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von 2143 Forward End
Siza feiert mit allen
von Florian Heilmeyer | 14. Juni 2016
Álvaro Siza beim Besuch des Campo di Marte, 2016. Foto © Nicolò Galeazzi
Während die meisten Beiträge auf der diesjährigen Architekturbiennale von weit entfernten Fronten berichteten, sucht der brillante portugiesische Beitrag sich die Probleme vor der venezianischen Haustür, genauer: auf Giudecca, der südlichsten Stadtinsel. Mit dem Vaporetto dauert die Fahrt vom Markusplatz kaum fünf Minuten, und dennoch fühlt man sich hier unendlich weit entfernt vom hektischen Touristenrummel Venedigs. Entlang des Canale della Giudecca liegen noch ein paar Restaurants, aber wenn man in die Gassen dieser zwei Kilometer langen und gerade 300 Meter breiten Inselgruppe abbiegt, dann findet man sich in einer sehr ruhigen Wohngegend wieder, geprägt von robusten, wenig repräsentativen Häuserblocks.
Bis heute sind nur zwei von Sizas Wohnblöcken realisiert worden. Nun soll zumindest noch die Bebauung um den Campo di Marte folgen. Foto © Alberto Lagomaggiore
Kooperation statt Wettbewerb

Zwei Blocks weit im Innern des schmalen Eilands liegt der Campo di Marte. Hier wurde 1985 tatsächlich Architekturgeschichte geschrieben, wovon heute aber kaum noch jemand etwas weiß: Denn hier trafen 1983 Álvaro Siza und Aldo Rossi zum ersten Mal in einem gemeinsamen Bauprojekt aufeinander. Schon 1976 hatten beide ihre Arbeiten bei der Venedig-Biennale ausgestellt, sogar in direkt aneinander grenzenden Räumen: Während Rossi (mit Bruno Reichlin, Fabio Reinhart und anderen) Collagen der Analogen Stadt zeigte, brachte Siza einige seiner damals aktuellen sozialen Wohnungsbauprojekte in Portugal mit. Man darf annehmen, dass es diese Präsentation war, die ihm 1983 eine Einladung der venezianischen Wohnungsbaugesellschaft für einen Wettbewerb zur Neugestaltung des Campo di Marte eingebracht hat. Wie hoch dieser Wettbewerb ansetzte, lässt sich heute noch an den Namen der eingeladenen Architekten ablesen: Neben Siza und Rossi waren das unter anderem Rafael Moneo, Mario Botta, Boris Podrecca und Aldo van Eyck.

Siza konnte sich am Ende mit einem Plan durchsetzen, der schlichte, einfach zu realisierende Wohnungsriegel vorsah, deren Lage und Ausrichtung sich aus den vorhandenen Bebauungsstrukturen der umliegenden Blocks ergaben. Auch einige der typischen Elemente auf Giudecca wurden in die Neubauten integriert: Kolonnadengänge, Loggias, offene Gassen und kleinere Plätze zwischen den Häusern. Die Siedlung wirkt in mehrfacher Hinsicht wie eine modernisierte Fortsetzung der historischen Strukturen. Vor allem aber sah Sizas Plan vor, auch andere Architekten aus dem Wettbewerb an der Ausarbeitung einiger Häuser rings um den von ihm definierten Kern zu beteiligen. Der neue Campo di Marte sollte von Anfang an eine bestimmte Vielfalt bekommen und wie eine kleine Bauausstellung wirken. So wurden Rafael Moneo, Carlo Aymonino und vor allem Aldo Rossi mit dem Entwurf weitere Häuser beauftragt. Allerdings verlief die gesamte Realisierung unglaublich zäh, so dass von 1986 bis 2010 – in 24 Jahren! – nur ein Teil der Häuser und auch nur ein Teil von Sizas Entwurf für den Kern der neuen Siedlung fertig gestellt wurden.
Sizas Plan reiht die Wohnungsblöcke in Fortführung der bestehenden Stadtstrukturen nebeneinander. Das Zentrum bildet ein u-förmiger Block um einen halböffentlichen Platz, den Campo di Marte. Plan © Álvaro Siza Fonds / Canadian Centre for Architecture, Montréal
Filme auf nacktem Beton

Erst jetzt wurde das Projekt unter der neuen Wohnungsbaugesellschaft wieder aufgenommen. Der noch fehlende Teil von Sizas Projekt ist bereits im Bau, die Häuser von Moneo sollen danach folgen. Also entwickelten der Kurator Nuno Grande mit dem Architekten Roberto Cremascoli die grandiose Idee, den portugiesischen Beitrag „Neighbourhood. Where Álvaro Meets Aldo“ im Rohbau dieses Wohnungsbaus zu installieren. Neben dem Giudecca-Projekt werden hier drei weitere von Sizas sozialen Wohnungsbauprojekte gezeigt: die Bairro da Bouca in Porto (1973), Schilderswijk in Den Haag (1984) und „Bonjour Tristesse“ in Berlin (1980). Der Bauzaun rings um den Rohbau wurde mit großen Fotos von Bewohnern dieser Wohnungsbauten verhängt, durch zwei Öffnungen schlüpfen die Besucher auf die Baustelle und ins Erdgeschoss mit seinen nackten Betonwänden und offen liegenden Elektrokabeln. Baustrahler und nackte Glühbirnen sorgen für eine atmosphärisch passende, wenn auch für die Ausstellung manchmal etwas schwierige Beleuchtung; die Texttafeln wurden einfach an die Wände gelehnt, die feinen Modelle werden auf Materialstapel aus Hohlblocksteinen oder Betonelementen präsentiert.

Der Beitrag Portugals wird im Erdgeschoss des Rohbaus gezeigt, die Besucher erreichen ihn durch zwei Öffnungen im Bauzaun. Foto © Alberto Lagomaggiore
Das wichtigste Element der Ausstellung aber sind die wunderbaren Filme, die auf der gesamten Länge des Gebäudes auf die nackten Wände projiziert werden. In der Vorbereitung ist ein Team mit Álvaro Siza gereist, um alle diese Projekte und ihre Bewohner zu besuchen. Nun schauen wir durch eine etwas unruhige Handkamera meist über Álvaro Sizas Schulter, während er sich von den Menschen durch deren Wohnungen führen und von ihrem Leben erzählen lässt. Tatsächlich sprechen hauptsächlich die Bewohner, während Siza schweigt, schaut, raucht und zuhört. Da werden dann schon mal Kleinigkeiten angesprochen, etwa wenn sich eine Frau über die zu dünnen Wände beklagt und Siza mit seiner tief gurgelnden Stimme antwortet, dass er sie gerne dicker gemacht hätte, wenn es das Budget erlaubt hätte. In Porto wird er ganz standesgemäß begrüßt: Wie wäre es jetzt mit einem Port, Herr Architekt?
Es ist eine betont provisorische Gestaltung der der Ausstellung, die mit nackten Glühbirnen, aufgesprühten Überschriften und an die Wand gelehnten Texttafeln arbeitet.
Foto © Nicolò Galeazzi
Alte Bekannte!

Zusammen sind Filme und Ausstellung das Dokument eines sehr bescheidenen Architekten, der hier nicht auf einen Sockel gestellt und verehrt, sondern als großer Zuhörer und sensibler Erfinder von komplexen Welten präsentiert wird, die sich ganz der Weiterentwicklung der vorgefundenen Orte verschrieben haben – ob in Berlin, Den Haag, Porto oder hier in Venedig. Zudem hat die Ausstellung den unschlagbaren Vorteil, dass der Besucher – nachdem er ausführlich und vergnügt die Filme gesehen und den Bewohnern und Siza gelauscht hat – vor die Tür des kühlen Rohbaus tritt und, zurück in der Sonne Venedigs, mit der tatsächlichen Architektur von Siza und Rossi konfrontiert wird und noch eine Weile durch die realen Gassen wandern kann. Wobei man durchaus einen ähnlich surrealen Moment erleben kann wie wir, als uns zwei Bewohner des Hauses begegnen, die wir gerade noch im Film gesehen haben, wo sie uns mit Álvaro Siza durch ihre Wohnung geführt haben, und die wir daher für einen kurzen Augenblick wie alte Bekannte begrüßen und umarmen möchten. Mehr kann eine Architekturausstellung nicht erreichen. Oder doch: Die Eröffnung des portugiesischen Beitrags wurde natürlich auf der Straße gefeiert, als gemeinsames Mittagessen mit den Anwohnern des Viertels. Es gab reichlich Gulasch, Nudeln und Wein. Irgendwo an einem der langen Tische unter all diesen Menschen und im Schatten zwischen den von ihm entworfenen Bauten saß Álvaro Siza und sah glücklich aus. Dass dieser auf allen Ebenen umwerfend sympathische, wichtige Beitrag in diesem Jahr keine der Auszeichnungen bekommen hat, bleibt umso unverständlicher.

Neighbourhood. Where Álvaro Meets Aldo
Portugals Beitrag zur 15. Architekturbiennale in Venedig
Bis zum 27.November 2016
Calle Mason Ecke Calle Michelangelo, Giudecca
Die Ausstellung zeigt insgesamt vier soziale Wohnungsbauprojekte von Siza in Venedig, Berlin, Den Haag und in Porto. Begleitet von einem Kamerateam hat er sich mit Bewohnern seiner Gebäude getroffen, hier 2016 im Bairro da Bouça in Porto. Foto © Nicolò Galeazzi
Rauchen für eine bessere Architektur: Siza mit Bewohnern im Campo di Marte della Giudecca, Venedig, 2016. Foto © Nicolò Galeazzi
Álvaro Siza auf einem Vaporetto in Richtung Giudecca, auf dem Weg zu seinem sozialen Wohnungsbauprojekt am Campo di Marte, 2016. Foto © Jordi Buch
Siza bei der Eröffnung des portugiesischen Pavillons. Foto © Nicolò Galeazzi
Siza beim Besuch in Venedig, 2016: Ausschnitt aus dem Film von Cândida Pinto, Rodrigo Lobo und Marco Carrasqueira © SIC TV Portugal.
Großes Fest: Zur Eröffnung des portugiesischen Pavillons wurde ein Straßenfest mit reichlich Essen und Wein und mit den Bewohnern gefeiert.
Foto © Nicolò Galeazzi
News & Stories › 2016 › Juni
Siza feiert mit allen
von Florian Heilmeyer | 14. Juni 2016
Fast 40 Jahre nach Baubeginn wird in Venedig ein sozialer Wohnungsbau von Álvaro Siza fortgesetzt. Eine großartige Ausstellung macht daraus den portugiesischen Länderbeitrag zur Architekturbiennale – und zeigt uns, dass die Front manchmal genau vor unserer Tür verläuft.
Während die meisten Beiträge auf der diesjährigen Architekturbiennale von weit entfernten Fronten berichteten, sucht der brillante portugiesische Beitrag sich die Probleme vor der venezianischen Haustür, genauer: auf Giudecca, der südlichsten Stadtinsel. Mit dem Vaporetto dauert die Fahrt vom Markusplatz kaum fünf Minuten, und dennoch fühlt man sich hier unendlich weit entfernt vom hektischen Touristenrummel Venedigs. Entlang des Canale della Giudecca liegen noch ein paar Restaurants, aber wenn man in die Gassen dieser zwei Kilometer langen und gerade 300 Meter breiten Inselgruppe abbiegt, dann findet man sich in einer sehr ruhigen Wohngegend wieder, geprägt von robusten, wenig repräsentativen Häuserblocks.Kooperation statt Wettbewerb

Zwei Blocks weit im Innern des schmalen Eilands liegt der Campo di Marte. Hier wurde 1985 tatsächlich Architekturgeschichte geschrieben, wovon heute aber kaum noch jemand etwas weiß: Denn hier trafen 1983 Álvaro Siza und Aldo Rossi zum ersten Mal in einem gemeinsamen Bauprojekt aufeinander. Schon 1976 hatten beide ihre Arbeiten bei der Venedig-Biennale ausgestellt, sogar in direkt aneinander grenzenden Räumen: Während Rossi (mit Bruno Reichlin, Fabio Reinhart und anderen) Collagen der Analogen Stadt zeigte, brachte Siza einige seiner damals aktuellen sozialen Wohnungsbauprojekte in Portugal mit. Man darf annehmen, dass es diese Präsentation war, die ihm 1983 eine Einladung der venezianischen Wohnungsbaugesellschaft für einen Wettbewerb zur Neugestaltung des Campo di Marte eingebracht hat. Wie hoch dieser Wettbewerb ansetzte, lässt sich heute noch an den Namen der eingeladenen Architekten ablesen: Neben Siza und Rossi waren das unter anderem Rafael Moneo, Mario Botta, Boris Podrecca und Aldo van Eyck.

Siza konnte sich am Ende mit einem Plan durchsetzen, der schlichte, einfach zu realisierende Wohnungsriegel vorsah, deren Lage und Ausrichtung sich aus den vorhandenen Bebauungsstrukturen der umliegenden Blocks ergaben. Auch einige der typischen Elemente auf Giudecca wurden in die Neubauten integriert: Kolonnadengänge, Loggias, offene Gassen und kleinere Plätze zwischen den Häusern. Die Siedlung wirkt in mehrfacher Hinsicht wie eine modernisierte Fortsetzung der historischen Strukturen. Vor allem aber sah Sizas Plan vor, auch andere Architekten aus dem Wettbewerb an der Ausarbeitung einiger Häuser rings um den von ihm definierten Kern zu beteiligen. Der neue Campo di Marte sollte von Anfang an eine bestimmte Vielfalt bekommen und wie eine kleine Bauausstellung wirken. So wurden Rafael Moneo, Carlo Aymonino und vor allem Aldo Rossi mit dem Entwurf weitere Häuser beauftragt. Allerdings verlief die gesamte Realisierung unglaublich zäh, so dass von 1986 bis 2010 – in 24 Jahren! – nur ein Teil der Häuser und auch nur ein Teil von Sizas Entwurf für den Kern der neuen Siedlung fertig gestellt wurden.
Filme auf nacktem Beton

Erst jetzt wurde das Projekt unter der neuen Wohnungsbaugesellschaft wieder aufgenommen. Der noch fehlende Teil von Sizas Projekt ist bereits im Bau, die Häuser von Moneo sollen danach folgen. Also entwickelten der Kurator Nuno Grande mit dem Architekten Roberto Cremascoli die grandiose Idee, den portugiesischen Beitrag „Neighbourhood. Where Álvaro Meets Aldo“ im Rohbau dieses Wohnungsbaus zu installieren. Neben dem Giudecca-Projekt werden hier drei weitere von Sizas sozialen Wohnungsbauprojekte gezeigt: die Bairro da Bouca in Porto (1973), Schilderswijk in Den Haag (1984) und „Bonjour Tristesse“ in Berlin (1980). Der Bauzaun rings um den Rohbau wurde mit großen Fotos von Bewohnern dieser Wohnungsbauten verhängt, durch zwei Öffnungen schlüpfen die Besucher auf die Baustelle und ins Erdgeschoss mit seinen nackten Betonwänden und offen liegenden Elektrokabeln. Baustrahler und nackte Glühbirnen sorgen für eine atmosphärisch passende, wenn auch für die Ausstellung manchmal etwas schwierige Beleuchtung; die Texttafeln wurden einfach an die Wände gelehnt, die feinen Modelle werden auf Materialstapel aus Hohlblocksteinen oder Betonelementen präsentiert.

Das wichtigste Element der Ausstellung aber sind die wunderbaren Filme, die auf der gesamten Länge des Gebäudes auf die nackten Wände projiziert werden. In der Vorbereitung ist ein Team mit Álvaro Siza gereist, um alle diese Projekte und ihre Bewohner zu besuchen. Nun schauen wir durch eine etwas unruhige Handkamera meist über Álvaro Sizas Schulter, während er sich von den Menschen durch deren Wohnungen führen und von ihrem Leben erzählen lässt. Tatsächlich sprechen hauptsächlich die Bewohner, während Siza schweigt, schaut, raucht und zuhört. Da werden dann schon mal Kleinigkeiten angesprochen, etwa wenn sich eine Frau über die zu dünnen Wände beklagt und Siza mit seiner tief gurgelnden Stimme antwortet, dass er sie gerne dicker gemacht hätte, wenn es das Budget erlaubt hätte. In Porto wird er ganz standesgemäß begrüßt: Wie wäre es jetzt mit einem Port, Herr Architekt?Alte Bekannte!

Zusammen sind Filme und Ausstellung das Dokument eines sehr bescheidenen Architekten, der hier nicht auf einen Sockel gestellt und verehrt, sondern als großer Zuhörer und sensibler Erfinder von komplexen Welten präsentiert wird, die sich ganz der Weiterentwicklung der vorgefundenen Orte verschrieben haben – ob in Berlin, Den Haag, Porto oder hier in Venedig. Zudem hat die Ausstellung den unschlagbaren Vorteil, dass der Besucher – nachdem er ausführlich und vergnügt die Filme gesehen und den Bewohnern und Siza gelauscht hat – vor die Tür des kühlen Rohbaus tritt und, zurück in der Sonne Venedigs, mit der tatsächlichen Architektur von Siza und Rossi konfrontiert wird und noch eine Weile durch die realen Gassen wandern kann. Wobei man durchaus einen ähnlich surrealen Moment erleben kann wie wir, als uns zwei Bewohner des Hauses begegnen, die wir gerade noch im Film gesehen haben, wo sie uns mit Álvaro Siza durch ihre Wohnung geführt haben, und die wir daher für einen kurzen Augenblick wie alte Bekannte begrüßen und umarmen möchten. Mehr kann eine Architekturausstellung nicht erreichen. Oder doch: Die Eröffnung des portugiesischen Beitrags wurde natürlich auf der Straße gefeiert, als gemeinsames Mittagessen mit den Anwohnern des Viertels. Es gab reichlich Gulasch, Nudeln und Wein. Irgendwo an einem der langen Tische unter all diesen Menschen und im Schatten zwischen den von ihm entworfenen Bauten saß Álvaro Siza und sah glücklich aus. Dass dieser auf allen Ebenen umwerfend sympathische, wichtige Beitrag in diesem Jahr keine der Auszeichnungen bekommen hat, bleibt umso unverständlicher.

Neighbourhood. Where Álvaro Meets Aldo
Portugals Beitrag zur 15. Architekturbiennale in Venedig
Bis zum 27.November 2016
Calle Mason Ecke Calle Michelangelo, Giudecca