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Stock ist nicht gleich Stock
von Adelheid Komenda | 21. Mai 2011
Was haben Charlie Chaplins „Tramp“, Dagobert Duck und Markus Lüpertz gemeinsam? Richtig – einen Stock, an dem sie gehen. Dabei sei dahingestellt, warum sie dies tun; denn rein umgangssprachlich bezieht sich die Floskel „am Stock gehen“ auf die Tatsache, dass man schwach, verbraucht, abgenutzt und veraltet ist oder auch wirtschaftlich ruiniert. Lassen wir offen, auf wen was zutrifft. Generell wird der Stock mit Alter assoziiert, eine Vorstellung, die weit zurückreicht und sicher noch vor die Zeit des Ödipus datiert ist. Der Held der griechischen Mythologie löste das Rätsel der gefürchteten Sphinx und „enttarnte“ den Dreifüßler als den Menschen, der am Lebensabend, als Greis, einer Stütze bedarf und dafür den Stab als dritten Fuß zu Hilfe nimmt.

Der Stockträger der Moderne – und diese beginnt in dem Fall im 18. Jahrhundert – verwendet diesen aber auch häufig als rein modisches Accessoire. Die Vielfalt in der Auslegung und Assoziationskette sei Grund genug, den Stock mit all seinen Bestandteilen, mit Griff, Ring, Schuss und Zwinge etwas näher zu betrachten. Möchte man einen Spazierstock oder gar ein besonderes Stück erwerben, so kann man das beispielsweise im Auktionshaus Hampel in München tun. Hier werden regelmäßig hochwertige Kunstobjekte aus verschiedenen Bereichen angeboten – also auch Spazierstöcke. Ende des Jahres 2006 wurden bei Hampel zum Beispiel zwei sehr unterschiedliche Stöcke verkauft. Zum einen eine Krücke mit handgetriebenem Silbergriff in Form eines Pferdeunterschenkels, ein Stück, bei dem es sich um einen ausgefallenen, deutschen Studentenstock vom Ende des 19. Jahrhunderts handelte, der für erschwingliche 360 Euro den Besitzer wechselte. Entschieden anders verhielt sich der Preis bei einem Spazierstock, einer – wie im Katalog hervorgehoben – attraktiven, ausdrucksstarken englischen Arbeit aus dem 19. Jahrhundert. Diese Schmuckgehhilfe mit großem Elfenbeinknauf brachte es auf sage und schreibe 7.500 Euro.

Ob das letztgenannte Objekt auch tatsächlich als Spazierstock Verwendung findet oder als Sammlerobjekt einen speziellen Stockschrank, einen Stockständer, eine Vitrine oder eine Wand ziert, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber fest steht: Stock ist eben nicht gleich Stock. Es gibt verschiedene Arten von Stöcken wie den Wanderstock, bei dem im Gegensatz zum Spazierstock der Nutzwert und nicht die Optik im Vordergrund steht. Im Allgemeinen unterscheidet man drei Arten von Gehstöcken: dekorative Stöcke, Volkskunststöcke und Systemstöcke. Die dekorativen Stöcke sind in erster Linie dazu da, ihren Träger noch stärker zur Geltung zu bringen, ihn in Szene zu setzen. Ihre Funktion ist in den meisten Fällen rein ästhetisch. Die Vielzahl der Materialien und Formen dieser dekorativen Stöcke ist nur durch die Fantasie der Handwerker, die sie herstellen, begrenzt. Sehr beliebte Materialien waren und sind hier Elfenbein, Gold, Silber, Porzellan, Juwelen, Emaille und sogar Glas.

Anders verhält es sich bei den Volkskunststöcken, die die Aufmerksamkeit eher auf ihren Hersteller lenken sollen. Diese Stöcke sind weniger mit Gold und Edelsteinen geschmückt, als vielmehr mit aufwendigen Schnitzereien. Die System- oder Funktionsstöcke erfinderischer Geister sind möglicherweise die faszinierendsten und am meisten gesammelten Gehstöcke. Diese Kategorie besteht aus kuriosen Stockvarianten mit einer versteckten Funktion, etwa einer Klinge, einer Whiskyflasche samt Whiskyglas. Eine gern von Ärzten benutzte Variante enthält sogar Spritzen und Skalpelle. Aber auch Erfindungen wie der Fahrradstock, an dem eine Art ausklappbares Notfahrrad montiert war, oder bekanntere Schöpfungen wie der Stockschirm, der so genannte Stockdegen oder auch die Stockpistole waren begehrt.

Der Fantasie waren hier keine Grenzen gesetzt. So wurden allein während des 18. und 19. Jahrhunderts mehr als 1.500 Patente für Funktionsstöcke beantragt. So ist beispielsweise überliefert, dass der sächsische Premierminister Heinrich Graf von Brühl um die Mitte des 18. Jahrhunderts dreihundert Stöcke besaß, passend zu genau so vielen Anzügen und Schnupftabakdosen, die er turnusmäßig trug. Auch Friedrich II. verfügte über eine große Sammlung luxuriöser Spazierstöcke und Schnupftabakdosen. Nach dem Siebenjährigen Krieg wurde ein Stocktyp mit einem Griff, der nicht gebogen, sondern fast rechtwinklig zum Stock angebracht ist, als sein ständiger Begleiter so populär, dass er seitdem „Fritzkrücke" genannt wird. Anfang des 19. Jahrhunderts avancierte der Stock bei den Dandys, wie etwa Markus Lüpertz, zum Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Man trug sie passend zur jeweiligen Stimmung, was eine starke Auswirkung auf die Gestaltung der Griffe hatte und zu einer Blütezeit der Stockkultur führte.

Will man heutzutage einen schönen, möglichst alten Stock mit Patina erwerben, kann man das beispielsweise im Kunsthandel Basedau in Hamburg tun. Die Firma ist auf feine alte Spazierstöcke spezialisiert und repräsentiert ein Repertoire aus der Zeit von 1780 bis 1940. Hier findet sich mit Sicherheit das Richtige für jeden Geschmack, ob mit rund gebogenem Griff, mit Stahl- oder Eisenspitze, aber stets kostbar, individuell und mit großem handwerklichem Raffinement gefertigt.

Besonderes Augenmerk verdient an dieser Stelle nochmals der Spazierstock. Wenn Reisende im Mittelalter sich selten ohne Gehstock auf „Reisen“ begaben, so taten sie das nicht allein um schwieriges und bergiges Gelände zu bewältigen und Gräben zu überqueren. Der Wanderstab diente auch als Waffe zur Verteidigung gegen Wegelagerer und Hunde. Traditionelle Wanderer führen auch heute noch einen solchen, meist kunstvoll geschnitzten Knotenstock mit sich. Nach dem ersten Weltkrieg hatte es der treue Wegbegleiter allerdings nicht leicht und es kam zur Abwertung desselben. In seinen Filmen benutzte Charlie Chaplin den dünnen Spazierstock nur noch als Karikatur eines Accessoires der bürgerlichen Gesellschaft. Der Spazierstock diente meist nur noch als Spaßutensil, oft mit Fahrradklingel und Flaschenhalter ausgestattet und beispielsweise bei Vatertagsausflügen eingesetzt.

Inzwischen wird der Spazierstock hierzulande überwiegend als altmodisches Accessoire angesehen, obgleich er als Sportgerät beim Trekking oder beim beliebten Nordic Walking als technisches Hilfsmittel patinafrei wieder auftaucht. Zugleich lässt sich beobachten, dass der Gehstock nicht nur unter Sammlern begehrt ist, die von dessen Geschichte und Kunstfertigkeit fasziniert sind. Mit dem Altern der Gesellschaft kehrt plötzlich auch der gute alte Stock zurück, einfach, klar und in vielen bunten Farben gestaltet. Schon fast jugendlich wirkt die Krücke in dieser Gestalt. Apropos: Auch Dagobert Duck widerfährt dann und wann eine wundersame Verjüngung. Wer kennt nicht das Bild wie er seine Krücke in die Luft wirft, bevor er wie ein junges Reh davon springt, beflügelt von der Macht des angehäuften Geldes. Merke: Nur wer einen Stock hat, kann ihn wegwerfen.
Der Sonntagsspaziergang von Carl Spitzweg
Friedrich der Große, gezeichnet von Camphausen, Forberg
Serienfigur Dr. House mit Stock
Trinkstock, Kunsthandel Basedau in Hamburg
Trekkingstöcke von Leki
Charly Chaplin mit Schutzpolizisten, Berlin, Foto: Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive)
Charlie Chaplin mit Stock
Dagobert Duck mit Stock
Verschiedene Stöcke vom Kunsthandel Basedau in Hamburg
Stock mit Schlange vom Kunsthandel Basedau in Hamburg
Gehstock aus Carbon von Derby