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Ausstellungsansicht „COOP Himmelb(l)au“ im Berliner Architekturforum Aedes, Foto © Markus Pillhofer
Projekt „Busan Cinema Center” im südkoreanischen Busan (2005-2012), Foto © Duccio Malagamba
Projekt „Busan Cinema Center” im südkoreanischen Busan (2005-2012), Foto © Duccio Malagamba
Ausstellungsansicht „COOP Himmelb(l)au“ im Berliner Architekturforum Aedes, Foto © Markus Pillhofer
Projekt „Europäische Zentralbank (EZB)“ in Frankfurt am Main (2003 -2014), Foto © COOP Himmelb(l)au
Ausstellungsansicht „COOP Himmelb(l)au“ im Berliner Architekturforum Aedes, Foto © Markus Pillhofer
Projekt „Dalian International Conference Center“ in Dalian, China (2008-2012), Foto © COOP Himmelb(l)au
Projekt „Dalian International Conference Center“ in Dalian, China (2008-2012), Foto © COOP Himmelb(l)au
Still crazy after all these years
von Mathias Remmele
17. Januar 2013
Gebäude zu bauen, so leicht und wandelbar wie Wolken – diesem Anspruch, diesem Ideal sei die Arbeit von Coop Himmelb(l)au von Anfang an und bis heute verpflichtet. Das erklärte Wolf D. Prix, der einzig übrig gebliebene Mitgründer und heutige Prinzipal des Wiener Büros im Dezember anlässlich einer Ausstellungseröffnung im Architekturforum Aedes. Die dort präsentierte Schau mit dem etwas sperrigen Titel „Wolf D. Prix & Partner: 7 + Projects, Models, Plans, Sketches, Statements“ – explizit eine Hommage an den Altmeister zu seinem 70. Geburtstag – ist eine Art Mini-Retrospektive auf das Werk von Coop Himmelb(l)au.

Prix hat dafür aus den rund 600 Projekten (!), mit denen sich das Büro in mehr als vierzig Jahren beschäftigt hat, sieben Arbeiten ausgewählt. Solche, die ihm besonders am Herzen liegen und solche, die im Gesamtwerk eine gewichtige Rolle spielen. Es beginnt, chronologisch betrachtet, mit dem in den 1980er Jahren realisierten Dachgeschoss-Ausbau in der Wiener Falkestraße, der längst zu den Ikonen der dekonstruktivistischen Architektur gehört. Auf die ersten Großprojekte, das Ufa Kinozentrum in Dresden (1993-98) und die BMW-Welt in München (2001-07), mit denen dem Büro der Aufstieg in die internationale Liga der Stararchitekten glückte, folgen jüngst vollendete Arbeiten wie die Martin-Luther-Kirche in Hainburg an der Donau (2008-11) und das Internationale Konferenz-Zentrum im chinesischen Dalian (2008-12). Zwei im Bau befindliche Projekte komplettieren die Auswahl: Das „Musée des Confluences“ in Lyon und natürlich die Doppeltürme der Europäische Zentralbank in Frankfurt – zweifellos der bisher prominenteste Auftrag des Büros. Das Ausstellungskonzept verwässernd, zugleich aber das Bild abrundend, werden bei Aedes neben diesen sieben „Prix-Highlights“ rund ein Dutzend weitere Projekte von Coop Himmelb(l)au gezeigt. Darunter ganz frühe Arbeiten wie die „Wolke“ und die „Villa Rosa“ von 1968 sowie aktuelle Planungen, die einen Ausblick auf die Zukunft des Büros ermöglichen.

Im Gegensatz zu ihrer formalen Extravaganz wirkt die Präsentation der Projekte in der Ausstellung eher konventionell und unaufgeregt. Großformatige Fotos bzw. Renderings werden hier mit Modellen kombiniert, die allein schon durch ihre schiere Größe und ihren Detailreichtum beeindrucken. Sie sind in vielen Fällen freilich auch ein unabdingbares Hilfsmittel, um die komplexen Strukturen der Coop Himmelb(l)auschen Entwürfe einigermaßen verständlich zu machen. Mappen mit Skizzen und Konstruktionsplänen bieten vertiefende Informationen und gewähren Einblicke in die jeweilige Entwurfsgenese. Das dürfte vor allem für jenen Teil des Publikums interessant sein, der sich für die Arbeiten des Büros begeistern kann. Für die noch immer zahlreichen Skeptiker ist die Ausstellung aus einem ganz anderen Grund sehenswert. Denn beispielhaft ist hier zu besichtigen, wie sich eine radikale architektonische Utopie in gebaute Realität übersetzt und was während dieses Transformationsprozesses geschieht.

Wenn man bedenkt, wie das angefangen hat mit jenem Büro, das heute die Europäische Zentralbank baut und damit unbestreitbar im Establishment angekommen ist! Gegründet 1968, in jenem legendären Jahr der Revolte, des Aufbruchs, der florierenden Utopien ... es hört sich fast schon märchenhaft an! Coop Himmelb(l)au, das war eine junge, zornige Truppe von Architektur-Revoluzzern, die sich radikal anti-traditionell, anti-funktionalistisch und anti-kommerziell positionierte. Die Wiener machten bald von sich reden. Nicht mit Gebautem oder auch nur Baubarem, sondern mit einer wilden Rhetorik („Architektur ist nicht Anpassung“ oder „Das Ende des Raumes ist der Anfang der Architektur“ oder „Architektur muss brennen“) und mit Projekten, die mehr mit Happenings und Aktionskunst gemein hatten, als mit Architektur im landläufigen Sinn. Man mochte das für visionär, provokativ, poetisch und humorvoll halten oder einfach nur für versponnen – niemand hätte zu diesem Zeitpunkt daran geglaubt, dass diese Architektur-Anarchos je im großen Stil bauen würden.

In den 1970ern widerstand man erfolgreich den Versuchungen der Postmoderne und in den 1980ern gehörte man zu den Vorreitern des Dekonstruktivismus. Der bereits erwähnte Dachausbau in Wien bewies, dass sich das Liniengewirr und die zersplitterten Flächen, die mittlerweile zum Kennzeichen des Büros geworden waren, zumindest in kleinem Maßstab auch tatsächlich umsetzen ließen. Von dieser Zeit an kam den Wienern (ähnlich wie etwa Zaha Hadid oder Frank O. Gehry) die technische Entwicklung zu Hilfe: die Digitalisierung der Entwurfsplanung und des Bauens machte es möglich, die komplexen Architektur-Phantasien Coop Himmelb(l)auscher Ausprägung zu realisieren, mit Abstrichen natürlich und oft mit enormem materiellen Aufwand, aber immerhin. So begann auch für dieses Büro die Zeit des Bauens. Seither hat sich der formale Ausdruck der Entwürfe im Gleichschritt mit dem Zeitgeist verändert. Die meist schroffe Zackigkeit der 1980er Jahre ist einer fast schon geschmeidig und schnittig anmutenden Dynamik gewichen. Bisweilen entstehen heute tatsächlich wolkenartige Gebilde. Nur mit der Wandelbarkeit und der Leichtigkeit ist es angesichts der Trägheit der Materie nach wie vor so eine Sache.

Man mag von Coop Himmelb(l)au, von den Ideen und den Bauten des Büros halten was man will. Unbestreitbar ist – und das verdeutlicht die Ausstellung bei Aedes – dass dieses Büro die Ästhetik der Architektur in den letzten Jahrzehnten erweitert und dabei mitunter bemerkenswerte Räume geschaffen hat. Die Utopie blieb dabei, wie es sich gehört – Utopie. Wolf D. Prix ist es geglückt sie fruchtbar zu machen. Das ist großartig genug.

Coop Himmelb(l)au: 7+
Aedes am Pfefferberg, Berlin
12. Dezember 2012 bis 3. März 2013
www.aedes-arc.de
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Architektur › 2013 › Januar
Still crazy after all these years
von Mathias Remmele | 17. Januar 2013
Zum 70. Geburtstag verneigt sich das Berliner Architekturforum Aedes vor Wolf D. Prix und widmet ihm und seiner Coop Himmelb(l)au eine kleine Retrospektive.
Gebäude zu bauen, so leicht und wandelbar wie Wolken – diesem Anspruch, diesem Ideal sei die Arbeit von Coop Himmelb(l)au von Anfang an und bis heute verpflichtet. Das erklärte Wolf D. Prix, der einzig übrig gebliebene Mitgründer und heutige Prinzipal des Wiener Büros im Dezember anlässlich einer Ausstellungseröffnung im Architekturforum Aedes. Die dort präsentierte Schau mit dem etwas sperrigen Titel „Wolf D. Prix & Partner: 7 + Projects, Models, Plans, Sketches, Statements“ – explizit eine Hommage an den Altmeister zu seinem 70. Geburtstag – ist eine Art Mini-Retrospektive auf das Werk von Coop Himmelb(l)au.

Prix hat dafür aus den rund 600 Projekten (!), mit denen sich das Büro in mehr als vierzig Jahren beschäftigt hat, sieben Arbeiten ausgewählt. Solche, die ihm besonders am Herzen liegen und solche, die im Gesamtwerk eine gewichtige Rolle spielen. Es beginnt, chronologisch betrachtet, mit dem in den 1980er Jahren realisierten Dachgeschoss-Ausbau in der Wiener Falkestraße, der längst zu den Ikonen der dekonstruktivistischen Architektur gehört. Auf die ersten Großprojekte, das Ufa Kinozentrum in Dresden (1993-98) und die BMW-Welt in München (2001-07), mit denen dem Büro der Aufstieg in die internationale Liga der Stararchitekten glückte, folgen jüngst vollendete Arbeiten wie die Martin-Luther-Kirche in Hainburg an der Donau (2008-11) und das Internationale Konferenz-Zentrum im chinesischen Dalian (2008-12). Zwei im Bau befindliche Projekte komplettieren die Auswahl: Das „Musée des Confluences“ in Lyon und natürlich die Doppeltürme der Europäische Zentralbank in Frankfurt – zweifellos der bisher prominenteste Auftrag des Büros. Das Ausstellungskonzept verwässernd, zugleich aber das Bild abrundend, werden bei Aedes neben diesen sieben „Prix-Highlights“ rund ein Dutzend weitere Projekte von Coop Himmelb(l)au gezeigt. Darunter ganz frühe Arbeiten wie die „Wolke“ und die „Villa Rosa“ von 1968 sowie aktuelle Planungen, die einen Ausblick auf die Zukunft des Büros ermöglichen.

Im Gegensatz zu ihrer formalen Extravaganz wirkt die Präsentation der Projekte in der Ausstellung eher konventionell und unaufgeregt. Großformatige Fotos bzw. Renderings werden hier mit Modellen kombiniert, die allein schon durch ihre schiere Größe und ihren Detailreichtum beeindrucken. Sie sind in vielen Fällen freilich auch ein unabdingbares Hilfsmittel, um die komplexen Strukturen der Coop Himmelb(l)auschen Entwürfe einigermaßen verständlich zu machen. Mappen mit Skizzen und Konstruktionsplänen bieten vertiefende Informationen und gewähren Einblicke in die jeweilige Entwurfsgenese. Das dürfte vor allem für jenen Teil des Publikums interessant sein, der sich für die Arbeiten des Büros begeistern kann. Für die noch immer zahlreichen Skeptiker ist die Ausstellung aus einem ganz anderen Grund sehenswert. Denn beispielhaft ist hier zu besichtigen, wie sich eine radikale architektonische Utopie in gebaute Realität übersetzt und was während dieses Transformationsprozesses geschieht.

Wenn man bedenkt, wie das angefangen hat mit jenem Büro, das heute die Europäische Zentralbank baut und damit unbestreitbar im Establishment angekommen ist! Gegründet 1968, in jenem legendären Jahr der Revolte, des Aufbruchs, der florierenden Utopien ... es hört sich fast schon märchenhaft an! Coop Himmelb(l)au, das war eine junge, zornige Truppe von Architektur-Revoluzzern, die sich radikal anti-traditionell, anti-funktionalistisch und anti-kommerziell positionierte. Die Wiener machten bald von sich reden. Nicht mit Gebautem oder auch nur Baubarem, sondern mit einer wilden Rhetorik („Architektur ist nicht Anpassung“ oder „Das Ende des Raumes ist der Anfang der Architektur“ oder „Architektur muss brennen“) und mit Projekten, die mehr mit Happenings und Aktionskunst gemein hatten, als mit Architektur im landläufigen Sinn. Man mochte das für visionär, provokativ, poetisch und humorvoll halten oder einfach nur für versponnen – niemand hätte zu diesem Zeitpunkt daran geglaubt, dass diese Architektur-Anarchos je im großen Stil bauen würden.

In den 1970ern widerstand man erfolgreich den Versuchungen der Postmoderne und in den 1980ern gehörte man zu den Vorreitern des Dekonstruktivismus. Der bereits erwähnte Dachausbau in Wien bewies, dass sich das Liniengewirr und die zersplitterten Flächen, die mittlerweile zum Kennzeichen des Büros geworden waren, zumindest in kleinem Maßstab auch tatsächlich umsetzen ließen. Von dieser Zeit an kam den Wienern (ähnlich wie etwa Zaha Hadid oder Frank O. Gehry) die technische Entwicklung zu Hilfe: die Digitalisierung der Entwurfsplanung und des Bauens machte es möglich, die komplexen Architektur-Phantasien Coop Himmelb(l)auscher Ausprägung zu realisieren, mit Abstrichen natürlich und oft mit enormem materiellen Aufwand, aber immerhin. So begann auch für dieses Büro die Zeit des Bauens. Seither hat sich der formale Ausdruck der Entwürfe im Gleichschritt mit dem Zeitgeist verändert. Die meist schroffe Zackigkeit der 1980er Jahre ist einer fast schon geschmeidig und schnittig anmutenden Dynamik gewichen. Bisweilen entstehen heute tatsächlich wolkenartige Gebilde. Nur mit der Wandelbarkeit und der Leichtigkeit ist es angesichts der Trägheit der Materie nach wie vor so eine Sache.

Man mag von Coop Himmelb(l)au, von den Ideen und den Bauten des Büros halten was man will. Unbestreitbar ist – und das verdeutlicht die Ausstellung bei Aedes – dass dieses Büro die Ästhetik der Architektur in den letzten Jahrzehnten erweitert und dabei mitunter bemerkenswerte Räume geschaffen hat. Die Utopie blieb dabei, wie es sich gehört – Utopie. Wolf D. Prix ist es geglückt sie fruchtbar zu machen. Das ist großartig genug.

Coop Himmelb(l)au: 7+
Aedes am Pfefferberg, Berlin
12. Dezember 2012 bis 3. März 2013
www.aedes-arc.de