Neben Liebe ist Verstand die wichtigste Zutat bei der Ausstattung des Heims (...) und beides zusammen sollte ‚Angemessenheit’ ergeben.“
Ob als Interior-Designer von Wohnhäusern oder von New Yorker Themenrestaurants wie dem von einer pseudo-aztekischen Sonnenscheibe beschienenen „La Fonda del Sol“ und dem französischen Haute-Cuisine-Tempel „L’Etoile“, der so futuristisch unterkühlt aussah, als hätte er als Vorlage für das Haus der Familie Arpel im Film „Mon Oncle“ von Girards Zeitgenossen Jacques Tati gedient – stets wusste der Szenograf Girard Orte zu schaffen, an denen sich Narrationen entfalten konnten. So komponierte er für das Verwaltungszentrum des Landmaschinenherstellers John Deere in Moline, Illinois, ein sechzig Meter langes Wandbild, dessen Vorlagen aus Hunderten von vorgefundenen Objekten und Bildern bestehen. Schrauben und Werkzeuge, Werbeelemente und Fotografien legen anschaulich Zeugnis von der Firmengeschichte ab – von der Entwicklung des ersten Stahlpflugs bis zum Beginn der Traktorenherstellung.

Der Zeitpunkt der Retrospektive hätte nicht besser gewählt sein können. Denn gerade jetzt ist Alexander Girards Prinzip Collage wieder hoch aktuell, vermag es doch mit der Ideologie des ‚Neuen’, von der die Moderne getragen war, ebenso zu brechen wie mit der Gleichgültigkeit des anything goes der Postmoderne. Das Selbstentworfene und das Vorgefundene, das Spiegelblanke und das von Gebrauchsspuren Gezeichnete gehen bei Girard eine harmonische Verbindung ein. Den Interieurs werden gezielt Bezüge zu verschiedenen Epochen und Regionen der Erde implementiert. Ein solches diskursives Geflecht aber verweist letztlich weniger auf den Designer als vielmehr auf den Sammler, der all diese Trophäen kultureller Vereinnahmung sein eigen nennen darf. Wer sich so einrichtet, der wird Hybridität zu schätzen wissen, ja, der vermag die Tradierungen, Transfers, Entwurfs- und Aneignungsprozesse zu entschlüsseln, von denen die Gegenstände zeugen, die sich temporär im Interieur zusammengefunden haben.
Der Geist der Zusammengehörigkeit, der dort weht, wo erzählt wird, hat auch im Vitra Design Museum Einzug gehalten: Zur Eröffnung führten Girards eigens angereiste Enkel durch die Ausstellung. Sie fügten den dort präsentierten Ausstellungsstücken Erinnerungssplitter an jene freundlich-gastliche Atmosphäre hinzu, von denen die Räume, in denen ihre Großeltern lebten, stets durchdrungen waren.

Alexander Girard. A Designer’s Universe
Vitra Design Museum, Weil am Rhein
bis 29. Januar 2017
Katalog hrsg. von Matteo Kries u. Jochen Eisenbrand
512 Seiten, geb., ca. 530 Abb., dt./engl.,
69,90 Euro

www.design-museum.de
www.girardstudio.com