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Sergeant Pfeffers Sehnsucht nach der Pelztasse
von Thomas Wagner | 8. Februar 2009
All photos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Das Gebirg, auf dem der Skifahrer seine Bretter präsentiert, besteht aus Papier und Stoff, der Umriss des VW-Transporters auf der Wand aus Elektrokabel - und aus Brille, Bart, Banane, Bart, flux ein Konterfei entworfen ward. Was nicht alles geschieht, wenn die Grafik frech vom Papier in den Raum springt oder verwegen aus dem Rahmen fällt, wenn sich Iso-Matte, Pilz und Gürtel begegnen, aus Konfetti Porträts und aus kaputzig verhüllten Körpern am Strand Lettern werden. Vorbei die Zeit, als Botschaften wie üblich flach und in traditioneller Typografie „rübergebracht" wurden. Nun, wo alles symbolisch geworden ist, verwandeln sie sich gern in komplexe dreidimensionale Szenerien. Kurz: die Zeichen werden verkörpert oder sie treten als Dingkompositionen mitten ins Leben.

Gerrit Terstiege, Chefredakteur der Zeitschrift „form", hat unter dem Titel „Drei D - Grafische Räume" einen Band herausgegeben, der zahlreiche Beispiele derart transgressiven grafischen Gestaltens von internationalen, zumeist jungen Grafikdesignern versammelt, die vom kammerspielhaften Stillleben bis zur kapitalen Rauminstallation reichen. Gestaltet haben das informative Buch, das neben Texten von Sophia Muckle, die in die einzelnen Kapitel einführen und die Arbeiten erläutern, einen klugen Essay von Steven Heller und ein weit verzweigtes Gespräch mit Stefan Sagmeister enthält, Catrin Altenbrandt und Adrian Niessler, die gemeinsam in Frankfurt das Grafik-Studio „Pixelgarten" betreiben. Die beiden schaffen nicht nur selbst gern „grafische Räume", aus denen Magazin-Titel, Illustrationen oder Plakate werden, sie haben auch noch einen Wettbewerb gewonnen, den die „form" 2007 zum 50. Jubiläum ihres Bestehens für ein Cover ausgelobt hatte.Ob die Gruppe Kong Stillleben mit Fuchs und Frettchen arrangiert oder Damian Poulain Pappsilhouetten von London aufstellt, ob Katrin Schacke ¬- der Kunst verdächtig nah - für eine „Anleitung zur Selbständigkeit" Ventilator, Philodendron und Telefon skulptural verschnürt, das Designstudio Hort dafür sorgt, dass Schallplatten stellvertretend für Musik die Welt ganz real erobern oder die holländische Truppe von Underware auf dem Parkplatz eines Supermarkts in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Einkaufswagen die Worte „Dream on" formt - stets handelt es sich um Collagen und Montagen, aus denen der neue spirit der Zeichen entweicht wie der Raumgeist aus der Fläche.

Da es freilich heute fast nichts Neues mehr gibt, alles Neue also nur das wieder aufgeschäumte Alte ist, lohnt auch hier der Blick in die Geschichte. Und eben dort, im Text von Steven Heller, kommt nun die Pelztasse von Meret Oppenheim ins Spiel. Von der Pelztasse lernen, heißt die Devise. Denn sie verkörpert nicht nur listig das Prinzip der Irritation, sondern auch das surrealistische der „zufälligen Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf dem Seziertisch". Womit wir bei der Frage wären, woher die Attraktivität rührt, die ein neuerdings exzessiver „Dimensionalismus" gegenwärtig verströmt, zu dessen besten historischen Exemplaren Peter Blakes Cover des Beatles-Albums „St. Pepper's Lonely Hearts Club Band" oder Gunter Rambows Plakate zählen.

Möchte nun auch der Grafiker endlich ganz Künstler sein und zu diesem Zweck die Grenzen seiner Profession überschreiten, sprich: seine eigene Fantasie nicht länger nur auf Papier und aus lauter Üblichkeiten gestalten? Oder langweilt all das Virtuelle und Technoide, das wir seit den neunziger Jahren immer wieder vorgesetzt bekommen haben, mittlerweile Grafiker, Auftraggeber und Betrachter derart, dass nur noch der Ausbruch in die Freiheit des Raumes Abhilfe verspricht?

Originell und abwechslungsreich jedenfalls kann eine solche Illustration allemal sein. Auch wenn am Ende auch der schönste Versuch des Bricoleurs, aus Zeichen und Wundern eine Welt zu formen, in die Fläche zurückkehrt, wobei wir beinahe bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts und der „Typofotografie" zurückreisen. Denn ohne Fotografie, die Moholy-Nagy eine „mechanische Kunst für ein mechanisches Zeitalter" genannt hat, gibt es auch keine Grafik in 3D. Es gibt eben viele Möglichkeiten, aus Illusionen Attraktionen zu machen - und manche sehen wir avec plaisir.

Drei D - Grafische Räume
Herausgegeben von Gerrit Terstiege
Birkhäuser 2009, 208 Seiten, 39,90 Euro

www.springer.com/birkhauser

News & Stories › 2009 › Februar
Sergeant Pfeffers Sehnsucht nach der Pelztasse
von Thomas Wagner | 8. Februar 2009
Glauben Sie nicht, Grafik-Designer würden sich bescheiden, eine Fläche ansprechend zu gestalten. Auch sie drängt es hinaus ins freie Dreidimensionale. Was dabei herauskommt, kann man in dem Buch „Drei D - Grafische Räume" bestaunen.
Das Gebirg, auf dem der Skifahrer seine Bretter präsentiert, besteht aus Papier und Stoff, der Umriss des VW-Transporters auf der Wand aus Elektrokabel - und aus Brille, Bart, Banane, Bart, flux ein Konterfei entworfen ward. Was nicht alles geschieht, wenn die Grafik frech vom Papier in den Raum springt oder verwegen aus dem Rahmen fällt, wenn sich Iso-Matte, Pilz und Gürtel begegnen, aus Konfetti Porträts und aus kaputzig verhüllten Körpern am Strand Lettern werden. Vorbei die Zeit, als Botschaften wie üblich flach und in traditioneller Typografie „rübergebracht" wurden. Nun, wo alles symbolisch geworden ist, verwandeln sie sich gern in komplexe dreidimensionale Szenerien. Kurz: die Zeichen werden verkörpert oder sie treten als Dingkompositionen mitten ins Leben.

Gerrit Terstiege, Chefredakteur der Zeitschrift „form", hat unter dem Titel „Drei D - Grafische Räume" einen Band herausgegeben, der zahlreiche Beispiele derart transgressiven grafischen Gestaltens von internationalen, zumeist jungen Grafikdesignern versammelt, die vom kammerspielhaften Stillleben bis zur kapitalen Rauminstallation reichen. Gestaltet haben das informative Buch, das neben Texten von Sophia Muckle, die in die einzelnen Kapitel einführen und die Arbeiten erläutern, einen klugen Essay von Steven Heller und ein weit verzweigtes Gespräch mit Stefan Sagmeister enthält, Catrin Altenbrandt und Adrian Niessler, die gemeinsam in Frankfurt das Grafik-Studio „Pixelgarten" betreiben. Die beiden schaffen nicht nur selbst gern „grafische Räume", aus denen Magazin-Titel, Illustrationen oder Plakate werden, sie haben auch noch einen Wettbewerb gewonnen, den die „form" 2007 zum 50. Jubiläum ihres Bestehens für ein Cover ausgelobt hatte.Ob die Gruppe Kong Stillleben mit Fuchs und Frettchen arrangiert oder Damian Poulain Pappsilhouetten von London aufstellt, ob Katrin Schacke ¬- der Kunst verdächtig nah - für eine „Anleitung zur Selbständigkeit" Ventilator, Philodendron und Telefon skulptural verschnürt, das Designstudio Hort dafür sorgt, dass Schallplatten stellvertretend für Musik die Welt ganz real erobern oder die holländische Truppe von Underware auf dem Parkplatz eines Supermarkts in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Einkaufswagen die Worte „Dream on" formt - stets handelt es sich um Collagen und Montagen, aus denen der neue spirit der Zeichen entweicht wie der Raumgeist aus der Fläche.

Da es freilich heute fast nichts Neues mehr gibt, alles Neue also nur das wieder aufgeschäumte Alte ist, lohnt auch hier der Blick in die Geschichte. Und eben dort, im Text von Steven Heller, kommt nun die Pelztasse von Meret Oppenheim ins Spiel. Von der Pelztasse lernen, heißt die Devise. Denn sie verkörpert nicht nur listig das Prinzip der Irritation, sondern auch das surrealistische der „zufälligen Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf dem Seziertisch". Womit wir bei der Frage wären, woher die Attraktivität rührt, die ein neuerdings exzessiver „Dimensionalismus" gegenwärtig verströmt, zu dessen besten historischen Exemplaren Peter Blakes Cover des Beatles-Albums „St. Pepper's Lonely Hearts Club Band" oder Gunter Rambows Plakate zählen.

Möchte nun auch der Grafiker endlich ganz Künstler sein und zu diesem Zweck die Grenzen seiner Profession überschreiten, sprich: seine eigene Fantasie nicht länger nur auf Papier und aus lauter Üblichkeiten gestalten? Oder langweilt all das Virtuelle und Technoide, das wir seit den neunziger Jahren immer wieder vorgesetzt bekommen haben, mittlerweile Grafiker, Auftraggeber und Betrachter derart, dass nur noch der Ausbruch in die Freiheit des Raumes Abhilfe verspricht?

Originell und abwechslungsreich jedenfalls kann eine solche Illustration allemal sein. Auch wenn am Ende auch der schönste Versuch des Bricoleurs, aus Zeichen und Wundern eine Welt zu formen, in die Fläche zurückkehrt, wobei wir beinahe bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts und der „Typofotografie" zurückreisen. Denn ohne Fotografie, die Moholy-Nagy eine „mechanische Kunst für ein mechanisches Zeitalter" genannt hat, gibt es auch keine Grafik in 3D. Es gibt eben viele Möglichkeiten, aus Illusionen Attraktionen zu machen - und manche sehen wir avec plaisir.

Drei D - Grafische Räume
Herausgegeben von Gerrit Terstiege
Birkhäuser 2009, 208 Seiten, 39,90 Euro

www.springer.com/birkhauser